Deutscher Gewerkschaftsbund

06.12.2013

30 Jahre Historisch kritisches Wörterbuch des Marxismus

Die Krisen des Kapitalismus und die Aktualität marxistischen Denkens

Kopf von Marx

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Die Kunden der Sparkasse in Chemnitz konnten sich kürzlich über einen neuen Kopf auf ihrer Kreditkarte freuen: Karl Marx. Und die UNESCO hat den ersten Band des Kapital und das Kommunistische Manifest ins Weltdokumentenerbe aufgenommen, „weil diese weltweit einen großen Einfluss auf soziale Bewegungen hatten“. Geht es hier nur um die Ehrung eines Klassikers, der in der Wirklichkeit der heutigen Arbeitswelt so tot ist wie die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts?

Das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM), das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, belehrt uns eines Besseren. Es hält geschichtliches Wissen parat, das sich mit Karl Marx und den sich auf ihn berufenden herrschaftskritischen Bewegungen in allen Erdteilen verbindet. Und es tut dies im Kontakt mit den Problemen, die uns Heutigen auf den Nägeln brennen. So finden sich in diesem Wörterbuch überraschende Einträge wie >Hollywood<, >Jeans< oder >Independent Living<, ein Stichwort, das von der Behindertenbewegung geprägt wurde.

Keine fertige Lehre

Das Wörterbuch, dessen erster Band 1994 erschienen ist und das inzwischen einen viele Tausend Spalten langen Marsch zurückgelegt hat (der vorerst letzte Band 8/I aus dem Jahr 2012 ist bis zum Buchstaben L vorgedrungen), hat einen französischen Vorläufer. Der erste Band von dessen deutscher Übersetzung kam 1983, zu Marx’ 100. Todestag, in die Buchhandlungen. Der Titel, >Kritisches Wörterbuch des Marxismus<, zeigte an, dass es um etwas Neues geht. Der Marxismus wird hier nicht als fertige Lehre aufgefasst, die man nur noch zu lernen braucht. Er wird als ein Projekt verstanden, das nach Weiterarbeit verlangt, weil sich die Wirklichkeit weiterentwickelt.

Kritisches Verhältnis zur eigenen Geschichte

Wer mit dem Gegebenen unzufrieden ist und kein Interesse daran hat, das alles bleibt, wie es ist, braucht Begriffe, welche die Gewordenheit des Ist-Zustands erschließen. Ein historisch-kritisches Herangehen an die Bestände des Wissens wird dann grundlegend, auch gegenüber der eigenen Tradition. Man braucht ein kritisches Verhältnis zur eigenen Geschichte und ein historisches Verhältnis zu den eigenen Theorien. So hat der Marxismus bekanntlich auch seine Ketzergeschichte, die das Denken herausfordert. Georges Labica, der Herausgeber des französischen Wörterbuchs, schreibt im Vorwort, jeder Ausdruck sei wie eine >Person< zu behandeln, >die man gebeten hat, ihre Geschichte zu erzählen<. Um herauszufinden, ob aufrichtig erzählt wird, muss man eine Untersuchung durchführen. Jedes Stichwort verlangt eine solche und damit eine spezifische Forschungsleistung.

Den Epocheneinschnitt begreifen

Seit Mitte der 1980er Jahre deutete sich der Epocheneinschnitt von 1989 an. Im gleichen Jahr, als der letzte Band der deutschen Übersetzung des französischen Kritischen Wörterbuchs des Marxismus erschien, fiel in Berlin die Mauer. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der in ihrem Umfeld existierenden sozialistischen Staaten bedeutete einen Einschnitt, der dieses Wörterbuch bereits im Moment seiner Vollendung revisionsbedürftig machte. Die zunächst geplanten Ergänzungsbände erwiesen sich als nicht ausreichend. Dem Übergang zum Hightech-Kapitalismus (Haug 2003) musste Rechnung getragen werden. Die Geschlechterverhältnisse und die Ökologiefrage, die im alten Wörterbuch kaum eine Rolle spielten, sind zentral für einen aktuell-eingreifenden Marxismus, der zur Lösung der Gegenwartsprobleme beitragen will.

Eine andere Welt ist nötig

Als der erste Band des neuen, dann >Historisch-kritisch< getauften Wörterbuchs des Marxismus 1994 erschienen war, hatte Hans-Martin Lohmann in der Zeit eine Rezension geschrieben unter dem Titel: >Wieviel Marxismus braucht der Mensch?< Es gab einige Leserbriefe. In einem hieß es, der Marxismus sei eine Geschichtstheorie mit dem Anspruch, die Zukunft der Menschheit vorauszusagen. Keine seiner Voraussagen sei eingetroffen. Er sei damit widerlegt; wozu sollte der Mensch den Marxismus also noch brauchen? >Das Besserwissen, das sich nach einer Niederlage einstellt, ist nicht unbedingt besseres Wissen<, heißt es im Vorwort zum ersten Band. Das Wörterbuch wurde Mitte der 1990er Jahre noch als >Arche Noah< oder als >Flaschenpost< bezeichnet, als man das >Ende der Geschichte< verkündete und marxistisches Denken nur noch die Sache weniger Eingeweihter zu sein schien, deren Wissen für eine ungewisse Zukunft geborgen werden sollte. Die große Krise, die seit 2008 das kapitalistische Weltsystem in Atem hält, hat die Flaschenpost an Land gespült und dafür gesorgt, dass die Frage nach Alternativen wieder ernst genommen wird.

Begriffswerkzeuge für die Bildungsarbeit

Für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die sich im Alltag der Interessenvertretung nicht verzetteln darf und daher einen >historischen Atem< braucht, hält dieses Wörterbuch überraschende Entdeckungen und nützliche Werkzeuge bereit. Das zeigt sich gleich im ersten Band etwa an den mit Arbeit verbundenen Begriffen wie Arbeiterbewegung, Arbeiterklasse, Arbeiterkontrolle, Arbeiterkultur, Arbeiterkulturbewegung, Arbeiterregierung, Arbeiterselbstverwaltung, Arbeiterstaat, Arbeiterumfrage, Arbeitsbeziehungen, Arbeitserziehung, Arbeitskraft, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarkt, Arbeitsorganisation, Arbeitspolitik, Arbeitsprozess-Debatte, Arbeitsteilung, Arbeitszeit, Arbeitszeitverkürzung. Nicht zu vergessen die >Arbeit< selbst, ein Stichwort, das gegen die seit den 1980er Jahren üblich gewordenen Verabschiedungen von der >Arbeitsgesellschaft< geschrieben ist. Solche Verabschiedungen bringen die Herrschaftsförmigkeit, in der die Erzeugung des materiellen Lebens geregelt ist, zum Verschwinden und sind daher in diesem Wörterbuch Gegenstand von Kritik. Aber auch Stichwörter wie alternative Wirtschaftspolitik, Automation, aufrechter Gang, Antagonismus – und warum nicht auch Alltagsverstand – dürfte Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter besonders interessieren. Letzterer ist ein Begriff Antonio Gramscis - eines Schriftstellers, Philosophen und Politikers, Mitbegründers der Kommunistischen Partei Italiens. Der Begriff hält dazu an, die kritische Schärfung des Bewusstseins mit einer Bestandsaufnahme seiner Inhalte zu beginnen und so den Widersprüchen auf die Schliche zu kommen, in denen wir uns wie selbstverständlich bewegen. Das Bildungsprogramm, das sich mit diesem Begriff verbindet, könnte nicht zuletzt die Selbstverständlichkeiten angreifen, die uns ins Hier und Jetzt verstricken, und den Abstand schaffen, der nötig ist, um zu merken, dass etwas nicht stimmt.

Noch fehlt, dem Alphabet geschuldet, das Stichwort >Neoliberalismus<. Doch werden dessen Auswirkungen auf das Arbeitsleben, indem die einzelnen für ihre Erfolge wie für ihr Scheitern stets selbst verantwortlich gemacht werden und ein Denken in gesellschaftlichen Begriffen tabuisiert wird, in einer Vielzahl anderer Stichwörter verhandelt: Egoismus, Freihandel, Freie Produktionszonen, Flexibilisierung, hochtechnologische Produktionsweise, Ich-AG, Ironie, Job, Kapitalmobilität, Kasino-Kapitalismus, Kommodifizierung, Konsumismus. Unter >Ironie< wird der Widerspruch zwischen subjektiver Manövrierfähigkeit und der in Sachzwängen und Katastrophen ablaufenden Geschichte in den Blick genommen, unter >Job< die >Verwandlung der Lohnarbeiter klassischen Typs in eine Vielzahl prekär Beschäftigter<, unter >Kommodifizierung< wird erklärt, dass sich in diesem Neologismus das marxsche >Zur-Ware-Werden< verbirgt, das, ins Englische übersetzt (commodification), unerkannt ins Deutsche rückimportiert wurde. Seine Karriere verdankt es den neoliberalen Privatisierungsschüben.

Als kürzlich eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler/innen das Wörterbuch kennenlernen wollte, wurde aus ihrem Kreis gefragt, warum überhaupt marxistische Forschung betrieben wird, wo doch der Staat hierzulande keinen Bedarf dafür hat. Die Kritik an entfremdeten Formen des Arbeitens und Lebens, an herrschaftlichen Formen der Vergesellschaftung, an Produktionsverhältnissen, die den Reichtum nicht ohne die Armut erzeugen - diese herrschaftskritischen Aspekte waren der Gruppe aus China offenbar weniger präsent. In der Tat wird das Unternehmen nicht staatlich gefördert - was diejenigen, die es auf vielfältige Weise betreiben - als Autor/innen, Redakteur/innen, Korrektor/innen -, nicht davon abhält, ihre Arbeitskraft zu investieren.

 

Weitere Informationen finden sich unter www.hkwm.de

Für Fragen: hkwmred@zedat.fu-berlin.de

 

Literatur

Gramsci, Antonio, Gefängnishefte, 10 Bde., hgg. v. W.F.Haug, K.Bochmann u. P. Jehle, Hamburg 1991-2000

Haug, Wolfgang Fritz, High-Tech-Kapitalismus, Hamburg 2003

Ders., Hightech-Kapitalismus in der Großen Krise, Hamburg 2012

Labica, Georges (Hg.), Kritisches Wörterbuch des Marxismus, 8 Bde., Berlin-Hamburg 1983-1989


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Kurzprofil

Dr. Peter Jehle
Geboren 1954
Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam
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