Deutscher Gewerkschaftsbund

11.02.2014

Arbeitsplätze, die neueste Literatur betreffend

Von den (Stahl-)Hütten in die (Glas-)Paläste

Wir schlafen nicht hat die österreichische Autorin Kathrin Röggla ihr Update der Protokollliteratur betitelt, in dem sie die Akteure der New Economy zu Wort kommen lässt. Ihre Collage dokumentiert die Deformationen der postfordistischen Arbeitswelt aus Sicht ihrer sogenannten Leistungsträger. Spätestens mit Rögglas Text, der an die engagierten Vorbilder der 1960er und -70er Jahre anknüpft, kann eine Rückkehr der Arbeit in die Gegenwartsliteratur konstatiert werden, deren Formel grob formuliert lautet: Von den (Stahl-)Hütten in die (Glas-)Paläste der Global Player. Arbeit, besonders in ihrer Abwesenheit, hat seit den 1990er Jahren eine literarische, zumeist theatrale Renaissance erlebt. Aber es hat, mit Ausnahme von Urs Widmers Stück Top Dogs (1996), bis zum Platzen der Dotcom-Blase gedauert, bis sich die psychopathischen Yuppies aus Bret Easton Ellisʼ American Psycho (1991) oder Frederic Beigbeders 99 Francs (2000) zu leidenden Helden gewandelt haben. Weil ihre in Permanenz gesetzte kreative Flexibilität mittlerweile fast jedes Arbeitsverhältnis determiniert, werden sie zur Identifikationsfolie für eine immer größer werdende, prekärer beschäftigte Schicht. Die Leistungsträger werden zu Leidtragenden der Arbeitsgesellschaft umdefiniert.

In diesem Milieu sind etliche der gegenwärtigen Romane zum Themenkomplex Arbeit angesiedelt. Gemein ist ihnen, dass Arbeit zum Oberflächenphänomen wird, das sich in den Benutzeroberflächen der digitalen Bohème ebenso spiegelt wie in der Selbstoptimierung. In Sascha Rehs Gibraltar etwa, der fragmentierten Rekonstruktion einer Bankenpleite, wird die selbstvermarktende Oberflächenkultur eines Investmentbankers aus der Froschperspektive seiner Stieftochter, der arbeitslosen Künstlerassistentin Valerie, decodiert: „Sie hat schon früher nicht verstanden, wozu er eigentlich diese Angeberoberarme braucht, wo er doch, was den Krafteinsatz angeht, ungefähr den leichtesten Job der Welt hat, nämlich immer nur schön mit dem Zeigefinger auf seine Maus tippen und mit seinem Wichtigtuer-Headset nicht einmal den Telefonhörer abnehmen muss. Alles Fassade“. (Reh 2013, 160)

Sense and Selfies

Insofern die internalisierte Selbstoptimierung die Selbstsorge verdrängt hat, wird die Haut hemmungslos zu Markte getragen. Diesem Warenfetisch des eigenen Körpers hat schon John von Düffel in seinem Bodybuilder-Roman Ego (2001) nachgespürt, dessen Protagonist die karrierefördernde Äußerlichkeit, die den Kurzschluss aus Körper-, Selbst- und Berufsbeherrschung visualisiert. Thomas von Steinaecker treibt den Oberflächenkult im Wortsinn auf die Spitze, wenn er die Protagonistin seines Romans Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen, die Versicherungsagentin Renate Meißner, autostabilisierend repetieren lässt: „The higher the heel, the better I feel.“ (Steinaecker 2012, 10) So wird evident, wie sehr die creative immer auch self creative industries sind.

Weil auf dem Weg von den Hütten in die Paläste die sinnstiftende Funktion des Arbeitsprodukts weggebrochen ist, arbeitet eine Sinnstiftungsmaschine daran, die Arbeit an sich zum gesellschaftlichen Wert schlechthin zu machen, wie Carl Cederström und Peter Fleming im Duktus ironischer Empörung konstatieren: „In der guten alten Zeit des Fordismus wusste wenigsten jeder – Manager und Eigentümer eingeschlossen –, dass die Arbeit Scheiße war und jeder vernünftige Mensch davor fliehen sollte. Niemand hätte die Unverfrorenheit besessen, andere davon zu überzeugen, man müsse Arbeit mögen oder sich gar ‚eins‘ damit fühlen.“ (Cederström/Fleming 2013, 76)

In den meisten literarischen Texten geht es um diese Besetzung des Geistes durch sich ausweitende entgrenzte Arbeits- und Prekaritätserfahrungen. Flexibilität und Unsicherheit des Arbeitskraftunternehmers werden zum maßgeblichen Narrativ der jüngeren Autoren. Die aus der Entgrenzung resultierende mediale Dauerpräsenz von Arbeit, sei es im Büro, im Café oder beim Sport, also eben das Phänomen des Wir schlafen nicht, könnte deshalb so attraktiv für Schriftsteller sein, weil künstlerische Kreativarbeit das strukturelle Vorbild für diese Arbeitsformen darstellt. Der Drang zur permanenten Innovation bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Unsichtbarkeit der geleisteten Arbeit und die relative Unbegrenztheit des künstlerischen Schaffens, gepaart mit ökonomischer Prekarität, all diese Eigenschaften entgrenzter, kreativer, künstlerischer Arbeit finden sich als Leitmotive im Management- und Angestellten-Profil wieder. Deshalb spricht der Soziologe Andreas Reckwitz von der Errichtung eines breitenwirksamen Kreativitätsdispositives, mit dem das Ökonomische ästhetisch aufgeladen wird. (vgl. Reckwitz 2012, 48)

Freischwebende Intelligenz, freigesetzte Arbeitskraft

Die im Kreativitätsdiskurs latente Frage, ob und wie geistige Arbeit gesellschaftlich Wert geschätzt und materiell entlohnt wird, ist 2011 in Christoph Heins Universitätsroman Weiskerns Nachlass gestellt worden. Heins Text zur akademischen Unterschicht handelt von den Nöten des auf einer halben Stelle vakant gehaltenen Philologen Rüdiger Stolzenburg, dessen Forschung als randständig und unprofitabel gilt, weil sie keine Möglichkeit zur Publikation und keine Chance auf einen erfolgreichen Drittmittelantrag eröffnet, insofern dafür gesellschaftliche Relevanz auszuweisen wäre. Das Resultat aus fehlenden finanziellen Ressourcen und fehlendem Interesse für Geldgeschäfte ist ein Kontostand von weniger als 500 Euro und eine Nachforderung vom Finanzamt in Höhe von 11.444 Euro. Dazu merkt sein Steuerberater irritiert an, dieses Desinteresse für Steuergeschäfte könne sich nicht einmal ein Millionär leisten: „[W]enn das, was Sie hier dem Finanzamt als Einnahmen angeben, alles ist, was Sie verdienen, ist mir unerklärlich, wovon Sie leben. Sie haben studiert, sind […] so etwas wie ein Professor, und Sie haben ein Gehalt, das kein Automechaniker akzeptieren würde.“ (Hein 2011, 93)

Die von Andreas Reckwitz diagnostizierte Affizierung des Ökonomischen mit dem Ästhetischen bedeutet folglich keineswegs, dass kreative Arbeit per se gesellschaftlich honoriert wird. Sie muss sich zu allererst verkaufen lassen. Gilt für die Führungsetagen internationaler Konzerne eine Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit als Qualitätssiegel der eigenen Einsatzbereitschaft, hat diese Durchdringung des Lebens mit Arbeit im akademischen Milieu Tradition. Allerdings sind, so der österreichische Autor Robert Menasse, „die vielen Stunden, die ich nun gearbeitet habe, ohne dass sie gesellschaftlich notwendig waren, keine Arbeit“. (Menasse 2009, 12) Für die in Weiskerns Nachlass porträtierten Geisteswissenschaften führt die Erkenntnis der fehlenden gesellschaftlichen, respektive wirtschaftlichen Relevanz der eigenen Arbeit indes nicht zu einer Rebellion gegen die privatwirtschaftliche Umstrukturierung der Universitäten, sondern zur selbstgenügsamen Bejahung der eigenen Prekarität. So konstatiert Stolzenburg: „Wir betreiben eben unser Leben als Hobby, nicht um Geld zu verdienen.“ (Hein 2011, 94)

Überwachen und Strafen

Die Freiheit, die sich Heins Protagonist nur mit äußerster Bescheidung seines Lebensstils leisten kann, trägt, wie Robert Menasse konstatiert, bereits einen Keim der Unfreiheit in sich: Arbeit in ihrem gegenwärtigen Status, macht nicht frei, sondern vernichtet Freiheit, „weil Arbeit die Menschen zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt macht, in einer Weise, dass sie zu immer größerer Willfährigkeit, Unterwürfigkeit und Bescheidenheit, zur Preisgabe ihrer Freiheit und ihrer sozialen Gefühle im Kampf um ihren Arbeitsplatz bereit sind. Sie geben für die Arbeit ihre Freiheit auf, weil ihnen Freiheit als Folge der Arbeit versprochen wird.“ (Menasse 2009, 21)

Eine solche Preisgabe muss dabei nicht nur auf direkten Konkurrenzdruck oder durch einen überwachenden und strafenden Arbeitgeber erfolgen, sondern ist, wie der Soziologe Ulrich Bröckling feststellt, als „Grammatik des Regierens und Sich-selbst-Regierens“ (Bröckling 2007, 10) längst internalisiert. Was Bröckling mit dem „unternehmerischen Selbst“ als hegemoniale Subjektivierungsfigur der Gegenwart bezeichnet, ist eine Mischung aus inkorporierten Managementdiskursen der flexibilisierten neuen Arbeitswelt und unreflektierter Selbstregulierung.

Der von Foucault beschriebene Panoptismus, der als Topos und Metapher einer ganzen Reihe von gegenwärtigen Arbeitsnarrationen fungiert (vgl. Matthies/Preisinger 2013), markiert in Annette Pehnts Roman Mobbing (2007) eine Volte der Handlung, die zwar eine erfolgreiche Rückeroberung des eigenen Arbeitsplatzes darstellt, dieses ‚Recht auf Arbeit‘ dennoch im Desaster enden lässt: Joachim Rühler, genannt Jo, ist ein mittlerer Angestellter in der Verwaltung einer mittelgroßen deutschen Stadt, mit mittlerem Einkommen, mittelgroßem Einfamilienhaus, Frau und zwei Kindern. Er betreut Städtepartnerschaften, bis er von der neuen Abteilungsleiterin geschasst wird. Nachdem sämtliche kollegialen Kontakte erodiert sind und die von Jo entwickelten Projekte anderen Mitarbeiten übertragen wurden, wird dieser aufgrund einer vorgeblichen Veruntreuung fristlos entlassen. Jo klagt und wird wieder eingestellt, sein Büro jedoch wird in einen im Hof des Rathauses geparkten, mit ausrangierten Büromöbeln vollgestellten Container verlagert. Jo verrichtet in dieser Isolation völlig wert- und sinnlose Arbeit. Damit wird seine Wiedereinstellung zur doppelten Bestrafung: Die verrichtete Tätigkeit kann erstens die sinnstiftende Qualität der Beziehung zum Arbeitsprodukt nicht mehr erfüllen, und die durch Arbeit garantierten sozialen Beziehungen werden zweitens unterbunden.

Wenn das Aktions-Kollektiv Die Glücklichen Arbeitslosen feststellt, der Arbeitslose sei nur deshalb unglücklich, weil Arbeit der einzige gesellschaftliche Wert sei, den er kenne (vgl. Die Glücklichen Arbeitslosen 2002, 37), dann offenbart sich Joachim Rühlers Unglück darin, dass plötzlich seine Arbeit selbst entwertet ist. In einer geradezu satirischen Volte dekonstruiert Pehnt mit diesem Container-Bild die psychische Degeneriertheit in panoptistischen Arbeitsverhältnissen, indem sie nicht das Überwachen, sondern die Missachtung zur größten emotionalen Bestrafung verdichtet. Die Verurteilung zur Unproduktivität – das ist Arbeits- nicht Beschäftigungslosigkeit – ist zugleich eine ironische Visualisierung dessen, was Jan Kruse in Anschluss an Foucaults Technologien des Selbst und Baudrillards Simulationstheorem als „Strategie der disziplinierenden Simulation“ (Kruse 2011, 1) fasst. Ausgehend von der Beobachtung, dass „[d]ie (Erwerbs-)Arbeit im neuen Gewande trotz ihrer ökonomischen Relativierung die gesamte semantische Struktur der Gesellschaft“ determiniert, stellt der Soziologe fest, die Stabilität der Sinnressource Arbeit könne nur über deren Simulation garantiert werden: „Der Clou der modernen Disziplinarmacht ist […], dass das Prinzip Arbeit als totalisierte Fiktion in die Subjekte eingepflanzt und das Mittel der Selbstdisziplinierung geworden ist. Das identitäre Ziel dieser disziplinierenden Simulation ist offensichtlich: Nämlich ein Subjekt, das den Anforderungen neoliberal-globalisierter kapitalistischer Gesellschaften gewachsen ist, und das sich vor allem um sich selbst sorgt, damit nicht für ihn gesorgt werden muss“. (Kruse 2011, 27) Insofern stellt Pehnts Roman ein Hybrid dieser Diagnose dar. Zwar wird Arbeit im Container sinnfällig simuliert, die Selbstsorge ersetzt indes nicht die Fürsorge. Jos Arbeit entspricht als Arbeitsbeschaffungs-, richtiger: Arbeitssimulationsmaßnahme nicht dem postmodernen Geist der Selbstsorge, sondern der vormodernen Ideologie der strafenden, wenngleich nicht mehr überwachenden Instanz.

Texte gegen die Sinnstiftungsmaschine

Aus dieser Zwangslage des unternehmerischen Selbst in der Arbeitssimulation bliebe der Ausweg des Protests, der Rebellion oder der Subversion, die etwa darin bestehen könnte, die Rede von der simulierten Arbeit wörtlich zu nehmen, wie dies die Glücklichen Arbeitslosen vorgeschlagen haben: „Ihr tut, als ob ihr Arbeitsplätze schafft, wir, als ob wir arbeiten“ (Die Glücklichen Arbeitslosen 2002, 29)

Die Gegenwartsliteratur zum Thema Arbeit arbeitet sich indes an der Zurichtung von Arbeitnehmern und Arbeitslosen ab, sie analysiert die psychischen Auswirkungen einer Ausrichtung des Lebens auf eine Erwerbsbiographie im Zeichen der Prekarität, aber sie bietet nur selten Alternativkonstruktionen an.

Nach den sozialrevolutionären Träumen der 1960er und -70er Jahre, in denen sich auch literarisch der Arbeitskampf als ein marxistisch geschulter Aufbruch in neue, nicht-entfremdete, kollektive Lebens- und Arbeitsformen verwandelt hat, denen der anarchistische Schriftsteller Peter-Paul-Zahl mit der einbrecherischen Familienbande im Roman Die Glücklichen (1979) ein literarisches Denkmal gesetzt hat, sind keine arbeitsverweigernden Utopien auszumachen. Stattdessen wiederholt die Literatur beständig das Mantra der Alternativlosigkeit des kapitalistischen Systems. Und das nicht zufällig. Ulrich Bröckling hat dargelegt, dass eine Subversion der Denkfigur des unternehmerischen Selbst deshalb aporetisch bleibt, weil das unternehmerische Selbst selbst schon eine Negationseinübung darstellt, die paradoxal „die Abweichung von der Norm zur Norm erhebt“ (Bröckling 2010, 281). Eine Subversion dieser „Tyrannei der Alterität“ (Bröckling 2010, 283) kann für Bröckling nicht in einer erneuten Negation bestehen, die mit Simmel lediglich eine „Nachahmung mit umgekehrten Vorzeichen“ darstellen würde. Kurz: Weil das Anderssein zum zentralen Dreh- und Angelpunkt im Profil des unternehmerischen Selbst geworden ist, würde das ‚Anders anders sein‘ das Alteritätsdiktum nur perpetuieren. Eine binäre Opposition der Arbeitsverweigerung oder der Anti-Arbeit scheint vor diesem Hintergrund nicht mehr argumentierbar – zumindest nicht mit Bezug auf die von Bröckling beschriebene Sozialfigur. So erscheint auch die Strategie der arbeitslosen Valerie aus Sascha Rehs Gibraltar als negativ-dialektische Bejahung der Oberflächenkultur des unternehmerischen Selbst. Weil ihr wöchentlich nur 20 Euro für Lebensmittel und Pflegeprodukte verbleiben, ist sie aus der schönen neuen Arbeitswelt der mobilen Arbeitskraftunternehmer, die – Sinnbild der eigenen flexibilisierten Leistungsschau – ständig arbeiten und selbst ihren Kaffee nur ‚to go‘ konsumieren, ausgeschlossen. Um diesen Ausschluss vordergründig zu subvertieren, beschließt sie, lediglich in einen Pappbecher zu investieren, ihren Kaffee aber selbst zu kochen, womit sie jedoch eher eine Strategie der Anpassung als des Dissenz betreibt. Selbst ihr vagabundierendes Umherschweifen in der Großstadt erscheint mit den Maximen gegenwärtiger Arbeitskultur kompatibel, die längst auch Formen der Nicht-Arbeit absorbiert, wie Cederström und Fleming pointieren: „Wenn es darum geht, Leben in die arbeitenden Toten zu spritzen, wird nicht nur Nicht-Arbeit nutzbar gemacht, sondern auch immer häufiger Anti-Arbeit. Es scheint so, dass Subversion – in einer entschärften, harmlosen Form – ein echter Verkaufsschlager ist.“ (Cederström/Fleming, 46)

Wo Subversion nicht ohne Mimesis an ihren Gegenstand vorstellbar ist, bleibt als Ausweg nur das Aufkündigen der Partizipation an der leistungsoptimierenden Arbeitsgesellschaft. Diesen Weg geht die Protagonistin aus Sibylle Bergs Roman Der Mann schläft (2009): Eine Frau, von der nur zu erfahren ist, dass sie nicht mehr ganz jung ist, verliebt sich in einen konsequent nur „der Mann“ bleibenden Mann. Sie ziehen zusammen, verreisen, der Mann verschwindet und wird gesucht. So weit so banal. Aber der Subtext des Romans ist eine einzige Suada über die Zurichtungen des Menschen durch Arbeit: „Meine Berufsausübung fand in so angenehm reduziertem Umfang statt, dass mich immer wieder das Gefühl der Dankbarkeit überwältigte. Ich wusste nicht, wie man sein Leben in beruflicher Abhängigkeit ertragen konnte, doch vermutlich gewöhnt man sich daran, wie an einen Tumor […]. Manchmal wurde ich daran erinnert, dass die meisten Lebensläufe weitaus unerfreulicher verliefen als der meine, und mit dieser Erkenntnis würde es mir auch gelingen, den Tag zu überstehen.“ (Berg, S. 47)

Bergs Protagonistin fertigt Gebrauchsanweisungen, die mutmaßlich niemand liest. Während Pehnts Protagonist daran leidet, dass die Übersetzungen, die er auf Weisung seiner unsichtbaren Chefin verfasst, niemals rezipiert werden, freut sich Bergs Erzählerin hämisch über die Nutzlosigkeit einer immerhin körperlich nicht belastenden Arbeit, die ihr Auskommen sichert. Anders als Jo ist es der misanthropischen Protagonistin Bergs auch nicht erstrebenswert, im Büro zu arbeiten: „Ich saß in einem derart gelben Büro, dass ich, aus Sorge, mich zu kontaminieren, versuchte, nichts zu berühren. Warum taten sich Menschen so etwas an? Diese tiefgehängten Plastikdecken, das Neonlicht […], bei dieser ganzen Manifestation von Lieblosigkeit sah ich mich sofort unter den Tisch mit Kunstholzbeschichtung fallen.“ (Berg, S. 47)

Resopal-Tisch und Plastikdecke – beides sind Zeichen einer Künstlichkeit und letztlich Metaphern der Entfremdung. Die entspannte Widerständigkeit von Bergs Protagonistin denkt Marxʼ Entfremdungstheorem subversiv zu Ende. Wo die Identifikation des Arbeiters mit seiner Arbeit aus Unternehmerperspektive nur noch der Gewinnmaximierung dient, macht die Nichtidentifikation resistent. Die Frau distanziert sich zu ihrer verrichteten Tätigkeit, wenn möglich räumlich, immer aber psychisch, und wird damit zum Schreckgespenst jedes Arbeitgebers: „In einer neuen Kultur der Arbeit, die verlangt, dass jede Faser deines Organismus stets ‚eingeschaltet‘ ist, ist der Feind der Produktion das, was Personalleiter gerne Präsentismus nennen. Der Arbeitende ist nur körperlich anwesend.“ (Cederström/Fleming 2013, 18)

Mag sein, dass die Arbeitsnarrationen der neuesten Literatur utopistische Alternativkonstruktionen verweigern, den Kommentar zur Sinnkrise der Arbeit immerhin haben sie nicht verschlafen.

 

Literatur

Berg, Sibylle: Der Mann schläft. München/Wien 2009.

Bröckling, Ulrich: Jenseits des kapitalistischen Realismus: Anders anders sein. In: Neckel, Sighard (Hg.): Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik. Frankfurt a.M. 2010, S. 281-301.

Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M. 2007.

Cederström, Carl/Fleming, Peter: Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit. Aus dem Englischen von Norbert Hofmann. Berlin 2013.

Die Glücklichen Arbeitslosen: Auf der Suche nach unklaren Ressourcen. [1996] In: Paoli, Guillaume (Hg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen. Berlin 2002, S. 30-45.

Hein, Christoph: Weiskerns Nachlass. Berlin 2012.

Kruse, Jan: Kritik der disziplinierenden Simulation. Ein soziologisches Fragment über ‚postmoderne’ Arbeitsgesellschaften. In: parapluie 27/2011 (Onlineressource)

Matthies, Annemarie/Preisinger, Alexander: Literarische Welten der Ökonomisierung. Gouvernementale Schreibweisen im Gegenwartsroman. In: Erdbrügger, Torsten/Nagelschmidt, Ilse/Probst, Inga (Hg.): Omnia vincit labor? Narrative der Arbeit – Arbeitskulturen in medialer Reflexion. Berlin 2013, S. 139-152.

Menasse: Arbeit, Freiheit und Wahn. In: Ders: Permanente Revolution der Begriffe. Vorträge zur Kritik der Abklärung. Frankfurt a.M. 2009, S. 11-25.

Pehnt, Annette: Mobbing. München 2009.

Reckwitz, Andreas: Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung. Berlin 2012.

Reh, Sascha: Gibraltar. Frankfurt/M. 2013.

Röggla, Kathrin: Wir schlafen nicht. Frankfurt/M. 2004. 

Steinaecker, Thomas von: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen. Frankfurt a.M. 2012.


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Torsten Erdbrügger
Geboren 1980
Literaturwissenschaftler
» Zum Kurzprofil
Inga Probst
Geboren 1979
Literaturwissenschaftlerin
» Zum Kurzprofil