Deutscher Gewerkschaftsbund

29.04.2014

Die große Transformation: Wie wollen wir leben?

Verschwommene Menschen

Jock + Scott / photocase.com

Wie nie zuvor verändern wir Menschen den Planeten auf dem und von dem wir leben. Die Menschheit ist zu einem so dominanten Faktor im Erdsystem geworden, so dass das gegenwärtige Erdzeitalter sogar häufig als Anthropozän bezeichnet wird, als „das menschlich [gemachte] Neue“. Wir sind dabei die Grenzen der Tragfähigkeit der Erde für unsere menschliche Zivilisation zu überschreiten. An folgenden Beispielen werden diese globalen Trends sichtbar: Der Ausstoß von Treibhausgasen steigt und der Klimawandel schreitet ungebremst voran; die Vermeidung der gefährlichen Klimaveränderungen wird immer schwieriger. Die Hauptursache ist die zunehmende Nachfrage nach fossilen Energieträgern, aber auch die Rodung von Wäldern und die nicht-nachhaltige Landnutzung. Die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen übersäuern die Weltmeere und dies gefährdet die marinen Ökosysteme, besonders die Korallenriffe.

Die Weltbevölkerung wächst Schätzungen zufolge bis 2050 auf über 9 Milliarden Menschen. Das sind über 2 Milliarden mehr Menschen als heute leben; damit ist absehbar, dass auch die Nachfrage nach Energie, nach Nahrungsmitteln und nach anderen Rohstoffen steigt. Die Ökosysteme werden immer schneller zerstört; wobei immer mehr biologische Vielfalt unwiederbringlich verloren geht. Die Nachfrage nach Agrarprodukten und der Druck auf Landflächen wachsen, die Nahrungsmittelpreise steigen, nicht zuletzt durch Spekulationen. Fruchtbare Landflächen werden knapp, gleichzeitig gehen zunehmend Böden durch Erosion, Überweidung, Versalzung oder Versiegelung verloren.

Angesichts dieser globalen Megatrends wird deutlich, dass eine Transformation zur klimaverträglichen und nachhaltigen, also zukunftsfähigen Gesellschaft notwendig ist. Die Nutzung fossiler Energieträger hat der Menschheit einen nie dagewesenen Wohlstand beschert, doch diese positive Entwicklung wird zunehmend durch die wachsenden Nebenwirkungen gefährdet. Ohne eine Transformation zur Nachhaltigkeit würden planetarische „Leitplanken“ des Erdsystems überschritten, z.B. die 2°C Erwärmung beim Klima. Die heutigen natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit sind gefährdet und ihre künftigen Entwicklungschancen werden deutlich eingeschränkt.

Die Notwendigkeit einer Großen Transformation leitet der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ (2011) ab. Dieser Beirat wurde 1992 im Vorfeld der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung („Erdgipfel von Rio“) von der Bundesregierung als unabhängiges wissenschaftliches Beratergremium eingerichtet und hat unter anderem die Aufgabe, globale Umwelt- und Entwicklungsprobleme zu analysieren und Lösungen vorzuschlagen. Im genannten Gutachten legte der WBGU viele Empfehlungen vor, wie die Transformation gelingen kann. Das Aufgreifen der Empfehlungen und die Gestaltung der Transformation obliegt hauptsächlich der Politik, aber auch einer Vielzahl anderer Akteure im demokratischen System. In diesem Konzert sind die Gewerkschaften ein sehr gewichtiger Akteur.

Worum geht es bei der Großen Transformation?

Die Große Transformation meint nichts weniger als einen weltweiten Strukturwandel. Es geht um den Umbau unserer Wirtschafts-, Produktions- und Lebensweisen in Richtung Nachhaltigkeit. Ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen unter Achtung der Grenzen des Planeten muss ebenso garantiert sein, wie das Recht auf Entwicklung, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe für alle. Solch ein gesamtgesellschaftliches Vorhaben erfordert immense Anstrengungen, aber es ist für ein zukunftsverträgliches, gutes Leben weltweit unausweichlich. Trotz der Größe der Herausforderung und aller Schwierigkeiten können wir aber hoffnungsvoll ans Werk gehen, denn es gibt bereits Alternativen – zum Beispiel die erneuerbaren Energien – die allen Menschen die Chance auf ein gutes Leben in den Grenzen des natürlichen Umweltraumes eröffnen können. Seit geraumer Zeit gibt es einen empirisch belegten globalen Wertewandel hin zu mehr Umweltbewusstsein, der den Transformationsprozess unterstützen kann. Dieser ist etwa erkennbar am Konsumentenwunsch nach Fairness und Gerechtigkeit, in der Nachfrage nach Fairtrade-Produkten, biologisch erzeugten Produkten oder nach energieeffizienten Geräten. Der breite Wunsch nach Zukunftssicherung wurde kürzlich auch durch die große Studie der IG Metall „So wollen wir leben!“ unterstrichen, mit dem Ergebnis „Die Sicherung der Zukunft für die nächste Generation ist den Befragten besonders wichtig“.

Die Einhegung des Klimawandels ist am dringlichsten: Sollen mehr als 2 °C Erwärmung vermieden werden, müssen vor allem die Energiesysteme, die Landnutzung und die urbanen Räume klimaverträglich umgebaut werden. Das bedeutet: Wenn wir den Klimawandel stoppen wollen, müssen wir aufhören, Öl, Kohle und Gas zu verbrennen, es bedeutet also den Ausstieg aus fossilen Energien und den Aufbau von Energiesystemen, die weltweit im Wesentlichen auf erneuerbaren Energien basieren. Die Weichen für diese Große Transformation sollten im nächsten Jahrzehnt gestellt werden, der Umbau sollte möglichst in einem halben Jahrhundert erfolgt sein. Das ist ein Generationenprojekt und klingt zunächst nach einer langen Zeitspanne. Für ein Vorhaben dieser Größenordnung bedeutet das aber einen immensen Zeitdruck.

Wie kann die Transformation gelingen?

Im WBGU-Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ wurde ausführlich diskutiert, wie die Transformation erfolgreich gestaltet werden kann. Die größte und wichtigste Rolle bei der Gestaltung der Transformation kommt laut WBGU der Politik zu: Ein „gestaltender Staat“ sollte die großen Weichen stellen. Solch ein Staat setzt sich klare Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, schafft einen entsprechenden Ordnungsrahmen und etabliert ein effektives, rechtliches Instrumentarium. Er sorgt für langfristige Planungs- und Investitionssicherheit und eröffnet damit Bürgern, Unternehmen und Verbänden Optionen für nachhaltiges Handeln. Er schafft Anreize und Raum für geeignete Experimente durch Pioniere des Wandels. Nicht zuletzt geschieht dies auch über eine verlässliche Bepreisung von CO2 und die Abschaffung von umweltbelastenden Subventionen für fossile Energieträger.

Für solche Rahmensetzungen bedarf es einer integrierten Politik aller Ressorts ebenso wie internationaler Kooperation in ungekanntem Ausmaß. Im demokratischen Staat bedeutet dies aber auch: Die Transformation braucht vor allem auch mündige, verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger, die den gestaltenden Staat wollen, wählen und den Wandel aktiv durch ihre Partizipation unterstützen. Auch die Unterstützung der Gewerkschaften ist dafür unerlässlich. In Deutschland erleben wir mit der Energiewende das erste große Transformationsprojekt. Nach dem großen gesellschaftlichen und politischen Konsens zum Atomausstieg lernen wir nun viel über die Herausforderungen, über die Mühen und die Schwierigkeiten, etwa bei ambitionierten Klimazielen oder beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze. Wir lernen auch viel über die Notwendigkeit von Information, Kommunikation, Partizipation und Kooperation – und wie wichtig der Zeitpunkt der Beteiligung ist.

Wir brauchen für die Transformation eine aktive Demokratie, viel Partizipation und vermehrte Zusammenarbeit aller relevanten Akteure. Gefordert ist die gesamte Gesellschaft, von Bürgerinnen und Verbrauchern über Länder und Kommunen, Unternehmern, Verbänden, Bildungseinrichtungen bis zur Wissenschaft. Das große Engagement Einzelner ist bereits vielfach zu beobachten. Wir erleben, wie sich viele Akteure an der bereits laufenden Transformation in Richtung Nachhaltigkeit beteiligen, in der Öffentlichkeit, als auch im Privatbereich. Wir haben über Jahrzehnte beobachtet, wie die Energiewende vorbereitet wurde, etwa mit der Forschung für erneuerbare Energien, in Bürgerbewegungen und in Verbänden – auch wenn wir damals diesen Begriff noch nicht benutzten. Wir haben daraus gelernt, dass es einen langen Atem braucht. Pioniere des Wandels bewirkten bisher und erzielen weiterhin viele Fortschritte im Kleinen. Je mehr sie sich vernetzen und beginnen, Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen im Sinne der Transformation anzustoßen, desto eher werden Entscheidungsträger ermutigt, auch vermeintlich unpopuläre, große Weichenstellungen anzupacken. In einem derart dynamischen gesellschaftlichen Umfeld können Maßnahmen, die heute noch als unrealistisch gelten, morgen durchaus umsetzbar sein. Die heute schon praktikablen, aber auch sehr ambitionierten Handlungsempfehlungen für die Transformation hat der WBGU in zehn Maßnahmenbündeln zusammengefasst. Deren Wichtigste sind, den gestaltenden Staat mit erweiterten Partizipationsmöglichkeiten auszubauen, die CO2-Bepreisung global voranzubringen und die Europäisierung der Energiepolitik auszuweiten und zu vertiefen.

Die Gewerkschaften und die Transformation

Die Transformation ist ein gewaltiger gesellschaftlicher Such- und Lernprozess. Den Gewerkschaften kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. Sie haben viele Mitglieder und somit eine große Breitenwirkung. Sie haben die Mittel und die Kraft, Diskurse über ein zukunftsfähiges Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu führen und breite Debatten zum guten Leben in Verbindung mit Veränderungsprozessen anzustoßen. Insbesondere zu dem als Transformation bezeichneten großen Strukturwandel bedarf es zeitnah besonders wirkungsvoller Aktivitäten, gerade auch aus der Verantwortung für zukünftige Generationen. Dieser Wandel sollte aktiv befördert werden und er sollte sozialverträglich stattfinden. Ein Festhalten an Altem, etwa bei der Kohleförderung, verteuert und erschwert den Aufbau zukunftsträchtiger Industrien. Die gigantischen Summen, die bisher als Subventionen in Kohle und Kernenergie flossen, sind viel besser in Erneuerbaren Energien investiert. Diese sollte man nicht ausbremsen, denn vom Ende her gedacht gibt es in einer Welt, in der gefährliche Klimaveränderungen auftreten, keine zu schützenden Arbeitsplätze oder Produktionsstandorte mehr, jedenfalls nicht im heutigen Sinn.

Das DGB-Grundsatzprogramm spricht sich aus für ein ökologisches Umsteuern, eine fairere Verteilung der Ressourcen weltweit, soziale Gerechtigkeit und die Stärkung von Bildung und der Demokratie, eine weitgehende Kreislaufwirtschaft und für nachhaltige Konsum- und Lebensgewohnheiten – also für wesentliche Elemente der Großen Transformation. Die Transformation ist also für Gewerkschaften nichts Neues, sondern passt gut zu ihrem Selbstverständnis. Auch haben sie in den letzten Jahren bereits große Aktivitäten dazu entfaltet: Im Juni 2012 veranstaltete der DGB zusammen mit dem Deutschen Naturschutzring und Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Deutschland einen beachtlichen Kongress zu den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit. Mit der gesellschaftspolitischen Kampagne „Kurswechsel für ein gutes Leben“ wollte die IG Metall „den ökologischen Umbau der Wirtschaft mit der Erweiterung von Lebenschancen und einer Demokratisierung der Gesellschaft“ verbinden und “ihren eigenen konzeptionellen Beitrag in die gesellschaftspolitische Diskussion über grundlegend neue Formen des Wirtschaftens einbringen“. Die Ergebnisse des Kongresses zur Kurswechseldebatte im Dezember 2012 sowie weitere Aspekte wurden im Buch „Kurswechsel für ein gutes Leben“ gebündelt. Marika Höhn schrieb Ende 2013 in der Gegenblende über dieses Buch: „ ... (die Buchbeiträge) sehen übereinstimmend ... die Gewerkschaften als einen der wichtigsten Akteure auf dem Spielfeld, um auch die Menschen zu motivieren und zu mobilisieren. Dies gelingt aber nicht in einem Automatismus. ... Wenn die Gewerkschaften die Vielfalt der Interessen der Menschen zusammenbinden können, dann kann ein Kurswechsel gelingen.“

Die Gewerkschaften sollten den eingeschlagenen Weg weiter gehen, sie sollten aber das Tempo erhöhen und sollten noch sehr viel stärker transformative Aktivitäten entfalten, sprich: sie sollten keine Angst vor Strukturwandel haben. Das gilt für die internen gesellschaftspolitischen Diskussion über Themen der Zukunftssicherung unter Wahrung der Grenzen unseres Planeten. Das gilt für Aus- und Weiterbildungen, in denen das Bewusstsein für die Notwendigkeit von transformativem Wandel und für die Verbindung von ökologischem und zukunftsverträglichem „Gutem (Arbeits)Leben“ gelehrt werden sollte. Hier müssen Grundlagen für informierte, demokratische Debatten und für Teilhabe gelegt werden. Alle Ebenen – möglichst alle Arbeitenden, Führungskräfte und Betriebsräte – sollten eingebunden werden. Dann (erst) kann Jede und Jeder an seinem Platz, beruflich wie privat, die Augen für die Möglichkeiten zum Wandel offen halten; so kann gemeinsam die Kreativität, kann die Kraft für Zukunftskonzepte und den demokratischen zukunftsverträglichen Wandel gesteigert werden.

Vielleicht bietet sich als Material auch der Transformations-Comic vom WBGU-Beirat an? (http://www.wbgu.de/comic-transformation/).


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Kurzprofil

Dr. Inge Paulini
Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in Berlin
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