Deutscher Gewerkschaftsbund

12.05.2014

Berufsbedingte Migrationsbereitschaft in Europa

Jenseits vom Nutzenkalkül

Arbeitsbedingte, grenzüberschreitende Migration reicht weit vor das 21. Jahrhundert zurück. Damals wie heute verlassen unzählige Menschen ihr Heimatland mit dem Ziel ihre Lebensumstände zu verbessern. Arbeitsmigration wird klassischerweise mit wirtschaftlichen Disparitäten zwischen Regionen und den damit verbundenen unterschiedlichen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt zu partizipieren erklärt (u.a. Blau/Duncan 1967). Dieser einfache Wirkzusammenhang genügt jedoch nicht, um immer facettenreichere Migrationsprozesse verstehen zu können. Während in den 1960er Jahren vorwiegend Personen mit niedriger Qualifizierung migriert sind, sind es in den letzten Jahren zunehmend Hochqualifizierte. Auch die Migrationsrichtungen und -formen sind vielfältiger geworden (Verwiebe 2006, 302). Migrantinnen und Migranten können sich beispielsweise entweder permanent umsiedeln oder auch nur vorrübergehend im Ausland aufhalten und weiterhin die Verbindung zum Herkunftsland pflegen (Fassmann 2003, 429).

Zu dieser Veränderung von Migrationsprozessen tragen eine verstärkte Internationalisierung von Produktionsprozessen sowie zunehmend integrierte Märkte auf globaler und europäischer Ebene bei (Fassmann 2003, 448). Der europäische Binnenmarkt zeichnet sich durch langfristige, historisch gewachsene Bindungen untereinander aus, was sich in einer zunehmenden Verflechtung der einzelnen Staaten Europas und der Entwicklung der Europäischen Union manifestiert hat. Die Mitgliedsstaaten unterliegen einem gemeinsamen Set an politischen und normativen Regelungen, was günstige Rahmenbedingungen zur innereuropäischen Migration darstellt. Mit den verbesserten Bedingungen geht auch ein Wandel von Normen einher: Mobile Handlungs- und Lebensstile werden als immer selbstverständlicher angesehen (Mau 2007, 56) und als erstrebenswert eingeschätzt (Ong 2005).

Die geringe Arbeitskraftmobilität in Europa

Obwohl EU-Bürger mit dieser Verhaltensanforderung konfrontiert sind, die Rahmenbedingungen in der EU einen einheitlichen Arbeitsmarkt geschaffen haben und nach wie vor ein ökonomisches Ungleichgewicht zwischen den Mitgliedsstaaten zu verzeichnen ist, ist die EU-interne, grenzüberschreitende Mobilität gering. Der Europäischen Kommission zufolge stammen 2,5% der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union (EU-17) im Jahr 2010 aus jeweils anderen Mitgliedsstaaten (Vasileva 2011). Beispielhaft hat sich die Sesshaftigkeit der Europäer an der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 gezeigt, bei der die erwarteten großen Migrationsströme ausblieben.

Dies verdeutlicht, dass ungleiche Lebensbedingungen in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht alleine nicht zur Erklärung grenzüberschreitender Wanderungsprozesse ausreichen. Es muss ebenso die persönliche Situation der Menschen und ihr kulturelles Umfeld in den Blick genommen werden. Die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Migration hängt also davon ab, wie strukturelle Faktoren, individuelle Ressourcen, Kenntnisse und Einstellungen zusammenhängen.

Von einer Migrationsbereitschaft kann aber nicht direkt auf einen Auslandsumzug geschlossen werden. Dennoch stellt sie in Anbetracht einer erhöhten Nachfrage nach migrationsbereiten Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt (Pries 2010) einen wichtigen Aspekt dar. Zum einen fungiert sie als maßgeblicher Indikator für eine potentielle Migration in der Zukunft; zum anderen kann sie als Reaktion auf gesellschaftliche Erwartungen gedeutet werden.

Wodurch wird Migrationsbereitschaft beeinflusst?

In unserer Untersuchung gehen wir der Frage nach, wodurch die berufsbedingte Migrationsbereitschaft von Personen beeinflusst wird. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass potentielle Migranten die Vor- und Nachteile vergleichen, die bei einem Auslandsumzug entstehen würden. Entsprechend sind sie eher bereit zu einem Auslandsumzug, wenn die Vorteile gegenüber den Nachteilen überwiegen. Je nach Lebensphase kann sich diese Abwägung verändern (Hofmeister/Schneider 2010, 344-354). Wenn eine Person beispielsweise ein Kind bekommt, kann dies die Bewertung eines Auslandsumzugs verändern, da eine räumliche Trennung von der Familie in der neuen Situation eher als Belastung wahrgenommen werden kann als es ohne Kind wäre.

Daher betrachten wir in unserer Untersuchung neben Merkmalen wie Alter und Geschlecht, auch individuelle Lebensumstände, sowie Einstellungen der Befragten. Wir beziehen uns dabei auf fünf EU-Länder (Deutschland, Frankreich, Spanien, Schweiz und Polen) und benutzen Daten aus dem EU-finanzierten Forschungsprojekt „Job Mobilities and Family Lives in Europe“ (Schneider/Meil 2008). Im Rahmen des Projekts haben 4171 Personen im Alter von 25 bis 54 Jahren die folgende Frage beantwortet: „Um eine bessere Arbeit zu bekommen oder für einen beruflichen Aufstieg, … wären Sie dafür bereit, ins Ausland zu ziehen?“ Insgesamt gaben 40 % aller Befragten an, dass sie dazu bereit wären. In Deutschland ist der Anteil mit 48% am höchsten, in Spanien ist er mit 28% am niedrigsten. Zwischen diesen Werten liegen Polen mit 42%, die Schweiz mit 38% und Frankreich mit 37%.

Förderliche Merkmale für Migrationsbereitschaft - länderübergreifend

Die Bereitschaft zu arbeitsbedingter Migration steht im Zusammenhang mit anderen persönlichen Merkmalen. Bei der Betrachtung aller Personen unabhängig von ihrem Herkunftsland haben wir herausgefunden, dass die Bereitschaft, berufsbedingt ins Ausland zu ziehen unter sonst gleichen Bedingungen

  • bei Frauen niedriger ist als bei Männern,

  • mit steigendem Alter abnimmt,

  • bei Akademikern höher ist, als bei Personen mit einem niedrigeren Schulabschluss,

  • bei migrationserfahrenen Menschen höher ist, als bei Personen, die noch nie im Ausland gelebt haben,

  • mit steigender Anzahl gesprochener Sprachen zunimmt,

  • bei Personen, deren Freundschaftsnetzwerk verstreut ist, höher ist als bei Menschen, deren Freunde in der Nähe wohnen,

  • mit steigender Verbundenheit zum Erhebungsland sowie zum Wohnort abnimmt,

  • bei berufsorientierten Personen höher ist als bei familienorientierten und

  • bei Menschen, die sich manchmal bis sehr oft einsam fühlen höher ist als bei Personen, die nie bis selten ein Gefühl von Einsamkeit haben.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass Merkmale, die es erleichtern, sich in ein anderes Land zu integrieren, sich grundsätzlich förderlich auf die Migrationsbereitschaft auswirken. Eine Verbundenheit auf räumlicher, emotionaler und sozialer Ebene hingegen hemmt diese. Die Verbundenheit zum Wohnort und zum Aufenthaltsland spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dieser Befund steht im Einklang mit bisherigen Ergebnissen des Jobmobility-Projektes, wo sich die hohe Bedeutung von Ortsgebundenheit beispielsweise in der starken Verbreitung von Berufspendlern äußert (Schneider/Meil 2008).

Wie sich die Verbundenheit konkret ausgestaltet, ist von Land zu Land unterschiedlich. So sind beispielsweise in Deutschland der Besitz von Wohneigentum sowie die Verortung des Freundschaftsnetzwerks von zentraler Bedeutung. In Spanien und Polen äußert sich die Relevanz von Verbundenheit wiederum darin, dass Personen, die durch eine Partnerschaft emotional verbunden sind, eine geringere Bereitschaft aufweisen als Singles. In Frankreich stellt Migrationserfahrung als integrationsförderndes Merkmal einen wichtigen Bestimmungsfaktor für eine erhöhte Migrationsbereitschaft dar.

Nicht einzelne Merkmale von Personen sind entscheidend –die Kombination macht‘s

Personen können ihre örtliche und soziale Einbettung auch mit anderen Fähigkeiten und Eigenschaften kompensieren. So sind zum Beispiel Franzosen, die sowohl stark zum Wohnort als auch zum Erhebungsland verbunden sind, eher migrationsbereit, wenn sie mehrere Sprachen beherrschen und somit über kulturelles Kapital verfügen.

Die Bereitschaft eines Individuums ist nicht als statisches Konzept zu betrachten, sondern von Faktoren abhängig, die permanent einem potentiellen Wandel ausgesetzt sind, sowohl auf individueller Ebene (z.B. Partnerschaftsstatus, Elternschaft, berufliche Position, Fürsorgeverpflichtungen etc.), als auch auf struktureller (wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen etc.). Zudem können sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen und machen so das Bild von Migrationsbereitschaft und deren Umsetzung umso komplexer.

Viele sind bereit, aber nur wenige migrieren tatsächlich

Obwohl die EU einen geteilten Werte-Raum darstellt, spielt der kulturelle und nationale Kontext der Individuen weiterhin eine Rolle. Trotz einer tendenziell hohen Migrationsbereitschaft in den untersuchten Ländern lassen unsere Befunde auf keine einheitliche Tendenz zur Europäisierung und Entgrenzung nationalstaatlicher Grenzen schließen. Dieses Ergebnis mag auch ein Grund für die vergleichsweise geringe Anzahl realisierter Auslandsumzüge innerhalb Europas von 2% sein. Eine weitere Erklärung könnte im Fernpendeln liegen. Pendeln über Landesgrenzen hinaus stellt eine Möglichkeit dar, trotz einer starken Heimatverbundenheit den Mobilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes nachkommen zu können.

Die relativ hohe Bereitschaft zu einem Auslandsumzug von 40% könnte als Antwort auf die gesellschaftliche Norm interpretiert werden. Verschärft ausgedrückt könnte sie auch auf Ängste verweisen, ohne Mobilitätsbereitschaft aus einer stabilen Beschäftigung herauszufallen. Sie könnte aber auch eine steigende Offenheit gegenüber einem nationalstaatlich entgrenzten Arbeitsmarkt signalisieren und so gedeutet werden, dass Personen einen beruflich bedingten Umzug ins Ausland als realistische Option wahrnehmen. Nicht jeder Arbeitgeber bietet die Möglichkeit im Ausland zu arbeiten. Außerdem kann das individuelle Bedürfnis nach Stabilität, Nähe und Intimität von Menschen im Weg stehen (Schneider 2005, 93). Zu einer Umsetzung der Migration bedarf es allerdings zunächst einmal der Chance dazu.

 

Literatur

Blau, Peter M., Duncan, Otis Dudley (1967): The American occupational structure, New York

Fassmann, Heinz (2003): Transnationale Mobilität. Konzeption und Fallbeispiel. SWS-Rundschau 4/43, 429–449

Hofmeister Heather, Schneider, Norbert F (2010): Job Mobilities in Europe: Core Findings, Policy Implications and Future Outlook; In: Schneider, Norbert F., Collet, Beate (Hg:) Causes and consequences of job-related spatial mobility in cross-national comparison. Opladen, 337–356

Mau, Steffen (2007): Transnationale Vergesellschaftung. Die Entgrenzung sozialer Lebenswelten. Frankfurt a. M./New York

Ong, Aihwa (2005): Flexible Staatsbürgerschaften. Die kulturelle Logik von Transnationalität; Frankfurt am Main

Pries, Ludger (2010): Internationalisierung von Arbeitsmobilität durch Arbeitsmigration; In: Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden, 729–747

Schneider, Norbert F. 2005: Einführung: Mobilität und Familie. Wie Globalisierung die Menschen bewegt; in: Zeitschrift für Familienforschung, 17, 2, 90-95

Schneider, Norbert F, Meil, Gerardo (2008): Mobile living across Europe, Opladen

Vasileva, Katya (2011): Population and social conditions; Eurostat. Statistics in focus. 34/2011, unter:

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-SF-11-034/EN/KS-SF-11-034-EN.PDF

Verwiebe, Roland (2006): Transnationale Mobilität innerhalb Europas und soziale Ungleichheit. In: Die Europäisierung sozialer Ungleichheit : zur transnationalen Klassen- und Sozialstrukturanalyse; Frankfurt/Main, 155–186


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Kurzprofil

Prof. Dr. Heather Hofmeister
Professorin für Arbeitssoziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
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Lena Hünefeld
Geboren am 05.06.1984 in Dortmund
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
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Celina Proch
Geboren am 17.09.1980 in Bydgoszcz / Polen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
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