Deutscher Gewerkschaftsbund

05.03.2014

Der große Krieg

Dieses Buch über den Ersten Weltkrieg endet keineswegs im Jahr 1918. Im Schlusskapitel „Der Erste Weltkrieg als politische Herausforderung“ zieht der Autor Herfried Münkler den Vergleich zwischen dem heutigen China und dem damaligen wilhelminischen Kaiserreich und kommt zu dem Ergebnis, dass sich China „heute in einer ähnlichen Position befindet wie das Deutsche Reich vor einem Jahrhundert und die Konstellationen im Fernen Osten mit denen auf dem Balkan vor dem Ersten Weltkrieg vergleichbar seien: Das ‚Reich der Mitte‘ durchläuft zurzeit eine Phase der stürmischen Wirtschaftsentwicklung, strotzt vor Kraft und sucht nach Möglichkeiten, seine ökonomische Stärke in politischen Einfluss umzusetzen – und dies nicht nur in Ostasien, sondern weltweit.“

Chinas Abhängigkeit von Rohstoffen macht es verwundbar. Als industrieller Spätstarter ist dem Land der Zugang zu den globalen Märkten für strategische Ressourcen nicht leichtgefallen. Auch deshalb leistet es in Afrika in großem Stil Entwicklungshilfe. Darin besteht durchaus eine Ähnlichkeit zum Deutschen Reich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und wie dieses hat es die Sorge, von Rohstoffen abgeschnitten zu werden. Inzwischen arbeitet China am Aufbau einer Kriegsflotte, die die Rohstoffzufuhr sichern soll, aber auch einen Risikofaktor für die US-Kriegsmarine darstellt, die in der indonesischen Inselwelt und im Indischen Ozean operiert. Das kann auf längerer Sicht zu einer Konfrontation führen, die dem deutsch-britischen Gegensatz am Anfang des 20. Jahrhunderts ähnelt.

Der deutsch-britische Flottenkonflikt hätte keineswegs in einem Krieg münden müssen – das ist die zentrale These von Münklers Buch – aber er ist durch ein peripheres Scharmützel „scharf gemacht“ worden, und das könnte auch heutzutage durch unscheinbare Konflikte eintreten: Ein Streit um eine Inselgruppe, die von Japan und China beansprucht wird, oder eine chinesische oder russische Militäraktion gegen einen kleineren Nachbarn könnten international eskalieren. „Das ‚Drehbuch‘ vom Sommer 1914 zeigt, wie sich ein solcher Konflikt unter keinen Umständen entwickeln darf.“

Münkler kommt es darauf an, „strategisches und systemisches Lernen“ zu unterscheiden. Ersteres bedeutet, dass China die Fehler vermeidet, die Deutschland begangen hat – aber nicht in dem Sinn, dass es den ‚Griff nach der Weltmacht‘ nicht anstreben sollte, sondern ihn einfach friedlich, konsensorientiert und geschickter vornimmt. Das systemische Lernen dagegen wäre darauf ausgerichtet, Konstellationen zu verhindern aus denen der Erste Weltkrieg hervorgegangen ist. „Während jede am Konflikt beteiligte Macht für sich allein und ohne Austausch mit anderen strategisch lernen kann, ist systemisches Lernen auf Kommunikation und Austausch angewiesen; die Lernergebnisse müssen kommuniziert werden, damit daraus Schlussfolgerungen für die Implementierung von Eskalationsblockaden und Verständigungsmechanismen gezogen werden können (…) Aus keinem Krieg kann in dieser Hinsicht mehr gelernt werden als aus dem Ersten Weltkrieg. Er ist ein Kompendium für das, was alles falsch gemacht werden kann.“

Die Forschung ist mittlerweile von der Alleinschuld Deutschlands abgegangen. Während Fritz Fischer sie 1961 mit seinem Werk „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918“ als bewiesen ansah, zeigen mittlerweile die Auswertungen der Akten aller Kriegsparteien ein viel differenzierteres Bild. Allerdings muss die größere Verantwortung des Deutschen Reiches hervorgehoben werden. Es hätte für eine Bremsung der Eskalation eintreten können – getreu der Bismarkschen Haltung gegenüber dem Balkan. Das andere Movens für die damalige Eskalation war der deutsche „vermeintliche Zwang zum Präventivkrieg“ gegen Frankreich. Er ließ der politischen Führung im Deutschen Reich keine Chance, den Konflikt zuerst mit Russland, das als erstes mobilisierte, auszutragen. Der schon detailreich geplante Aufmarsch gegen Frankreich war nicht mehr zu stoppen und selbst die völkerrechtlich problematische Besetzung Belgiens, von der Frankreich durch sein Parlament gehindert wurde, wurde durch deutsche Militärs umstandslos in Kauf genommen.

Welchen Einfluss hatte der deutsche Militarismus?

Abgewogen urteilt Münkler über die jeweiligen Rüstungsstärken und kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland und Österreich viel weniger militarisiert waren als Frankreich und Russland. Hinzu kommt, dass der preußische Kriegsminister eine Vergrößerung des Heeres ablehnte, weil er eine Zunahme der unbeliebten bürgerlichen Offiziere verhindern wollte. Das führt zur Spur, dass das Militär „die Rückzugsbasis einer im sozialen Abstieg befindlichen Schicht“ war. Die preußische Aristokratie sah in der kaiserlichen Armee und Marine die Lebensform, „in der ihre gesellschaftliche Sonderstellung zum Ausdruck“ kam und in der sie „sich gegen das Vordringen bürgerlicher Lebensvorstellungen, insbesondere gegen die wachsende Bedeutung des Geldes, abzuschotten versuchte“, denn inzwischen waren viele Junker hochverschuldet. Ihre soziale Stellung und feudale Lebensart passte einfach nicht mehr zur aufstrebenden Industrienation und so schufen sie sich im Militär einen Schutzraum. Münkler schlussfolgert: „Der deutsche Militarismus beeinflusste eher die innere Struktur des Reiches und die darin stattfindenden politisch-sozialen Kämpfe als dessen Außenpolitik.“ Damit wären wir schon bei der Revolution resp. der Konterrevolution, den Arbeiter- und Soldatenräten und den Freikorps, letztere wurden häufig von mittellosen Junkern aus den entlegensten preußischen Landstrichen geführt. Aber zurück zum Kriegsgeschehen.

Die Feststellung Münklers, dass das Deutsche Reich eigentlich keine Kriegsziele hatte, ist überraschend. Im Verlauf des Krieges wurden allerdings umso mehr phantastische Ziele formuliert, die nur einen Zweck erfüllten: die Friedensverhandlungen zu blockieren.

Während in Frankreich und Großbritannien der Erste Weltkrieg der „Große Krieg“ geblieben ist - wegen der großen Opferzahl und den starken Verwüstungen in Frankreich -, geriet er in Deutschland in den Schatten der schrecklichen Dimension des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. Erst der historische Abstand lässt den Ersten Weltkrieg in seiner eigenen Art hervortreten: die besondere Situation der k.u.k.-Monarchie, die Verteidigungsleistung der Deutschen mit dem Vorteil der „Inneren Linie“, der Sieg über Russland mit dem Befördern der dortigen Revolution (an der auch deutsche Kriegsgefangene beteiligt waren), die rapide Entwicklung der Militärtechnik und noch viele weitere Besonderheiten dieser Zeit werden in Münklers Buch eindrücklich im historischen Kontext geschildert.

Als sehr eindrücklich empfinde ich den Schlussabschnitt „Der Erste Weltkrieg als Herrschaft der Paradoxien“: Die militärischen Sieger wurden zu den eigentlichen Verlierern. Die USA, die erst eingreifen als die Entente ihre Kräfte verausgabt hat und die Deutschen ihnen mit einem unvergleichlich naiven Coup in Mexiko genügend Anlass boten, setzten nach dem Krieg den Dollar als internationale Leitwährung gegenüber dem britischen Pfund durch. Der an die Stelle der Kabinettskriege getretene Nationalkrieg ließ nun die Regierungen fürchten, „dass ohne Annexionen und Reparationen die Erwartungen der unteren Schichten auf soziale Besserstellung als Lohn für die Lasten des Krieges nicht erfüllt werden könnten“. Die Stellung der Frau wurde durch den Krieg keineswegs befördert, vielmehr verschwand die ‚Krise der Männlichkeit‘ mit Kriegsbeginn, und der Staat, „der sich im Krieg als männermordender Moloch erwies, entwickelte parallel dazu die Charakterzüge einer wohlwollenden und fürsorglichen Versorgungseinrichtung, und das war bevorzugt dort der Fall, wo er an die Stelle der an die Front geschickten Männer und Väter trat“. Mit dem Scheitern des preußischen Offiziersadels trat ein Machtzuwachs der Arbeiterklasse und des Großunternehmertums ein. Das Bürgertum konnte „als klassische Zwischen- und Vermittlungsschicht“ den durch „den Krieg freigesetzten Fliehkräften“ nicht standhalten. Was folgte, war ein ‚Zeitalter der Extreme‘, wie Eric Hobsbawm es nannte.

In der Danksagung des Buchs kommt zum Ausdruck, dass Münkler die Zeit von einem Jahr für die Arbeit am Buch dem „Opus-magnum-Stipendium“ der Thyssen- und der VW-Stiftung verdankt. Er dankt aber auch seiner Großmutter, die ihm als Kind viel von ihrem Verlobten erzählte, der 1917 in Galizien gefallen war: „Durch ihre Erzählungen stand mir dieser eine Soldat des Großen Krieges damals vor Augen; während der Arbeit an dem Buch ist er in meine Erinnerung zurückgekehrt und hat mir so manches Mal über die Schulter geschaut. So ist meine Großmutter Luise, die von 1882 bis 1984 gelebt hat, zum Bindeglied zwischen mir und den beschriebenen Ereignissen und Entwicklungen geworden. Für sie war dieser Krieg, wie für Millionen andere, ein furchtbares Unglück.“

Herfried Münkler, Der Grosse Krieg. Die Welt 1914 – 1918, Rowohlt Berlin 2013


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Kurzprofil

Dr. Siegfried Sunnus
Geboren 1941 in Memel (Klaipeda)
Pfarrer i. R.
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