Deutscher Gewerkschaftsbund

27.11.2014

Am Rande der Servicewelt: Das Problem der Solidarisierung in den "einfachen" Diensten

Die bundesrepublikanische Erwerbslandschaft ist in den vergangenen Jahren differenzierter und vielfältiger geworden.[1] Neue Formen der Dienstleistungsarbeit sind dabei zunehmend in den Mittelpunkt der Arbeitsgesellschaft getreten und haben soziale, wirtschaftliche und politische Hoffnungen der Beschäftigten neu definiert, wie im Falle der Expansion weiblicher Erwerbsbeteiligung.

Putzen

Phili201 / photocase.com

War mit der Industrialisierung zunächst noch der angelernte Arbeiter zum Modell einer Arbeit geworden, die vor allem in routinierten Handgriffen besteht, lässt die Tertiarisierung (Ausbreitung von Dienstleistungen) vornehmlich eine Gruppe akademisch, technisch und sozial qualifizierter Personen erwarten.[2] Bei der Betrachtung »einfacher« Dienstleistungen finden sich wiederum deutliche Hinweise darauf, dass Dienstleistungsarbeit auch dazu führen kann, dass hier ein Prozess der Proletarisierung entsteht.[3]

Proletarisierung in der Dienstleistungsarbeit

Der Sozialwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen hat als einer der ersten mögliche Abwärtsbewegungen im Segment »einfacher« Dienstleistungsarbeit zum Thema gemacht.[4] Mit dem Begriff des »Service-Proletariats« regt er eine Diskussion über soziale Spaltungen an, die den Wissensökonomien einen Bereich »einfacher« Dienstleistungsarbeit gegenüberstellt. Diese »einfachen« Dienste lassen sich Branchen zuordnen. Sie sind vornehmlich in Supermärkten, der Gebäudereinigung, den Postservices und Sicherheitsdiensten zu finden. Der Lohn dieser Tätigkeiten reicht oft nicht aus, um die Existenz ausreichend abzusichern. In den Tabellen des Statistischen Bundesamtes rangieren sie in den Sparten des Niedriglohnsektors. Für einfache Dienstleister beschleunigt sich nicht nur der Wechsel zwischen Drinnen und Draußen. Die Arbeitsverträge sind auch oft befristet und die Dienstleister haben gleich mehrere dieser Jobs. Hinzu kommt eine Tendenz zur Dequalifizierung.

Der soziale Aufstieg von Berufsgruppen ist nach wie vor maßgeblich von Professionalisierung, das heißt unter anderem von Ausbildungs- bzw. Weiterbildungsangeboten bestimmt. In den »einfachen« Diensten bestehen kaum Bildungsmöglichkeiten und es wird auch kaum eine Qualifizierung verlangt. Viele Tätigkeiten sind zwar formal Ausbildungsberufe. Faktisch wird aber von den Unternehmen keine zertifizierte Ausbildung gefordert. Es sind hier „Jedermannsarbeitsmärkte“ entstanden, innerhalb derer das Anspruchs- und Lohnniveau niedrig bleibt. »Einfache« Dienstleistungsarbeit ist so zum Zufluchtsort für Geringqualifizierte, Schul- und Ausbildungsabbrecher, Migrationsverlierer, deren Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden, sowie Betroffene von Rationalisierungen in anderen Branchen, also zum sogenannten „Dumping Ground“ geworden.[5]

Der gegenwärtige Wohlfahrtsstaat hat über sein arbeitsmarktpolitisches Prinzip der Aktivierung[6] einen entscheidenden Anteil an der Herausbildung dieser „Jedermannsarbeitsmärkte“. Das expandierende System der Lohnaufstockung trägt dazu bei, den Verbleib in den »einfachen« Diensten überhaupt zu einem für die Beschäftigten ökonomisch tragfähigen Modell zu machen. Andererseits wird für weite Teile »einfacher« Dienste der beschlossene allgemeine Mindestlohn gelten. Sein Niveau lässt erwarten, dass viele Arbeitnehmer auch nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben auf wohlfahrtsstaatliche Grundsicherung angewiesen sein werden: Die zu erwartenden Rentenansprüche liegen deutlich unter denen der »einfachen« Industriearbeiter.[7] Dequalifizierung, Niedriglohneinkommen und geringe Alterssicherung sind erste Hinweise, dass sich im Bereich »einfacher« Dienste nicht nur eine Situation multipler Benachteiligung abzeichnet, sondern auch ihre Verfestigung.

Zwischen Solidarisierung und Selbstdistanzierung

Die Chancen und Grenzen der Solidarisierung werden bei dieser Gruppe sichtbar, wenn die gewerkschaftliche Interessenorganisation an der internen Zerfaserung der Belegschaften scheitert. Die „einfachen Dienstleister“ haben branchenübergreifend den Status einer unmöglichen Gruppe. Es ist keineswegs so, dass »einfache« Dienstleistungsarbeiter nicht nach einem Adressaten für ihre Benachteiligung suchen. Um den Erfolg des offenen Widerstands ist es allerdings schlecht bestellt.

Einerseits hat das mit dem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad zu tun. Ein Vergleich ist hier aufschlussreich: Während in der »einfachen« Industriearbeit – trotz Mitgliederschwund - 39% der Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Mitglied einer Gewerkschaft sind, liegt der entsprechende Wert in den »einfachen« Diensten bei 18%.[8] Eine geringe gewerkschaftliche Organisationsdichte macht es schwierig für die Beschäftigten, sich kollektivrechtlichen Auseinandersetzungen zu stellen.

Andererseits sind die Probleme der Solidarisierung in den Belegschaften selbst zu finden. Aus verschiedenen Herkunftsländern kommend und mit unterschiedlichsten Ausbildungsniveaus ausgestattet sind nicht nur soziale und kulturelle Unterschiede sowie sprachliche Barrieren wichtige Faktoren, die die Beschäftigten voneinander isolieren können. Auch die extreme personelle Fluktuation ist ein Hindernis. Entscheidend ist aber darüber hinaus der fehlende Berufsstolz. »Einfache« Dienstleistungsarbeit ist vielfach Normalisierungsarbeit. Ob es das immer wieder erfolgende Herstellen von Sauberkeit ist oder das wiederkehrende Arrangement von Lebensmitteln in einem Supermarkt. Die Arbeit zielt vor allem auf die Herstellung des Status Quo. Für den Selbstbezug auf ihre Arbeit hat dies einen maßgeblichen Effekt: Erfahrungen von Professionsstolz sind selten vorhanden. Statt professionellem Sonderwissen können die Beschäftigten nur allgemeine Kompetenzen für sich beanspruchen. Zwar entwickeln viele Beschäftigte Überzeugungen eines körperlichen Leistungsstolzes, aber Stolz auf ihren Beruf entwickeln sie damit selten. Aufgrund wiederkehrender Routinen und der Erfahrung nichts zu produzieren, sondern nur die Produkte anderer zu arrangieren oder zu sichern, entsteht kaum ein Produzentenstolz, der Solidarisierungen förderlich ist. Statt Solidarität produziert die eigene Tätigkeit eher das Bedürfnis, sich von der eigenen Arbeit zu distanzieren.

Isolation und Widerstand

Die Zerfaserung der Belegschaften wird durch die isolierte Arbeitssituation verschärft. Wenn die Reinigungskraft und der Postzusteller ihre Arbeit weitgehend allein erledigen, dann werden nicht nur Begegnungen minimiert, es entsteht auch Misstrauen. Wenn jeder alleine unterwegs ist und die Früchte eigener Arbeit im Prozess der Normalität vor allem flüchtig sind, fehlt die sichtbare Kontrolle der Leistung des anderen. Radikalisiert werden diese Formen kollegialen Misstrauens schließlich, wenn die wenigen Vorteile, die die Arbeit den Angestellten in Form von Stundenvergabe, Urlaubsregelungen, etc. offerieren kann, häufig informell im Nullsummenspiel der Gunst durch die Vorgesetzten verteilt werden. In der Beziehung zwischen Vorgesetzten und Belegschaft wird die enorme Reichweite der Praxis persönlicher Günstlingswirtschaft sichtbar. Wo Gunst entscheidet, ist der sicherste Weg für den, der Vorteile anstrebt, sich mit den direkten Vorgesetzten gut zu stellen.

Zusammenfassend bedeuten diese Beobachtungen für die gewerkschaftliche Interessenorganisation vor allem eines: Offener Widerstand wird branchenübergreifend oft zum Alleingang. Allianzen und Vertrauen sind prekär und gewerkschaftliches Engagement kann statt kollektiver Agency einer organisierten Berufsgruppe, also gemeinsamer Handlungsmacht, oft nur die individuelle Rechtseinklage anbieten. Das heißt: mit Rückendeckung der Gewerkschaft werden häufig nur unrechtmäßige Kündigungen beim Arbeitsgericht angefochten. Diese Verfahren werden erst dann gewählt, wenn die Beschäftigten nichts mehr zu verlieren haben, denn sie kosten Nerven und selbst bei Prozessgewinn ist die erstrittene Abfindung oft nur eine herbe Enttäuschung.

Die Beschäftigten der »einfachen« Dienste ziehen daraus ihre Konsequenzen. Wenn die Ungerechtigkeiten auf den formalen Wegen des Rechtsstaats zu einer Enttäuschung führen, dann werden Strategien entwickelt, Kritik auf jeweils eigene Weise zu formulieren. Eine Strategie ist dabei Sabotage, deren Ausmaß relativ hoch ist. Sie ist das Ergebnis der Tatsache, dass die Beschäftigen im Bereich »einfacher« Dienstleistungsarbeit keine etablierten Möglichkeiten sehen, ihre Ungerechtigkeitserfahrungen auszudrücken und vorzubringen. Weder ist der Schutz des Wohlfahrtsstaates erkennbar, noch sind  arbeitsrechtliche Verhandlungserfolge erfahrbar, die über das Mindestlohnniveau hinausreichen. Daher beginnen die Dienstleister die eigene Würde mit List zu bewahren.

Nehmen wir diese Überlegungen zusammen, dann zeigt der Bereich »einfacher« Dienstleistungsarbeit, dass wir es in Gegenwartsgesellschaften eben nicht nur mit besseren Bildungschancen, der Pluralisierung von Beschäftigungsverhältnissen, globalisierten Arbeitsmärkten und neuen Arrangements der Geschlechterverhältnisse zu tun haben, sondern auch mit einer schärferen beruflichen Ungleichheit. Während sich auf der einen Seite (z.B. in Management und Ingenieurwesen) eine Aufwertungsbewegung ausmachen lässt, stehen die Beschäftigten »einfacher« Dienste auf der Seite derer, bei denen etablierte Ausgleichsstrukturen kaum greifen.

 

Von der Autorin jüngst erschienen: Lebensmodelle in der Dienstleistungsgesellschaft


[1] Kratzer, N. (2005): Vermarktlichung und Individualisierung. Zur Produktion von Ungleichheit in der reflexiven Modernisierung, in: Soziale Welt 56, S. 247-266.

[2] Siehe etwa: Fourastié, J. (1954): Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts, Köln-Deutz: Bund-Verlag; Bell, D. (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt; Baethge, M., Wilkens, I. (Hrsg.): Die große Hoffnung für das 21. Jahrhundert? Perspektiven und Strategien für die Entwicklung der Dienstleistungsbeschäftigung, Opladen: Rowohlt, S. 23-45.

[3] Die Studie erschien im September 2014 in der Hamburger Edition: Bahl, F.: Lebensmodelle in der Dienstleistungsgesellschaft. Im Rahmen der Studie haben drei Fragen eine entscheidende Rolle gespielt: Erstens: Was bedeutet Arbeit für die Beschäftigten »einfacher« Dienste angesichts von Jedermannsarbeitsmärkten und Niedriglöhnen? Zweitens: Welche Erwartungen haben sie an die Zukunft, welche Optionen von Aufstieg und Entwicklung sehen sie? Jede dieser Fragen für sich kann zeigen, wie sich die Reproduktionsrisiken der eigenen sozialen Lage in den Arbeitsmarktbereichen der »einfachen« Dienste branchenübergreifend gerade dadurch erhöhen, dass den Beschäftigten Vorstellungen von Aufstieg, Entwicklung und Berufsstolz weitgehend unverfügbar sind und stattdessen das gilt, was man eine marktbezogene Statusfatalität nennen kann. Und die dritte Frage nach Chancen kollektiver Assoziierung.

[4] Esping-Andersen, G. (1993): Post-industrial Class Structures: An Analytic Framework, in: Esping-Andersen, G. (Hrsg.): Changing Classes: Stratifikation and Mobility in Post-industrial Societies, London/Newbury Park/New Delhi: SAGE publications, S. 7-31.

[5] Blossfeld, H-P., Giannelli, G., Mayer, K. U. (1993): Is There a New Service Proletariat? The Tertiary Sector and Social Inequality in Germany, in: Esping-Andersen, G. (Hrsg.): Changing Classes: Stratification and Mobility in Post-industrial Societies, London/Newbury Park/New Delhi: SAGE publications, S. 109–135, S. 134.

[6] Lessenich, S. (2013): Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld: Transcript.

[7] Oesch, D. (2006): Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzlerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 213f.

[8] Oesch, D. (2006): Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 168.


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Dr. Friederike Bahl
Geboren 1982
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung
» Zum Kurzprofil