Deutscher Gewerkschaftsbund

01.08.2013

Familienernährerinnen: Wenn SIE die Familie ernährt

Frau im Anzug

cydonna / photocase.com

Zuschreibungen wie Brötchenverdienerinnen, Haupteinkommensbezieherinnen oder Hauptverdienerinnen lassen erahnen worum es bei dem Phänomen „Familienernährerinnen“ geht. Lange Zeit war es die Regel, dass der Mann die finanzielle Hauptverantwortung für die Familie getragen hat. Heute gibt es aber auch immer mehr Frauen, die ihre Familie mit ihrem Einkommen ernähren.

Frauen zwischen Haupt- und Zuverdienst

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind drei Erwerbskonstellationen zu finden, in denen der Frau unterschiedliche Rollen zukommen: Die Familienernährerinnen, die Mitverdienerinnen und die Zuverdienerinnen (vgl. Grafik 1).

Tabelle

SOEP 2011

In Deutschland dominiert noch immer das klassische männliche Ernährermodell, bei dem der Verdienst der Frau mit weniger als 40 Prozent des Haushaltseinkommens lediglich einen Zuverdienst ausmacht. Dennoch handelt es sich bei den Familienernährerinnen schon längst nicht mehr um eine Minderheit: knapp 25 Prozent aller abhängig beschäftigten Frauen aus Mehrpersonenhaushalten erwirtschaften mindestens zwei Drittel des Haushaltseinkommen und übernehmen damit die finanzielle Verantwortung für sich und mindestens ein weiteres  Haushaltsmitglied  – ob alleinerziehend oder mit Partner, als Akademikerin oder auf der Grundlage einer Berufsausbildung. Ein weiteres Viertel der Frauen verfolgt ein egalitäres Modell, in dem die Frau etwa gleich viel wie ihr Partner zum Haushaltseinkommen beiträgt (40 bis 60 Prozent des Haushaltseinkommens). Damit ist festzuhalten, dass in Deutschland etwa jede zweite erwerbstätige Frau einen existenziellen Beitrag zum Haushaltseinkommen erwirtschaftet, ob als Familienernährerin oder als Mitverdienerin.

Das Phänomen der Familienernährerin spiegelt einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess der letzten Jahrzehnte wider. An Bewusstsein für die Rolle der Frau als Familienernährerin mangelt es sowohl auf dem Arbeitsmarkt, als auch in den Betrieben und im privaten Raum. Die Folge: Familienernährerinnen stehen beruflichen und privaten Herausforderungen gegenüber, die Mann so nicht kennt.  

Weshalb werden Frauen Familienernährerinnen?

Das Familienarrangement mit einer Hauptverdienerin entspringt zwei Wandlungsprozessen auf dem Arbeitsmarkt: Auf der einen Seite verzeichnen Frauen immer bessere Bildungs- und Berufsabschlüsse und beteiligen sich in Westdeutschland zunehmend und in Ostdeutschland anhaltend stark am Arbeitsmarkt. Die starke Erwerbsorientierung gepaart mit der guten Qualifizierung der Frauen zieht eine neue Unabhängigkeit nach sich und erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen im Familienzusammenhang das Haupteinkommen erwirtschaften.

Auf der anderen Seite resultiert aus dem Wandel der Erwerbsarbeit, dass Männer auf dem Arbeitsmarkt zunehmend unter Druck geraten. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Form von Leiharbeit, befristete Stellen, Niedriglöhne und ungewollte Teilzeitarbeit ziehen Arbeitslosigkeit oder ein fehlendes familienabsicherndes Erwerbseinkommen nach sich -  das Einkommen der Frau gewinnt somit an Bedeutung. Denn wo der Mann einst einen Familienlohn erwirtschaftet hat, müssen Frauen nun über kurze oder lange Phasen hinweg mit ihrem Verdienst einspringen -  häufig ungewollt und ungeplant.

Familienernährerinnen auf dem Arbeitsmarkt

Minijobs, die geringen Gehälter in frauendominierten Berufen und Branchen, die häufige und oft unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung von Frauen, ihre Unterrepräsentanz in Führungspositionen und die große Entgeltlücke gewinnen vor dem Hintergrund der Situation von Familienernährerinnen an Brisanz. Ergebnisse einer vom DGB-Projekt „Familienernährerinnen“ initiierten Branchenuntersuchung bestätigen, dass Familienernährerinnen zahlreich in frauentypischen Berufszweigen (Gesundheits-/Sozialwesen, Erziehung/Unterricht, Einzelhandel usw.) beschäftigt sind  (vgl. Grafik 2).

Tabelle 2

SOEP 2011

Dabei stehen Frauen häufig einer geringen Entlohnung und schlechten Arbeitsbedingungen gegenüber. Die missliche Lage der Hauptverdienerinnen wird besonders deutlich, betrachtet man die Ergebnisse der Branchenuntersuchung im Gastgewerbe. Jede vierte Frau im Gastgewerbe ist eine Familienernährerin - und das bei einem Brutto-Stundenlohn von nur 8,79 €, der im Vergleich zu anderen Branchen besonders gering ausfällt. Zusätzlich haben Familienernährerinnen im Gastgewerbe überdurchschnittlich häufig Kinder im Haushalt zu versorgen und gehen nur einer Teilzeitbeschäftigung nach, die die eigenständige Existenzsicherung oftmals unmöglich macht. Frauen, die mit ihrer Beschäftigung als Kellnerin oder Hotelfachangestellte den Löwenanteil des Haushaltseinkommens erwirtschaften (müssen), schaffen es deswegen nur selten einen familiengerechten Lohn zu erzielen und sind häufig finanziell schlechter gestellt, als Haushalte mit einem männlichen Ernährer. Die Ursache dafür ist, dass viele Berufe und Branchen mit einem hohen Frauenanteil für Zuverdienerinnen konzipiert wurden. Während männliche Hauptverdiener überwiegend ein monatliches Nettoeinkommen von über 1.600 Euro erwirtschaften, liegt das Einkommen weiblicher Hauptverdienerinnen deutlich darunter (vgl. Grafik 3).                                                                                                                                                                                    

Tabelle 3

SOEP 2007

Familienernährerinnen im Betrieb

Hinsichtlich der betrieblichen Arbeitsbedingungen, unter denen Frauen ihre Familie ernähren, wird schnell deutlich: auch hier kämpfen sie mit familienunfreundlichen Beschäftigungsbedingungen wie z. B. hoch flexibilisierten Arbeitszeiten und -orten. Sie müssen eine geringe Planbarkeit und einen Mangel an betrieblicher Mitbestimmung in Sachen Art, Umfang und Ausgestaltung der eigenen Erwerbstätigkeit hinnehmen. Viele Familienernährerinnen arbeiten Vollzeit. Doch die vereinbarte Stundenanzahl entspricht nur selten den tatsächlichen Arbeitszeiten, dabei stellen Überstunden für Familienernährerinnen eine besondere Herausforderung dar. Vielfach wird die Arbeit mit nach Hause genommen, wodurch die Entgrenzung von Arbeits- und Lebenszeit befördert wird. Für Familienernährerinnen und unter ihnen besonders für die Alleinerziehenden, ist die ganztägige und hochwertige Kinderbetreuung ein wichtiger Schlüssel zur Erwerbstätigkeit. Im Jahr 2011 lag der Wunsch nach Plätzen in der Kinderbetreuung für Kinder unter drei Jahren im Bundesdurchschnitt bei 39 Prozent. Jedoch nützt es Familienernährerinnen wenig, wenn die Betreuungsangebote zeitlich weniger flexibel sind als die meisten Arbeitszeiten. Hier bedarf es einer Ausweitung der Betreuungszeiten um den täglichen Balanceakt zwischen Beruf und Familie zu bewältigen.

Und zuhause? Fürsorgearbeit und Rollenstereotype

Ein naheliegender Gedanke ist, dass Frauen wegen ihrer finanziellen Hauptverantwortung in der Familie keine oder nur einen kleinen Anteil der Haus- und Fürsorgearbeit für Kinder und/oder Pflegebedürftige übernehmen. Das ist jedoch nicht der Fall. Eine Entlastung durch den Partner bei der unbezahlten Arbeit ist in der Regel sehr selten der Fall. Zwar ist der Partner einer Familienernährerin im Haushalt aktiver als in anderen Paarkonstellationen, doch bleibt eine Doppelbelastung der Frau nicht aus. Ursächlich dafür sind die veralteten Geschlechterrollenbilder sowohl bei den Partnern als auch bei den Frauen selbst. Nicht zuletzt stehen auch den Männern kaum gesellschaftlich akzeptierte Rollenbilder jenseits der Erwerbsarbeit zur Verfügung.

Was sich Familienernährerinnen wünschen

In einer projekteigenen Umfrage unter Familienernährerinnen wird abermals deutlich: es handelt sich hierbei mehrheitlich nicht um ein Wunschmodell – ganz im Gegensatz zur scheinbaren Modernität. Vor dem Hintergrund der Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Familienernährerinnen überrascht dies nicht.  Was steht also auf der Wunschliste von Familienernährerinnen? Auf betrieblicher Ebene wünschen sich Familienernährerinnen die Möglichkeit nach einem „Home Office“. Sie fordern Flexibilität, was die Arbeitszeiten aber auch die Anzahl der Arbeitsstunden in Abhängigkeit zu den einzelnen Lebensphasen betrifft sowie ein erhöhtes Angebot an Betriebskindergärten. Von der Gesellschaft und der Politik erwarten Familienernährerinnen eine größere Wertschätzung der Fürsorgeaufgaben sowie das Ansehen gegenüber den alleinerziehenden Familienernährerinnen. Auf politischer Ebene erhoffen sie sich bessere Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt durch die Abschaffung des Ehegattensplittings und die Überwindung der Entgeltungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Die vielfältigen Forderungen der Familienernährerinnen verdeutlichen einmal mehr: Familienernährerinnen stehen noch viel zu selten im Blickfeld der medialen und politischen Öffentlichkeit. Und das obwohl sie doch den Blick auf die gleichstellungspolitischen Lücke und die zukünftigen Bedarfe und Handlungsansätze lenken. Frauen brauchen in der heutigen Zeit die Möglichkeit, sich durch Erwerbsarbeit eigenständig abzusichern. Frauen  (und Männer) brauchen familiengerechte Arbeitszeiten. Was sie auch brauchen, ist die Etablierung neuer und vielfältiger Rollen für Frauen und Männer.

 

Zum Projekt:

„Familienernährerinnen“ ist ein vom DGB Bundesvorstand initiiertes und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Familie und Jugend finanziertes Projekt.

Mehr Informationen unter www.familienernaehrerin.de


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Kurzprofil

Mareike Richter
Mareike Richter, Jahrgang 1986, leitete von 2014 bis 2016 das DGB-Projekt "Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!". Zuvor war sie bereits in mehreren DGB-Projekten tätig.
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