Deutscher Gewerkschaftsbund

30.06.2014

Der Epochenkapitalismus

Rezension über: Wolfgang Krumbein, Julian Fricke, Fritz Hellmer, Hauke Oelschlägel; Finanzmarktkapitalismus? Zur Kritik einer gängigen Kriseninterpretation und Zeitdiagnose; Marburg, Metropolis 2014; ISBN 978-3-7316-1056-4

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass sich der zeitgenössische Kapitalismus nicht gerade in blendender Verfassung darstellt. Gleiches gilt für die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft. Die Nobelpreis-Verleihung an Eugene Fama und Robert Shiller im letzten Jahr, zwei Vertretern nahezu paradigmatisch entgegengesetzter ökonomischer Weltbilder in Bezug auf die Funktionsweise der Finanzmärkte, markiert diese Verunsicherung deutlich. Eigentlich ist das eine gute Situation für heterodoxe Ansätze in der Wirtschaftswissenschaft, sich konzeptionell neu zu artikulieren. Auch für Gewerkschaften scheint es geboten, den Kapitalismus wieder stärker zu hinterfragen, so fordern es zumindest einige diskussionsstarke Funktionäre[1]. Wie sieht es nun aber in der Wissenschaft aus? Gerade in Deutschland, wo lange Zeit eine deutungsstarke linke, am Marxismus orientierte wissenschaftliche Community existierte. Einige Antworten auf diese Fragen gibt es im Buch „Finanzmarktkapitalismus?“ von Wolfgang Krumbein, Julian Fricke, Fritz Hellmer und Hauke Oelschlägel. Es sind Antworten, die vielleicht nicht allen gefallen werden. Jedenfalls denen nicht, die sich der Finanzkapitalismus-These als vorherrschende historische Epoche verschrieben haben, wie namhafte kritische Sozialwissenschaftler von Elmar Altvater, Joachim Bischoff, Thomas Sablowski bis hin zu Paul Windolf.

Das Autorenteam seziert diese Epochen-Analysen des Finanzkapitalismus auf zwei Ebenen: Auf einer theoretischen Ebene wird zum einen die Fragwürdigkeit im Hinblick auf eine Phasen- bzw. Formationstheorie des Kapitalismus diskutiert. Zum anderen geht es um die konkrete Zeitdiagnose eines Finanz(markt)kapitalismus bzw. eines finanzdominierten Akkumulationsregimes (in Hinblick auf die Regulationstheorie).

Drei Phänomene, neu oder alt?

Die AutorInnen untersuchen in empirischen Teilen drei Indikatoren, die zentral für die von ihnen kritisierten kapitalismustheoretischen Ansätze stehen: die Entwicklung der Aktienmärkte, der Derivatemärkte sowie der weltweiten Finanzvermögen. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Finanzmärkte sich weder verselbstständigt haben, wie es eine Variante des Finanzkapitalismustheorems vielfach behauptet, noch dass – gewissermaßen die entgegengesetzte These - die Finanzmärkte mit der Realwirtschaft (Industrie und Dienstleistung) wertschöpfend interagieren. Ausgehend von dieser Diagnose wird die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/10 dann auch im Wesentlichen als eine Krise der Realwirtschaft gedeutet, die allerdings mit einer Finanz- und Bankenkrise in den kapitalistischen Zentren Nordamerikas, Ostasien und Europas einhergeht.

Die AutorInnen belegen außerdem, dass die Entwicklungen in den einzelnen Volkswirtschaften selten parallel und synchron verlaufen, wie es bei einer eigenständigen historischen Formation des Finanzkapitalismus vorausgesetzt wäre bzw. von ihren Protagonisten angenommen wird. Grundsätzlich ist es das Verdienst dieser Studie, das sie sich auf eine ausführliche Diskussion der empirischen Indikatoren, die als Belege für ein neues Stadium kapitalistischer Vergesellschaftung angeführt werden, einlässt. Bei der zufälligen Durchsicht der kritisierten Arbeiten erweist sich gerade das auch als der weitverbreitete Schwachpunkt[2]. Es hat also etwas von einer „großen Erzählung“, wenn ausgehend von liberalisierten Kapitalmärkten, dem Machtgewinn institutioneller Anleger über Shareholder Value- Konzepte bis tief hinein in den unmittelbaren Produktionsprozess die angeblich strukturierende Logik des Finanzkapitalismus verfolgt wird. Die berühmten zwanzig Prozent Eigenkapitalrendite, die Josef Ackermann als Zielgröße anpeilte, und die kaum in einer Untersuchung fehlen darf, verrät denn auch mehr über die ökonomietheoretische Kompetenz der Zitierenden, als über den Charakter des Systems. Und schon gar nicht darüber, wie und womit etwa Banken in den „roaring zeroes“ und zuvor ihr Geld verdienten.

Finanzen, gestern und heute

Die Stärke der Studie liegt in dem Teil, wo sich das Autorenteam auf die empirische Prüfung der Hauptindikatoren der Finanzkapitalismustheoretiker konzentriert. Hier liegt aber zugleich auch ihre Schwäche. Dies wird deutlich in dem präsentierten Alternativbegriff der Finanzialisierung als zeitdiagnostisch angemesseneren Begriff. Er soll das gewachsene Maß monetärer Durchdringung der Gesellschaft (Stichwort: Altersvorsorge), des Staates („Politik-Finanzialisierung“), nebst dem Zugewinn an Marktkoordinierung im Unternehmensbereich („Profit- und Kontrollfinanzialisierung“) – im Vergleich zu traditionellen Organisationsmodellen - zum Ausdruck bringen.

Implizit begeben sich die AutorInnen damit auf die Argumentationsebene des kritisierten Paradigmas. So etwa als gäbe es eher einen „Produktionskapitalismus“ (vulgo: die Profitwirtschaft), nur mit diversen monetären Akzidenzien. Wie das von ihnen ins Zentrum der Kritik gerückte Paradigma, umschiffen auch sie die etwas anspruchsvollere theoretische Frage nach den Funktions- und Entwicklungsmechanismen einer kapitalistischen Ökonomie als monetärer Produktionswirtschaft. Nur am Rande erscheinen die Zentralbanken, die verschuldeten „Fiskal“-staaten, das globalisierte Bankensystem, die ausdifferenzierten Finanzmärkte und deren Eigenlogiken als Systemmerkmale. Das ist übrigens auch bei vielen Finanzkapitalismustheoretikern der Fall. Es rührt wohl daher, dass nicht alle Phänomene in die historische Formation einer politökonomischen Analyse passen, wie etwa die überragende Bedeutung der Zentralbank, obgleich viele marxistisch inspirierte Studien der letzten Jahrzehnte den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den Siebzigern, der Brechung der Stagflation in den Achtzigern, die darauf folgenden unterschiedlichen Weltwährungskonstellationen und –krisen thematisierten und als Handlungsrestriktionen nationalstaatlicher Steuerungskompetenz verorten.

Der ewige Fordismus

Die „Formationstheorie“ ist aber nach wie vor von der Wirkung des plausiblen Paradigmas der „Krisenmomente des Fordismus“ gekennzeichnet und kommt darüber nicht hinaus. Fünfzig Jahre nach „Spätkapitalismus“ (!) und nahezu dreißig Jahre nach dem Beginn des Postfordismus (?) ist es mehr als berechtigt, Vorsicht obwalten zu lassen, bei der Generierung „neuer Neologismen“. V.a. sollten sie länger als ein bis zwei Konjunkturzyklen Bestand haben und sie sollten typisierend mehr abdecken als ein paar Regionen und Unternehmensführungskonzepte und Organisationsweisen von Teilmärkten (wie etwa konkurrierende Variety-of-Capitalism-Theorien). Insofern besteht also weiterer – um nicht zu sagen: grundlegender - Forschungsbedarf, vornehmlich im Feld der Geldtheorie und –Politik.[3]

Im fünften Kapitel gehen die AutorInnen sehr orthodox vor und referieren und sezieren Fragen der Merkmalshierarchisierung und deren Begründungen. Auch hier steht die Finanzkapitalismustheorie im Mittelpunkt des Interesses. Kritisch wird gefragt, ob jener in struktureller, zeitlicher und räumlicher Hinsicht der analytische Blick auf die Empirie gelingt, oder vielmehr die empirische Vielfalt „gewaltsam“ einebnet. Es überrascht kaum, dass die AutorInnen zum Schluss kommen, dass in den „Formationsansätzen“ die Theorie und Empirie nicht nur nicht zusammenfinden, sondern ein – auch retrospektiv - eher trügerisches Bild der Realität vermitteln. Die Eule der Minerva hat also noch nicht ihren Flug begonnen, obwohl die Zeit ihr Grau in Grau bereits gemalt hat.

Der eher spekulative Ausklang des Buchs – es werden vier Zukunftsszenarien skizziert und der Frage nachgegangen, ob denn nun die Krise 2008/10 eine „große Krise“ des Kapitalismus sei - soll hier nicht erörtert werden, denn die Autoren vermerken zurecht, dass dies nun wirklich erst im Nachhinein zu beurteilen sei, nämlich dann, wenn im Zuge gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen sich ein neues Regulierungsmodell, ein anderer Modus kapitalistischer Vergesellschaftung als jener des durch neoliberale Leitbilder geprägten, durchsetze.

Im Gegensatz zu vielen anderen kritischen Intellektuellen, sind sie aber realistisch und offen genug, auch dem neoliberalen Paradigma nicht nur eine Deutungs- sondern eine Problemlösungskompetenz zuzubilligen. Wie dieses Regulierungsmodell aussieht, dass behandeln sie allerdings nicht mehr auf einer theoretischen Ebene. Das ist angesichts der von den AutorInnen offengelegten Schwierigkeiten einer kritischen Kapitalismustheorie mehr als nur ein weiterer sanfter Hinweis auf die derzeitige Schwäche der marxistischen Ökonomietheorie.



[1] Hans Jürgen Urban: Gewerkschaften und Kapitalismuskritik, in: Z 92

[2] So auch Herbert Panzer: Regimedominierte Zahlenakkumulation – vom Umgang mit ökonomischen Kategorien und ihren Größen, in: Prokla 172.

[3] Es verwundert, dass nirgends  theoriekritisch Bezug auf Stefan Krügers voluminöse Studie „Politische Ökonomie des Geldes“, Hamburg 2012, genommen wird. An ihr könnte möglicherweise erörtert werden, welchen Problemen eine marxistische Forschungstradition ausgesetzt ist, die monetären Phänomenen – trotz mutmaßlich eher gegenteiliger Erkenntnisabsicht (?) - nur akzidentiellen Status zu verleihen in der Lage ist.


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Kurzprofil

Uwe Roßbach
Geboren 1961
Seit 1998 Geschäftsführer von "Arbeit und Leben" Thüringen
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