Deutscher Gewerkschaftsbund

21.01.2014

Soziale Ungleichheit: Klasse!

Proll-Buch

Verlag André Thiele

Rezension über: Owen Jones: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse, Mainz 2012, Verlag André Thiele, 19,80 Euro

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Der Daily Telegraph beschreibt den 29jährigen Owen Jones als einen der zehn einflussreichsten Linken Großbritanniens. Begründung: seine Medienpräsenz, die größer sei als die der gesamten Labour-Führung.[1] Doch woraus resultiert seine Medienpräsenz? Sicherlich hat sein Buch dazu beigetragen, das im Originaltitel Chavs. The Demonization of the Working Class lautet. Darin beschreibt der britische Historiker und Journalist den Untergang der britischen Arbeiterklasse als politisches Projekt Margaret Thatchers und der Wirtschaftseliten. Die Deindustrialisierung sei weitaus stärker politisch als wirtschaftlich motiviert gewesen. Damit sind hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gegangen, und die Macht der Gewerkschaften wurde gebrochen. Für einen Teil der einst so starken und stolzen britischen Arbeiterklasse war dies der Beginn eines enormen wirtschaftlichen Abstiegs: schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs, Arbeitslosigkeit, Ghettoisierung, Perspektivlosigkeit. Das Wort Arbeiterklasse wurde aus dem politischen Sprachschatz getilgt; es gab nur noch Mittelschichten und Prolls.

Die Übersetzung des Wortes „Chav“ ist mit Proll nur sehr ungenau, doch naheliegend. In Deutschland sind weitere Begriffe wie Prolo oder Pleb gebräuchlich. Mit Chavs werden die vermeintlichen Überreste der britischen Arbeiterklasse betitelt, gerne auch von Medienvertretern. Dabei handelt es sich um das in Deutschland verschleiernd sogenannte Prekariat. Die aufstiegsorientierte Arbeiterklasse wird jedoch von den gleichen Medienvertretern zur Mittelschicht gezählt. Erst dem wirtschaftlichen folgt der kulturelle Abstieg. Schnell wird das Prekariat, die Chavs, zum vorherrschenden Bild der Arbeiterklasse insgesamt gemacht. Der rechte Journalist Simon Heffer fasst dies so zusammen: "Was früher einmal die ehrbare Arbeiterklasse genannt wurde, ist fast ausgestorben. Was Soziologen als Arbeiterklasse zu bezeichnen pflegten, arbeitet dieser Tage normalerweise überhaupt nicht, sondern wird vom Sozialstaat unterhalten."[2] Diese vermeintlichen Überreste sind nun gefragter Gegenstand der Comedy-Industrie. Ein Beispiel ist die Comedy-Figur Vicky Pollard (das Vorbild von Cindy aus Marzahn) aus Little Britain, die im Trainingsanzug herumläuft, raucht und flucht. Eines ihrer vielen Kinder verkauft sie dann, um sich eine Westlife-CD leisten zu können.

Im Internet kursieren Listen über Chav-verseuchte Wohngegenden. Mittelschichts-Popgruppen wie die Kaiser Chiefs besingen die angeblich „würdelosen Proll-Flittchen“[3]. Die Medien, so hat Jones herausgefunden, unterstützen durch Nachmittagstalkshows, speziell geschnittene Berichte und Comedy das negative Bild von der Arbeiterklasse. Britische Politiker bedienen dieses Bild, weil sie kaum noch Kontakt zur Arbeiterklasse haben. Das gilt auch für viele Labour-Politiker, exemplarisch Tony Blair.[4]

Spätestens hier stellt sich die Frage nach den Entsprechungen in Deutschland. Natürlich wurde Deutschland nicht so deindustrialisiert wie Großbritannien, und eine derartige Deklassierung hat auch nicht stattgefunden. Doch gibt es diesseits des Kanals nicht auch eine Karikatur der Proll-Frau im Trainingsanzug aus einer wenig schicken Gegend? Finden wir in niveauvollen Tageszeitungen nicht negative Werturteile mit „prollig“ als Ausdruck? Haben auch bei uns Politiker den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren? Ist das Wort Arbeiterklasse auch in unserer Republik weitgehend verbannt?

Jones zeichnet gut belegt das Projekt der Konservativen oder Neoliberalen von der Deindustrialisierung Großbritanniens und der Deklassierung der Arbeiterklasse als politische Entmachtung nach. Seine Belege zeigen jedoch auch neue Formen der Auseinandersetzung über Medien, Kultur und Labour-Politiker auf. Dies sind für Owen Jones deutliche Zeichen des immer noch existenten Klassenkampfes – hart geführt von oben. „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen!“[5] so der Finanzspekulant Warren Buffet.



[1] vgl.  Dale, Ian:  Top 100 most influential Left-wingers: 50-1, in: The Daily Telegraph v. 24. September 2013 auf: http://www.telegraph.co.uk/news/politics/labour/10331110/Top-100-most-influential-Left-wingers-50-1.html .

[2] Jones, Owen: Die Not der Jugend. in: Bsirske, Frank (Hrsg.): ver.di PUBLIK, Nr. 8/09, Berlin 2009, S. 12f.

[3] Soweit nicht anders beschrieben, sind die Zitate den besprochenen Büchern entnommen.

[4] vgl. Hartmann, Michael: Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten? Frankfurt am Main 2013, S. 193f.

[5] vgl. Stein, Ben: In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning. in: New York Times v. 26. November 2006

Hartmann-Buch

Campus Verlag

 

Rezension über: Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten? Frankfurt am Main, 2013, Campus, 19,90 Euro

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Die Einstellungen der Eliten zur sozialen Wirklichkeit in Deutschland untersucht Michael Hartmann in seinem Buch Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten?. 958 Angehörige der Kernelite aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Justiz, Militär, Medien, Gewerkschaften, Kirchen und NGOs gaben teilweise detailliert über ihre Ansichten Auskunft. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Hier drei Beispiele zur Durchlässigkeit der Gesellschaft und dem Leistungsprinzip, zum politischen Engagement und zur Frage, woher die unterschiedlichen Haltungen stammen:

  1. Dass die Lebenschancen insbesondere durch die Herkunft bestimmt werden, denken 60 Prozent der Bevölkerung. Unterdessen glauben auch drei Viertel, individuelle Fähigkeiten und die Bildung des Einzelnen seien ausschlaggebend. Hartmann dazu: „Das ist ein eklatanter Widerspruch. Ganz offensichtlich ist sowohl der Glaube an die persönliche Leistung als entscheidender Faktor als auch das Gefühl, dass die soziale Herkunft den Lebensweg (mehr oder minder) weitgehend vorgibt und die sozialen Unterschiede dementsprechend groß ausfallen, tief verwurzelt.“ Noch deutlicher erscheint dieser Widerspruch bei den Arbeitern, die zu über zwei Dritteln das Elternhaus für ausschlaggebend halten, zugleich finden sie aber auch zu fast 75 Prozent Bildungserfolge und eigene Fähigkeiten für entscheidend. Die Eliten halten überwiegend (43 Prozent) das Elternhaus für nicht so auschlaggebend und sind weniger optimistisch als die Arbeiter, was die Fähigkeiten und Bildung betrifft. 61 Prozent sind der Auffassung, dass diese bedeutsam sind für den sozialen Status.

  2. Fast 72 Prozent der Elitenangehörigen geben an, dass Diskussionen über Politik in ihren Elternhäusern eine große oder sehr große Rolle gespielt hätten. Nur ein gutes Drittel ist jedoch in Parteien organisiert, aber 60 Prozent in Förderinstitutionen für Kultur, Schulen, Universitäten, Stiftungen, etc. . Dagegen wird in Arbeiterhaushalten nur unterdurchschnittlich über Politik diskutiert. Sie sind aber „mit einem Anteil von fast 54 Prozent weit überproportional in den Parteien vertreten, … die Großbürgerkinder dagegen mit nicht einmal 36 Prozent am seltensten“. Hartmanns Fazit lautet, dass die Großbürgerkinder gewohnt seien, politischen Einfluss auch jenseits von Parteienengagement und der damit verbundenen zeitlichen Belastung auszuüben.

  3. Überwiegend sind die Haltungen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein Produkt der sozialen Herkunft. Bei der Frage nach den wichtigsten Ursachen der Finanzmarktkrise antworten die Elitenangehörigen aus Arbeiterhaushalten zu 27, 6 Prozent mit der Deregulierung der Finanzmärkte, 17,4 Prozent begründen dies mit der Staatsverschuldung und 1,5 Prozent mit der US-Immobilienpolitik. Die Großbürgerkinder halten die Staatsverschuldung für die wichtigste Ursache (24,2 Prozent), dann mit 15,9 Prozent die Deregulierung und zu 11,3 Prozent die US-Immobilienpolitik.

Michael Hartmann knüpft an die lange Tradition der Elitenforschung in Deutschland an. Er weist seit Jahren mit seinen Forschungen nach, wie tief unsere Gesellschaft gespalten ist – auch in Bezug auf Meinungen und Engagement. Wenn er, wie eingangs, die Lebensansprüche der Elite und deren Wirklichkeitswahrnehmung anspricht, wird das Buch durchaus plakativ, aber damit auch sehr plausibel. Thomas Middelhoff beispielsweise hat sein „absolutes Existenzminimum“ so definiert, dass dazu die  Personalkosten für seine Immobilien in Bielefeld und Saint Tropez mit über 35.000 Euro monatlich zählen. Mit ähnlich griffigen Beispielen wird das Buch kein Zahlengrab für SoziologInnen, trotz des Faktenreichtums.

Der These von der Durchlässigkeit der Gesellschaft und auch dem Glauben an den Aufstieg durch Bildung widerspricht Hartmann: „Auch nach Überwindung aller Hürden im deutschen Bildungssystem haben Kinder aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten erheblich geringere Chancen auf einen Zugang zu den Spitzenpositionen der Wirtschaft als ihre fachlich gleich guten und gleich alten Kommilitonen aus Bürger- und Großbürgertum. Letztere haben einen Vorteil von bis zu 400 Prozent.“

Wehler Buch

C.H. Beck Verlag

 

Rezension über: Hans Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013, C.H. Beck, 14,95 Euro

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In der letzten Bundestagsdebatte zum 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zitierte Sigmar Gabriel den Historiker Hans-Ulrich Wehler[1]. Dieser beschreibt in Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland  die Missstände in unserer Republik. Dazu gehören insbesondere die Einkommens- und die Vermögensungleichheit.

Nach dem Hitlerfaschismus ist trotz des gestiegenen Wohlstands insgesamt das „schlechterdings Verblüffende“ die strukturelle Stabilität der Einkommensverteilung. Der Einkommensanteil der oberen zwanzig Prozent bewegt sich in Deutschland seit den 50er Jahren bei 39,8 Prozent, während der Anteil der unteren zwanzig Prozent bei 7,1 Prozent „ebenfalls stagniert“. Die Unterschiede bei den Einkommen gehören zu den wichtigsten Indizien für soziale Unterschiede. Auch die Unterschiede bei den Gehältern haben sich rasant verändert. Beispiel: Vorstandsgehälter im Vergleich zu den durchschnittlichen Löhnen ihrer ArbeitnehmerInnen. 1985 betrug das Verhältnis noch 20 zu 1, 2011 waren es 200:1. Während das Renteneintrittsalter für den normalen Arbeitnehmer auf 67 Jahre politisch heraufgesetzt wurde und damit eine faktische Rentenkürzung stattfindet, warten auf die deutschen Topmanager üppige Rentenzahlungen, zum Beispiel auf Dieter Zetsche 29,6 Millionen Euro, Martin Winterkorn 19,7 Millionen Euro und Peter Löscher 12,8 Millionen Euro.

Für Wehler bietet aber die ungleiche Vermögensverteilung wesentlich größeren Anlass zur Sorge. Die oberen zehn Prozent der Bevölkerung hätten 1970 bereits 44 Prozent des Nettogeldvermögens kontrolliert, 2010 waren es aber 66 Prozent. Wehlers Ausblick auf die nahe Zukunft: Zwischen 2000 und 2020 werden vier Billionen, also 4.000 Milliarden Euro in Privathaushalten vererbt sein. Damit befeuert er die Debatte um die Erbschaftssteuer. „Besäße die Bundesrepublik eine Erbschaftssteuer von 50 Prozent, wie sie es in anderen Ländern gibt, …“. Dem geneigten Leser fällt die Fortschreibung des Gedankens sicher nicht schwer.

Die eigentliche Stärke von Wehlers kleinem Werk liegt jedoch nicht in dem sorgsam recherchierten Zahlenmaterial. Vielmehr liegt der Gebrauchswert zum einen in den praktischen Beispielen, die politisches Handeln geradezu herausfordern. Zum zweiten liegt der Gehalt in der klaren Benennung der Sozialstruktur unserer Republik. Ausgehend von Max Webers Kategorien stellt er eine Verbindung zu Pierre Bourdieu her – und relativiert den Klassenbegriff von Karl Marx als zu einfach. Wehler charakterisiert Deutschland als existente Klassengesellschaft. „Die Klassenstruktur als Erbschaft der Vergangenheit ist keineswegs zerfallen, vielmehr außerordentlich präsent geblieben.“ Dies wurde in Deutschland lange Zeit unterschätzt. Gerne wurde hingegen die „Dominanz eines pluralistischen, individualisierten Lebensstils neuartigen Milieus behauptet.“ Mit dieser Kritik knüpft Wehler an sein epochales Werk Deutsche Gesellschaftsgeschichte an. Bereits dort hatte er festgestellt, dass die „harten Strukturen sozialer Ungleichheit ... wegdifferenziert, wegpluralisiert, wegindividualisiert, wegdynamisiert, mit dem Schleier der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse verhüllt und unkenntlich gemacht“[2] wurden.

Fazit

Der Wert dieser drei Bücher liegt in ihrer Aufklärung über politische und soziale Entwicklungen und das wahre Wesen unserer Gesellschaft, das weiterhin weitgehend von Klassenschranken bei Einkommen, Vermögen sowie Kultur und Haltungen zu Gegenwartsfragen geprägt ist. Der Klassenbegriff muss ebenso wie Armut und Reichtum in Deutschland enttabuisiert werden. Erst wenn Politik sich nicht mehr scheut, die Realität unverschleiert zu benennen, sind Verbesserung für die soziale Lage bzw. die Klassenlage – insbesondere der abhängig Beschäftigten und ihrer Angehörigen - in unserer Republik nachhaltig möglich.



[1] Rede des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zum 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Deutschen Bundestag am 21. Februar 2013

[2] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Fünfter Band: Bundesrepublik und DDR 1949 – 1990, Frankfurt am Main/Zürich/Wien 2008, S. 113.


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Kurzprofil

Knut Lambertin
Geboren 1970 in Köln.
Gewerkschaftssekretär beim DGB-Bundesvorstand, Abteilung Sozialpolitik in Berlin
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