Deutscher Gewerkschaftsbund

16.12.2013

Hinein in den Konsumverein!

Konsumvereinsplakat

Konsumverein

Eigentlich schreit die heutige Zeit nach einer Renaissance der Konsumvereinbewegung. Ehemals wurde sie durch Wirtschaftskonzentration und eine fehlverstandene Angebotspolitik Keynes in den siebziger Jahren, aber auch durch das staatlich regulierte Wirtschaften in der DDR, wo man zum Einkaufen in den ‑Konn'summ ging, diskreditiert. Es ist ja oft so, dass eine schlechte Erfahrung die positiven Seiten einer an sich guten Idee und erfolgreichen Struktur überdeckt.

In der großen Ausstellung des Mannheimer Technoseums „Durch die Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 bis 2013“ präsentierte der Verein Rhein-Neckar-Industriekultur eine kleine sehenswerte Ausstellung zur Entwicklung der Konsumvereine, zu der auch der thematisch erweiterte Ausstellungskatalog „Hinein in den Konsumverein!“ erschienen ist. Ausstellung und Katalog erinnern an eine mittlerweile über 200 Jahre alte Bewegung, die im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit unterging und heute im Zuge der Finanz-, Wirtschafts- und Ökologiekrise wieder ein mögliches Modell des eigenverantwortlichen Handelns wäre.

Qualität und Preisgestaltung

Die Basis des Konsumvereingedankens ist die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Nahrungsmittel bei gleichzeitig günstiger Preisgestaltung. Jahrhundertelang gab es Qualitätsmängel im Einzelhandel. Aufgrund der arbeitsteiligen Strukturen im Zuge der Industrialisierung konnte die zunehmend verarmte Bevölkerung des 18. und 19. Jahrhunderts immer seltener eigene Nahrung produzieren. Gestreckte und verunreinigte Lebensmittel führten nicht selten zu Krankheit und Tod. Das im Jahre 1887 erschienene 1000-seitige Lexikon der Verfälschungen und Verunreinigungen der Nahrungs- und Genussmittel des Chemikers Otto Dammer listet eindrucksvoll die gängigen zeitgenössischen Praktiken auf und deutet damit an, dass jede Zeit ihre kriminellen Erfindungen in der Lebensmittelindustrie zur Profitsteigerung hat (S. 21). Dieser lebensbedrohliche Missstand führte zur Gründung der ersten Konsumvereine. Das Eigenwirtschaften war die Prämisse dieser Wirtschaftsmethode. Außerdem sollte die Bargeldbewirtschaftung dem Einzelnen den richtigen Umgang mit Geld lehren helfen, war es doch zuvor Usus gewesen, den Kauf einer Ware durch einen Kredit anschreiben zu lassen.

Das erklärte Ziel der Konsumvereine wurde nun das Handeln in Selbsthilfe, durch Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – das waren im Prinzip die Grundsätze aller damaligen Genossenschaften. Veit Lennartz vom Rhein-Neckar-Industriekultur e.V. macht im Vorwort auf die Bedeutung der Regenbogenfarben aufmerksam, die sich der Internationale Genossenschaftsbund (ICA) mindestens seit 1925 im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fahnen geschrieben hatte. Die Regenbogenfarben haben eine lange sozialpolitische Tradition und symbolisieren bis heute politische Befreiungskämpfe: von den Anhängern Thomas Müntzers in den Bauernkriegen bis zur Schwulenbewegung der Gegenwart.

Die erste Gründung in Mannheim

Im Jahr 1769 hatten schon einige Weber als industrielle Pioniere im schottischen Fenwick einen Konsumverein mit eigener Mühle und Bäckerei gegründet. 1866 kam es in Mannheim zur ersten Gründung eines Konsumvereins, der aber schon neun Jahre später im Jahr 1875 wieder aufgelöst werden musste, weil der Markt fehlte. Im Jahre 1900 waren die Bedingungen günstiger und der zweite Mannheimer Konsumverein konnte seine Geschäftstätigkeit aufnehmen. Sowohl der bürgerliche Konsumverein von 1866, dem die Sozialdemokratie, aber auch die Mitbewerber misstrauisch gegenüber standen, als auch der sozialdemokratische Konsumverein von 1900 verfolgten keine politischen Ziele. Dennoch traf die Vereinsarbeit auf erheblichen wirtschaftspolitischen Widerstand.

Das mit der Industrialisierung einhergehende Aufblühen der Konsumvereinbewegung hat gerade in Mannheim tiefe Spuren hinterlassen. Der beeindruckende Bau im Mannheimer Industriehafen, der für die Großeinkaufsgesellschaft der Konsumvereine entstanden ist, wird im Buch mit anderen Entwicklungen chronologisch überschaubau eingeordnet. Die riesige für Produktionszwecke errichtete expressionistische konsumgenossenschaftliche Burg in Mannheim zeigt einprägsam die Architektur Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Der Zentralverband deutscher Konsumvereine, mit Sitz in Hamburg, förderte verstärkt den Erfahrungsaustausch seiner Mitglieder. Hierzu gehörten auch gemeinsame Reisen Mannheimer und Hamburger Genossenschaftsfunktionäre nach England.

Das Scheitern und die Aktualität

Anders als in Schweden, Österreich oder der Schweiz unterlagen die Konsumvereine in Westdeutschland in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts dem Wettbewerb mit den Lebensmitteldiscountern. Die Gründe des Scheiterns in Deutschland sind aber vielfältig: Schlechtes Management innerhalb der Konsumgenossenschaften; Unübersichtlichkeit der entstandenen Konzernstrukturen; Entwertung der ideologischen Stärke der Konsumvereinbewegung; Ersatz des Ehrenamtes; „Aldisierung“ wirtschaftlich interessanter Marktsegmente und die gesetzliche Beschränkung der Rückvergütung auf 3 Prozent.

Das gut lesbare Buch über die Konsumvereinbewegung entstand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Unter Leitung von Frau Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern haben acht Studierende in akribischer Recherchearbeit den Ursprüngen genossenschaftlicher Organisation und der Entwicklung der Konsumvereine nachgespürt. Daraus entstand ein beeindruckendes Konvolut, das Interviews mit Zeitzeugen, historische Analysen und allgemeine Deskriptionen vereint. Im Fokus steht die Mannheimer Entwicklung. Aber auch Hamburger Einflüsse und Verbindungen zeigen den reichsweiten sowie internationalen Zusammenhang der Bewegung auf, die um 1900 ihren Niederschlag in der Gründung zahlreicher eGmbH‘s (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung) fand und von der damals ca. 10 Prozent der Bevölkerung betroffen waren.

Handelt es sich bei den Konsumvereinen dennoch um ein zukunftsfähiges Modell? Die Liste heutiger Skandale in der Lebensmittelherstellung ist lang: Gentechnik; fehlende artgerechte Haltung von Tieren; Manipulation von Inhaltsstoffen bei Fertigprodukten; Gammelfleisch; fehlgeleitete Schädlingsbekämpfung durch Antibiotika und Pestizide; Unübersichtlichkeit der Lieferketten durch die Globalisierung, Grundwasserverseuchung etc. . Wer also einen Konsumverein gründen möchte, bekommt mit dem Buch einen hilfreichen Leitfaden an die Hand.

Über das Buch: Hinein in den Konsumverein! Konsum-Genossenschaft und GEG in Mannheim, Hrsg. vom Rhein-Neckar-Industriekultur e.V., Mannheim 2013, 123 Seiten, Preis 10 Euro

Zu bestellen unter: buchvertrieb@rhein-neckar-industriekultur.de

www.rhein-neckar-industriekultur.de


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Ralf Seidler
Politik- und Verwaltungswissenschaftler
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