Deutscher Gewerkschaftsbund

15.09.2014

Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive vom 13. - 21. Jahrhundert

In unserer Gesellschaft wird der Sinn und Wert des Lebens und somit soziale Teilhabe maßgeblich über Arbeit hergestellt. Was aber verstehen wir unter Arbeit?

Arbeiter

knallgrün / photocase.com

Unser heutiges Verständnis von Arbeit stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts: Damals wurde Arbeit in Gesetzen und Verordnungen als geregelte Erwerbstätigkeit festgeschrieben. Erwerbsarbeit berechtigte nicht nur zu Entgelt, sondern auch zu Sozialleistungen. Wer keine Erwerbsarbeit hatte, war arm und abhängig von Angehörigen, die für den Unterhalt sorgten. Wenn es keine Familie gab, war man abhängig von Armenunterstützung. Alle anderen Tätigkeiten, die dem nun vorherrschenden, kodifizierten Bild der Arbeit nicht entsprachen, wurden somit zur Nicht-Arbeit. Dies schlug sich auch in der Sprache nieder: „Arbeiten Sie?“, wird in aller Regel nur jemand positiv beantworten, der über Erwerbsarbeit verfügt.

Die Verengung des Arbeitsbegriffs auf regulierte, mit sozialer Absicherung verbundene Erwerbsarbeit ist Ausdruck eines eurozentrischen Blicks. Auf agrarische, nicht-industrialisierte Gesellschaften, in denen Subsistenzlandwirtschaft, allerlei informelle Formen des Sich-Durchbringens sowie unterbezahlte Tätigkeiten überwiegen, trifft dieser Blick nicht zu. Das liegt auch daran, weil dieser neue Blick ein männlicher ist. Frauen, die im Haushalt und in der Familienwirtschaft arbeiten, fallen aus dem neuen Arbeitsbegriff heraus. Dies gilt jetzt für alle unbezahlten Tätigkeiten, unabhängig vom Geschlecht. Die Entwertung der unbezahlten Frauenarbeit wirkt sich auch auf die Bewertung der bezahlten Frauenarbeit aus, die oft als Zuverdienst angesehen wird. Leisten Frauen professionelle Versorgungs- und Pflegedienste, erwartet man auch dort „Arbeit aus Liebe“, die geringer entlohnt werden kann, weil sie Frauen auf den Leib geschrieben ist.

Unbezahlte Arbeit

Den un- und unterbezahlt Arbeitenden ist die Entwertung ihrer Tätigkeiten gemeinsam. Sie werden nicht von der kapitalistischen Aneignung ihrer Arbeitsleistung verschont. Diese erfolgt indirekt über die Beschäftigung des Lohnarbeiters, denn dieser kann ohne unbezahlte Haus- und Sorgearbeit in der Familie nicht existieren. Während er Geld nach Hause bringt, transferiert er die unbezahlte Arbeitsleistung der Familienangehörigen zum Unternehmer, der somit nicht nur Mehrwert aus der bezahlten Arbeit des Lohnarbeiters, sondern auch Transferwert aus der unbezahlten Arbeit der Familienangehörigen schöpft. Dies trifft auch für Lohnarbeiterinnen zu. Bezahlte und unbezahlte Arbeiten können auch in ein- und derselben Person kombiniert werden: morgens Hausfrau, tagsüber Lohnarbeiterin, abends Ehefrau und Mutter.

Über den indirekten Zugriff auf die unbezahlte Arbeit im Familienhaushalt hinaus wird unbezahlte Arbeit über Wertschöpfungsketten angeeignet. Durch die Verlagerung einzelner Fertigungsschritte an ArbeiterInnen, die an Billiglohnstandorten tätig sind, können Kosten gesenkt werden. Warum aber kann am low end der Wertschöpfungskette so kostengünstig produziert werden? Einerseits aufgrund von niedrigen Steuern und Anreizen der Regierungen im Standortwettbewerb, andererseits weil die ArbeiterInnen, um mit den niedrigen Löhnen und Sozialleistungen überhaupt überleben zu können, unbezahlte Versorgungsarbeit ihrer Familienangehörigen aktivieren, die sie auch im Fall von Arbeitsplatzverlust, Erkrankung oder im Alter auffangen. Ein ähnlicher Mechanismus der Aneignung unbezahlter Familienarbeit tritt bei ArbeitsmigrantInnen in Kraft: erstens wird deren Arbeitskraft von der Familie im Herkunftsland hergestellt, das solcherart durch Brain drain und Care drain geschwächt wird, andererseits greifen sie regelmäßig auf die Leistungen der heimatlichen Haushalte zurück, die als Sicherheits- und Versorgungsnetz dienen. Die monetären Rücküberweisungen können die Bereitstellungen aus den Heimatländern in keiner Weise aufwiegen.

Erwerbsarbeit – eine europäische Erfindung

Der eurozentrische Arbeitsbegriff hat im 20. Jahrhundert eine Universalisierung erfahren. Alles misst sich am Vorbild der geregelten, gesicherten Erwerbsarbeit, die in den alten Industrieländern stark ausgeweitet und zum Inbegriff des „Normalarbeitsverhältnisses“ wurde. Frauen forderten die gleichberechtigte Teilhabe, Entwicklungsländer strebten sie im Rahmen nachholender Industrialisierung an. Trotz der Ausweitung kommodifizierter Arbeit hat eine Verallgemeinerung nicht stattgefunden. Es entstanden immer wieder neue unterbezahlte Arbeitsverhältnisse, und die unbezahlte Arbeit verschob sich vom materiellen in den immateriellen Bereich. In Entwicklungsländern bleibt die mit der Ausweitung von Lohnarbeit verbundene Hoffnung auf soziale Absicherung unerfüllt. Schließlich hat der Strukturbruch der 1970er Jahre, der die Verlagerung der industriellen Massenproduktion aus den alten Industrieländern in Newly Industrializing Countries (NIC) im globalen Süden, aber auch in Osteuropa ausgelöst hat, die für selbstverständlich gehaltenen Rechte und Sicherheiten der europäischen ArbeiterInnenklasse in Frage gestellt. Die neoliberale Deregulierung und Flexibilisierung im Zuge der Neuordnung der globalen Wertschöpfungsketten führte in vielen Branchen zu einer Angleichung nach unten.

Die neue globalisierte Arbeitswelt hat mit dem alten „Normalarbeitsverhältnis“ nichts mehr zu tun. Um die Veränderungen verstehen zu können, macht es keinen Sinn, den erwerbsorientierten, eurozentrischen, männlich-proletarischen Arbeitsbegriff aufrechtzuerhalten. Wie – mit Ausnahme der europäischen Wohlfahrtsstaaten im Zeitraum zwischen ca. 1880 und 1980 – weltweit üblich, koexistieren heute überall, innerhalb und zwischen den Staaten, bezahlte und unbezahlte, regulierte und ungeregelte, freie und unfreie, formelle und informelle Arbeitsverhältnisse. Es lässt sich in der langfristigen Entwicklung keine Tendenz zu zunehmender Formalisierung und sozialer Absicherung ausmachen. Vielmehr zeichnet sich die Arbeitswelt durch die Gleichzeitigkeit höchst unterschiedlicher Arbeitsverhältnisse aus, die über persönliche und familiäre Kombinationen, Güter- und Migrationsketten kombiniert und so dem Werttransfer unterzogen werden, der an den high ends, den Zentralen der globalen Wertschöpfungsketten angeeignet wird. Un- und unterbezahlte, ungesicherte, prekäre Arbeit sind, anders als bürgerliche und marxistische Ökonomen im 19. und 20. Jahrhundert aufgrund von Entwicklungstendenzen in den westlichen Zentren vermuteten, keine Relikte aus vorkapitalistischen Zeiten, die mit zunehmender Kommodifizierung und Kapitalisierung verschwinden würden, sondern immanente Bestandteile des globalen Kapitalismus. Sie werden im zyklischen Verlauf sowie in den regionalen und überregionalen Zusammensetzungen unterschiedlich miteinander kombiniert und ermöglichen so die weitere Kapitalakkumulation.

Ein Rückblick auf Arbeit

Der Rückblick in die Herausbildung und Veränderung von Arbeitsbegriffen und Arbeitsverhältnissen in der Geschichte erweist sich als unerlässlich, um ein Verständnis für Arbeit im gegenwärtigen globalen Kapitalismus zu erlangen. Dabei müssen alle Formen von Arbeit gleichermaßen in den Blick genommen werden. In sechs Zeitabschnitten können die Veränderungen illustriert werden:

Das Jahr 1250 steht für die Verdichtung des Austauschs von Gütern des täglichen Bedarfs im Zusammenhang mit der Herausbildung eines eurasischen Weltsystems. Die Impulse aus Asien begünstigten in Europa die Urbanisierung und die Herausbildung des spezialisierten Handwerks und dessen Organisation in Zünften. Im städtischen Handwerk begann sich ein werkzeug- und qualitätsorientierter Arbeitsbegriff zu entwickeln, der sich von der Mühsal im Haus und in der Landwirtschaft abhob.

Das Jahr 1500 steht für das westeuropäische Ausgreifen auf amerikanische Plantagen und Bergwerke. Die Arbeit, die Indigene und Sklaven zur Erwirtschaftung von Rohstoffen verausgabten, floss in das westeuropäische Gewerbe ein, das sich auf Fertigwaren konzentrierte. Auch innerhalb von Europa begann sich eine Arbeitsteilung zwischen westlichen Gewerberegionen und osteuropäischen Agrarregionen herauszubilden, die Waldprodukte, Marinebedarfsgüter und Nahrungsmittel zulieferten. Im globalen Kontext waren die Kompetenzzentren der gewerblichen Produktion jedoch in West-, Süd- und Ostasien angesiedelt. Europäische Handelskompagnien und ihre Regierungen setzten alles daran, am innerasiatischen Handel mit gewerblichen Artikeln zu partizipieren. Sie verwendeten dafür Silber, das ihnen aus der Plünderung der amerikanischen Minen zur Verfügung stand.

Um 1700 trat in der gewerblichen Produktion neben die häusliche Selbstversorgung der Dörfer und die städtischen Zunfthandwerker das von Händlern betriebene Verlagswesen: Diese Händler beschränkten sich nicht auf Gewerbewaren, die vor Ort gefertigt wurden, sondern sie verbanden die ländlichen Produzenten durch ihre Aufträge in einer von ihnen kontrollierten Arbeitsteilung und eröffneten damit Wertschöpfungsketten klein- und großräumiger Reichweite. Die asiatische Handwerkskunst stand nach wie vor an der Weltspitze, indische Baumwolltextilien gelangten über die britische East India Company auf europäische, afrikanische und amerikanische Märkte. Afrikanische Sklavenhändler nahmen indische Textilien in Zahlung, amerikanische Plantagensklaven trugen Kleidung aus indischen Baumwollstoffen. Die diversen, lokal bestehenden Arbeitsverhältnisse wurden einer ungleichen internationalen, unter westeuropäischer Ägide stehenden Arbeitsteilung einverleibt.

Um 1800 verschob sich mit der industriellen Revolution die Kontrolle über die globalen Güterketten in jene westeuropäischen Regionen, die die gewerbliche Produktion in Fabriken mit mechanischem Antrieb zentralisierten. Mit der Mechanisierung verlagerte sich die Lohnarbeit von Haus und Werkstatt in die Fabrik: Dies trug zu einer gänzlich neuen Erfahrung von Arbeit bei. Für Arbeiter bedeutete Fabrikarbeit, auf ein Lohneinkommen angewiesen zu sein. Aus der Ausbeutungserfahrung resultierten Anstrengungen, die Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Für Unternehmer war die Arbeitskraft ein reiner Kostenfaktor, der durch die Aneignung der in der Lohnarbeit geschaffenen Werte die Kapitalakkumulation ermöglichte. Die Arbeit, die im Haus verblieb und sowohl zum familiären Überleben als auch zur betrieblichen Wertschöpfung beitrug, wurde nicht als Arbeit wahrgenommen. Trotz der antagonistischen Positionen waren Lohnarbeit und Kapital eng aneinander gebunden.

Erst um 1900 trat die Verengung des Arbeitsbegriffs auf außerhäusliche Erwerbsarbeit ihren globalen Siegeszug an. Indem der neue, auf moderne Lohnarbeit beschränkte Arbeitsbegriff weltweit Eingang in die Gesetzeswerke, die Planvorgaben der Regierungen und die Forderungslisten der ArbeiterInnenbewegung fand, eroberte er sich einen, den Diskurs des 20. Jahrhunderts bestimmenden Platz. Global gesehen war für die Mehrheit der Arbeiterinnen die Kombination bezahlter mit ungesicherten und unbezahlten Arbeitsverhältnissen jedoch weiterhin vorhanden.

Als die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, mit der die Krise der industriellen Massenproduktion seit den 1980er Jahren in Angriff genommen wurde, das klassische „Normalarbeitsverhältnis“ auch in den entwickelten Industrieländern in den Hintergrund drängte, hat sich der Diskurs über Arbeit wieder weit geöffnet. Eingespielte Muster, Bilder und Begriffe gelten nicht länger. Dies hilft den zunehmend global agierenden Unternehmern, die arbeitsrechtlichen Standards und sozialpolitischen Sicherheiten – die vormals mit Sozialdemokratie und Sozialpartnerschaft in Westeuropa und den kommunistischen Parteien in Osteuropa etabliert wurden – wieder zurückzudrängen. Die Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien stehen nun vor großen Herausforderungen. Während der Zusammenbruch des realen Sozialismus und die Öffnung Chinas die soziale Frage diskreditiert und tabuisiert haben, melden sich die weltweit Ausgebeuteten und Prekarisierten wieder zu Wort. Um 2010 ist es deshalb mehr als angebracht, für die Debatten um die Zukunft der Arbeit eine neue konzeptionelle Grundlage zu entwickeln.

Weitere Anregungen für die Debatte um den Arbeitsbegriff gibt es in:

ARBEIT. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert http://www.mediashop.at/typolight/index.php/buecher/items/andrea-komlosy---arbeit

Das Buch will Grundlagen für das Verständnis und die Debatte von Arbeit im globalen Kapitalismus zur Verfügung stellen. Ein systematischer Teil bietet Konzepte, Begriffe, Arbeitsdiskurse, sprachliche Entwicklungen sowie Vorschläge für neue Analysekategorien, die der Vielfalt, Kombination und Aneignung unterschiedlicher Arbeitsverhältnisse gerecht werden. In einem zweiten Teil werden ausgehend von Zentraleuropa die über Handel, Güterketten und Migration vermittelte Kombination von Arbeitsverhältnissen auf örtlicher, überregionaler und großräumiger Ebene exemplarisch aufgezeigt.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Andrea Komlosy
Geboren 1957
Universitätsprofessorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien
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