Deutscher Gewerkschaftsbund

28.08.2014

Marktwirtschaft statt Kapitalismus – Versuch einer Ehrenrettung

Marktwirtschaft hat in systemkritischen Kreisen einen schlechten Ruf, ebenso wie Geld und Zins, Profitstreben und Wettbewerb. Aus diesem Misstrauen resultieren eine Vielzahl von Vorschlägen und Initiativen, wie unser Wirtschaftssystem umzubauen sei. Viele dieser Vorschläge bewegen sich um das klassische Verhältnis von Moral und Ökonomie.

Allerdings haben wir nicht in erster Linie ein moralisches Problem, sondern ein ökonomisches, und ein relativ schlichtes dazu. Marktwirtschaft ist meines Erachtens die beste Wirtschaftsform, die es gibt, Geld eine soziale Errungenschaft ersten Ranges, Zins eine ökonomische Notwendigkeit und Kooperation nicht notwendig besser als Konkurrenz. Marktwirtschaft kann ein sehr menschliches, einfaches und robustes System sozioökonomischer Beziehungen sein. Allerdings haben wir derzeit keine Marktwirtschaft, sondern puren Kapitalismus.

Marktstand

Francesca Schellhaas / photocase.com

Was den einen wie Wortklauberei erscheint, war für viele Kritiker des Kapitalismus wie Fernand Braudel, Herman Daly oder Gerhard Scherhorn nie ein Thema: Natürlich sind Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht das Gleiche. Was könnte eine echte Marktwirtschaft bedeuten, wenn wir ihre Grundgedanken wirklich ernst nehmen würden? Und warum wäre sie dann die beste aller ökonomischen Welten?

Die Landkarte der Systemkritik

Der privatwirtschaftlichen Marktwirtschaft wird besondere Effizienz unterstellt: Mit geringem Aufwand sorgen die Mechanismen von Angebot und Nachfrage, Geld und Preis, Kapital und Zins für die optimale Verteilung der knappen Ressourcen wie Rohstoffe, Kapital und Arbeitskraft, so dass es keine andere Verteilung gibt, welche die Menschen noch besser stellen würde. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht erfahrungsgemäß anders aus: Soziale Ungerechtigkeit, ökologischer Raubbau, entfremdete Arbeit, Lobbyismus, Korruption und Gier sind nur einige der wahrgenommenen Schattenseiten der Ökonomie, und viele machen gerade das System der Marktwirtschaft mit seinem privaten Eigentum und individuellen Gewinnstreben dafür verantwortlich.

In der Systemkritik kann man mehrere „große“ Positionen gemäß ihrer Annahme über die Webfehler des Kapitalismus’ unterscheiden. Die angebotenen Lösungsvorschläge unterscheiden sich in ihrer Radikalität und Marktnähe oder ­ferne, wobei der größte Teil der Vorschläge explizit darauf ausgerichtet ist, die „normale“ ökonomische Marktlogik auszuhebeln. Verschiedene Positionen schließen sich dabei nicht aus.

  • Die Kritik am privatwirtschaftlichen Eigentum

  • Die Kritik am Geldsystem

  • Die Kritik an der gesellschaftlichen Verteilung der Gewinne

  • Die Kritik an nationalen Grenzen angesichts einer globalisierten Wirtschaft

  • Die Kritik an der rein monetären wirtschaftlichen Erfolgsmessung, sowohl auf der Ebene des Unternehmens als auch der ganzen Volkswirtschaft

  • Die Kritik an „Anreiz“-Strukturen, die Verantwortungslosigkeit begünstigen

Wer hat nun Recht? Häufig wird die Pluralität der Debatte betont, und die meisten derjenigen Autoren, die sich nicht dogmatisch auf eine Position festgelegt haben, gehen von einem multiplen Versagen des Kapitalismus aus. Meines Erachtens gibt es allen Grund, die Systemkritik ihrerseits einer Kritik zu unterziehen, insbesondere diejenigen Positionen, die Eigentum, Geld oder Markt grundsätzlich in Frage stellen, als sei alles falsch gewesen, was sich in den letzten 12.000 Jahren ereignet habe. Ich bin überzeugt, dass Märkte, Geld und Zins, Gewinnstreben und Wettbewerb etwas völlig Natürliches sind in dem Sinne, dass sie unserer mentalen Struktur entsprechen. Die Frage, die allerdings beantwortet werden muss, lautet: Wieso ist das Ganze dann so dermaßen aus dem Ruder gelaufen? Tatsächlich tragen viele Gründe zum derzeitigen Desaster bei. Allerdings sollten diese Gründe unterschieden werden in Gründe erster und zweiter Ordnung. Oder anders gesagt: Es gibt einen Hauptwiderspruch, und daraus folgen eine ganze Reihe Nebenwidersprüche. Die bisherige Debatte hat den Hauptwiderspruch nicht erkannt und stattdessen die Nebenwidersprüche thematisiert.

Ein Schlüsselthema ist der Konsum. Ich sehe einen gesellschaftlichen Zwangsmechanismus, einen sogenannten Lock-in, in welchem sich alle Beteiligten gegenseitig unter Druck setzen, an der Wettbewerbsgesellschaft weiter teilzunehmen. Die Konsumenten befinden sich in einer ganz ähnlichen Wettbewerbssituation wie die Unternehmer, nur dass ihre Zwangslage selten als solche wahrgenommen wird. Produzenten und Konsumenten kaufen beständig (und begeistert) Produkte, die ihre Arbeit und ihr Leben effizienter machen – beim Konsumenten spricht man meistens von Lebensstandard. Er wird immer bequemer oder findet etwas praktisch. Aber alle werden immer effizienter, und diese höhere Effizienz hat durchschlagende Verteilungsfolgen, denen sich keiner entziehen kann. An diesem Teufelskreis der Moderne sind meines Erachtens im Wesentlichen drei Mechanismen beteiligt.

Erstens: Effizienzkonsum

Produzenten und Konsumenten streben prinzipiell das Gleiche an: Erhöhung ihres Umsatzes, vor allem aber Kostensenkung, und zwar durch Automatisierung, durch Standardisierung und Abnahme großer Mengen. Ein Haushalt automatisiert beispielsweise das Wäschewaschen. Die Standardisierung und Abnahme großer Mengen erfolgen über ALDI, OBI und IKEA, der Kostendruck auf die Lieferanten wird über Schnäppchenjagd, Sonderpreise und Suchmaschinen erzeugt, Outsourcing wird vorgenommen über Tagesmütter, Tiefkühlkost und Transportdienste. Es gibt keinen guten Grund, Produzenten und Konsumenten hier prinzipiell zu unterscheiden.

Als Voraussetzung dafür müssen Konsumenten bestimmte Produkte nutzen, die sie zeitlich entlasten, flexibler machen und Zugangsmöglichkeiten verschaffen: Waschmaschine, Auto, Computer, Smartphone sind die Hardware, welche die Nutzung von facebook, ebay, Paypal, amazon und Online-Banking ermöglichen. Der entscheidende Punkt ist: Die Nutzung dieser Produkte wird zunehmend von außen eingefordert. Sie werden der Standard, den alle erwarten, sie definieren die gesellschaftlichen Schnittstellen. Wer diese Standards und Netzwerke nicht nutzt, gerät in Legitimationsnot, steht abseits – und zahlt zunehmend höhere Preise. Denn die Kosten der Verweigerung steigen rasant, und irgendwann werden „traditionelle“ Produkte und Verkaufswege eingestellt oder zur teuren Nische. Dem Wachstumszwang der Wirtschaft entspricht ein Wachstumszwang im Privaten. All diese Produkte werden zu Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Wer beispielsweise Zeitschriftenartikel über die Mobilität der Zukunft liest, wird bemerken, dass das Smartphone in allen diesen Konzepten eine zentrale Rolle spielt: Für die Verfügbarkeitsprüfung, die Buchung, die spätere Abrechnung. Studenten berichten von Professoren, die zusätzliche Unterlagen zur Vorlesung nur noch bei facebook einstellen. Wer zur Nutzung dieser Produkte nur sagt: „Das muss jeder selbst entscheiden“, der übersieht den sozialen und auch ökonomischen Druck, der dadurch ausgeübt wird.

Dieser von mir so genannte „Effizienzkonsum“ hat nicht-intendierte Nebeneffekte. Zum einen gibt es eine Rückkopplung auf der Anbieterseite. Erst der moderne Lebensstil hat weitere Spezialisierungen und Innovationen in der Industrie in Reichweite gebracht. Immer kleinere Firmen können immer spezieller qualifizierte Mitarbeiter aus einem weiteren Umkreis als früher anziehen, sie können preiswerte Grundstücke abseits der Siedlungen nutzen, und für eine neue Arbeitsstelle kann man auch mal mit dem ICE in eine andere Stadt pendeln. Das Internet ermöglicht ganz neue Vertriebs- und Arbeitswege. Industrie und Handel reagieren auf die zunehmende Individualisierung und Technisierung der Gesellschaft mit weiteren Verfeinerungen der Wertschöpfungsketten, die ihrerseits wieder bestimmte effizientere Alltagstechnologien erst begünstigen, später einfordern.

Die andere Rückkopplung findet im eigenen Alltag statt. Je effizienter wir werden, desto höher wird der Zeitdruck, weil wir alle Zeitpuffer des Alltags nach und nach abschaffen. Ehemals „unproduktiv“ verbrachte Wartezeiten, Fahrzeiten oder auch langweilige Sitzungen können mittlerweile nahtlos beruflich und privat genutzt werden. Das ist der Beschleunigungszirkel, wie ihn der Zeit-Soziologe Hartmut Rosa beschreibt. Wir leben heute buchstäblich „mehr“ in unserer Lebensspanne. Zwar ist der Zeitgewinn durch Technik nicht zwingend, es gibt durchaus auch einen sogenannten „Zeit-Rebound“. Aber der Gesamtnutzen scheint überragend zu sein, wie die schnellen Wachstumsraten all dieser Produkte zeigen. Wir versuchen ebenso verzweifelt wie begeistert, immer weitere private Produktivitätslücken zu schließen, um ökonomisch und sozial mithalten zu können.

Zweitens: Wettbewerbsvorteile durch Ressourcenverbrauch

Die größten Effizienzsprünge werden durch sogenannte Basis-Innovationen erzeugt: Dampfmaschine, Elektrifizierung, Verbrennungsmotor, Mikroelektronik – um nur einige zu nennen. Der überragende Effizienzgewinn, den diese Technologien ermöglichen, führt sehr schnell zu ihrer Verbreitung. Doch was passiert an dieser Stelle eigentlich ökonomisch, im Sinne der Erbringung einer Marktleistung? Wer genau erbringt bei einer Innovation dieses Mehr an ökonomischer Leistung? Die meisten behaupten, dass von genialen Menschen eine Innovationsleistung erbracht und auf dem Markt verkauft wird. Doch tatsächlich steckt etwas Größeres dahinter, und es hat viel weniger mit selbst erbrachter Leistung zu tun, als wir das gemeinhin annehmen.

Der Ge- und Verbrauch natürlicher Ressourcen ist der Dreh- und Angelpunkt der Ökonomie schlechthin, weil er dem Menschen ermöglicht, sein eigenes Leistungsspektrum zu erweitern – physisch und mental. Man kann das mit dem normativen Begriff „Fortschritt“ belegen, man kann diesen Fortschritt aber auch ganz nüchtern als ökonomische Leistung analysieren, „strikt positiv ökonomisch“ (Karl Homann): Zunächst einmal liegt hier eine exogene Leistungsförderung vor, die eine Tätigkeit erleichtert oder erst ermöglicht.

Der Nutzer greift zum leistungsfähigeren Produkt, weil der Produzent ihm damit ein Angebot macht, welches er unter Zeit- und Kostengesichtspunkten gar nicht ablehnen kann. Der Wettbewerbsvorteil der Produzenten besteht darin, dass ihre Produkte in der Lage sind, originär biologische Arbeitsleistung auf Maschinen zu verlagern. Deren Arbeitsleistung wird praktisch „kostenlos“ erbracht: Ein Liter Erdöl, ein Halbleiter-Chip, ein Stück Eisenbahnschiene müssen während ihrer Nutzungsdauer nicht entlohnt werden. Es fallen lediglich die Beschaffungskosten an, häufig nur ein Bruchteil dessen, was das Material ökonomisch zu leisten vermag. Dies ermöglicht es den Produzenten, die ökonomische Leistungsfähigkeit von Produkten zu steigern, ohne den Preis auch nur annähernd in gleichem Maße erhöhen zu müssen, und genau das ist jene berühmt-berüchtigte „Wettbewerbsfähigkeit“.

Leider hat unser gesellschaftlich akzeptierter Verteilungsmechanismus für Einkommen damit nicht Schritt gehalten. Der größte Teil ökonomischer Leistung wird heute durch Materialnutzung und Verbrauch erbracht, die damit verbundenen Einkommen gehen jedoch an diejenigen Menschen, die (mehr oder weniger zufällig) diese Leistung am Markt zur Verfügung stellen. Wir haben ein systematisches (und zunehmendes) Auseinanderfallen von Leistungserbringung und Leistungszuschreibung. Die menschliche Leistung wird über-, die materiale Leistung unterbewertet. Diese prinzipielle (und uralte) Diskrepanz zwischen der ökonomischen Wertschöpfung und dem gesellschaftlichen Verteilungsmechanismus bestand im Grunde „schon immer“. Neu ist die massive Schieflage seit dem Beginn der Industriellen Moderne, die mit jeder technischen Basis-Innovation und der Nutzung der fossilen Energierohstoffe sprunghaft zugenommen hat. Wir können mit dem „Schneller, höher, weiter“ nicht aufhören, weil wir nicht aufhören, riesige Mengen von Material neu in den Kreislauf einzuspeisen und in Leistung umzuwandeln, die wir zu einem Bruchteil ihres Wertes am Markt anbieten können.

Arbeitslosigkeit auf der Basis technischen Fortschritts ist so gesehen weder Schicksal noch „natürlich“. Intuitiv ahnten dies verschiedene Generationen von Maschinenstürmern, die durch Vernichtung der verhassten Automaten die Schumpeter’sche „Schöpferische Zerstörung“ aufzuhalten versuchten, da diese Innovationen sie zu sozialen Verlierern machte. Stets wurde jedoch von der Mehrheit (vorübergehende) Arbeitslosigkeit als „Kollateralschaden“ wirtschaftlicher Entwicklung akzeptiert. Letztlich wurde in den Industriegesellschaften dieses Dilemma nie gelöst, sondern stets durch Wirtschaftswachstum umgangen – eine „Lösung“, die heute an ihre Grenzen stößt.

Drittens: Vermögenskonzentration

Die dritte Zutat zur Wachstumsgesellschaft ist Vermögenskonzentration, also große Unternehmen und Konzerne, aber auch große Privatvermögen. Durch das Wachstum einzelner erfolgreicher Unternehmen, über Fusionen und Beteiligungen entstehen im Laufe der Zeit große wirtschaftliche Strukturen, meist als Kapitalgesellschaften organisiert, die unter einer einheitlichen Kontrolle stehen. Nach einer Studie der ETH Zürich von 2011 werden 40 % der internationalen Unternehmen weltweit durch nur 147 Konzerne kontrolliert (Vitali et al. 2011). In der freien Wirtschaft ist unbegrenzte Machtkonzentration nicht nur akzeptiert, sondern Ausdruck wirtschaftlichen Erfolges und höherer Effizienz. Wenn solche Zusammenballungen wirtschaftlicher Macht heutzutage kritisch gesehen werden, dann in der Regel unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes, den große Unternehmen gerne missachten.

Jedoch sind „Große wirtschaftliche Organisationen“ (GWO) aus einer ganzen Reihe von Gründen ein quasi natürlicher Gegenpol zur Demokratie und damit zu Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Die wichtigsten Kennzeichen von GWOs sind der Gewinn an Effizienz und der Verlust an Pluralität. Eine GWO ist innerhalb der Gesellschaft eine entschlossene und gut organisierte Minderheit von Menschen, die ihre Energie auf ein gemeinsames Ziel richten. Dieses gemeinsame Ziel entwickelt eine Eigendynamik und bezieht sein Umfeld mehr und mehr mit ein. Anstatt vom Markt geformt zu werden, formt eine GWO den Markt zunehmend selbst, und aufgrund ihrer höheren Effizienz hat sie dazu auch die Mittel.

Nach außen wirkt eine solche Organisation als ökonomische Monokultur. Regional oder überregional wächst der Druck diese Organisation und ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Zulieferfirmen werden abhängig vom Auftraggeber. Im schlimmsten Falle wird das Auslastungs- und Absatzrisiko einer ganzen Industriesparte zu einer „nationalen Aufgabe“, wie im Falle Deutschlands bei der Abwrackprämie. International hat eine GWO viele Möglichkeiten, Staaten gegeneinander auszuspielen. Die Größe der GWO macht ihren Lobbyismus lohnender, ihre höhere Effizienz stellt die Mittel für ihren Lobbyismus bereit, ihre gesellschaftliche Bedeutung macht ihren Lobbyismus hoffähig. Das Interesse einer privatwirtschaftlichen Organisation wird damit zum gesellschaftlichen Interesse, mit der Bereitschaft, Kosten zu vergesellschaften und Nachhaltigkeitsziele zu ignorieren, da zusätzlicher Ressourcenverbrauch Wettbewerbsvorteile erzielt. Die Gesellschaft hat sich selbst in eine Lock-in-Situation manövriert, indem sie Größe zulasten von Pluralität und Flexibilität zugelassen hat. Der Kapitalismus ist hier nicht mehr flexibel im ursprünglichen Sinne, er hat gesellschaftliche Garantien erhalten.

Innerhalb der Organisation führen Hierarchien, der Bedeutungsverlust des Einzelnen und die hohe Spezialisierung zum Verlust von Verantwortungsgefühl. Der Sinn beginnt, sich innerhalb der Organisation zu definieren, also endogen. Es kommt es zu einer einseitigen Wahrnehmung von Fakten – kritische Fakten werden ignoriert und beschönigt, positive überbewertet. Die Organisation wird zunehmend immun gegen Kritik, weil Kritik die Identität von zu vielen Menschen in Frage stellt. Ein Geschäftsmodell wird zu einer Identitätsfrage von Mitarbeitern, Familienangehörigen, Zulieferinnen.

Hinzu kommt noch ein besonderer Effekt, die „automatische“ Konzentration von Reichtum: Ungleichheit in einer Gesellschaft tendiert zur Selbstverstärkung, weil reiche (natürliche oder juristische) Personen mehr und bessere Gelegenheiten für Handel, Investition und Spekulation haben. Die beiden französischen Physiker Jean-Philippe Bouchaud und Marc Mézard haben diese Effekte im Jahr 2000 numerisch simuliert und herausgefunden, dass unter bestimmten Bedingungen die Ungleichheit sprunghaft ansteigt und zu einer Konzentration von Vermögen in den Händen weniger führt. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat unlängst aufgezeigt, dass der Kapitalismus instabil wurde, weil die Kapitalrendite über längere Zeit höher war als die Produktivitätssteigerung. Der Finanzexperte der Grünen, Gerhard Schick, hat in seinem jüngsten Buch beschrieben, wie stark große Konzerne international verflochten sind und im Verbund mit einer willfährigen Politik Markt und Wettbewerb zu ihren Gunsten aushebeln. „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ ist die dazugehörige Volksweisheit. Mit Marktwirtschaft hat das alles nichts mehr zu tun.

Das gesellschaftliche Dilemma

Wir stehen also vor einem intelligent arrangierten gesellschaftlichen Dilemma. Indem wir zugelassen haben, dass Technologie zunehmend das meritokratische Prinzip unterläuft, ohne jedoch die gesellschaftlichen (Verteilungs­)Konsequenzen daraus zu ziehen, haben wir uns als Gesellschaft über Arbeitsplatzsicherung erpressbar gemacht. Diese Erpressbarkeit hat unsere „mentalen Infrastrukturen“ (Harald Welzer) tief durchdrungen. Aber ist wirklich „der Markt“ schuld? Verdient die Marktwirtschaft als solche diese Schuldzuweisung? Wie also könnte stattdessen eine echte Marktwirtschaft aussehen?

Ich halte nach wie vor das Leistungsprinzip „Wer mehr leistet, soll auch mehr Wohlstand haben“ für einen der wichtigsten und besten ökonomischen Grundsätze. Doch wo liegen seine Grenzen, und warum? Kein gesellschaftliches Prinzip lässt sich widerspruchsfrei in die Extreme denken, denn Gesellschaft und gutes Leben lassen sich nicht mit einem einzigen Prinzip begründen. Das Leistungsprinzip ist vor allem die normative Grundlage von Eigentum. Entsprechende Gedanken findet man bereits bei Aristoteles, später bei John Locke (Arbeitstheorie des Eigentums), Jean-Jacques Rousseau, David Hume, Adam Smith, Karl Marx und anderen. Die Gedanken sind letztlich ähnlich: Eigentum basiert auf Arbeit. Es stellt sicher, dass wer sät, auch ernten kann. Eigentum stellt Verantwortung sicher und wirkt der Vernachlässigung entgegen. Allerdings hatten die genannten Autoren durchaus unterschiedliche Vorstellungen über die Grenzen des Eigentums.

Eigentum findet meines Erachtens seine Grenze nach oben dort, wo es nicht mehr auf Leistung beruht, und nach unten, wo die Leistung nicht ausreicht, um ein Leben in Würde zu führen. Ungeachtet seiner Leistungsfähigkeit hat jeder Mensch ein Recht auf Würde, und das bedeutet ein materielles Minimum. Die fehlende Grenze nach oben ist sicherlich das schwerste Versäumnis des Kapitalismus, denn für eine Obergrenze gibt es gute Gründe.

Zum einen gibt es allen voran zwei Gütergruppen, deren Wert überwiegend nicht auf individueller (privater) Leistung beruht: Natürliche Rohstoffe sowie Grund und Boden. Regulierungen in diesen Bereichen stellen keine „Eingriffe in den Markt“ dar, sondern sind die Voraussetzung dafür, dass überhaupt so etwas wie ein (leistungsorientiertes) Marktgeschehen stattfinden kann. Zum anderen haben wir oben gesehen, wie unbegrenztes Eigentum eine gesellschaftliche Machtposition definiert, die Markt und Wettbewerb aushebelt. Unbegrenzte und unlegitimierte Macht ist in einer Demokratie, deren wesentliches Prinzip Machtbegrenzung ist, nicht akzeptabel. Schon Walter Eucken wusste: „Es sind also nicht die sogenannten Missbräuche wirtschaftlicher Macht zu bekämpfen, sondern wirtschaftliche Macht selbst.“ (Eucken 1947) Die Begründung ist letztlich einfach: Macht macht unvernünftig. Sie verzerrt die Wahrnehmung zugunsten der eigenen Position und führt zu einem Verlust an Empathie (Robert Trivers). Sie bildet konzentrische Kreise von größeren und kleineren Nutznießern aus, welche die Macht stützen und dafür mit Vorteilen belohnt werden – weit jenseits persönlicher Leistung (Heinrich Popitz). Macht ist das pure Gift für einen Leistungswettbewerb.

Demokratie und Marktwirtschaft

Demokratie und Marktwirtschaft sind eigentlich das Gleiche. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Die eine Seite betrifft die öffentlichen Güter, die andere das Privateigentum. Der Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass sich beide Konzepte als Teil des gleichen Bemühens sehen: Ein gutes Leben für den Einzelnen und die Gemeinschaft, von welcher der Einzelne ein Teil ist. Zu einem guten Leben gehören Güter, individuelle (mit Geld bewertbare) Güter und öffentliche Güter. Der Markt ist für die Bereitstellung der individuellen Güter zuständig, der Staat – also die Gemeinschaft – für die Bereitstellung der öffentlichen Güter. Das Konzept der politischen Demokratie kennen wir ja nun schon ein bisschen länger. Es gibt derzeit kein besseres Verfahren, im Bereich der öffentlichen Güter die gerechte Beteiligung des Einzelnen am Entscheidungsprozess sicherzustellen. Aber Marktwirtschaft (Leistungstausch) ist im Kern auch ein demokratisches Konzept: Es gibt derzeit kein besseres Verfahren, im Bereich der individuellen Güter die gerechte Beteiligung des Einzelnen am Entscheidungsprozess sicherzustellen.

Der entscheidende Punkt ist: Während in der Marktwirtschaft keine anderen Organe als die Beteiligten benötigt werden, da sie für sich sprechen und handeln können, müssen wir in der Demokratie dem Staat, also „der juristischen Person Gemeinschaft“, Organe geben, um Handlungsfähigkeit zu erreichen. So kommen wir beispielsweise zur repräsentativen Demokratie mit ihren Institutionen. Das wichtige Prinzip ist dabei die Machtbegrenzung durch die Gewaltenteilung und das System von „Checks and Balances“. Wir teilen die Macht des Staates in verschiedene Bereiche auf. Im Marktindividuum fallen wiederum alle „Repräsentanten“ in ein und derselben Person zusammen: Es gibt keine Repräsentanten, weil außer den Individuen niemand weiter betroffen scheint. Diese können sich selbst vertreten, und eine unabhängige Gewaltenteilung in Handeln, Moral und Gewissen ist nicht im Ansatz vorhanden. Das bedeutet: Der Mensch ist im Markt sich selbst und seiner Vernunft oder Unvernunft ausgeliefert. Er kann in der Warenwelt die absolute Macht erringen. Aber Geld ist keine reine Privatangelegenheit: Geld ist Leistungserwartung an die Gemeinschaft.

Beim Individuum ist die Gewaltenteilung ganz offensichtlich nicht ansatzweise so gut möglich wie im Gemeinwesen. Wir müssen daher das mit Geld bewertbare Vermögen absolut begrenzen gegenüber der Gemeinschaft. Es gibt keinen Grund für die Unbegrenztheit dieser Leistungserwartung, bei allem Verdienst des Einzelnen. Es ist schlichtweg zu gefährlich, denn es führt in die Diktatur des Mammons, so wie der autoritäre Staat zur Diktatur des Einzelnen führt. Absolute Begrenzung bedeutet: Es gibt eine Obergrenze für privates Vermögen, die zu überschreiten niemand das Recht hat. Es gibt eine Kappung. Die Höhe dieser Obergrenze ist Teil des demokratischen Entscheidungsprozesses.

Fazit

Damit haben wir die wichtigsten Bedingungen für eine leistungsorientierte Marktwirtschaft in einer freiheitlichen Gesellschaft definiert: Gesellschaftliche Obergrenzen für Ressourcenverbrauch und Vermögenskonzentration sowie Marktregulierungen in bestimmten Bereichen. Über diese begrenzenden Institutionen könnten Individuum und Gesellschaft wieder in eine „mentale Balance“ gebracht und nachhaltiges Handeln, aber auch Solidarität jenseits des Marktes ermöglicht werden. Dies ist das Modell der Gleichgewichtsökonomie nach dem US-Ökonomen Herman Daly. Ein liberales System bedeutet wenige kluge Grenzen. Klug sind Grenzen, wenn sie normativ sparsam sind, auf der obersten Ebene der Verfasstheit angesiedelt sind und den ökonomischen Kern des Problems direkt angehen. Sie ermöglichen Makrostabilität mit Raum für Mikrovariabilität (Daly 1973). Innerhalb solcher Grenzen wären viele Regulierungen einfach überflüssig, weil Exzesse systemisch ausgebremst würden. Lobbyismus würde viel von seiner Wirkmacht verlieren. Preise könnten ohne zentrale Ordnungsmacht die „ökologische Wahrheit“ sagen, und viel mehr Menschen als bisher könnten wieder wirtschaftlich eigenständig tätig werden: regional, landwirtschaftlich, handwerklich, sozial. Der technische Fortschritt müsste sich unter Ressourcenbegrenzung erstmals einer wirklichen Kosten-Nutzen-Rechnung stellen – und würde diese Prüfung in vielen Bereichen nicht bestehen. Geld könnte seine Rolle als genial einfaches Kommunikationsmedium spielen. Der Zins, dessen Selbstverständlichkeit heute die Selbstverständlichkeit der Wachstumserwartung widerspiegelt, würde auf seinen ökonomischen Sinn als Risikoausgleich und Aufwandsentschädigung zurückgeführt. Konkurrenz und Kooperation würden ausgewogen nebeneinander existieren und dafür sorgen, dass sich niemand auf Kosten anderer zurücklehnt.

Es ist – ganz im Sinne Kant’scher Autonomie – ein Modell der Selbstbegrenzung, mit welchem wir unser Selbstübertölpelungspotential effektiv in den Griff bekommen können. Effizienz und Nachhaltigkeit sind komplementäre Ziele und stellen ein Optimierungsproblem dar: Die Wirtschaft der Moderne ist zu effizient geworden. Erst der Abschied von der „unendlich großen Versuchung“ Ressourcenverbrauch wird Gerechtigkeit möglich machen, denn solange dieses scheinbar unerschöpfliche Angebot unsere schlechtesten und egoistischsten Eigenschaften immer wieder neu beflügelt, werden zentrale Widersprüche menschlicher Existenz kaum überwunden oder gemildert werden können.

Andreas Siemoneit wird auf der diesjährigen De-Growth-Konferenz in Leipzig referieren, bei der GEGENBLENDE Medienpartner ist.


Literatur

Homann, Karl: Anreize und Moral – Gesellschaftstheorie, Ethik, Anwendungen. Hg. von Christoph Lütge. Lit Verlag Münster 2003

Vitali, Stefania; Glattfelder, James B.; Battiston, Stefano: The network of global corporate control. Public Library of Science PLoS ONE October 2011 | Volume 6 | Issue 10

Welzer, Harald: Mentale Infrastrukturen – Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Heinrich-Böll-Stiftung: Schriften zur Ökologie, Band 14

Trivers, Robert: Deceit and Self-Deception – Fooling yourself the better to fool others. Penguin Books 2011

Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht. Acht Abhandlungen. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, 2. stark erweiterte Auflage 1992

Bouchaud, Jean-Philippe; Mézard, Marc: Wealth condensation in a simple model of economy. Physica A 282 (2000) 536-545 (Elsevier-Verlag)

Daly, Herman E.: The Steady-State Economy: Toward a Political Economy of Biophysical Equilibrium and Moral Growth. In: Daly, Herman E. (Hg.): Toward a steady-state economy. W. H. Freeman and Company, 1973


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Kurzprofil

Andreas Siemoneit
Geboren 1967
Physiker, Wirtschaftsingenieur und Software-Architekt und Geschäftsführer des Fördervereins Wachstumswende
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