Deutscher Gewerkschaftsbund

27.01.2014

Wilhelm Behr – ein Stiller Held

Wilhelm Behr

GdP

„Wilhelm Behr – ein Stiller Held“ so lautet der Titel einer Ausstellung, die Anfang November 2013 in der Malchower Kirche in Berlin eröffnet wurde. Wilhelm Behr hat sich als Polizist dem NS-Regime widersetzt, aber was für eine Heldentat hat er vollbracht und wer hat diesen „Stillen Helden“ entdeckt? Fragen, die sich stellen, wenn man den Titel dieser Ausstellung, die als Wanderausstellung konzipiert ist, zur Kenntnis nimmt. Bei genauerem Hinsehen erfährt man, dass sich diese Ausstellung in das Projekt „Zerstörte Vielfalt“, das im Jahr 2013 an die Machtergreifung Hitlers und die daraus resultierenden Folgen erinnern soll, einfügt. Bemerkenswert an dieser Ausstellung sind die Initiatoren, die sich aus einer Gruppe geschichtlich interessierter Menschen zusammensetzt, die ihre beruflichen Wurzeln nur teilweise in der historischen Arbeit haben.

Als ich diese „Behr-Gruppe“ kennenlernte, sah ich mich  sieben engagierten Männern und Frauen gegenüber, die sich in einem Altersspektrum von Ende 20 bis über 70 Jahren befinden. Vom Historiker über Politikwissenschaftler, einem ehemaligen Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei bis zum Medien- und Informationsfachmann, also eine heterogene Mischung von Menschen, die sich der Aufarbeitung der NS-Geschichte in ihrer Freizeit widmen. Die Motivation für das Projekt „Wilhelm Behr“ war für sie die immer häufiger stattfindenden Anschläge und Aufmärsche rechtsextremer Gruppen, wie z.B.  der Marsch der NPD durch Berlin-Marienfelde 2012, aber auch die  Anschläge mit rechtsextremistischen Hintergrund in Oslo im Jahr 2011.

Der Kern der Gruppe hatte aber bereits vor dem Projekt „Behr“ gemeinsam das Schicksal der Familien Naujocks und Neuendorf erforscht,  die in Berlin-Malchow gelebt haben und den Mut hatten, jüdische Verfolgte vor den Nazischergen zu verstecken - beziehungsweise ihnen aktiv bei der Flucht zu helfen. Aus den Berichten von Zeitzeugen entwickelten sie eine Ausstellung und es gelang ihnen mit Hilfe von Unterstützern, die finanziellen Mittel zu generieren, um eine Gedenkstele für das Ehepaar Naujocks in Malchow aufzustellen. Im Dezember 2013 hat die Yad Vashem – Gedenkstätte in Israel bekannt gegeben, dass Max Naujocks die Auszeichnung als „Gerechter der Völker“ posthum übertragen bekommt. Eine Ehre, die etwas Besonderes ist und das hohe Engagement aber auch den Mut, den die Familie aufgebracht hat und das Risiko, das sie getragen hat, würdigt.

Im Rahmen der Nachforschungen wurde schnell deutlich, dass der Polizist Wilhelm Behr aus Malchow mit dem Leben der Familien Naujocks und Neuendorf eng verbunden war. Das weckte die Neugier der „Freizeit-Historiker“ sich näher mit dem Leben und den Taten des Polizisten Wilhelm Behr zu beschäftigen.

Wer war Wilhelm Behr – und welche Taten hat dieser Stille Held vollbracht?

Die Geschichte Wilhelm Behrs ist ein Beispiel für menschliches Verhalten in unmenschlichen Zeiten. Der 1895 geborene Behr trat bereits 1919 in den Polizeidienst ein. Ab 1929 versah er diesen Dienst in Malchow. Als Mitglied der SPD und des „Verbandes Preußischer Polizeibeamter“, der nach seinem Vorsitzenden auch Schrader-Verband genannt wurde, war er der Republik und den demokratischen Werten stark verpflichtet. Als die politische Stimmung in der Weimarer Republik endgültig umschlug und die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht ergriffen, geriet auch Behr in den Fokus der neuen Machthaber.

Ausstellungstafel

Museum Lichtenberg

Bereits während des ersten halben Jahres ihrer Regierungszeit ergriffen die Nazis grundlegende Maßnahmen, um ihre Terrorherrschaft zu festigen. Einer dieser ersten Schritte bestand in der vollständigen Zerschlagung aller Gewerkschaften – darunter auch der Polizeigewerkschaften und damit des Schrader-Verbandes. Mitglieder solcher Vereinigungen standen fortan unter verschärfter Beobachtung. Führende Gewerkschafter, darunter auch der Vorsitzende Ernst Schrader, sowie der spätere erste Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GDP), Fritz Schulte, wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.

Aber nicht nur die Gewerkschafter waren den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Es gehört zur Geschichte der gesamten deutschen Polizei, dass zahlreiche Polizisten, die sich unter großer Gefahr für ihre verfolgten Mitmenschen eingesetzt haben, von den Nazis aus dem Dienst entlassen oder selbst inhaftiert wurden. Republiktreue Polizisten wurden mit Hilfe des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Dienst entfernt. Die politischen Säuberungsaktionen innerhalb der Polizei waren ein maßgeblicher Schritt, um der jungen deutschen Republik wieder demokratische Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung zu entziehen. Wilhelm Behr, als ehemaliges Mitglied mittlerweile verbotener Parteien und Verbände, stand ebenfalls unter verschärfter Beobachtung. Es gelang ihm jedoch - dank seiner ausgezeichneten dienstlichen Leistungen im Hinblick auf die Verbrechensbekämpfung – das eingeleitete Verfahren zwecks Dienstentlassung abzuwenden und im Polizeidienst zu verbleiben.

Was war das aber für eine Polizei, die nun durch die radikalen Säuberungsaktionen der Nationalsozialisten entstand? Viele erfahrene Polizeibeamte waren aus ihren Ämtern entfernt worden. Die Lücken wurden durch systemtreue Parteimitglieder aufgefüllt; Hilfspolizisten ohne Ausbildung wurden ernannt. Von der Polizei der Weimarer Republik blieb wenig übrig. Durch die willkürliche Vermischung der Aufgabengebiete und die Einsetzung von Systemanhängern entstand eine, teils paramilitärisch agierende Eingreiftruppe, die sich an Gesetzen häufig nur formal orientierte. So wurde die Polizei ein zentraler Bestandteil des Systems, dass die Nazis zur Durchsetzung ihrer perfiden Ziele missbrauchten.

Wilhelm Behr blieb seiner Gesinnung auch unter dem neuen, totalitären Regime treu. Während andere sich dem System unterwarfen oder still abwarteten, blieb Behr gewissenhaft. Soweit es in seiner Macht stand, beschützte er die Menschen in seinem Einflussbereich und wahrte ihre Geheimnisse. Als er den Befehl erhielt eine Hausdurchsuchung bei einer Familie vorzunehmen, von der ihm bekannt war, dass sie Juden versteckten, warnte er diese frühzeitig. Auch er selbst gewährte später Flüchtigen Unterschlupf, wobei er mehr als nur seine Karriere riskierte. Unter Gefahr für Leib und Leben schützte er die vom Terrorregime der Nationalsozialisten Verfolgten und ihre Helfer. Diese Erkenntnis, dass auch Polizeibeamte als sogenannte „treue Staatsdiener“ Gewissenentscheidungen gegen das in einem totalitären Staat geltende Recht getroffen haben, ermutigt jeden freien, demokratisch denkenden Staatsbürger.

Als mit dem Ende des zweiten Weltkriegs die Herrschaft der Nazis zusammenbrach, fand Behr sich im sowjetischen Besatzungssektor wieder. Deutschland lag in Trümmern und die einzelnen Sektoren rangen darum, Ordnung in die besetzten Gebiete zu bringen. Erfahrene Polizeibeamte, wie Behr, wurden beim Wiederaufbau gebraucht und geschätzt. Doch nur wenig später, als die Lage sich zu stabilisieren begann, wurde er aus dem Dienst entlassen. Nicht selten wurden Beamte wie Behr mehrfach Opfer der politischen Umwälzungen in der Nachkriegszeit und gerieten, mit dem beginnenden Ost-West-Konflikt und der Spaltung Berlins, in das Räderwerk der einsetzenden Stalinisierung. Danach verliert sich die Spur von Wilhelm Behr. Bekannt ist nur, dass er am 11. Mai 1964 im Krankenhaus Weißensee verstarb.

Das Konzept der Wanderausstellung „Wilhelm Behr – einem Stillen Helden“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung und Dokumentation eines Teilaspektes des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte. Aber er bietet neben der Darstellung des menschenverachtenden Systems auch die Hoffnung auf Menschlichkeit, die der Polizist Wilhelm Behr durch sein Handeln verkörpert.

 

Die Ausstellung ist zurzeit im Museum Lichtenberg, Türrschmidtstraße 24, in Berlin zu sehen. Am 27. Januar sind die Ausstellungsmacher ab 17 Uhr zu Gast im Museum. Weitere Informationen gibt es im Netz unter www.museum-lichtenberg.de .


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Kurzprofil

Elke Gündner-Ede
Geboren am 20. Oktober 1956
Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP)
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