Deutscher Gewerkschaftsbund

05.09.2014

Matthäuseffekt und Teufelskreis – zum Problem von Inklusion und Exklusion in kapitalistischen Gesellschaften

Menschen vorm Büro

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In den Gesellschaften Europas breiten sich die soziale Entsicherung und Exklusion von Lohn­abhängigen aus[1]. Neue Spaltungslinien brechen auf, die die Fundamente demokratischen Zusammenlebens zerstören.[2] Um Exklusion verstehen zu können, ist es unverzichtbar, sich über zwei zentrale Aspekte des Problems Rechenschaft abzulegen: über die Mehrdimensionalität und den Prozesscharakter von Inklusion und Exklusion.

Wer gesellschaftlich „inkludiert“ ist, der ist dies in aller Regel nicht nur in einer, sondern in allen relevanten Dimensionen; wer hat, dem wird gegeben – der Matthäuseffekt also.[3] Umgekehrt gilt aber: wessen „Inklusion“ in einer zentralen Dimension brüchig wird, der kann in der Regel nur bedingt und vor allem nicht über lange Zeit hinweg Ressourcen aus den anderen Dimensionen mobilisieren. Er oder sie steht in der Gefahr, dass Ausgrenzungsprozesse von einer Dimension auf die anderen überspringen und sich zu einem Teufelskreis verstärken.

Woher aber rühren die Stabilität von Inklusion auf der einen Seite und die destruktive Dy­namik von Exklusion auf der anderen Seite? Für Niklas Luhmann stellte sich das Problem folgendermaßen dar: Wie kann es sein, dass Gesellschaften, die nicht durch ein einheitliches Zentrum zusammengehalten werden und die die Personen nur über ihre unterschiedlichen Funktions‑ oder Publikumsrollen inkludieren, Teufelskreise der Exklusion hervorbringen, die sich über die Grenzen der Funktionssysteme hinweg verstärken? Eine plausible Antwort konnte er nicht geben, da er davon ausging, dass die Funktionssysteme eigentlich durch „Interdependenzunterbrechung“ gegeneinander hinreichend abgeschottet seien.[4]

Selbst in der deutschen Soziologie, die sich seit langem mehrheitlich davon verabschiedet hat, den Kapitalismus auf den Begriff bringen zu wollen, setzt sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass, wer von Exklusion und ihrer Mehrdimensionalität reden will, nicht über den Kapitalismus schweigen darf. Wer die innere Beziehung zwischen den Matthäuseffekten der Inklusion und den Teufelskreisen der Exklusion begreifen möchte, wird an den „alten“ Kern kapitalistischer Herrschaft, die Lohnarbeitsverhältnisse, herangehen müssen.

Das Inklusionsproblem und die „Mehrdimensionalität“ kapitalistischer Gesellschaften

„Kapitalistische Gesellschaften“ unterscheiden sich von anderen Gesellschaftsformationen zumindest in zweierlei Hinsicht: durch die zentrale, direkte wie indirekte Bedeutung der Lohnarbeit für die Sicherung des Lebensunterhalts der Einzelnen und die Erzeugung des ge­sellschaftlichen Reichtums; damit zugleich durch das Prinzip der Akkumulation von Kapital - der Verwertung von Kapital um seiner selbst willen - als wesentliche Triebkraft der Nutzung der Arbeitskraft (oder aber auch ihrer Nicht-Nutzung).

Das Problem von Inklusion und Exklusion stellt sich aber nicht erst in kapitalistischen Gesell­schaften, auch wenn es dort besondere Formen annimmt. Auch in vorkapitalistischen Gesellschaften spielten die Verteilung der Arbeit, die Verteilung ihrer Erzeugnisse und die Aufteilung der verwandtschaftlichen Rechte und Pflichten eine wesentliche Rolle für die Zugehörigkeit zum Gemeinwesen.

Der Übergang zur kapitalistischen „Moderne“ bedeutete einen wesentlichen historischen Einschnitt. Spätestens seit der staatlichen Durchsetzung von Arbeitsmärkten im frühen 19. Jahrhundert wird die Auseinandersetzung darüber geführt, wie weit die Regelung der Verteilung der Arbeit, ihrer Bedingungen und Erzeugnisse Märkten überlassen werden kann und darf, und was dies für die soziale Absicherung bedeutet. Erst in kapitalistisch verfassten Gesellschaften stellte sich das Problem der Inklusion als gesellschaftliches Problem. Denn erst mit der Ablösung der auf Privateigentum beruhenden Marktökonomie von Staat, Familie, Religion, erst mit der Verstädterung und dem Bedeutungsverlust der Haushalte für die soziale Absicherung des Familienverbands, erst mit der räumlichen und zeitlichen Aufspaltung von öffentlicher Arbeits‑ und privater Lebenssphäre unter dem Diktat der Lohnarbeit konstituierte sich die moderne Gesellschaft. Unter solchen Bedingungen mussten Integration und Inklusion zum Thema werden – als „systemische Integration“ von Staatsorganen, Rechtssystem, kapitalistischer Ökonomie, Familienverbänden; als „soziale Integration“ (oder Inklusion) von Individuen und Klassen, beide zunächst in den Formen und Grenzen von Nationalstaaten.

Für die Soziologie, die sich als Wissenschaft dieser neuen Ära verstand, war Integration von Anfang an ein wesentliches Thema. Marx und die ihm folgenden marxistischen Theoretiker lehnten hingegen den bürgerlichen Konservatismus der Soziologen ab und scherten sich um Fragen der Integration und Inklusion aus guten Gründen nicht – wollten sie doch die kapitalistischen Verhältnisse, in denen „der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[5], aus den Angeln heben.

In einer kritischen, sozialistischen Perspektive wird das Problem der Inklusion in kapitalisti­schen Gesellschaften erst rund sechzig Jahre nach Marx aufgeworfen. Als Karl Polanyi 1944 sein epochales Werk „The Great Transformation“[6] veröffentlichte, herrschte in Deutschland noch der Nationalsozialismus und trieb der Zweite Weltkrieg auf die Entscheidung zu. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte 1929 und die folgende wirtschaftliche Depression waren nicht in revolutionäre Aufstände gemündet, sondern in autoritäre und faschistische Bewe­gungen.

Polanyi heute zu lesen, ist nach der tiefen Finanzmarktkrise von 2008 und ihren Folgen von beklemmender Aktualität. Er zeigt im historischen Rückblick in aller theoretischen Schärfe auf, dass eine Gesellschaft, die Arbeit, Land und Geld als Waren wie alle anderen behandelt, die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zerstören muss. Massenelend, Ausplünderung und Erschöpfung natürlicher Lebensgrundlagen, periodische Zusammenbrüche von Handel und Unternehmen wären die Folgen.

Im historischen Kontext von Faschismus und Weltkrieg, mit dem sich Polanyi auseinanderzu­setzen hatte, tritt ein Widerspruch zutage, den Marx in dieser Weise nicht im Blick hatte. Entwickelte, das heißt, kapitalistische Marktwirtschaften setzen voraus, dass Arbeit, Land und Geld zu Waren werden, zugleich aber durch gesellschaftliche Regelungen auch wieder dem Markt entzogen, vor ihm geschützt werden. Ohne „Selbstschutz der Gesellschaft“[7] vor den Märkten (und der auf Märkten notwendigerweise sich bildenden Marktmacht) sind auch kapitalistische Gesellschaften nicht überlebensfähig.

Polanyi spricht vom „Selbstschutz der Gesellschaft“, nicht von „Inklusion“. Wenn er aber be­schreibt, wie eine vor dem Markt ungeschützte Gesellschaft aussehen müsste, schildert er soziale Ausgrenzungen in ihren drastischsten Formen: „Wenn man den Marktmechanismus als ausschließlichen Lenker des Schicksals der Menschen und ihrer natürlichen Umwelt oder auch nur des Umfangs und der Anwendung der Kaufkraft, zuließe, dann würde das zur Zer­störung der Gesellschaft führen. Die angebliche Ware ‚Arbeitskraft‘ kann nicht herumge­schoben, unterschiedslos eingesetzt oder auch nur ungenutzt gelassen werden, ohne damit den Einzelnen, den Träger dieser spezifischen Ware, zu beeinträchtigen. Das System, das über die Arbeitskraft eines Menschen verfügt, würde gleichzeitig über die physische, psy­chische und moralische Ganzheit ‚Mensch‘ verfügen, der mit dem Etikett ‚Arbeitskraft‘ versehen ist. Menschen, die man auf diese Weise des Schutzmantels der kulturspezifischen Institutionen beraubte, würden an den Folgen gesellschaftlichen Ausgesetztseins zugrunde gehen…“[8]. „Gesellschaftliches Ausgesetztsein“ – in nichts anderem besteht der Kern von Exklusion.

Worin aber besteht der „Schutzmantel der kulturspezifischen Institutionen“? Ob kapitalisti­sche Gesellschaften den ihnen immanenten Widerspruch, Arbeit, Geld und Land zur Ware machen, deren Gebrauch als Waren aber sogleich wieder einschränken zu müssen, über­haupt bewältigen können, ist eine historisch offene Frage. Erst recht gibt es keinerlei Gewissheit dafür, dass die institutionellen Formen, in denen der Widerspruch angegangen werden mag, demokratische Institutionen sein müssen. Polanyi hatte den Faschismus und den Nationalsozialismus als Antworten seiner Zeit auf den Marktliberalismus vor Augen. Wer könnte ausschließen, dass heute, wo Demokratien längst in ihrer sozialen Substanz ausge­höhlt sind[9], Auswege aus den Krisen wieder in offen autoritären, gar faschistischen Regimen und mit Kriegen um knappe Ressourcen gesucht werden? In jedem Fall werden die „Schutzmäntel kulturspezifischer Institutionen“ in ihren unterschiedlichen Gestalten immer nur in historischen Auseinandersetzungen fabriziert - löchrig sind sie in der Regel. In kapitalistischen Gesellschaften geht es dabei immer um die Frage, wie weit Märkte und Marktmacht über die Verteilung und Nutzung der Arbeitskraft, über die Bedingungen der Arbeit und die Verteilung ihrer Ergebnisse entscheiden.

Matthäuseffekt der Inklusion und Teufelskreis der Exklusion im gegenwärtigen Kapitalismus

Auf der Grundlage der bisher angestellten Überlegungen lassen sich nun die eingangs ge­stellten Fragen angehen, die die Mehrdimensionalität von Inklusion und Exklusion betreffen. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass sich in dem Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg in den Nord‑ und kontinentaleuropäischen Ländern institutionelle Arrangements herausgebildet haben, die in einem historisch bis dahin unbekannten Maße, wenn auch in unterschiedlichen Formen, eine Inklusion der Lohnabhängigen in die jeweiligen kapitalisti­schen Gesellschaften bewirkten. Diese Arrangements werden seit den 1980er Jahren wieder brüchig und von institutionellen Veränderungen abgelöst, die Exklusionsprozesse anstoßen und in Gang halten.[10]

Dies führt zunächst zu der Frage, wie die Gesellschaften das Inklusionsproblem – wenn auch nur vorübergehend und noch immer unvollkommen – entschärft haben. Ungeachtet der nationalen Unterschiede waren in der Regel alle drei wesentlichen Inklusionsdimensionen im Spiel: Arbeit, die Umverteilung der Produkte der Arbeit und soziale Beziehungen.

Inklusion wurde vorangetrieben:

  1. durch eine relative Vollbeschäftigung, das heißt zunächst die Vollbeschäftigung der männlichen Lohnabhängigen. Der Arbeitsmarkt gewährleistete eine Inklusion in die gesellschaftlich anerkannte Arbeitsteilung, somit in einen arbeits‑ und sozialrechtlich gesicherten Status.

  2. durch die Ausweitung des Bürgerstatus von persönlichen und politischen Rechten auf soziale Rechte. Soziale Rechte zielten auf die Gewährleistung eines kulturell angemesse­nen Mindeststandards an materieller Wohlfahrt und sozialer Absicherung, somit gesell­schaftlicher Teilhabe. Soziale Rechte wirkten in Richtung einer „Dekommodifizierung“, einer Lockerung der Marktabhängigkeit.

  3. trug die Inklusion durch die Ausweitung sozialer Rechte und einen expandierenden Arbeitsmarkt dazu bei, dass auf der Ebene sozialer Beziehungen individuelle Entscheidungs‑ und Handlungsspielräume erweitert wurden. Die ökonomischen Abhängigkeiten vom Familienverband wurden weiter gelockert, soziale Kontrollen und Verpflichtungen in diesem Zusammenhang ebenfalls.

Diese sehr schematische Skizze lässt all die wichtigen nationalen Differenzierungen bewusst außer Betracht, die in der breiten Literatur über unterschiedliche Typen von Wohlfahrtsstaa­ten behandelt werden. Sie setzt sich darüber hinaus selbstverständlich dem Vorwurf aus, die Kehrseiten des Inklusionsschubs nach dem Zweiten Weltkrieg zu vernachlässigen – die Rigidi­tät der Arbeitsverhältnisse in den Unternehmen der „fordistischen“ Massenproduktion zum Beispiel; die in die Sozialgesetzgebung eingeschriebenen sozialen Ungleichheiten der Geschlechter; die Begrenzung der Reichweite von (weniger sozialen als politischen) Rechten auf Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern; die fortbestehenden Klassenverhältnisse und die vielfach autoritären Strukturen der politischen Systeme. Die Einwände sind sehr berechtigt. Der springende Punkt ist hier aber, was die verschiedenen Dimensionen der Inklusion voneinander unterscheidet und was sie gleichwohl verbindet.

Alle drei Instanzen leisten Unterschiedliches. Soziale Rechte vermitteln gesellschaftliche Teilhabe durch Umverteilungen, die Marktversagen – etwa im Bereich sozialer Dienstleistungen – kompensieren. Erwerbsarbeit vermittelt  Zugehörigkeit durch Einbindung in die gesellschaftlich anerkannte Arbeitsteilung. Soziale Nahbeziehungen vermitteln gesellschaftliche Zugehörigkeit durch Einbindung in Verhältnisse persönlicher Reziprozität und Solidarität. Alle drei Instanzen folgen unterschiedlichen Zuteilungslogiken. Soziale Rechte sind an einen Bürgerstatus geknüpft, Erwerbsarbeit ist abhängig vom Arbeitsmarkt, soziale Nahbeziehungen sind an Gelegenheiten und Vorlieben gebunden.

Gleichwohl sind alle drei Instanzen trotz ihrer Eigenständigkeit miteinander verzahnt, stehen sie im Verhältnis einer nur relativen Eigenständigkeit zueinander. Dies zeigt sich im Matthä­useffekt der Inklusion und im Teufelskreis der Exklusion.

Wie empirische Studien[11], die sich mit der Mehrdimensionalität von Inklusion und Exklusion beschäftigen, zeigen, wirken im Inklusionsbereich über die Dimensionen hinweg positive Verstärkereffekte. Wer stabil in das Erwerbsleben eingebunden ist, genießt arbeitsrechtli­chen Schutz, kann in breitem Umfang die durch soziale Rechte vermittelten Leistungen und Sicherheiten wahrnehmen und bewegt sich in Bekanntenkreisen, die ähnlich gut mit Res­sourcen ausgestattet sind: Wer hat, dem wird gegeben.

Im Gegensatz dazu gestaltet sich der Teufelskreis der Exklusion folgendermaßen: Wem etwas fehlt, dem wird noch mehr genommen. Brüchige oder gar abgebrochene Erwerbsverläufe gehen häufig einher mit steigendem Armutsrisiko, verengtem Zugang zu sozialen Dienstleistungen, der Ausbreitung von materieller Unsicherheit über die Biographie hinweg, dem sozialen Rückzug vieler Nahbeziehungen. Dies ist die Regel, von Abweichungen soll noch die Rede sein.[12]

Teufelskreise der Exklusion entwickeln sich über die Zeit. Die relative Eigenständigkeit jeder Dimension kann dazu beitragen, dass die Ausgrenzungsbedrohung in einer Dimension durch Unterstützung in einer anderen zunächst kompensiert wird. Intakte Partnerschaften etwa wirken als stabilisierendes Gegengewicht während einer Arbeitslosigkeit. Arbeitslosenversi­cherungen schützen in den meisten Ländern zunächst vor Armut. Mit der Zeit aber erschöpfen sich die kompensierenden Ressourcen.

Teufelskreise der Exklusion können sich im Raum verschärfen. Eine deutsche Studie hat gezeigt, dass die räumliche Konzentration von Armen und Arbeitslosen in bestimmten Straßen den Bezug von Sozialhilfeleistungen verlängert[13]. Entscheidend aber ist die Art der institutionellen Verbindung zwischen den verschiedenen Dimensionen der Inklusion. Sie zu identifizieren ist die Voraussetzung für politische Interventionen, die dazu beitragen können, dass Teufelskreise der Exklusion unterbrochen werden oder gar nicht erst anlaufen.

Und damit komme ich zurück zum Problem der Inklusion in funktional mehrdimensionalen kapitalistischen Gesellschaften. Wie lässt sich erklären, dass die zentralen Dimensionen der Inklusion, die alle unterschiedlichen „Funktionssystemen“ angehören und die alle einer eige­nen Logik folgen, dennoch ineinandergreifen und Matthäuseffekte der Inklusion oder auch Teufelskreise der Exklusion erzeugen?

Christoph Deutschmann und Uwe Schimank haben in jüngerer Zeit Überlegungen vorgestellt, die uns eine Antwort näher bringen können.[14] Beide greifen den Gedanken des Primats der Ökonomie von Marx auf. Sie wollen wissen, wie sich dieses Primat gegenüber den anderen „Funktionssystemen“ bemerkbar macht. Das entscheidende Bindeglied sehen sie im Geld. Geld vermittelt die Abhängigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssysteme von der Ökonomie. Über das Geld werden ökonomische Zwänge auf die anderen Bereiche übertragen. Schimank charakterisiert das Geld als Medium der „Systemintegration“ und „Sozialintegration“, Deutschmann als „universales Inklusionsmedium moderner Gesellschaften“. Von Geld hängen ihm zufolge die Möglichkeiten der Teilhabe an den Leistungen der unterschiedlichen Funktionssysteme ab.

In Bezug auf das Problem von Inklusion und Exklusion greift allerdings die Rede vom Geld als „Inklusionsmedium“ zu kurz. Denn sie blendet weitgehend aus, was Marx und Polanyi ins Zentrum der Analyse gerückt hatten: die gesellschaftliche Formbestimmung des Geldes als Kapital und die beherrschende Rolle, die dieses auf der Grundlage der Lohnarbeit in der „Moderne“ ausübt.

Deutschmann weist selbst darauf hin, dass die Ausbreitung des Geldes zum generalisierten „Inklusionsmedium“ historisch von der Durchsetzung und Verallgemeinerung der Lohnarbeit abhing. Erst indem „das menschliche Arbeitsvermögen dem direkten Zugriff des Geldes ge­öffnet wurde“, schreibt er, sei „dieses selbst damit in einer nie gekannten Weise aufgewer­tet“ worden[15]. Während Deutschmann das Lohnarbeitsverhältnis zwischen Kapital und Ar­beit noch an prominenter Stelle in seine Argumentation einführt, handelt Schimank die „marktförmige Nutzung der menschlichen Arbeitskraft“ lediglich in einer Fußnote ab.[16] Dies hat für seine Kapitalismuskritik weitreichende Konsequenzen. Sie reduziert sich auf das Problem der „intrasystemischen Instabilität der Wirtschaft“[17], ein Problem der „systemi­schen“ Steuerung über Märkte und Geld also. Dagegen gerät das in der „marktförmigen Nut­zung der menschlichen Arbeitskraft“ enthaltene gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis aus dem Blick, in dem Polanyi die Destruktionskraft der Exklusion erkannte.

Wenn aber die Lohnarbeit den Ursprung und Kern der „Aufwertung des Geldes“ bildet, muss auf die Lohnarbeit auch wieder das Augenmerk gerichtet werden, wenn es um den gesell­schaftlichen Kern von Inklusion und Exklusion geht. Dies will ich abschließend zeigen. Im Zentrum der Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Dimensionen der Inklusion – sozi­ale Rechte, Arbeitsmarkt und Arbeitsteilung, soziale Nahbeziehungen – steht in kapitalisti­schen Gesellschaften die Ausgestaltung der Lohnarbeitsverhältnisse. Hier liegt auch der Schlüssel zum Verständnis des Matthäuseffekts der Inklusion und des Teufelskreises der Ex­klusion.

Die Komplementarität von Institutionen und der Selbstschutz der Gesellschaft

Polanyi hatte auf einen zentralen Widerspruch kapitalistischer Gesellschaften hingewiesen: sie müssen die Arbeitskraft als Ware behandeln und sollen sie zugleich vor Marktabhängig­keit schützen. Dieser Widerspruch zeigt sich sowohl innerhalb der Dimensionen der Inklusion als auch in den institutionalisierten Verknüpfungen zwischen ihnen.

In Gesellschaften, die die Verteilung der Arbeit im Wesentlichen über Märkte organisieren, bedeutet der Zugang zu Erwerbsarbeit eine wichtige Voraussetzung von Inklusion. Diese stößt aber auf das Hindernis der ungleich verteilten Marktmacht zwischen Kapital und Arbeit und überhaupt zwischen denjenigen, die Arbeitsplätze zu vergeben haben und denen, die sie brauchen. Darüber hinaus stellt selbst die Einbindung in ein Lohnarbeitsverhältnis nicht si­cher, dass das erzielte Einkommen einen kulturell angemessenen Lebensstandard ermög­licht. Wohlfahrtsstaaten wiederum können umverteilen und damit Lebenschancen sichern helfen. Sie sind dafür jedoch auf Erträge aus Arbeits-und Kapitaleinkommen angewiesen, können aber kein soziales Recht auf Arbeit gewährleisten. Soziale Nahbeziehungen schließlich bedürfen, um tragfähig zu sein, materieller Ressourcen von Markt und Staat.

An all den genannten kritischen Punkten kann Inklusion brüchig werden und können Exklusi­onsrisiken entstehen. Es hängt aber von den institutionalisierten Verknüpfungen zwischen den Dimensionen ab, ob die Risiken von einer zur anderen „überspringen“ und sich dadurch verschärfen, oder ob und wie lange sie durch Kompensationen aufgefangen werden. Diese Verknüpfungen unterscheiden sich in den einzelnen europäischen Ländern, wenn auch auf typische Weise.

Matthäuseffekte der Inklusion zeigen sich vor allem in den Ländern, die sozialstaatliche Leistungen unmittelbar mit dem Lohnarbeitsverhältnis verbinden. Wer sich hier in stabilen Beschäftigungsverhältnissen bewegt, die arbeitsrechtlich abgesichert sind, ist zusätzlich durch Sozialversicherungen geschützt, die aus den Beiträgen der Erwerbsarbeit finanziert werden. Insider des Erwerbssystems erfahren auf diese Weise eine doppelte Absicherung gegen Exklusionsrisiken. Die Institutionen des Arbeitsmarkts und der sozialen Sicherung ergänzen einander hier im Sinne einer Effizienzsteigerung.

Gerade diese Form der Komplementarität hat aber ihre ausgrenzende Kehrseite. Sie setzt diejenigen, die in arbeitsrechtlich nicht gesicherten Arbeitsverhältnissen stehen oder gar zu den Außenseitern des Beschäftigungssystems gehören, umso stärker der Gefahr aus, in den Teufelskreis der Exklusion zu geraten. Brüchige Erwerbsbiographien ziehen reduzierte An­sprüche an die Sozialversicherungen nach sich, verschärfen somit die Marktabhängigkeit und das Risiko der Verarmung und belasten die sozialen Beziehungen.

Deutschland ist ein charakteristischer Fall dieses Typs komplementärer Institutionen an der Nahtstelle von Sozialstaat und Lohnarbeitsverhältnis. Es weist im europäischen Vergleich besonders hohe Exklusionsrisiken bei Arbeitslosigkeit auf.[18] Matthäuseffekte der Inklusion und Teufelskreise der Exklusion entspringen hier ein und derselben institutionellen Ver­knüpfung und treiben die Lebensverhältnisse in der Gesellschaft weiter auseinander. In Deutschland ist das Lohnarbeitsverhältnis zudem in besonderer Weise mit dem Geschlechterverhältnis und den Haushaltsformen verbunden. Die vom Sozialstaat gestützte Abhängigkeit der Partnerinnen vom erwerbstätigen Partner erhöht die Ausgrenzungsrisiken für Frauen erheblich, wenn die Partnerschaft scheitert oder im Fall „unkonventioneller“ Haushaltsformen (bei Alleinerziehenden, in der Regel alleinerziehenden Müttern).

Inklusion ist im Gegensatz zur Komplementarität der Effizienzsteigerung auf die Lockerung der Verbindungen zwischen Lohnarbeitsverhältnis und sozialstaatlichen Leistungen angewiesen. Oder allgemeiner formuliert: Die „Interdependenzunterbrechung“ zwischen den einzelnen „Funktionssystemen“, von der Luhmann glaubte, sie sei in „funktional differenzierten Gesellschaften“ bereits realisiert und würde Exklusionsprozesse verhindern, müssten in den kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart erst durchgesetzt, die Komplementarität der Institutionen, die Teufelskreise erzeugt, müsste erst durchbrochen werden, um die Gesellschaft vor den Märkten zu schützen.

Eine bestimmte Form jener Lockerung findet sich noch immer in den skandinavischen Län­dern. Sozialstaatliche Leistungen werden dort in stärkerem Maße durch Steuern finanziert und damit auf eine breitere Basis gestellt als in den Ländern mit Leistungssystemen, die durch Beiträge direkt an das Lohnarbeitsverhältnis gebunden sind. Dadurch erweitern sich die Möglichkeiten einer Inklusionspolitik, die den Arbeitsmarkt korrigiert. Dazu gehören eine aktive Arbeitsmarkt‑ und Beschäftigungspolitik; hohe Lohnersatzleistungen gerade für dieje­nigen Arbeitslosen, die ihrer besonders bedürfen; eine Grundsicherung im Alter unabhängig von Erwerbsarbeit, die dazu beiträgt, einen kulturell angemessenen Lebensstandard über den Lebensverlauf zu gewährleisten. Solche institutionalisierten Politiken können Teufels­kreise der Exklusion unterbrechen oder gar unterbinden. Deshalb lässt sich diese Form insti­tutioneller Komplementarität als kompensatorische kennzeichnen.

Der von Polanyi aufgezeigte Widerspruch ist aber auch damit nicht gelöst, sondern nur ver­schoben. Die breite Steuerbasis, auf der der relative starke Schutz vor Marktabhängigkeit in diesen Ländern beruht, ist auf eine hohe Erwerbsbeteiligung, somit eine Verallgemeinerung des Lohnarbeitsverhältnisses, somit eine Verallgemeinerung der Marktabhängigkeit ange­wiesen, die sie zugleich abmildern soll. Auch dieser Konflikt kann abgeschwächt werden durch den Ausbau eines öffentlichen Sektors, der gesellschaftlich notwendige Güter und Leistungen bereitstellt, ohne sich dem Diktat der Kapitalakkumulation zu unterwerfen. Schwindet allerdings die ökonomische Voraussetzung, der von den Unternehmen im priva­ten Sektor anvisierte Profit, oder die politische Voraussetzung, der Konsens über die Umver­teilung, gerät auch dieser Ausgleichsmechanismus ins Stocken. Einschränkungen im Niveau und den Bedingungen sozialstaatlicher Leistungen in Schweden und Dänemark während des letzten Jahrzehnts weisen darauf hin, dass dies der Fall ist.[19]

Der „Schutzmantel der kulturspezifischen Institutionen“ weist mittlerweile in allen Ländern Europas immer größere Löcher auf. Durch sie hindurch zeigt sich offensichtlicher als je zuvor in den Zeiten der sozialstaatlichen Klassenkompromisse nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Herrschaft des Prinzips der Kapitalakkumulation über die Schicksale der Gesellschaften nicht gebrochen wurde. Die Rede von der Alternativlosigkeit der Bankenrettung, mit der die Regierungen Europas vor der Herrschaft der Finanzmärkte in die Knie gingen; die durch sie gerechtfertigte Umwandlung der Finanzmarktkrise in eine Staatsschuldenkrise, die den Lohnabhängigen den Schutzmantel immer weiter zu entziehen droht, sprechen eine unmiss­verständliche Sprache der Macht.[20]

Neu ist, dass sie keinerlei Verbrämung mehr zu bedürfen scheint. Wer würde es wagen, ohne sich völliger Lächerlichkeit preiszugeben, die Bankenrettung als Rettung der Freiheit zu deklarieren? Oder als Ausdruck des Fortschritts? Selten wurden die Zumutungen des Kapita­lismus den Menschen so illusionslos und pragmatisch auferlegt. Dabei steigt in den europäi­schen Ländern auch innerhalb der Zonen der Inklusion stetig der Preis, den die Lohnabhängi­gen entrichten müssen, um Sicherheiten zu bewahren – in Gestalt von Arbeitsverdichtungen, fremdbestimmter Mobilitätsbereitschaft, Einkommenseinbußen. Gleichzeitig breiten sich die Zonen prekärer Arbeitsverhältnisse und mit ihnen prekärer Lebensverhältnisse aus. Gegen­wehr wird blockiert durch die neuen Spaltungslinien entlang der Abstufungen von Inklusion und Exklusion innerhalb der europäischen Länder und zwischen diesen. Auch die „Wohlstandskonflikte“[21] haben in dieser neuartigen Gemengelage von Klassen‑ und Teilhabeungleichheiten ihren Ursprung.[22]

Für Polanyi war es offenkundig, dass der Selbstschutz der Gesellschaft es erfordert, Arbeit, Land und Geld der Herrschaft der Märkte zu entziehen.[23] Auf dieser Grundlage wäre eine institutionelle Komplementarität denkbar, die sich grundlegend von den zuvor genannten Formen unterscheidet. Es wäre eine Komplementarität, die die jeweils eigenständige Bedeu­tung aller drei Inklusionsdimensionen für die Individuen anerkennen würde – die über Bür­gerrechte vermittelte Teilhabe, den über die Arbeit vermittelten Status, die über soziale Nahbeziehungen vermittelte persönliche Reziprozität. Im Unterschied zur Komplementarität der Effizienzsteigerung und zur Komplementarität der Kompensation wäre es die Komplementarität einander im Ziel der Inklusion entsprechender Institutionen. Sie wäre die Voraussetzung dafür, dass die Individuen gemeinsam über ihr Leben und die Entwicklung der Gesellschaft entscheiden könnten.

Eine solche institutionelle Verknüpfung ist derzeit nicht in Sicht. Alle Anzeichen weisen in­dessen in die entgegen gesetzte Richtung. Überall in Europa, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, wird die Marktabhängigkeit der Arbeit verstärkt und werden soziale Rechte im­mer enger an die Bedingung, Lohnarbeit zu leisten, geknüpft.[24] Solange dies geschieht, wird Inklusion mehr und mehr zum zweifelhaften Privileg und werden die Teufelskreise der Exklu­sion zunehmen.

Der Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung eines Artikels aus der Zeitschrift Mittelweg 36, April/Mai 2014.

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[1] Für wichtige Hinweise zum Text danke ich Hassan Givsan, Ulf Kadritzke, Ilse Schütte-Kronauer, Sigrid Betzelt und Stephan Lessenich.

[2] Ausführlich hierzu Kronauer 2010.

[3] Den „Matthäuseffekt“ hat Robert K. Merton in die Soziologie eingeführt und sich dabei auf das akademische Zitierwesen bezogen (Merton [1968] 2010). Im Folgenden greife ich den Gedanken „wer hat, dem wird gege­ben“ auf, ich werde allerdings zeigen, dass er nur mit einer wesentlichen Einschränkung auf das Problem von Inklusion und Exklusion übertragen werden kann.

[4] Vgl. Luhmann 1995, S. 149f; Luhmann 1997, S. 768f; kritisch hierzu Kronauer 2010, S. 127f.

[5] Marx [1844] 1970, S. 385.

[6] Polanyi [1944] 1995

[7] Polanyi [1944] 1995, S. 182

[8] Ebenda, S. 108

[9] Dazu unter anderen Crouch 2008.

[10] Siehe dazu Kronauer 2010, S. 93-117, 254-260.

[11] Gallie/Paugam 2000; Muffels et al. 2002; Paugam 2008.

[12] Zur Begriffsbestimmung und den Formen der Exklusion, insbesondere den Gleichzeitigkeiten des „Drinnen“ und „Draußen“ der Ausgrenzungen in hoch entwickelten kapitalistischen Gesellschaften Kronauer 2010.

[13] Farwick 2004.

[14] Deutschmann 2009; Schimank 2009. Ausführlicher dazu Kronauer 2010, S. 241-246.

[15] Deutschmann 2009, S. 232.

[16] Schimank 2009, S. 339

[17] Ebenda, S.338

[18] Die Verbindungen zwischen Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Isolation waren während der 1990er Jahre in Deutschland, Frankreich und im Vereinigten Königreich besonders stark ausgeprägt (Gallie/Paugam 2000b, S. 370). Deutschland und Frankreich gelten als Länder des „employment centered“ Wohlfahrtsstaatstyps, das Vereinigte Königreich als (im Hinblick auf Arbeitsmarkt und soziale Absicherung) „liberaler“ Wohlfahrtsstaat mit geringen Absicherungen gegen Marktabhängigkeit. Auf die in diesen Ländern besonders hohen Ausgrenzungs­risiken im Fall von Arbeitslosigkeit weisen auch Begg/Muffels/Tsakloglou 2002, S. 325 f. hin.

[19] Vgl. für Dänemark Jørgensen 2009.

[20] „In der Zeit zwischen Oktober 2008 und Oktober 2011 hat die Europäische Kommission 4,5 Billionen (das sind 37 % des europäischen Bruttosozialprodukts und mehr als das sechsfache das Stammkapitals des ESM) in Staatshilfen für Finanzinstitutionen genehmigt. Bankenrettungen – die volkswirtschaftlich kostenträchtigen Externalitäten eines schlecht geregelten Bankensektors – sind eine wesentliche Ursache für die wachsende Verschuldung der Mehrheit hilfsbedürftiger Staaten in der Eurozone“ (Kumm 2012, S. 10).

[21] Vogel 2009

[22] Ausgrenzungsrisiken sind sozialstrukturell ungleich verteilt, fallen gleichwohl nicht mit der Klassenlage zusammen. Angehörige der Mittelklassen sind noch immer weitgehend von Ausgrenzung verschont, nicht aber von begründeten Abstiegsängsten. Für viele Berufseinsteiger aus diesen Klassen ist der Übergang in berufliche Etablierung und die „Zone der Integration“ (Castel 2000, S. 13) schwieriger geworden. Auch ein tarifvertraglich abgesicherter Arbeiter in Vollzeitbeschäftigung bei der Automobilindustrie wird, nach seinen Teilhabemöglichkeiten, der „Zone der Integration“ angehören, im Unterschied zu dem in nächster Nähe mit denselben Arbeiten befassten Zeitarbeiter, dessen Arbeits‑ und Lebensverhältnisse prekär bleiben. Ausgrenzungsrisiken wiederum konzentrieren sich bei Angehörigen der Arbeiterschaft (Groh-Samberg 2009; Kronauer 2010, S. 257-260).

[23] Polanyi [1944] 1995, S. 332 f. Hier führt er weiter aus, warum das Ende der Herrschaft der Märkte über Ar­beit, Land und Geld, somit das Ende der „Marktgesellschaft“, nicht gleichbedeutend sein muss mit dem Ende aller anderen Märkte.

[24] Vgl. hierzu Betzelt/Bothfeld 2011. Zu den Gründen und insbesondere dem Einfluss der europäischen Institutio­nen liegt mittlerweile eine Fülle von Literatur vor. Einen guten Überblick liefert McCann 2010.


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Kurzprofil

Prof. (em.) Dr. Martin Kronauer
Professor für Gesellschaftswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin
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