Deutscher Gewerkschaftsbund

25.11.2013

Industrie 4.0 verändert die Arbeitswelt

Gewerkschaftliche Gestaltungsimpulse für „bessere“ Arbeit

Fabrikhalle

Maximator / photocase.com

Das Zeitalter der Industrie 4.0 bedeutet für die Arbeit erhebliche Veränderungen und spitzt alte Fragen nach der Rolle der Beschäftigten in neuer Radikalität zu. Gerade weil das Bild der Industrie 4.0 von Machine-to-Machine-Communication ausgeht, also von einer smarten Fabrik, in der alle Teile miteinander kommunizieren und sich selbständig regulieren können, stellt sich die Frage: Was bleibt da noch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu tun?

Im Blickpunkt der öffentlichen Debatte steht derzeit die Industrie 4.0, die nach Dampfmaschine (Industrie 1.0), tayloristischer Massenproduktion (Industrie 2.0) und fortschreitender Automatisierung (Industrie 3.0) eine neue Phase der Industrialisierung technischen Wissens mit außerordentlichen Potenzialen für die Generierung innovativer Produkte, Geschäftsmodelle und Prozesse ankündigt. Im Kern geht es darum, die Produktionstechnik (Maschinen, Serviceroboter, Logistik-, Lager-, Planungssysteme und Betriebsmittel) über das Internet global miteinander zu vernetzen. Medium dieser Verknüpfung sind Systeme mit eingebetteter Software (Cyber-Physical-Systems), die über Sensoren und Aktoren verfügen und Daten erfassen, auswerten und speichern können.

Industrie 4.0 stellt nicht mehr und nicht weniger als eine völlig neue Logik und Qualität der Produktion einer „Smart Factory“ in Aussicht, bei der intelligente Produkte, Maschinen und Betriebsmittel eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich gegenseitig selbständig in Echtzeit steuern können. Diese Logik und damit verbunden eine vollständige Digitalisierung der Wertschöpfungskette wird sicher nicht von heute auf morgen Realität werden. Aber Tatsache ist: Vieles ist heute bereits technologisch machbar, erste Ansätze zur Umsetzung werden derzeit von Industrieunternehmen auf den Weg gebracht, die in die Arbeitswelt eingreifen und der aktiven Begleitung und Gestaltung durch Gewerkschaften, Betriebsräte wie auch der Akteure in Politik und Wissenschaften bedürfen.  

Industrie 4.0 und die Beschäftigten

Das aufkommende Zeitalter einer Industrie 4.0 bedeutet für die Arbeit erhebliche Veränderungen und spitzt alte Fragen nach der Rolle der Beschäftigten in neuer Radikalität zu. Gerade weil das Bild der Industrie 4.0 von Machine-to-Machine-Communication ausgeht, also von einer smarten Fabrik, in der alle Teile miteinander kommunizieren und sich selbständig regulieren können, stellt sich die Frage: Was bleibt da noch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu tun? Wird der alte Traum der menschenleeren Fabrik auf Basis der neuen Techniken wahr – und damit zum Albtraum für Beschäftigte, betriebliche Interessenvertretungen und Gewerkschaften?    

Die Antwort darauf ist nicht einfach, steht in der Gefahr Entwicklungsdynamiken zu über- oder auch zu unterschätzen und muss differenziert nach Beschäftigtengruppen betrachtet werden. Im deutlichen Unterschied zu früheren Debatten um die Folgen der Automatisierung für menschliche Arbeit spricht derzeit indes wenig dafür, dass Industrie 4.0 durch menschenleere Fabriken geprägt ist, in der Computer und Internet das Kommando übernommen haben. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Smart Factory verschwinden nicht, sondern spielen eine andere Rolle, was mit unterschiedlicher Tiefe und Reichweite alle Beschäftigtengruppen von der Produktion bis in die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betrifft – und keineswegs ohne Gefahren für das Arbeitsvermögen ist: Konkret heißt das: Angelernte, Facharbeiter/innen, Ingenieure/innen, Techniker/innen und nicht zuletzt auch kaufmännische Angestellte sind mit deutlich erhöhten Komplexitäts-, Problemlösungs-, Lern- und vor allem auch Flexibilitätsanforderungen konfrontiert. Es steigt der Bedarf an Überblickswissen und Verständnis über das Zusammenspiel aller Akteure im Wertschöpfungsprozess.

Intelligente Produktion

Dabei wirken insbesondere zwei Trends als Treiber für den Wandel: Zum einen das technische Prinzip dezentraler Selbstorganisation von intelligenten Produkten und sich selbst organisierender Produktionseinheiten, zum anderen der zunehmende Einsatz intelligenter Assistenzsysteme insbesondere in den Produktionsbereichen der Smart Factory. Die Kontaktaufnahme zwischen Menschen und Maschinen wird immer enger (vom Knopfdruck zur Gesten-, Sprachen- oder sogar Atemsteuerung) und die Art der Interaktion intelligenter – bei gleichzeitig zunehmender Vernetzung von Sensoren, RFID-Funkchips, Aktuatoren und mobilen Rechnern.

Mit diesen Formen der digitalen Interaktion zwischen Mensch und Maschine steigen nicht nur die Anforderungen an fachliche Kompetenzen. Auch soziale Kompetenzen erlangen einen erhöhten Stellenwert, da mit der intensivierten Verzahnung einstmals getrennter Abteilungen und Disziplinen der Bedarf an Kommunikation zwischen Menschen – real wie computervermittelt – zunimmt. In fachlicher Hinsicht werden verstärkt interdisziplinäre Kompetenzen gefordert sein, die heute vielfach erst in Ansätzen existieren. Hinzu kommt die Fähigkeit sich zu vernetzen, selbst zu organisieren und flexibel zu steuern. Kurzum: Durch das Zusammenwachsen von Produktionstechnologie, Automatisierungstechnik und Software werden mehr Arbeitsaufgaben in einem technologisch, organisatorisch und sozial sehr breit und flexibel gefasstem Handlungsfeld zu bewältigen sein.

Qualifikationsanforderungen

Diese Feststellungen implizieren zugleich die generelle These einer Requalifizierung von Produktionsarbeit in der Industrie 4.0. Anders gesagt: Die Beschäftigten werden zunehmend als Entscheider und Problemlöser gefragt sein, um – salopp formuliert – eine vernetzte Fabrik am Laufen zu halten. In dieser Perspektive eröffnet Industrie 4.0 neue, interessante Arbeitszusammenhänge, die mit wachsender Eigenverantwortung, vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten für kreatives Arbeitshandeln und einer Steigerung der Arbeits-, Kooperations- und Beteiligungsqualität einhergehen.

In diesem Zusammenhang darf freilich nicht übersehen werden, dass die Besser-Qualifizierten in einer Vorteilsposition sind. Denn mit fortschreitender IT-Durchdringung dürfte sich der Abbau einfacher, manueller Tätigkeiten in der industriellen Fertigung fortsetzen. Ob sich dieser Abbau durch mehr Arbeitsplätze im Rahmen von Planungs- oder Servicetätigkeiten wird kompensieren lassen, lässt sich gegenwärtig nicht zuverlässig abschätzen. Es bleibt die Frage, wie es gelingen kann, allen Beschäftigten und damit auch Un- und Angelernten eine Chance auf aktive Teilhabe und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten in der Industrie 4.0 zu ermöglichen.

Obwohl nicht zuletzt die technischen Artefakte für eine Aufwertung sprechen, kann ein gänzlich anderer Entwicklungspfad von Industriearbeit nicht ausgeschlossen werden: Die Arbeit wird weiter standardisiert, digital quantifiziert, zu Parametern innerhalb von Algorithmen (um)strukturiert und am Ende zum geistlosen Niedriglohnjob. Die Beschäftigten wären nur noch vernetztes Rädchen in einer unmenschlichen Cyberfabrik, ohne nennenswerte Handlungskompetenzen, entfremdet von der eigenen Tätigkeit durch eine fortschreitende Dematerialisierung und Virtualisierung von Geschäfts- und Arbeitsvorgängen.

Letzteres wäre ein digital basierter Taylorismus 4.0, eine Neuauflage der alten Spaltung zwischen Kopf- und Handarbeit, die für die Beschäftigten nicht akzeptabel und für die erfolgreiche Realisierung einer Industrie 4.0 in hohem Maße dysfunktional ist. Denn auch in hochkomplexen, virtuellen Systemen wird es Unvollkommenheiten, Störungen und Prozessunsicherheiten geben, die menschlicher Interventionen bedürfen.

Mitgestaltung der Industrie 4.0 durch IG Metall und Betriebsräte

In der Debatte um die Erfolgsbedingungen einer Industrie 4.0 geben bislang Unternehmensvertreter, Techniker und Ingenieure den Ton an, die sich vielfach schwer mit der Einsicht tun, dass der Mensch in den Mittelpunkt einer Industrie 4.0 gehört, was –

wie gesagt – keine Frage von „Gutmenschentum“, sondern eine wichtige Voraussetzung für ihre Funktionsfähigkeit ist. Umso mehr bedarf es der Begleitung und Einmischung von IG Metall, Betriebsräten und Belegschaften. Ihr Anliegen ist es seit langem, Arbeit besser, nicht billiger zu gestalten und die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Fokus zu stellen. Die Herausforderung lautet, der Integration des Menschen in eine intelligente Fabrikumgebung konkrete Gestalt und tragfähige Perspektiven zu geben und eine Arbeitswelt zu schaffen, in der die Beschäftigten von heute für ihre Rolle von morgen qualifiziert und motiviert sind und vor allem, in denen die Menschen die Systeme steuern und nicht umgekehrt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die mit den gängigen Ansätzen der Betriebs- und Arbeitspolitik allein nicht zu meistern sein wird. Neue Problemlagen erfordern neue Lösungsansätze und Organisationsparadigmen von Arbeit, die eine Vielzahl von Regelungstatbeständen und Regulierungsebenen in Betrieb und Unternehmen berühren. Aus Sicht der IG Metall sind aktuell vor allem drei Gestaltungsfelder von zentralem Interesse, wenn es darum geht, den technologischen Wandel mit innovativen Organisations- und Personalkonzepten konform gehen zu lassen und Grundsteine für bessere Arbeit in der Industrie 4.0 legen zu können:

1. Lernförderliche Arbeitsorganisation schaffen

Industrie 4.0 erfordert neue, innovative Arbeitsorganisationskonzepte, die einerseits lernförderlich, anderseits dazu geeignet sind, das Prinzip dezentraler Selbststeuerung mit breit gefassten Aufgabeninhalten, hohen Dispositionsspielräumen sowie Kooperation, Kommunikation- und Interaktion unterstützenden Arbeitsorganisationsformen zu realisieren. Ziel ist es, intelligente, selbstorganisierte Interaktionen zwischen den Beschäftigten und/oder den technischen Operationssystemen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu ermöglichen. Dementsprechend ist zu berücksichtigen, wie kooperative Lern- und Arbeitsprozesse quer zu herkömmlichen Funktions- und Abteilungsstrukturen befördert und sichergestellt werden können. Nicht zuletzt das altbekannte Thema der Notwendigkeit zur Veränderung von betrieblichen Führungskulturen erfährt durch Industrie 4.0 eine neue Aktualität. 

2. Weiterbildung und Qualifizierungsmaßnahmen neu angehen

Mit Industrie 4.0 werden sich die Anforderungen an lebenslanges Lernen noch einmal deutlich erhöhen. Zugleich bieten sich technisch neue Formen für mobiles, interaktives und situationsadaptives Lernen, die es zu nutzen und auszubauen gilt. Erforderlich ist die Entwicklung von umfassenden und nicht zuletzt arbeitsplatznahen Qualifizierungsmaßnahmen, die an der ganzen Breite der Belegschaften ansetzen und Angelernte, Facharbeiter wie auch Ingenieure einbeziehen. Alle Beschäftigten müssen entsprechend ihrer Fähigkeiten eine Chance auf aktive Teilhabe an Weiterbildung haben. Sonst droht nicht „nur“ die soziale Deklassierung ganzer Beschäftigtengruppen, sondern wächst die Gefahr zu demotivieren und hierdurch einen wichtigen Impact für die Wettbewerbsfähigkeit zu verschenken.

3. Soziale Netzwerke und Beteiligungsprozesse stärken

Sich in die Gestaltung der Arbeit kompetent einzumischen, bedeutet auch, die aktive Beteiligung von Betriebsräten und Beschäftigten an betrieblichen Umsetzungsprojekten frühzeitig sicher zu stellen und Leitplanken zur Regulierung etwa in Form von Musterbetriebsvereinbarungen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sind Kooperationen mit der Wissenschaft zu intensivieren und kollegiale Beratungs- und Vernetzungsprozesse von Haupt- und Ehrenamtlichen zu fördern. Es gilt, mit „guten“ Referenzprojekten starke Impulse für bessere Arbeit in der Industrie 4.0 zu geben, wofür nicht zuletzt die staatliche Forschungsförderung Mittel und Wissen zur Verfügung stellen muss.    


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Kurzprofil

Dr. Constanze Kurz
Referentin im Funktionsbereich Betriebs- und Branchenpolitik beim Vorstand der IG Metall
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