Deutscher Gewerkschaftsbund

14.01.2015

Politische Musik - neue Empfehlungen

plattencover

Rainer von Vielen: Erden, 2014 bei Motor Entertainment (Edel) erschienen

"Keiner" von vielen …

… spielt sozialkritische Musik mit sehr abwechslungsreichen Texten. Bastard-Pop nennen Rainer von Vielen ihren Musikstil. Tatsächlich ist er nirgendwo einzuordnen, schließlich machen sie Hip Hop, Rock, Ska, Chanson, Weltmusik und einiges mehr. Ihr Frontmann Rainer Hartmann beherrscht nicht nur mehrere Instrumente, sondern auch den Obertongesang, den man gewöhnlich aus traditioneller mongolischer Musik kennt.

Die Lieder von Rainer von Vielen beschreiben nicht nur auf dem aktuellen Album "Erden" kritisch aktuelle gesellschaftliche Zustände, Haltungen und Probleme. Ihr Kritikstil u. a. ist die Parodie. Das Stück „Grosser Bla“ ist dafür ein besonders gelungenes Beispiel. Sie karikieren dort nicht nur die religiöse Verführung, sondern auch die erschreckende Einfachheit der Verführten. Verschwörungstheorien werden in "Erden" lächerlich gemacht. Auch das Stück „Copy Paste“ ist ein schönes Beispiel für eine treffsichere Persiflage, in der es um widersprüchliche Anschauungen und Meinungen geht, die als Patchwork-ensemble so gar nicht zusammenpassen. Das berühmte Freiheitslieds Die Gedanken sind frei interpretieren sie als Blues mit dem Song „Es bleibt dabei“. So richtig tanzbar wird es dann mit dem Aufruf „Empört Euch!“. Damit können Rainer von Vielen ganze Hallen zum Beben bringen – wie beim letztjährigen OpenFlair-Festival. Schließlich kommt auch das Liebeslied mit „Die ganze Nacht“ nicht zu kurz, ohne plakativ zu wirken oder gar den „Fremdschäm“-Modus zu aktivieren.

Mit Erden hat Rainer von Vielen nicht nur eine tolle Scheibe mit nettem Cover – nur ohne Texte – veröffentlicht, auch ihre Livekonzerte sind absolut empfehlenswert.

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Toxpack: Friss!, 2014 bei Better than hell Records (Edel) erschienen.

Sehen und Fühlen was geschieht

Bei Toxpack handelt es sich eindeutig um Rock der härteren Gangart. Doch lassen wir die Sub- und Subsub-Genre-Analyse beiseite. Sie selber nennen ihre Musik Streetcore, also von der Straße für die Straße. Die ist auf ihrem neuesten Silberling „Friss!“ deutlich abwechslungsreicher geworden. Toxpack kommt aus Berlin. Ihre klare antifaschistische Haltung kommt stets zum Tragen, aktuell mit einer Kritik am Wegsehen im Stück „Nichts hören, sehen, sagen!“. Dabei ist die Kooperation mit Stephan Weidner sensationell, schließlich könnte er als Ex-Mitglied der Blöden (Böhzen) Onkels so gar nicht passen. Heute ist er als Der W unterwegs. Toxpack sind in ihrem Engagement gegen rechts unerschütterlich. Entsprechende Ansagen gehören bei jedem Live-Auftritt dazu.

Die Stücke „Vergangen, vergessen“ oder „Nichts bleibt, wie es ist“ auf ihrem neuen Album könnten glatt von Die Toten Hosen sein. Das Video zu „Nichts bleibt…“ wurde teilweise im Kreuzberger Club Wild At Heart aufgenommen. Wer die Möglichkeit hat, Toxpack dort zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. In „Transatlantik Rendezvous“ wird die NSA-Abhör-Affäre, ach…, der ganze transatlantische Klüngel kritisiert. Nur das Intro „Gustatio“ und das Outro „Bellaria“ stehen als Balladen für den entspannteren Hörgenuss. Kaufen, hören, feiern! Letzteres kann beim Liveerlebnis perfektioniert werden. Auch das Booklet hält einige Überraschungen parat.

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The Baboon Show: Damnation, 2104 erschienen bei Kidnapmusic (Cargo Records).

Schweden rockt links

The Baboon Show sind eine Formation mit klassischer und deshalb keinesfalls unzeitgemäßer Gesellschaftskritik. Sie kritisieren ebenso die USA, wie die Ausbeutung der ArbeiterInnen. Ihr thematisches Spektrum ist damit aber keinesfalls erschöpft, schließlich werben sie in ihren Liedern auch für sozialistische Perspektiven. 2014 tourten sie durch ganz Europa und hatten viele Auftritte in Deutschland. Unter anderen waren sie zweimal die Vorband auf Konzerten der Toten Hosen. Sie haben einen mitreißenden Live-Auftritt, der lange Zeit Eindrücke hinterlässt. Die Frontfrau Cecilia Boström mit ihrer bemerkenswerten Stimme gibt alles. Leider spielen sie auf den Festivals, z.B. OpenFlair, nur auf den kleinen Bühnen.

Meine Kaufempfehlung gilt dem 2014er-Silberling „Damnation“. Sie machen dort eine deutliche Ansage in Richtung korrupter PolitikerInnen mit dem Song „Lobby Boy“. In dem Stück „The History“ wird der bürgerliche Geschichtsunterricht, schließlich die herrschende Geschichtspolitik angeprangert. Der musikalische Aufruf, endlich etwas zu verändern, wird mit „The Shame“ manifestiert. Dann kommt noch ihre atheistische Haltung in dem Stück „Jesus“ zum Tragen.

Rock, mit treibenden Riffs unterlegt, ist ihr musikalisches Mittel mit dem sie ihre radikale Kritik äußern. Hinzu kommen eingängige Refrains zum Mitsingen und die unverwechselbare weibliche Schleifscheibenstimme.

Es ist eine feine CD inklusive Textbooklet, mit einem Cover ohne unnötiges Artwork im Stile der frühen Achtziger!

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Rise Against: The Black Market, 2014 bei Interscope (Universal Music) erschienen.

Dagegen erheben

2014 ist mit “The Black Market“ das siebte Album von Rise Against erschienen. Es ist wieder geprägt von eingängigen Melodien, treibendem Beat, eindringlichem Gesang und markanten Scream-Passagen. Für alte Fans bietet die CD wenig Überraschungen und vergleichsweise wenig Politik. Für junge Fans bietet sie viel gute Musik und ansprechende Selbstreflexion. Auch dieser Rise Against – Longplayer landete auf Platz Eins der deutschen Albumcharts. Entsprechend voll sind auch die Konzerte dieser tollen Live-Band.

In „The Eco-Terrorist In Me“ kritisieren sie den inflationär gebrauchten Terrorismus-Begriff in den USA. Über die globalen Veränderungen und die aktuellen Formen des Protests singen sie in „A Beautiful Indifference". „People Live Here“ ist die Ballade, die auf keiner Rise Against-Scheibe fehlen darf.

Das politische Engagement der Band sollte nicht unbeachtet bleiben. Schließlich haben sie eine eigene Activism-Rubrik auf ihrer Homepage. Für die deutsche Debatte sind die dortigen Texte über Immigration und Gewerkschaftsbashing sehr inspirierend.

Auch mit dem klassisch-modern designtem Cover haben sie sich Mühe gegeben und verzichten in der CD auch nicht auf die Texte.

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Ewan MacColl: Backup The Best Of …, seit 2014 herunterladbar bei … [ausdrücklich zum suchen - keine Werbung dafür; d. Verf.].

Leider nur zum herunterladen

In 2014 wurde „Backup the Best of Ewan MacColl“ veröffentlicht, leider nicht als CD. Im Netz können zum günstigen Preis 90 Lieder von Ewan MacColl, dem berühmten britischen Barden mit schottischen Wurzeln, heruntergeladen werden. Bei vielen dieser Songs ist seine dritte und letzte Frau Peggy Seeger beteiligt, eine Halbschwester Pete Seegers. Ewan MacColl ist der Autor des bekannten „Dirty Old Town“, das u.a. The Pogues interpretierten.

Viele der 90 Folk-Lieder handeln vom Arbeiterleben aus Gewerkschaftssicht, wie „Needle And Threat“ und „March With Us Today“. Sehr einprägsam wird in „The Banks Of Newfoundland“ Migration und Auswanderung thematisiert. Die meisten Songs haben nur eine spärliche mit Begleitung durch Instrumente. Dafür ist der Gesang umso einprägsamer. Insgesamt ist es eine tolle Zusammenstellung in Schallplattenqualität.


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Kurzprofil

Rhett Skai
Geboren 1970 in einem ArbeiterInnenviertel
Arbeitet heute in Schaff-Enspausen
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