Deutscher Gewerkschaftsbund

11.09.2013

Humanisierung der Arbeit braucht Forschung

In Zeiten, in denen "sozial ist, was Arbeit schafft", stellt sich die Frage nach  menschengerechter Arbeit nicht. Auch die modernistische Redensart von der "Teilhabe" suggeriert eher einen Selbstlauf  von Technik, Ökonomie und Arbeit, der die Menschen irgendwie "mitnehmen" muss. Dass Arbeit gestaltet werden muss, um menschlich zu sein, schien weitgehend vergessen; ebenso, dass dies kontinuierlicher Anstrengungen bedarf. Noch mehr ist offenbar in Vergessenheit geraten, dass diese Aufgabe der Forschung bedarf. Programme unter dem Leitbild „Humanisierung der Arbeit“ liefen in den 1990er Jahren unvollendet aus. Danach entstand eine riesige Lücke, die den weiteren Wandel der Arbeitswelt zwar zur vielgebrauchten Formel werden ließ, deren Gestalt jedoch im Dunklen blieb. Derzeit mangelt es also an systematischem Wissen, an Analysen und Handlungsanleitungen. Gebraucht wird also nichts Geringeres als ein neues, umfassendes, vernetztes Forschungs- und Aktionsprogramm für Humane Arbeit.

Ausgangslage: Ernüchterung und Enttäuschung

„Der Kampf für menschengerechtere Arbeitsbedingungen steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Politik“, schrieb Hans Matthöfer, einer der wichtigsten Vorkämpfer für die „Humanisierung der Arbeit“, vor 35 Jahren. Vieles, was erreicht wurde, ist bedroht oder scheint verloren. Der Anspruch der „Humanisierung der Arbeit“ trat zurück, weil Massenarbeitslosigkeit und die Verwilderung des Arbeitsmarktes  die Machtverhältnisse in den Betrieben so verschob, dass Betriebsräten und Gewerkschaften  hierfür kaum Spielraum blieb. Gleichzeitig schwang allenthalben die große Hoffnung mit, die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien würden mehr oder weniger naturgesetzlich alle Arbeitsbedingungen verbessern. Schwere körperliche Arbeit sollte entfallen oder wenigstens erleichtert werden; Produktivitätszuwächse sollten Arbeitszeiten entzerren und verkürzen; Telearbeit sollte Fahrwege sparen und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit erleichtern, dezentrale Wirtschafts- und Arbeitsmarktstrukturen sollten entstehen...kurz: Praktisch alle Probleme der Arbeitswelt einschließlich des Interessengegensatzes von Kapital und Arbeit im Selbstlauf erledigen. Wozu noch Humanisierungspolitik und Arbeitsforschung? Doch schon die neue Wissensarbeit selbst wurde immer mehr entgrenzt und taylorisiert. Gleichzeitig erwies sie sich als "stressig" und psychisch hochbelastend. Dachte man, die für die Produktion im Rahmen des Programms „Humanisierung des Arbeitslebens“ neu entwickelten Formen der Arbeit, insbesondere der Gruppenarbeit, würden die Zukunft sein, so kehrte auch hier die Taylorisierung zurück. Überraschend und erschreckend ist die Entwicklung der Personenbezogenen Dienstleistungen zur „Fliessbandarbeit“. Betreuung und Pflege wurden unter dem ökonomischen Druck „industrialisiert“ und damit für den Betreuenden und Betreuten enthumanisiert.

Ende der 1970er Jahre[1] lief im Rahmen des Programms „Humanisierung des Arbeitslebens“ das erste Projekt zur Gestaltung altersadäquater Arbeitsplätze an. Im November 1992 wurden auf der Tagung „Alter und Erwerbsarbeit der Zukunft“ die ersten Pilotlösungen vorgestellt[2]. Der inzwischen erreichte Fortschritt und insbesondere die Umsetzung in Unternehmen und Organisationen ist gegenwärtig aber nicht angemessen. Mittlerweile handelt es sich also nicht mehr "nur" um eine wachsende Schere zwischen Erfordernissen und Erkenntnis einerseits und Umsetzung andererseits, sondern auch der Stand  breit abgesicherter Erkenntnis selbst weist immer größere Lücken auf. So fehlt beispielsweise die Ausweitung der Arbeitsforschung auf den an anderer Stelle gebetsmühlenhaft beschworenen demografischen Wandel. Wir haben ja nicht nur mehr ältere, sondern auch weniger und andere jüngere Beschäftigte, wir haben zunehmende regionale Disparitäten, wir wollen höhere und angemessene Frauenerwerbstätigkeit und wir stellen erhebliche Defizite bei den Qualifikationen fest. Die Zeiten, in denen man aufgrund der Relation von Angebot und Nachfrage die Arbeitskraft auf Verschleiß fahren konnte, sind vorerst vorbei.

Das Forschungs- und Aktionsprogramm „Humanisierung des Arbeitslebens“ war ein Regierungs­programm, bei dem Forschungs- und Arbeitsministerium gemeinsam handelten. Zwar wird heute immer von übergreifenden Regierungsprogrammen geredet, aber den An­for­derungen der Arbeitswelt steht das derzeitige Regierungshandeln hilf- und planlos gegenüber. In den breit plakatierten Großprogrammen wie der „Hightech-Strategie für Deutschland“ geht die Forschungs­kom­petenz für Arbeit unter. Deutschland hat gute Unternehmen, qualifizierte Beschäftigte, aber keine auf Arbeit orientierte Forschungs- und Innovationspolitik, die das dauerhaft in der notwendigen Breite und Tiefe absichern kann.

Trends der Arbeit der Zukunft

Wir müssen erkennen, dass unser Wissen um die humane Gestaltung der Arbeit – soweit es vorhanden ist – die notwendigen Handlungsperspektiven nicht mehr aufzeigt und dass sich dieser Mangel angesichts des Wandels der Arbeitsformen und –typen weiter vergrößern wird. Verschiedene Trends sind zu erkennen. Wir können nicht davon ausgehen, dass die technologische Entwicklung automatisch zu guter Arbeit führt. Die Veränderungen müssen gestaltet werden. Auf gesellschaftlicher Ebene werden wir neue For­men des Zusammenlebens erleben, die die traditionellen Funktionen der Familie über­nehmen. Damit steht sowohl eine  Veränderung von Erwerbsarbeitszeiten, aber auch von öffentlichen, meist kommunalen Angeboten von Dienstleistung(s-Arbeit) an. Das „Netz“ wird allgegenwärtig werden und wird den Alltag einer Gesellschaft verändern. Es wird eine bislang noch nicht gekannte Erkennbarkeit der Person auf Grund der verfügbaren Informationen im Netz geben, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Ob das „Arbeits“leben im Schwarm“[3] in eine humane Arbeitswelt führen kann, oder ob die Entstrukturalisierung des Arbeitslebens und die möglicherweise weitere Ausdifferenzierung der Lebenssituationen -und entwürfe  zu noch mehr Belastung und Entsolidarisierung führen, ist mit Sicherheit auch und zuerst eine Frage der Ge­staltung der Arbeit, zu der Forschung Ergebnisse liefern muss. Doch zunächst werden sich auf der Ebene der Arbeitswelt in vielen Bereichen Cloud-Technologien und Apps durchsetzen – smarte, schlanke und räumlich wie zeitlich flexible Technologien.

„Beschleunigung“, „Verflüssigung“, „Flüchtigkeit“ sind die Metaphern, mit denen Soziologen die damit verbundenen Entwicklungen begrifflich einzufangen versuchen. Deren konkrete Folgen für die Menschen (im Arbeitsleben) sind noch nicht recht absehbar, aber die Warnhinweise mehren sich (u. a. Anstieg psychischer Erkrankungen, Burnout). Hierarchie­n verändern sich. Interne (und externalisierte) Märkte werden sich als Steuerungs­instrumente für Arbeit und Personal weiterentwickeln. Lebenslange "Work-Life-Balance" wird ein Statussymbol werden, womit schon gesagt ist, dass sie eben nicht für alle vorgesehen ist. In vielen Bereichen der Wissensökonomie und der personen­bezogenen Dienstleistungen können, gestützt auf neue IuK-Systeme, die Arbeitsorte immer variabler werden. Damit wachsen wiederum neue Anforderungen an die Mobilität der Arbeitenden und der gesellschaftlichen Mobilitätssysteme. Das klassische Normal­arbeits­verhältnis mit seiner Wochenarbeitszeit zwischen 35 und 42 Stunden und einer ca. 40jährigen Beschäftigungsdauer könnte weiter erodieren, und zwar in beide Richtungen: entgrenzte Verlängerung für die einen und weitere Aufsplitterung zu Kleinst-Jobs für die anderen. Die Europäisierung wird neue transregionale und trans­nationale Beschäftigungs-, Arbeits- und Betriebsformen schaffen.

Auch die Zukunft der Mitbestimmung benötigt Forschung

Die Beteiligung von Betroffenen ist nicht nur eine Aufgabe bei der Durchführung von Großprojekten. Mitbestimmung war und ist ein zentrales Element sozialdemokratischer Wirtschafts­politik[4]. Die Beteiligung der Beschäftigten war immer wieder ein – auch kontroverses – Thema der Forschung zur Humanisierung des Arbeitslebens. Mehr Demokratie  in Betrieben und Verwaltungen wird letztlich nur durch verbindliche gesetzliche Grund­lagen er­reicht. Diese gesetzlichen Schritte bedürfen aber wissenschaftlicher Untermauerung. For­schung muss aufzeigen, in welche Richtung sich die deutsche Unternehmens­mitbestimmung, auch hinsichtlich der Europäisierung und Globalisierung der Wertschöpfungs­systeme, entwickeln kann. Diver­gierende Positionen, europäische und internationale Heraus­forderungen dürfen nicht zum Stillstand führen, sondern belegen die Notwendigkeit, Beteili­gung und Mitbestimmung für die demokratische Gestaltung der Wirtschaft neu zu for­mulieren.

Perspektiven einer menschengerechten Gestaltung von Arbeit und Beschäftigung

Vergleichbar mit der Situation in den 1970er Jahren ist ein neues Forschungs- und Aktionsprogramm zur menschengerechten Gestaltung von Arbeit und Beschäftigung dringend notwendig. Dieses Forschungs- und Aktionsprogramm kann sich auf drei Ebenen beziehen:

  • Die Zukunft der Arbeit und Beschäftigung

  • Die Stärkung sozialer Innovationsfähigkeit auf unterschiedlichen Ebenen

  • Die Erschließung übergreifender Innovations- und Beschäftigungsfelder.

Die Forschung zur Zukunft der Arbeit steht angesichts des Wandels an vorderster Stelle. Dabei muss immer wieder berücksichtigt werden, dass es nicht allein um Produktivitätssteigerungen oder um den mit neuen Präventionsdienstleistungen verbundenen Belastungsabbau geht. Es geht besonders um eine menschengerechtere Gestaltung der Arbeit für die persönliche Entwicklung der Menschen und für ihr persönliches Umfeld. Sicherheit und Verlässlichkeit, angemessener Lohn und Anerkennung, Lern- und Persönlichkeitsentwicklung müssen wieder in den Mittelpunkt der Arbeitsgestaltung gerückt werden. Auch bedarf es neuer Modelle der lebenslangen beruflichen Kompetenz- und Qualifikationsentwicklung. Die Arbeitszeit und ihre Verteilung wird eine zentrale Rolle in Zukunft spielen, von der Kontischicht bis zur Flexiblen Arbeitszeit. Die Demografiedebatte gehört in den Zusammenhang gestellt zwischen der gesamten demografischen Entwicklung bezogen auf alle Lebensphasen und regionalen Verschiebungen einerseits und der Entwicklung der Arbeitsmärkte, der Verteilung von Arbeit, Einkommen und Beschäftigung andererseits.

Mitbestimmung und Mitgestaltung werden eine zentrale Rolle in der Forschung einnehmen müssen. Dabei geht es zum einen um die Weiterentwicklung der klassischen Mit­be­stimmung, es geht aber auch um die Entscheidungsstrukturen bei der fortschreitenden „Ver­markt­lichung“ auf betrieblicher, Unternehmens- und Konzernebene. Völlig neu in der Mitbestimmungsdebatte sind die Folgen der Konzepte der „offenen Innovation“ und der Tertiarisierung mit ihrer verstärkten Einbindung von Kunden, Patienten und Bürgern.

Wir müssen in der Forschung zu einer Betrachtung der sozialen Innovations­fähigkeit kommen. Sie ist auf die mit dem sozialen Wandel einher­gehenden Neuerungen gerichtet, die eine positive Beeinflussung der Möglichkeiten und Lebenssituationen zum Ziel haben[5]. Dabei bezieht sich der Begriff der Innovationsfähigkeit nicht nur auf Menschen oder Organisationen, sondern auch auf Regionen und Netzwerke. Er schließt bei der Betrachtung der Organisationen und Netzwerke die gesellschaftlich not­wen­digen Dienstleistungen und die Öffentlichen Dienstleistungen ein. Soziale Inno­vations­fähigkeit fügt dem technischen, dem ökonomischen, dem ökologischen Aspekt die spezielle soziale Komponente und die Ziele sozialen Fortschritts, wie Gerechtigkeit und Inte­gration hinzu.

Schon bei der Betrachtung der Innovationsfähigkeit wird deutlich, dass wir übergreifende Inno­vations- und Beschäftigungsfelder erschließen müssen. Es geht nicht mehr um Industrie oder Dienstleistungen, um Verwaltung oder Produktion, um privat oder öffentlich. Es geht um die Gestaltung humaner Arbeit in Wertschöpfungssystemen. Es geht um humane Arbeits­formen unter Berücksichtigung des sich ändernden Ver­hält­nisses von Öffentlicher Verwaltung und Privatwirtschaft sowie Öffentlicher Verwaltung und Bürger­schaft. Es geht um humane Arbeitsformen in transregional und transnational wirkenden Wert­schöpfungs­systemen. Es geht um humane Arbeit in vernetzten Dienstleistungs- und Industrieunternehmen. Und es geht um humane Arbeit für gesellschaftlich notwendige Dienst­leistungen.

Für ein so geartetes Forschungsprogramm ist eine Verknüpfung mehrerer Politikfelder notwendig. Ein Regierungsprogramm sollte von den Ressorts Forschung und Bildung, Arbeit und Soziales sowie Wirtschaft und Technologie gemeinsam getragen werden und muss mit den Ländern abgestimmt werden. Es braucht ein klares Gesamtkonzept mit klarer Federführung, Koordinierung und Kontrolle. Es ist auf eine ausreichende zeitliche Perspektive anzulegen, mit ausreichenden Haushaltsmitteln auszustatten und von einer entsprechenden Agentur, die administrative, inhaltliche und kommunikative Aufgaben übernehmen kann, zu begleiten.

Gefordert ist die Vernetzung

  • eines eigenständigen, zukunftsfähigen Arbeitsforschungsprogramms mit der Technologie-, Produktions- und Dienstleistungsforschung;

  • einer Bildungspolitik, die Qualifikations- und Kompetenzentwicklung in diese Lösungen integriert;

  • einer Arbeitspolitik, die für eine breite Umsetzung sorgt und entsprechende Rahmenbedingungen in einem modernen Arbeits- und Gesundheitsschutz inklusive der dafür erforderlichen Mitbestimmungsrechte schafft;

  • einer Wissenschaftspolitik, die universitäre und vergleichbare Kapa­zitäten bereitstellt und weiterentwickelt.

Gemessen am Aktions- und Forschungsprogramm „Humanisierung des Arbeitslebens“, aber auch an den Folgeprogrammen ist der (zuweilen kontroverse) Dialog zwischen Forschung, Unternehmen und Organisationen, Gewerkschaften und anderen heute wichtigen Partnern nicht mehr existent. Deshalb ist es notwendig, auf allen Ebenen eines Forschungs- und Aktionsprogramms die Beschäftigten und die Unternehmen, Arbeitgeberorganisationen und Gewerkschaften, aber auch wichtige andere intermediäre Organisationen zu beteiligen.

Fazit

Die Veränderungen in der Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten machen neue Anstrengungen notwendig, die mit denen vor 40 Jahren vergleichbar sind. Humane Arbeit braucht - neben einer neuen Ordnung auf dem Arbeitsmarkt - Wissenschaft und Forschung, um neue Lösungsansätze zu erarbeiten, um neues Wissen für die Arbeit der Zukunft zu schaffen. Der Weg ist schwierig, aber mit einer gemeinsamen Anstrengung sind wichtige Verbesserungen zu erreichen.



[1] 01VD166 /4, Projekt Conti: Altersadäquate Arbeitsanforderungen für Pkw- und Lkw-Reifen-Konfektionsplätze; Durchführende Stelle: Continental Aktiengesellschaft, Beginn: 01.11.1976 Ende: 30.04.1983; veröffentlicht als Bd. 80 der Schriftenreihe „Humanisierung des Arbeitslebens“: „Altersadäquate Arbeitsanforderungen“, Düsseldorf 1988.

[2] Hans-Jörg Bullinger et al. (Hrsg.): Alter und Erwerbsarbeit der Zukunft: Arbeit und Technik bei veränderten Alters- und Belegschaftsstrukturen , Berlin 1993.

[3] Markus Lause, Peter Wippermann: „Leben im Schwarm“ – Die Spielregeln der Netzwerkökonomie, Reutlingen 2012.

[4] Ralph Greifenstein: Perspektiven der Unternehmensmitbestimmung in Deutschland - Ungerechtfertigter Stillstand auf der politischen Baustelle, WISO Diskurs, Bonn 2011.


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Kurzprofil

Klaus Barthel
Geboren 1955 in München
Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) in der SPD
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