Deutscher Gewerkschaftsbund

23.01.2014

Arbeit in der Gegenwartsliteratur

Neue Formen der Entfremdung?

Fingerzeiger

<<bananarama>> / photocase.com

„Im düstern Auge keine Thräne, Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“, so beginnt Heinrich Heines Gedicht Die armen Weber, das 1844 von Karl Marx herausgegeben wurde und vor umstürzlerischen Energien gegen die Fabrikbesitzer sprüht. Wer heute über „Arbeit“ schreibt, hat die Klage über die alte Ausbeutung zwar noch nicht verwunden, findet aber ganz andere Töne, um gegenwärtigen Formen der Entfremdung zu begegnen. Geschichten des Selbstverwirklichungskrampfs stehen Berichte eines perspektivlosen Prekariats gegenüber; dabei entwickelt sich häufig eine skurrile Tragikomik über die Absurditäten, denen man zwischen Verkaufsstrategien und Selbstoptimierungstechniken begegnet.

Mit lakonischer Ironie und Zynismus verarbeitet Michela Murgia in Camilla im Callcenterland  (Il mondo deve sapere, 2006) ihre Call-Center-Erfahrungen. Das Buch entstand aus einem Blog, den die Autorin ins Leben rief, als sie, nach dem Studium der Theologie und wegen der drohenden Arbeitslosigkeit, ihre Tätigkeit in der Telefonabteilung einer Firma beginnt, die multifunktionale Staubsauger per Anruf vertreibt und die Telefonistinnen mit einer Kamera überwacht:

„Wir werden die Stars ihrer persönlichen Reality-Show sein. George Orwell war ein Optimist. […] Wir werden nicht einmal, wie im Film, zur Ablenkung ein Foto von uns davorstellen können, das uns im Büro im Moment höchster Produktivität zeigt, denn die >Pupillo< überträgt auch Ton. […] Willkommen bei Big Brother.“1

Mit der Darstellung des Bentham’schen Panopticons weist Michel Foucault in Überwachen und Strafen auf die Entwicklung der Disziplinen als neue Herrschaftsformen und ihre Manifestation in der Architektur, nicht nur von Gefängnissen, aber auch moderner Büroanlagen hin, die eine Modifikation der geistigen Haltung begünstigt:

Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus […].“2

Murgia, zwischen Wallraff-Metaebene und Mitläuferperspektive schwankend, lässt den Leser kontinuierlich wissen, dass sie unter der hörigen Herde der Leiharbeiterinnen als einzige die disziplinarischen Methoden zu erkennen weiß, durch die sich die Telefonistinnen dem Diktat der Leistungssteigerung unterordnen. Dennoch vermag die selbststilisierte Prophetin nicht zu einem Exodus aufzurufen; in der Handlungsohnmacht bleibt der mokierende Bericht vorerst die einzige Möglichkeit zur Errettung des Selbstwertgefühls.3

Das Leben als Selbstüberholung

Thomas von Steinaecker vergönnt dies seiner Protagonistin im Roman Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen (2012) erst nach einer auch für den Leser aufzehrenden Tour de Force. Renate Meißner, Versicherungsangestellte, Anfang 40, hat eine steile Karriere in einem Münchner Versicherungskonzern vor sich. Sie braucht den Wettkampf als Motivation, erstellt sich „Performance-Eigenevaluationen“ und ermahnt sich mit groben Schimpfworten zur Leistungssteigerung. Leben bedeutet permanente Selbstüberholung und Optimierung; Körper und Geist werden als statistisch berechenbare Größen behandelt, die durch eisernen Willen zu disziplinieren sind. Frau Meißner begreift sich als eigenverantwortliches Wirtschaftssubjekt. Das „Nichtsteuerbare“, so in einer ihrer täglichen Eigenevaluationen vermerkt, das Moment des Zufälligen, d.h. Gefühle und Erinnerungen sind ihre größten Feinde, wenn es um Effizienzsteigerung und die nötige Selbstbeherrschung geht. Ein emotionales Selbstoptimierungsprogramm in Form von „Kausaldiagrammen“, „ein in dem Seminar »Lebenslogik« gelerntes, probates Instrument, um über komplexe Verläufe in der eigenen Biographie, die auf den ersten Blick wirr scheinen, Klarheit zu erlangen“4, hilft ihr Seelenleben zu durchleuchten und somit von leistungsbehindernden Störfaktoren zu befreien.

Während die Firma Kirby bei Murgia noch disziplinarischen Druck auf die Arbeiterinnen ausübt, hat Renate Meißner das Prinzip der Selbstüberwachung schon übernommen. Foucault arbeitet heraus, wie die sogenannte Biopolitik ab der Mitte des 18. Jahrhunderts die Disziplinarprozeduren modifiziert und erweitert. Durch die Produktion und Akkumulation von Wissen werden nun Subjekte konstituiert, wobei die Statistik das entscheidende Instrumentarium für die Observierung und Normalisierung ist; globale Phänomene sollen antizipierbar, demnach kalkulierbar und dadurch manipulierbar und (re)produzierbar gemacht werden. Dabei soll den natürlichen Verläufen nicht entgegengewirkt, sondern freier Lauf gelassen werden, damit sie sich von selbst regulieren. Herrschaft wirkt infolgedessen nicht mehr durch repressive und restriktive, sondern ebenso durch stimulierende und positive Techniken, wodurch sie im Zuge der Gouvernementalisierung verinnerlicht und damit auch verschleiert wird. Die disziplinarischen, paternalistischen Herrschaftstechniken wirken nun nicht nur von außen auf das Subjekt ein, sondern werden auch im Inneren des Subjekts weiter ausgeübt. Nicht umsonst verweist Freud auf das die Autoritäten verinnerlichende Über-Ich, dessen maßlose Strenge auch Renate Meißner, Unternehmerin ihres Selbst, an die psychischen Grenzen treibt.

Ganz er selbst…

Eine andere Perspektive eröffnet sich in Andrea Bajanis Roman Mit herzlichen Grüßen (Cordiali Saluti, 2005). Hier hat es der Firmenchef auf die besonders freundliche und liberale Handhabung seiner Mitarbeiter abgezielt und führt den Casual Friday ein, an dem alle ihren individuellen Kleidungsstil tragen und sich auch ungezwungen verhalten sollen.

„Das ist eine tolle Innovation, um unsere Wertschätzung für die Menschen zu zeigen, sagt er. An den anderen Tagen steht man auf, guckt, was heute ist, es ist nicht Freitag, also muss man sich einen Schlips umbinden […], das geht nach den Regeln der Professionalität, da guckt man nicht in den Spiegel und sucht sich aus, welcher Mensch man heute sein möchte.“5

Dass der Mensch sich bei seinem Arbeitsplatz „ganz er selbst“ fühlen darf, hört sich wie eine Kampfansage gegen die Entfremdung an. Bekannt ist, dass Firmen auf ihrem Gelände Kita-Tagesstätte, Grünfläche und Bereiche zur Erholung und Aktivität installieren, sodass ein „Nach-Hause-gehen“ noch nicht einmal nötig ist. Darüber hinaus lässt der Chef die Gehälter zwar erst einmal drosseln, legt jedoch einen Tennisplatz an, da er großzügige Freizeitangebote für stimulierender hält, als einen entsprechenden Lohn:

„[…] ein Gehalt stehe ja immer auch für Entfremdung, Tennis dagegen sei die wahre Metapher des Lebens.“6

Die Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello bezeichnen den Managementwandel als „neuen Geist des Kapitalismus“. Folgt man ihrer These, hat der Kapitalismus es geschafft, auf die Künstlerkritik, nämlich, dass die fordistische Arbeitsteilung Freiheit und Selbstverwirklichung beschneiden würde, zu reagieren.7 Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verwischen, das private und öffentliche Dasein verschränkt sich, spielerisch soll ein Produktionsprozess ablaufen, sodass die Gesamtpersönlichkeit vollständig vom ökonomischen Prozess vereinnahmt werden kann.

Verweigerung als subversiver Akt

Bleibt noch der passive Widerstand, dem sich schon Herman Melvilles Anwaltsgehilfe Bartleby verschreibt. In der Story of Wall Street (1853), so der Untertitel der Erzählung, wird der Satz „I would prefer not to“ zu Bartlebys Mantra; Bartleby verweigert, höflich aber bestimmt, seine Arbeit zu erledigen. Die Figur Bartleby erlebt gegenwärtig eine Renaissance: Verweigerung als subversiver Akt, ein Motiv, dem sich auch Jakob Hein in seinem Roman Herr Jensen steigt aus (2006) widmet. Dem Postboten Jensen wird gekündigt, allerdings entwickelt dieser eine optimistische Haltung zu seiner Arbeitslosigkeit:

„»Es gibt viel zu wenige Leute, die nichts machen wollen. Die meisten wollen etwas machen, und davon gibt es zu viele. Es ist eine neue Art der Arbeitsteilung, bei der manche Arbeit bekommen, meistens sogar ziemlich viel. […] Und andere bekommen weniger von der Arbeit ab. Zum Beispiel ich. Das ist praktisch meine gesellschaftliche Rolle. […] Immer weniger Leute werden immer mehr produzieren. Menschen wie ich sind der Beweis unseres Wohlstands. Wir werden gebraucht. […]«“8

Herr Jensen scheint sich wider Erwarten nicht als „überflüssiger Mensch“ zu fühlen und wirkt so, als ob er, ganz nach dem Aristotelischen Prinzip, aus den Banalitäten des Oikos zum wahren Leben und richtigen Menschsein emporgestiegen ist. Nun nicht mehr in der Tretmühle der Arbeit feststeckend, schärft er seine Wahrnehmung und erfährt eine, zwar zwiespältige, da durch starke Selbstbezogenheit zur Paranoia neigende Politisierung, der er in Protestversuchen Ausdruck verleiht. Als ihm der Job wieder angeboten wird, will Herr Jensen nicht mehr zurück. Die Freiheit aber, ruhig auf dem Sessel zu sitzen und nichts zu tun, wird ihm nicht gewährt. In der Schlussszene kommen die „Männer mit dem weißen Kittel“ und wollen den Abnormalen vor sich selbst und anderen schützen. Laut Foucault erfüllen gerade die Internierungsanstalten „in Zeiten der Arbeitslosigkeit“ die Funktion der „Resorption der Müßiggänger und Schutz der Gesellschaft gegen Agitation und Aufstände“.9 Herr Jensen, der durchgesetzt hat, in seiner Wohnung bleiben zu dürfen, schraubt als letzte Maßnahme sein Namensschild von der Tür ab. Was als hoffnungsvolle Bescheidenheit im Nichtstun begann, endet in der sozialen Exklusion.

Während das Callcenter-Prinzip und die Idee der immateriellen Arbeit das Fließbandmodell abgelöst hat, wobei auf die Psyche disziplinarischer Druck zur vollkommenen emotionalen Einfühlung ausgeübt wird, sind wir zu Unternehmern aufgestiegen und managen die ICH-AG. Dabei sind Strukturen, Arbeitsvorgänge und Tagesanforderungen derart „flüchtig“ und „liquide“, sodass wir im Geiste rennen müssen, um den eigenen Ansprüchen noch Genüge zu leisten. Die Literaturbeispiele zeigen, dass die Problematik gegenwärtiger Entfremdungserscheinungen nicht mehr nur in dem Druck äußerer Zwänge und Fremdbestimmung besteht, die einengen und das individuelle Gedeihen einschränken. Wir fühlen uns nicht mehr als Rädchen im Getriebe, sondern gelten als selbstbestimmte Individuen. Individualisierung und Flexibilisierung können als Wege zur Freiheit verstanden werden, aber die Gefahr liegt im Scheitern an Selbstverwirklichung und -disziplinierung sowie in der Bedrohung einer stabilen Ich-Identität. Wenn wir die Zügel loslassen, an die wir uns halten, wenn wir die Regeln nicht befolgen, die wir uns auferlegt haben, wenn wir unter der Selbstverantwortung zusammenbrechen, wenn wir vor dem Privileg geografisch, aber auch moralisch etc. ungebunden zu sein, einknicken, oder uns aber wie Herr Jensen gegen das „Mitspielen“ entscheiden, dann befinden wir uns unter anderen, neuen Bedingungen im Seinsmodus der Entfremdung.

 

1 Murgia, Michela (2011): Camilla im Callcenterland, S. 56

2 Foucault, Michel (1975): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S. 260

3 Die große Resonanz auf das Buch, aber auch die Empörung über den humorvollen Umgang, entfacht in der jungen Autorin ein politisches Bewusstsein. Von Publikum und Presse zum Sprachrohr einer ganzen Generation ernannt und zum ernsthaften Umgang mit der Prekarisierung verpflichtet, kandidiert Murgia zurzeit für die Regionalwahl in ihrer Heimat Sardinien.

4 Von Steinaecker, Thomas (2012): Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen, S. 80

5 Bajani, Andrea (2010): Mit herzlichen Grüßen, S. 83

6 Bajani, Andrea (2010): Mit herzlichen Grüßen, S. 46

7 Vgl. Boltanski, Luc / Chiapello, Eve (2003): Der neue Geist des Kapitalismus, S. 80f

8 Hein, Jakob (2006): Herr Jensen steigt aus, S. 93

9 Foucault, Michel (1981): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, S. 85


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Kurzprofil

Cora Rok
Geboren 1986
Doktorandin im trinationalen Graduiertenkolleg Italianistica an den Universitäten Bonn, Paris und Florenz
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