Deutscher Gewerkschaftsbund

11.12.2013

Aufstieg und Auflösung der Deutschland AG (1896-2010)

Frankfurt

Yunioshi / photocase.com

Der Shareholder Value-Kapitalismus wird häufig als Ursache unrealistischer Unternehmensbewertung und somit als Wegbereiter von betrieblichen und volkswirtschaftlichen Krisen gesehen. Diese Hinwendung der großen Unternehmen zu anonymen finanzkapitalistischen Instituten hat ihre Ursachen in der Auflösung der "Deutschland AG", die als korporatistisches Netzwerk betriebliche und volkswirtschaftliche Interessen besser schützen konnte. Ob eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte diese Funktionen ersetzen kann, bleibt dahingestellt.

Carl Klönne war von 1900 bis 1914 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank. Zugleich war er in den Aufsichtsräten von Siemens, der Allianz, der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, der Rütgerswerke und anderer Unternehmen vertreten. Insgesamt hatte er 21 Aufsichtsratsmandate und gehörte damit zu den big linkers, also zu jenen Direktoren, die ein dichtes Beziehungsnetz zwischen den deutschen Großunterneh­men geschaffen haben. Abbildung 1 zeigt dieses Netz – das häufig auch als „Deutschland AG“ bezeichnet wird - für das Jahr 1914. Zwischen den 250 Großunternehmen, die dort als rote Punkte dargestellt werden, gab es insgesamt 2286 Beziehungen. Die Deutsche Bank (blau), die Allianz (gelb) und Siemens (grün) gehörten zum inneren Kreis des Netzes. Die Dichte des Netzwerks betrug 7,3% (vgl. dazu Erläuterung am Ende dieses Beitrags).

Netzwerkdiagramm

Die Deutschland AG 1914 Abbildung 1

Das Netzwerk hatte viele Funktionen: Es diente der Koordination und Kontrolle der Märkte und regulierte die Konkurrenz zwischen den Unternehmen. Die Banken hatten eine zentrale Position im Netz und waren mit fast allen Wirtschaftssektoren verbunden. Bankdirektoren saßen vor allem in den Aufsichtsräten jener Unter­nehmen, an die die Bank Kredite vergeben hatte. Die Banken haben die Unter­nehmen nicht „beherrscht“. Sie haben die Unternehmen auch nicht zur Profitmaxi­mierung angetrieben. Für sie war wichtig, dass die Rückzahlungsfähigkeit des Schuldnerunternehmens erhalten blieb. Daher haben sie Manager vor allzu riskanten Investitionen eher abgehalten als ermutigt.

Das Netzwerk als Schutzschirm und Kontrollinstrument

Das Netzwerk war ein Schutzschirm, der Spekulanten auf Distanz hielt und Manager vor feindlichen Übernahmen bewahrte. Die Manager versuchten, die befreundeten Vorstandsmitglieder anderer Unternehmen in den Aufsichtsrat wählen zu lassen. Das stärkte ihre eigene Position und sicherte sie gegen fremde Einflussnahme ab. In den USA wird das Beziehungsgeflecht zwischen den Managern der Großunternehmen daher häufig als old boys network bezeichnet.

Die multiplen Direktoren trafen sich zu den Sitzungen der Aufsichtsräte mehrmals im Jahr, und dies in jeweils wechselnden Kombinationen. Carl Klönne und Robert Müser (der zur Gründerfamilie der Harpener Bergbau AG gehörte) trafen sich 1914 z. B. in den Aufsichtsräten der Harpener Bergbau AG und der Rombacher Hütte. Sie konnten während der Sitzungen beobachten, welche Interessen die anderen Aufsichtsräte vertraten, wie sie in Krisensituationen entschieden und ob sie gegen Betrug und Korruption immun waren. Das Netzwerk war ein kollektives Kontroll­instrument, das in der Regel dafür sorgte, dass zumindest minimale Standards des ehrbaren Kaufmanns eingehalten wurden. Die Mitglieder des Netzwerks wussten, wem sie vertrauen konnten. Da die multiplen Direktoren Positionen in vielen Unternehmen hatten, konnten sie nicht nur die Belange eines Unternehmens vertreten, sondern waren gezwungen, unternehmensübergreifende Interessen zu berücksichtigen. In gewisser Weise vertraten die multiplen Direktoren das generalisierte Interesse der Großunternehmen.

Das Netzwerk und die Deutschland AG

Die Deutschland AG entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, parallel zur Entwicklung der großen Aktiengesellschaften und zum Managerkapitalismus. Abbildung 2 zeigt die Verflechtungsdichte in Prozent zwischen den jeweils 250 größten deutschen Unternehmen für die angegebenen Jahre. Die Dichte des Netzwerks war 1896 noch relativ gering (1,8%). Das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg war eine Blütezeit der deutschen Wirtschaft. Viele Unternehmen gingen an die Börse und wurden als Aktiengesellschaft neu gegründet. Die Dichte stieg bis 1914 auf 7,3% und erreichte 1928 ihr höchstes Niveau (16,2%), das danach nicht wieder erreicht wurde.

Eine Ursache für die hohe Verflechtungsdichte während der 1920er Jahre waren die politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen der Weimarer Republik. Mit Ende des Ersten Weltkriegs verloren die deutschen Unternehmen alle Zweigwerke, die sie auf dem Territorium der ehemaligen Kriegsgegner gekauft oder gegründet hatten. Es folgte eine Hyperinflation (1923) und die Besetzung des Ruhrgebiets durch die französische Armee (1923/24). Die hohe Verflechtungsdichte kann als eine Abwehr­reaktion gegen einen äußeren und einen inneren Feind interpretiert werden (Ruhrbesetzung, kommunistische Partei).

Netzwerkskala

Dichte der Unternehmensverflechtung (1896-2010) Abb. 2

Nach dem Zweiten Weltkrieg  verhängten die alliierten Besatzungsmächte ein Kartellverbot und erzwangen die Entflechtung der großen Konzerne. Die Jahrzehnte zwischen 1950 und 1970 markieren eine erste Phase der Liberalisierung der deutschen Wirtschaft und ihre Annäherung an westliche Wirtschaftsmodelle. Dies spiegelt sich in der abnehmenden Verflechtungsdichte wider, die bis 1976 auf 6,5% absinkt. Sie ist damit aber immer noch deutlich höher als in Großbritannien, den USA und in Frankreich. Die hohe Netzwerkdichte und die Verflechtung innerhalb der Konzerne (die in vielen Sektoren die Funktion der früheren Kartelle übernommen hatten) sind einige Faktoren, die erklären, warum Deutschland zu den „koordinierten Marktökonomien“ gehörte.

Das Netzwerk und die Sozialpartnerschaft

Das Netzwerk war eine wichtige Stütze des Korporatismus in Deutschland. Manager, die gegen den Einfluss der Finanzmärkte weitgehend abgeschirmt sind, können eher eine Koalition mit der Belegschaft und den Arbeitnehmervertreter/innen eingehen als Manager, die unter dem Diktat des shareholder value operieren müssen. Das Netz­werk erleichterte ein klassenübergreifendes Bündnis zwischen Kapital und Arbeit.

Die Auflösung der Deutschland AG setzt Ende der 1990er Jahre ein. Bis 2010 sinkt die Verflechtungsdichte unter das Niveau, das im Jahre 1896 erreicht wurde (1,2%). Der Auflösungsprozess lässt sich am Beispiel der Deutschen Bank illustrieren: 1993 hatten die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank zusammen noch 51 Aufsichts­rats­mandate in deutschen Großunternehmen; in 10 Unternehmen stellten sie den Aufsichtsratsvorsitzenden. 2010 haben die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank insgesamt nur noch drei Aufsichtsratsmandate in deutschen Großunternehmen; in keinem Unternehmen stellen sie den Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Die Banken haben sich aus dem Netz vollständig zurückgezogen.

Die Auflösung der Deutschland AG hat verschiedene Ursachen:

  • Seit Beginn der 1990er Jahre verändert sich die Eigentümerstruktur der deutschen Aktiengesellschaften und nähert sich dem angelsächsischen Modell an. An die Stelle der Konzernstruktur, in der Unternehmen die Eigentümer anderer Unternehmen waren, treten institutionelle Investoren, also Pensions-, Hedge- und Investment-Fonds. Die „neuen Eigentümer“ halten inzwischen die Mehrheit des Aktienkapitals an vielen Großunternehmen. Sie sind an einer maximalen Rendite ihrer Anlage interessiert, und sie verpflichten das Management auf das Prinzip des shareholder value. Aus ihrer Perspektive ist die Deutschland AG ein Netzwerk, das die Macht der Manager stärkt und gegen die Interessen der institutionellen Investoren gerichtet ist.

  • Der corporate governance codex, in dem die Prinzipien „guter Unternehmens­füh­rung“ zusammengefasst werden, fordert, dass Manager nicht mehr als drei externe Aufsichtsratsmandate wahrnehmen sollen. Die big linkers, zu denen vor dem Ersten Weltkrieg Carl Klönne gehörte und zu denen noch 1993 Wolfgang Röller (Dresdner Bank) und Edzard Reuter (Daimler) mit jeweils mehr als zehn Mandaten gehörten, gibt es nicht mehr. Diese multiplen Direktoren haben viele Unternehmen miteinander verbunden, und sie haben die Verflechtungsdichte auf einem hohen Niveau gehalten. Im Netzwerk von 2010 hat kein Manager mehr als drei externe Mandate. Die Begren­zung der Mandate ist eine der wichtigsten direkten Ursachen für die Auflösung der Deutschland AG.

  • Die Deutschland AG war ein nationales Netzwerk. Es hat die deutschen Großunter­nehmen in einer Interessengemeinschaft verbunden und gegen feindliche Übernah­men abgeschirmt. Mit der Globalisierung verschiebt sich die Interessenlage der Großunternehmen. Bei der Deutschen Bank arbeiten nur noch 47% der Belegschaft im Inland, bei Siemens sind es nur noch 31%. Unter diesen Bedingungen verliert die nationale Vernetzung der Unternehmen an Bedeutung.

  • Die Ideologie des Neoliberalismus und die Forderung nach „mehr Markt“ haben seit zwei Jahrzehnten zu einer permanenten Demontage der Institutionen des Kapita­lismus geführt. Die Schwächung der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände, der Verlust der Tarifbindung in vielen Wirtschaftssektoren und die Auflösung der Deutschland AG sind parallele Erscheinungen. Der Neoliberalismus forciert die Auflösung intermediärer Organisationen, die zur Selbstregulierung und Selbst­kontrolle fähig wären.

Die liberale Marktideologie verdeckt eine paradoxe Beziehung zwischen Markt und Regulierung. Mehr Markt bedeutet nicht weniger Regulierung, sondern im Gegenteil: mehr Regulierung. An die Stelle korporatistischer Selbstregulierung tritt jetzt die Regulierung durch den Staat. Nach dem Enron-Desaster, das die Finanzmarkt-Krise von 2001/02 auslöste, gab es einen massiven Regulierungsschub in den USA. Die Finanzmärkte wurden nach 2002 in einem Umfang reguliert wie zu keinem Zeitpunkt vorher. Das hat die Finanzmarkt-Krise von 2007/09 aber nicht verhindert. Die Antwort auf die Paradoxie ist die Forderung nach noch mehr Regulierung. Es bleibt abzuwarten, ob die Kombination von mehr Markt und gleichzeitig mehr Regulierung zukünftige Finanzmarkt-Krisen verhindern wird.

 

Anmerkungen

- Die Dichte eines Netzwerks wird definiert als das Verhältnis zwischen realisierten Verflechtungen zu allen möglichen Verflechtungen. Beispiel: Im Netzwerk der Großunternehmen von 1914 gibt es zwischen den 250 Großunternehmen insgesamt 2.286 Beziehungen. Wenn jedes Unternehmen mit jedem anderen verflochten wäre, gäbe es (250*249)/2 = 31.125 Beziehungen. Tatsächlich sind von diesen 31.125 Beziehungen aber nur 2.286 realisiert. Die Dichte beträgt also: 2286/31125=0,0734. Wenn man diese Zahl mit 100 multipliziert, erhält man die Dichte in Prozent für das Jahr 1914: 7,3%. Im Netz von 2010 gibt es nur noch 376 Beziehungen zwischen den 250 größten deutschen Unternehmen (Dichte: 1,2%).

- Quellen: Die Daten für die Verflechtung der deutschen Großunternehmen für die Jahre 1896, 1914, 1928, 1934, 1938, 1993 und 2010 stammen aus verschiedenen Projekten, die an der Universität Trier durchgeführt wurden und die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Volkswagenstiftung und der Hans-Böckler Stiftung gefördert wurden. Die Daten für 1976 stammen aus: F. Stokman und F. Wasseur: National Networks in 1976: A Structural Comparison, in: Frans Stokman et al. (Hg.), Networks of Corporate Power. Cambridge 1985: Polity Press, S. 31.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Paul Windolf
Geboren 1946 in Düsseldorf
Soziologieprofessor
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