Deutscher Gewerkschaftsbund

03.07.2014

Brasiliens WM: Samba corrupti im Schatten des Zuckerhuts

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte kristallisierten sich „ewige Wahrheiten“ heraus: eine davon hieß, die Erde sei eine Scheibe. Dies haben eindrucksvoll die portugiesischen Invasoren widerlegt, die vor 500 Jahren an der Küste des heutigen Brasilien landeten auf ihrer Fahrt nach Westen; eine andere lautet immer noch, Fußball und Politik müsse man trennen. So die aktuelle Eingebung der brasilianischen Präsidentin Rousseff, die jedoch seit Wochen daraus keinen Hehl macht, dass sie den anvisierten Weltmeistertitel der Selecao gerne in einen Wahlsieg ihrer Arbeiterpartei (PT) ummünzen möchte. Nun scheint alles anders, die anhaltenden Proteste quer durch die Bevölkerungsschichten stimmen die Staatschefin nachdenklich. Ihre Kollegin, Kanzlerin Merkel, sieht das Thema entspannter: Eine Staatsvisite wird mit dem Besuch des Fußballspiels Deutschland-Portugal abgerundet. Und wie der Zufall es will, hat Regierungssprecher Seibert ein Handy dabei, als die siegestrunkene Kanzlerin in der Kabine von „Schland“ auftaucht. Twitter sei Dank - nun weiß man rund um den Globus, wie symbolträchtig deutsche Politik sein kann. Merkels „sportliche“ Botschaft: so sehen Sieger aus!

Die Protestbewegung aus Lehrern, Busschaffnern, Polizisten, Entwurzelten aus den Favelas, nutzt die Gunst der Stunde, um auf ihre soziale Lage aufmerksam zu machen: „Die WM bietet eine ideale Bühne, um Brasilien und seiner politischen Klasse den Spiegel vorzuhalten“, textet die Neue Zürcher Zeitung. Mit 10 Mrd. Euro an Baukosten stemmt Brasilien die teuerste Fußball-WM aller Zeiten. Ein Fest der Gigantomanie. 10 Mrd. Euro entspricht der jährlichen Finanzierung des Sozialprogramms „Bolsa Familia“ für 50 Millionen Menschen, das Brasilien aufgelegt hat. Entgegen dem staatlichen Versprechen, es würden vor allem private Investitionen in die Infrastruktur fließen, zahlen die Steuerzahler jetzt dafür die Zeche für die Sportbauten. Das soziale Engagement der deutschen Elf zugunsten einer Grundschule vor Ort in allen Ehren: aber mehr als ein Trostpflästerchen kann das nicht sein.

Wer umgerechnet lediglich 250 Euro im Monat verdient, kann keine 20 Euro für eine Eintrittskarte zur WM aufbringen. Also bleiben Millionen von Fußballfans dank der FIFA nur Zaungäste im eigenen Land. Denn die Kartenpreise setzt die FIFA fest. Genauso wie die Zahl der überdimensionierten Stadien. Sie verfügt über die TV-Übertragungsrechte (und zensiert auch schon mal Stadionbilder), heuert Sponsoren an und schließt Werbeverträge ab; und verdoppelt gleichzeitig die Aufwandsentschädigung für ihre 24 Exekutivmitglieder. Bereits vor der WM wusste die FIFA, dass sie mit einem Plus von 3,6 Mrd. Euro aus dem Sportspektakel herauskommen wird. Und das auch noch steuerfrei. Denn nach Schweizer Recht gilt sie als gemeinnützig. Der Kapitalismus macht keine halben Sachen.

Aber wo bleibt die Empörung des mächtigen DFB über diese Selbstbedienungsmentalität? Und muss eigentlich die ARD mit gigantischem Finanzaufwand ihre TV-Rechte künftiger Weltmeisterschaften jetzt sichern anstatt im Namen der Gebührenzahler die merkwürdige FIFA-Politik zu hinterfragen? Das öffentlich-rechtliche System spielt auch die Rolle des Anwalts der ZuschauerInnen. Ja, es gab Beiträge in Monitor und anderswo. Aber richtig Druck erzielt man doch nur auf der Finanzschiene. Das wissen gerade die Konsumenten, vulgo: die Fußballfans.

In Brasilien fehlen mehr als 3000 Schulen und Kitas, knapp vier Millionen Kinder besuchen nie eine Schule, Hunderttausende wurden aus ihren Elendsquartieren vertrieben, damit das WM-Image geschönt werden konnte; das Gesundheitswesen schwächelt erheblich, Wohnungsmieten steigen im Umfeld der neuen Stadien um über 100 Prozent. Zehn Prozent der weltweit Superreichen leben in Brasilien, wo die größte Millionärsdichte herrscht. So sieht die soziale Wirklichkeit im Schatten des Zuckerhuts aus.

Aber die Brasilianer lieben doch Samba und Fußball, werden unsere Medien nicht müde zu betonen. Wo bleibt dann die Begeisterung? Augenscheinlich geht es dem Gros der Brasilianer aber auch darum, ein Dach über dem Kopf zu haben, ihren Kindern Bildung angedeihen zu lassen und Löhne zu bekommen, von denen man nicht nur gerade mal überleben kann. Dafür hat sich auf den Großbaustellen der WM in den vergangenen Jahren übrigens die internationale Bauarbeitergewerkschaft stark gemacht. Also ganz so blauäugig scheinen die Südamerikaner nicht zu sein.

Schließlich kommt die Hiobsbotschaft der Makroökonomen: Eine Fußball-WM rechne sich nicht, bringe kaum Wachstumsschübe. Selbst die WM in Deutschland habe die Wirtschaftsleistung nur um 0,4 Prozent ansteigen lassen. Brasilien habe seine Hausaufgaben nicht gemacht, heißt es. Die Landreform schleppt sich dahin, viele Landlose fühlen sich im Stich gelassen; eine „kafkaeske Bürokratie“ wirkt als Investitionsbremse; zu wenig Geld wurde in die marode Infrastruktur gesteckt, und das Land konnte sich nicht aus dem Würgegriff multinationaler Konzerne befreien. Schließlich hat die Korruption Brasilien seit Jahrzehnten im Griff, von der regierenden Arbeiterpartei (PT) bis zum Brasilianischen Fußballverband. Da scheint die FIFA in bester Gesellschaft zu sein, die sich etlicher Vorwürfe erwehren muss, einige ihrer Mitglieder träfen Entscheidungen nur gegen ein gewisses Handgeld: Samba Corrupti.

Da Kritik und Medienschelte an der FIFA abperlen wie an einer Teflonpfanne, hier ein Vorschlag aus der Feder von „Terre des Hommes“: Wenn sich die FIFA wie ein Großkonzern aufführt, einerseits den veranstaltenden Ländern die Finanzierung der Sportinfrastruktur aufhalst und selbst keine Verantwortung für die sozialen Folgen trägt, muss das Geschäftsmodell radikal geändert werden. Genauso wie die Textilkonzerne oder Sportartikelhersteller muss auch die FIFA in die Pflicht genommen werden und Verantwortung für ihr „Produkt Fußball“ übernehmen: von der Steuerpflicht bis zur Mitverantwortung für die toten Bauarbeiter in Katar. Der Ball liegt im Feld des Weltverbandes.


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Kurzprofil

Dieter Pienkny
Geboren 1954 in Berlin-Schöneberg
Pressesprecher beim DGB Bezirk Berlin-Brandenburg
In der C-Jugend linker Verteidiger


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