Deutscher Gewerkschaftsbund

07.01.2014

Die Revolution 1918 bis 1920

Buchcover

Klartext Verlag

Die Revolution von 1918/19 ist in den vergangenen 95 Jahren mit einer Vielzahl von Untertiteln versehen worden. HistorikerInnen sahen in ihr wahlweise eine „verlorene“, „unvollendete“, „verratene“, „steckengebliebene“ oder eine „vergessene“ Revolution. Besonders die betriebliche Dimension und der Wandel der Arbeitsbeziehungen spielte kaum eine Rolle. Der Band „Revolution und Arbeiterbewegung 1918-1920“ setzt hier an und trägt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen. Renommierte HistorikerInnen skizzieren und analysieren die gesellschaftlichen, betrieblichen und innergewerkschaftlichen Voraussetzungen vor und in der Revolution. Der Band greift hierbei auf Vorträge zurück, die auf zwei Konferenzen der Forschungsstelle für Zeitgeschichte und des Instituts für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum im November 2008 und im Januar 2009 gehalten wurden.

Während die wissenschaftliche Debatte in den 1960er und -70er Jahren häufig den politischen Stimmungen jener Zeit folgte, will der Band sich stärker den „sozialgeschichtlichen Implikationen für die Arbeitswelt“ widmen, wie Jürgen Mittag in seinem einleitenden Beitrag betont. So beleuchten die Beiträge etwa die soziale Lage der Arbeiterschaft im Krieg, die Haltung der Gewerkschaften in den letzten Kriegsjahren, die Rolle der Arbeiterjugend in den Gewerkschaften oder die Bedeutung des Stinnes-Legien-Abkommens vom 15. November 1918.

Die Politisierung der Arbeitsbeziehungen

Letzterem widmet sich der Historiker Klaus Schönhoven. Um Motivation und Haltung der Gewerkschaften zur „Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands“ zu bewerten, beschreibt Schönhoven die pragmatische Grundhaltung der beteiligten Gewerkschaftsführer. So seien diese weniger Theoretiker als vielmehr „erfolgreiche Pragmatiker“, die die Verhaltensweisen und Vorstellungen der Arbeiter nachhaltiger prägten als die „Programm- und Strategiedebatten der sozialdemokratischen Parteiintellektuellen“. Sie wollten im bestehenden System die miserablen Lohn- und Arbeitsbedingungen verbessern. Neben dem Ziel der Arbeitgeber und Gewerkschaften, sozialpolitisch Einfluss zu nehmen, war das Abkommen „eine Versicherung auf Zeit“ vor den unkalkulierbaren Folgen des Umsturzes. 1924 kündigten die Gewerkschaften das Abkommen. Fortan suchten sie Unterstützung durch Parlament und Regierung. Die Folge: eine stetige Politisierung der Arbeitsbeziehungen.

Der Rolle der inner- und außerbetrieblichen Mitbestimmung zwischen 1916 bis 1922 geht Rudolf Tschirbs in seinem Beitrag „Arbeiterausschüsse, Betriebsräte und Gewerkschaften 1916-1920“ nach. Er kritisiert, dass in den wenigen neuen Werken „überkommene Urteile“ älterer Studien den Zugang zu neuen fruchtbaren Einsichten versperrten. Der konfrontative „Versuch einer Neubewertung“ würdigt unter anderem die „Betriebsräte der Weimarer Republik“. Sein Beitrag endet mit einem Plädoyer für das 1920 verabschiedete Betriebsrätegesetz, das er gegen „jene Historiker“ verteidigt, die es bis heute an den „illusionären Räteverfassungen der Revolutionszeit“ messen. Tschirbs schließt sich dem Urteil des Historikers Heinrich August Winkler an, wonach Deutschland „durch das Betriebsrätegesetz zu einem Pionierland in Sachen Wirtschaftdemokratie“ wurde.

Hoffnung und Pragmatismus

Der Band beschreibt aber nicht nur Stimmung und Verhalten von Arbeitern und Gewerkschaften, sondern beleuchtet auch das Arbeitgeberlager. Lesenswert ist unter anderem der Beitrag über den Generaldirektor der Bayer-Farbenfabriken Carl Duisberg (1861-1935). Werner Plumpe erzählt chronologisch die Wandlung Duisbergs von einem radikalen Gewerkschaftsgegner zu einem Anhänger der Sozialpartnerschaft.

Neben gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen finden im Band auch regionale und branchenspezifische Aspekte Berücksichtigung. So etwa die „Revolutionshoffnungen und politischen Kontroversen unter Metallarbeitern an Rhein und Ruhr“ (Willy Buschak) oder die gewerkschaftliche Interessenvertretung im Hamburger Hafen (Klaus Weinhauer). Der 2011 verstorbene Klaus Tenfelde kritisiert in seinem Beitrag die fehlende Denkmalskultur im Ruhrgebiet am Beispiel der „Roten Ruhrarmee“, die 1920 gewaltsam niedergeschlagen wurde.

Fazit

Der Band bringt die wesentlichen Aspekte zur Rolle von Arbeitern, Betriebsräten und Gewerkschaften in der Revolution von 1918 bis 1920 auf den Punkt. Die Beiträge sind fundiert, lesenswert und lenken den Fokus unter anderem auf die veränderten Arbeitsbeziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, auf betriebliche und regionale Vorgänge oder auf bestimmte Gruppen in der Revolution, wie zum Beispiel die Jugend. Klar ist: Ein so komplexes Thema lässt sich nicht umfassend in einem Band darstellen. Doch, dass sich kein einziger Beitrag mit der Rolle der Frauen in der Revolutionsphase befasst, ist irritierend. Ein Makel, der vielleicht in vier Jahren behoben wird. Dann jährt sich die Revolution zum 100. Mal.

 

Führer, Karl Christian/Mittag, Jürgen/Schildt, Axel/Tenfelde Klaus (Hg.): Revolution und Arbeiterbewegung in Deutschland 1918-1920, Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Klartext Verlag, 466 Seiten, 39,95 Euro


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Sebastian Henneke
Redakteur beim gewerkschaftlichen Infoservice Einblick.
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