Deutscher Gewerkschaftsbund

09.07.2014

Eine Platon-Steuer zur Verringerung der Einkommensungleichheit

Golfspieler

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Das neue Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty „Capital in the Twenty-First Century“ hat der Debatte um die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung neuen Auftrieb gegeben.[1] Bereits in seinen früheren Forschungsbeiträgen hatte Piketty auf die rasante Abkoppelung der obersten Einkommensschichten von der allgemeinen Einkommens­entwicklung hingewiesen.[2] Bekanntlich hat sich vor allem in den USA und in Großbritannien der Anteil des Einkommens, der an die oberen 10% und an die oberen 1% der Haushalte geht, in den letzten Jahren enorm erhöht.[3] Wie die Arbeit von Anselmann (2013) belegt, haben aber auch in Deutschland vor allem die Zuwächse am obersten Ende der Verteilung zur Vergrößerung der Einkommensungleichheit beigetragen.[4]

Aktuelle Umfragen zeigen, dass es einen weitverbreiteten Wunsch in der deutschen Bevölkerung gibt, die in den letzten Jahren entstandene Ungleichheit bei der Einkommens­verteilung wieder zu korrigieren. Da die „unsichtbare Hand des Marktes“ hierfür nicht sorgen wird, erfordert eine Korrektur der Einkommensungleichheit staatliches Handeln. Hierbei müssen prinzipiell zwei verschiedene Ebenen unterschieden werden: Zum einen könnte auf der Marktebene direkt in den Prozess der Einkommensentstehung eingegriffen werden. So werden Mindestlöhne (oder auch Höchstlöhne) die Bildung von Markteinkommen (Primär­verteilung) beeinflussen. Die meisten Ökonomen raten allerdings aus verschiedenen Gründen von direkten Eingriffen in die Primäreinkommensentstehung ab. Um bestimmte verteilungs­politische Ziele zu erreichen, wird daher vorwiegend durch eine Umverteilung der erwirtschafteten Einkommen eine gleichmäßigere Verteilung der Nettoeinkommen (Sekundärverteilung) angestrebt. Hierzu dienen einerseits Steuern und Abgaben sowie andererseits staatliche Transferzahlungen.

Die Erhebung von Steuern und Abgaben dient vielerlei Zwecken. Einer davon ist die Umverteilung der erwirtschafteten Einkommen von den Einkommensstarken zu den Einkommensschwachen. Dass dies eine wichtige Aufgabe in einer sozialen Marktwirtschaft ist, offenbart ein Blick auf die empirischen Fakten.

Die Einwicklung der Einkommensverteilung 2000-2010

Wie Abbildung 1 zeigt, gehört Deutschland zu den OECD-Ländern, in denen die Ungleichheit bei der Verteilung der Markteinkommen vergleichsweise groß ausfällt.[5] Sie ist fast so hoch wie in den USA. Nur dank einer ausgeprägten Umverteilung ist Deutschland bei der Verteilung der Nettoeinkommen (Einkommen nach Steuern, Abgaben und Transfers) deutlich egalitärer als die USA und einige andere Länder. Aber selbst das im internationalen Vergleich relativ große Ausmaß der Einkommensumverteilung hat in Deutschland nicht verhindern können, dass die in den letzten Jahren bei den Markteinkommen deutlich auseinandergegangene Schere zwischen Arm und Reich auch auf die Nettoeinkommen durchgeschlagen ist. Hätte man dies unterbinden wollen, wäre es erforderlich gewesen, das Ausmaß der Umverteilung noch weiter zu erhöhen.[6]


Tabelle Steuern

OECD

Um zu verhindern, dass die Nettoeinkommensverteilung noch ungleicher wird, hat Nobel­preisträger Robert Shiller mit Kollegen eine Indexierung der Steuersätze an die Verteilung der Markteinkommen vorgeschlagen.[7] Bei einer solchen Koppelung würde die Progression und damit die Umverteilungswirkung des Einkommensteuersystems automatisch zunehmen, wenn sich die Ungleichheit der Markteinkommen vergrößert. Hintergrund dieses Vorschlags ist die Beobachtung, dass das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre in den USA (wie auch in Deutschland) nur den oberen Einkommensschichten zugutegekommen ist, während die unteren und mittleren Schichten reale Einkommensrückgänge hinnehmen mussten. Bezugnehmend auf ein Zitat von US-Präsident John F. Kennedy aus dem Jahr 1962 („A rising tide lifts all boats“) erhofft man sich von einem solchen „Rising-Tide-Tax-System“, dass „die Flut tatsächlich alle Boote anhebt und nicht nur die Yachten“[8].

Der Vorschlag von Shiller u.a. hat allerdings zur Folge, dass der Status-Quo der Nettoeinkommensverteilung auf Dauer fixiert würde. Wenn die bestehende Einkommens­verteilung jedoch als unangemessen bzw. ungerecht  empfunden wird, muss man darüber hinausgehen und die Umverteilungsmaschine auf höhere Touren bringen. Allerdings stellt sich dann nicht nur unter Anreiz- und Effizienzgesichtspunkten, sondern auch unter Gerechtigkeitsaspekten die Frage nach der Definition einer idealen Einkommensverteilung, die eine Gesellschaft anstreben sollte.

Effiziente versus gerechte Einkommensverteilung

Ökonomen tun sich schwer mit der Beurteilung von Einkommensungleichheit. Dies liegt zum einen daran, dass im heute dominierenden neoklassischen Paradigma vor allem Probleme der marktmäßigen Allokation und damit Effizienzfragen im Mittelpunkt stehen. Eine gleichmäßige Verteilung der Einkommen ist dabei kein Ziel an sich. Eher gilt das Gegenteil, weil davon ausgegangen wird, dass eine zu große Gleichheit der Einkommensverteilung negative Anreizwirkungen hat, die der Effizienz eines marktwirtschaftlichen Systems abträglich sind. Hinzu kommt, dass Gerechtigkeitsvorstellungen auf normativen Urteilen basieren und diese von den meisten Ökonomen als unzulässig angesehen werden. Daher hört man aus den Reihen der Wirtschaftswissenschaftler selten eine Aussage dazu, welche Verteilung gerecht sei. Überlegungen zur Gerechtigkeit der Einkommensverteilung überlässt die Wirtschaftswissenschaft daher eher anderen Disziplinen wie etwa der Philosophie, in der der Begriff der Gerechtigkeit traditionell eine bedeutende Rolle spielt. Der griechische Philosoph Platon beispielsweise hatte eine klare Vorstellung davon, was als eine angemessene Verteilung anzusehen sei. Er forderte: „[…] Nachdem der Gesetzgeber [die Grenze der Armut] als Maß hingestellt hat, mag er erlauben, seinen Besitz auf das Zwei-, Drei-, ja Vierfache hiervon auszudehnen. Wenn aber jemand noch mehr im Besitz hat, so soll er den Überschuss […] an den Schatz des Staates und seiner Schutzgötter abgeben.“[9]

Anforderungen an eine „ideale Einkommensverteilung“

Auch wenn sich Platons Verteilungsnorm auf Vermögen bezog, soll aus diesem Vorschlag im Folgenden eine im Platon‘schen Sinne ideale Einkommensverteilung abgeleitet werden. Dabei wird die Sekundärverteilung (Einkommen nach Steuern, Abgaben und Transfers) auf der Ebene der privaten Haushalte zugrunde gelegt.[10] Das Ausmaß der Ungleichheit der Einkommensverteilung wird anhand der Verteilung auf Dezile betrachtet. Dafür werden die Haushalte nach der jeweiligen Höhe ihres Nettoeinkommens aufsteigend sortiert und in zehn gleich große Gruppen aufgeteilt. Das unterste (oberste) Dezil entspricht dabei dem Einkommensanteil der ärmsten (reichsten) zehn Prozent der Haushalte.

Bei der Verteilung, die gegenwärtig in Deutschland existiert, nehmen die Einkommensanteile vom ersten bis zum zehnten Dezil jeweils überproportional zu. Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, dass bei einer derartigen progressiven Verteilung der Einkommen das zehnte Dezil zwangsläufig einen Anteil von mehr als 18,5% aufweisen wird. Je nach Ausmaß der Ungleichheit liegt der Anteil näher an oder weiter über diesem Wert.[11]

Der realiter existierenden progressiven Dezilsverteilung soll im Folgenden das Idealmodell einer Einkommensverteilung im Sinne von Platon gegenüber gestellt werden, bei der der Abstand zwischen den Ärmsten und Reichsten ein definiertes Vielfaches nicht überschreitet. Dieses Verteilungsmodell einer idealen sozialen Marktwirtschaft zeichnet sich durch die folgenden drei wesentlichen Eigenschaften aus:

  1. Die Einkommen sind zwar ungleichmäßig, aber nicht wie derzeitig extrem ungleich auf die einzelnen Dezile verteilt. Konkret soll angestrebt werden, dass die absoluten Einkommensunterschiede zwischen den Dezilen jeweils gleich groß sind (lineare Verteilung). Man könnte diesen Verteilungstypus als einen einigermaßen akzeptablen Kompromiss zwischen Markteffizienz und Verteilungsgerechtigkeit ansehen

  2. Für die Festlegung eines Vielfachen zwischen dem ersten und zehnten Dezil lässt sich kaum ein rationales Kriterium festlegen. Das subjektive Empfinden über eine faire Verhältniszahl dürfte innerhalb der Gesellschaft stark variieren. Vermutlich würde die platonische Verteilungsnorm eines maximal vierfachen Einkommens (bzw. Vermögens) in der heutigen Zeit als zu eng angesehen werden. Für die folgenden Überlegungen soll daher die der Schweizer Volksabstimmung zur Begrenzung der Managergehälter aus dem Jahr 2013 „1:12 – Für gerechte Löhne“ zugrundeliegende Idee aufgenommen werden. Dieses Verhältnis leitet sich aus der Überlegung ab, dass der Bestbezahlte in einem Unternehmen in einem Monat nicht mehr verdienen sollte, als ein Geringverdiener in einem Jahr. Das Verhältnis zwischen dem untersten und dem obersten Dezil sollte demzufolge dem Faktor Zwölf entsprechen

  3. Damit sichergestellt ist, dass das Einkommen des ersten Dezils oberhalb des Existenzminimums liegt, ist es darüber hinaus noch notwendig, das Modell mit der Bedingung zu verknüpfen, dass mit der absoluten Einkommenshöhe des ersten Dezils eine Grundsicherung gegeben ist.

Eine Platon-Steuer auf Spitzeneinkommen

Das folgende Zahlenbeispiel soll die Konsequenzen des Modells verdeutlichen. Für das Nettoeinkommen des ersten Dezils sei ein Wert von 100 Einkommenseinheiten angenommen, was einem Anteil von etwa 1,5% am Gesamteinkommen entspricht. Wenn die Einkommensdifferenz zwischen den einzelnen Dezilen konstant 123 Einkommenseinheiten beträgt, entfallen auf das zweite Dezil 223 Einkommenseinheiten, auf das dritte Dezil 346 Einkommenseinheiten usw. Auf das zehnte Dezil entfallen schließlich etwa 1.200 Einkommenseinheiten, was einem Anteilswert von 18,5% entspricht. Vergleicht man dies mit den tatsächlichen Werten für Deutschland, so zeigt sich, dass realiter der Anteil des Top-Dezils mit rund 24% hiervon deutlich nach oben abweicht, während insbesondere in der oberen Mitte der Einkommensverteilung die Anteile unterhalb der Referenzwerte liegen.

Um eine lineare Einkommensverteilung gemäß dem hier vorgestellten Verteilungsmodell einer idealen sozialen Marktwirtschaft zu erreichen, wäre ein erhebliches Maß an zusätzlicher Umverteilung erforderlich. Dies ist angesichts der Einkommenshöhe, die das zehnte Dezil gegenwärtig im Vergleich zum Referenzwert für das oberste Dezil hat, nur durch deutlich höhere Spitzensteuersätze zu erreichen. Angesichts des klaren Befundes, dass in der jüngeren Vergangenheit fast ausschließlich die Einkommen der obersten Einkommensgruppen zugenommen haben, könnte eine Erhöhung der Spitzensteuersätze für die höchsten Einkommen eine mögliche Maßnahme sein, um die Ungleichheit der Einkommensverteilung nicht noch weiter anwachsen zu lassen bzw. um sie wieder zurückzuführen.[12] Aus einer Verteilungsnorm, die sich unter anderem an der Forderung des griechischen Philosophen Platon orientiert, dass der Abstand zwischen den unteren und oberen Einkommen ein bestimmtes Ausmaß nicht übersteigen sollte, lässt sich die Forderung nach einer „Platon-Steuer“ ableiten, die die höchsten Einkommen deutlich stärker als aktuell belasten würde.



[1] Piketty, T. (2014): Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, MA: Harvard University Press.

[2] Vgl. z. B. Facundo A., Atkinson, A.B., Piketty, T., Saez, E. (2013): The Top 1 Percent in International and Historical Perspective, in: Journal of Economic Perspectives, Bd. 27(3), S. 3-20.

[3] In den USA floss im Jahr 2010 fast die Hälfte der Bruttoeinkommen an die oberen 10% der Haushalte. Das obere 1 % der Haushalte bezog ca. 18% Prozent der Bruttoeinkommen.

[4] Anselmann, Chr. (2013): Spitzeneinkommen und Ungleichheit. Die Entwicklung der personellen Ein­kommensverteilung in Deutschland. Marburg: Metropolis.

[5] Das Ausmaß der Ungleichheit der Einkommensverteilung wird hier anhand des Gini-Koeffizienten dargestellt. Bei einem Wert von Null besteht eine maximale Gleichverteilung der Einkommen, während der Wert 100 die größtmögliche Ungleichverteilung anzeigt. Die Daten stammen aus: OECD (2013): OECD Income Distribution Database (Version September 2013), http://www.oecd.org

[6] Insofern hat die sogenannte kalte Progression einen positiven Beitrag dazu geleistet, die Ungleichheit der Nettoeinkommen nicht noch weiter zu vergrößern.

[7] Shiller, R. (2014): Better Insurance Against Inequality, in: New York Times, 13. April 2014, S. BU6.

[8] Burman L., Rohaly, J., Shiller, R. J. (2006): The Rising Tide Tax System: Indexing (at Least Partially) for Changes in Inequality, http://aida.wss.yale.edu/~shiller/behmacro/2006-11/burman-rohaly-shiller.pdf , S. 4 (eigene Übersetzung).

[9] Platon (1862): 5. Buch der Nomoi (Die Gesetze), in: Platons Werke, vierte Gruppe, neuntes bis fünfzehntes Bändchen (nach der Übersetzung von Dr. Franz Susemihl), Stuttgart: Metzler.

[10] Konkret werden hier Haushaltsjahresnettoäquivalenzeinkommen betrachtet. Vgl. auch Krämer, H. (2014a): Verteilungsgerechtigkeit in einer sozialen Marktwirtschaft. Plädoyer für die Einführung einer Platon-Steuer, WISO direkt, Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, März.

[11] Zur Herleitung der Zahlenwerte vgl. Krämer, H. (2014b): Ungleichheit, Marktversagen und Verteilungs­normen, in: Held, M., Kubon-Gilke, G., Sturn, R. (Hrsg.), Unsere Institutionen in Zeiten der Krisen, Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik, Bd. 13, Marburg: Metropolis, S. 99-126.

[12] Vgl. Bach, S., Haan, P. (2011): Spitzensteuersatz: Wieder Spielraum nach oben, in: DIW Wochenbericht Nr. 46 sowie Piketty, T., Saez, E., Stantcheva, S. (2014): Optimal Taxation of Top Labour Incomes: A Tale of Three Elasticities, in: American Economic Journal - Economic Policy, Bd. 6 (1), S. 230–271.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Hagen Krämer
Professor für Economics an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft
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