Deutscher Gewerkschaftsbund

25.06.2015

Akademikerschwemme oder Marktversagen der Ausbildungsbetriebe?

Zum öffentlichen Diskurs über Akademisierung und berufliche Ausbildung

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Auf dem 3. Nationalen MINT-Gipfel am 26. Juni diskutierte u. a. der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann über die Voraussetzungen beruflicher Bildung. Es ging um die Förderung der sogenannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Schließlich beruht Deutschlands technologische Stärke auf gut ausgebildeten Fachkräften. Ob sie an der Universität oder im Betrieb besser ausgebildet werden können, darüber ist seit einiger Zeit eine Debatte entbrannt. Antonia Kühn und Norbert Wichmann fordern im folgenden Beitrag eine stärkere Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen.

Die steigenden Studierendenzahlen führen derzeit zu hitzigen Diskussionen. Wird der Run auf die Hochschulen die duale Berufsausbildung entwerten? Konkurrieren die Betriebe mit Hochschulen um „die besten Köpfe“?Welche Anforderungen bestehen an das Bildungssystem der Zukunft?

Betrachten wir zunächst die quantitative Ausgangslage: Die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger verdoppelte sich bundesweit von rund 260.000 in 1995 auf 510.000 im Jahr 2013. Seit 2011 übersteigt die Zahl der Studienanfängerinnen und –anfänger die Zahl der neuen  Auszubildenden. Jede/r zweite Schulabgänger/in wählt eine akademische Laufbahn. Oberflächlich betrachtet ist also an der These von der Akademisierung der Gesellschaft etwas dran. Jedoch gehört zum vollständigen Bild auch die Tatsache, dass im Durchschnitt ein Drittel der Studierenden ihr Studium abbricht[1]. Viele von ihnen treten dann wieder als Bewerberinnen und Bewerber am Ausbildungsmarkt auf.

Diese Verschiebungen haben zu einer öffentlichen Debatte geführt, die auch von der OECD angetrieben wird. Sie hält Deutschland vor, die unterschiedlichen Bildungs- und Berufsbildungssysteme nicht den aktuellen Entwicklungen anzupassen. Die OECD bedient sich dabei einer Sichtweise, die automatisch die Höherwertigkeit der akademischen Ausbildung unterstellt, ohne das Kompetenzniveau dual Ausgebildeter angemessen zu würdigen. Insbesondere aus den Wirtschaftsverbänden kam der berechtigte Hinweis, dass die Eigenheiten der dualen Berufsausbildung zu wenig Beachtung finden würden. Schließlich würde das duale System Qualifikationsbedarfe abdecken, die in anderen Ländern nur über ein Studium erlangt werden können.

Vor dem Hintergrund steigender Studierendenzahlen treten Befürchtungen vor einer „Akademikerschwemme“ immer wieder auf. Die Motive sind oft: die Angst vor Statusverlust, Standes- und Elitedenken, angeblicher Niveauverlust, Überforderung der Hochschullehrer in der Massenuni. Diese Diskussionen werden angetrieben von den Auseinandersetzungen um die demographische Entwicklung und den künftigen Arbeitskräftebedarf. Die quantitative Verschiebung zwischen beruflicher Ausbildung und Studium folgt aber keiner Arbeitskräftestrategie. Vielmehr ist sie das Resultat eines wachsenden Bildungsinteresses in der Bevölkerung. Als Bildungsnachfrage ist sie auch politisch nur schwer regulierbar, denn es ist eine Abstimmung mit den Füßen. Alle Regulierungsversuche sind gescheitert und unnötig. Bedenkt man, dass jeder fünfte Studierende mittlerweile aus dem Ausland kommt, stellt sich die Herausforderung nochmal ganz anders dar.

Der Trend zur Höherqualifizierung

Die Verschiebung der Ausbildungspräferenzen sollte nicht allein auf die Hochschulen bezogen bleiben. Denn wir haben nicht zu viele Akademikerinnen und Akademiker, wir haben zu wenig dual Ausgebildete. Viele junge Menschen bleiben jedes Jahr ohne Ausbildungsplatz, weil die Nachfrage höher ist als das Angebot. Hier herrscht ein massives Marktversagen. Und die offizielle Lesart der Statistiken beschönigt noch die Situation. So wird aus einem „unversorgten“ Jugendlichen ein Bewerber mit Alternative. Hier entsteht der harte Kern der Langzeitarbeitslosen, der auch unter guten konjunkturellen Vorzeichen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommt. Rund 20% der jungen Menschen verbleibt dauerhaft ohne jede berufliche Qualifizierung.

Der Trend zur Höherqualifizierung ist im gesamten Schul- und Bildungssystem zu beobachten. Bestimmte duale Ausbildungsgänge sind ohne Abitur gar nicht mehr erreichbar. Die technischen Anforderungen haben auch die Berufsbilder verändert. Die theoretischen Anteile sind stetig gewachsen und immer mehr dual Ausgebildete sehen sich mit immer komplexeren Herausforderungen konfrontiert. Außerdem haben sich die Betriebe in der dualen Berufsausbildung an immer höheren Schulabschlüssen orientiert. So führt das Bildungsverhalten zu einer veränderten Schullandschaft. Der Trend zur Höherqualifizierung ist ein irreversibler Entwicklungspfad, der von allen relevanten Anreizen des Arbeitsmarktes gestützt wird. Zudem wäre es töricht dem entgegenzusteuern, weil es einen Zusammenhang gibt von wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft auf der einen und dem Bildungs- und Qualifikationsniveau auf der anderen Seite.

Dieser Zusammenhang ist umso verständlicher, wenn wir die Arbeitslosenquoten nach Bildungsabschluss betrachten. Während die Arbeitslosenquote bei Menschen ohne berufliche Qualifizierung bei rund 20 Prozent liegt, beträgt sie bei Erwerbsfähigen mit dualer Ausbildung um die 5 Prozent und bei solchen mit akademischem Abschluss knapp über 2 Prozent. Ein weiterer Grund ist unweigerlich, dass Akademiker in Deutschland laut OECD-Bildungsbericht 2014 im Durchschnitt 74 Prozent mehr als Erwerbstätige verdienen, die weder zur Universität noch zur Fachhochschule gegangen sind oder einen Meisterkurs besucht haben. Im Jahr 2000 lag dieser Einkommens-Vorteil der Akademiker noch bei 45 Prozent. Im Schnitt der OECD-Länder beträgt der Lohnvorteil derzeit im Durchschnitt 59 Prozent.

Qualität und Quantität stimmen in beiden Bildungssystemen nicht

Wenn Deutschland sich den wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft stellen will, müssen die Berufsbildungssysteme erheblich verbessert werden. Das betrifft sowohl das Angebot an Plätzen (z.B. das Masterstudium an den Unis), als auch die Ausbildungsqualität. Nahezu alle bildungspolitischen Expertinnen und Experten sehen die naheliegende Lösung in einer höheren Durchlässigkeit und Verzahnung beider Systeme. Der Gedanke der Durchlässigkeit wurde bereits im Europäischen Qualifikationsrahmen angelegt, der 2008 im Europäischen Parlament und dem Rat beschlossen wurde. Die europäischen Länder haben sich darauf verständigt, sämtliche Qualifikationsniveaus der allgemeinen, der beruflichen und der akademischen Aus- und Weiterbildung acht Referenzniveaus zuzuordnen. Das Ziel war es die Qualifikationen über die Grenzen hinaus vergleichbar zu machen und die Mobilität der Menschen zu erhöhen.


[1] In den jeweiligen Fächern: Maschinenbau 36 Prozent, Elektrotechnik 37 Prozent, Informatik 43 Prozent, Mathematik 47 Prozent, Bauingenieurwesen 51 Prozent.

Tabelle 1

DGB

Es stellt sich aber die Frage, in wieweit das Schema insbesondere den komplexen dualen Berufsbildern gerecht wird und ob auf europäischer Ebene die Gleichwertigkeit von dualer und akademischer Bildung angemessen abgebildet wird.

Chancengleichheit und Durchlässigkeit

Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 77. Von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien sind es hingegen nur 23. Die familiäre Herkunft prägt den Bildungsabschluss in Deutschland. Es ist deshalb im OECD-Vergleich ein Bildungsabsteiger-Land. Nur 19 Prozent der jungen Erwachsenen bis zum 34. Lebensalter sind höher gebildet als ihre Eltern, ein knappes Viertel hat einen niedrigeren Abschluss. Auch wenn hier wieder die falsche Sichtweise der OECD auf die berufliche Bildung durchscheint und dual Ausgebildete als Bildungsabsteiger/innen gesehen werden, so ist doch die Tendenz bemerkenswert. Deswegen muss es zukünftig leichter werden für Jugendliche aus nichtakademischen Familien ein Studium aufzunehmen, aber auch umgekehrt sollte Studienabbrecher/innen ein fließender Übergang in die Ausbildung als Option bereitstehen. Duale Studiengänge sind für diese Durchlässigkeit geradezu prädestiniert. Sie sollten weiter gefördert und reguliert werden.

Langsam steigen zwar die Zahlen der beruflich Qualifizierten, die ohne Abitur ein Studium aufnehmen, aber mit rund 13.000 eingeschriebenen, davon 8.800 alleine an der Fernuniversität Hagen, bleibt noch viel Potential nach oben. Der formale Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung, also Abitur, war ein wichtiges bildungspolitisches Signal. Diese rechtliche Öffnung ist aber noch nicht weitgehend genug, weil vor allem Meister, Fachwirte und Techniker einen freien Zugang zum Studium haben.

Wir brauchen eine neu ausgerichtete Berufsbildungsreform, die zwei Ziele in Angriff nimmt:

Einerseits eine materielle Verbesserung der Durchlässigkeit von der Ausbildung zum Studium und umgekehrt, die auch mehr Studienberechtigten eine Ausbildung attraktiv machen könnte. Zum anderen wäre es nötig, endlich dem seit über einem Jahrzehnt weitgehend brachgelegten Potential der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss und / oder Migrationshintergrund durch systematische pädagogische Unterstützung vor und besonders während der Ausbildung zu qualifizierten Ausbildungsabschlüssen zu verhelfen.

Auch der Wissenschaftsrat veröffentlichte 2014 Empfehlungen zur Gestaltung des Verhältnisses von beruflicher und akademischer Bildung. Er sprach sich auch für eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung in beide Richtungen aus und plädierte für eine stärkere Verzahnung sowie den weiteren Ausbau hybrider Ausbildungsformate wie das duale Studium. Das Ziel sei ein post-schulisches Bildungssystem, das vielfältige, individuell gestaltbare Wege eröffne und den sich wandelnden Qualifikationsanforderungen des Arbeitsmarktes Rechnung trägt.

Ein Element zur Durchlässigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ist im System der berufsbildenden Schulen bereits angelegt: die Möglichkeit des integrativen Erwerbs der Fachhochschulreife. Damit verbessert sich die Studierfähigkeit der Absolvent/innen deutlich. Und auch die Attraktivität der dualen Ausbildung kann durch diese Möglichkeit enorm gesteigert werden, weil der Jugendliche in der gleichen Zeit nicht nur einen Berufsabschluss, sondern auch die fachgebundene und die allgemeine Hochschulreife erwerben kann. Gerade für den gesamten MINT-Bereich ist diese Variante eine reizvolle Alternative.

Die Fachkräftesicherung wird nur gelingen, wenn sie gleichberechtigt auf beiden Säulen – der beruflichen und der akademischen Ausbildung – beruht und die Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen gewährleistet wird. Entscheidend aus Sicht der Gewerkschaften ist und bleibt aber, dass jeder junge Mensch die gleichen Chancen auf dem Weg durch das Bildungssystem in den Arbeitsmarkt bekommt.

Literatur

Baethge, Martin: Analyse statt Aufregung, DSW Journal 3/2014.

Borgwardt, Angela: Zu viel oder zu wenig Akademisierung?!, Diskussionspapier auf Basis eines Fachgesprächs aus der Reihe Hochschulpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit dem Managerkreis am 7. Mai 2014.

Bosch, Gerhard: Facharbeit, Berufe und berufliche Arbeitsmärkte, Ausarbeitung der Keynote auf der Tagung der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz (AG BFN) zum Thema "Weiterentwicklung von Berufen" im Bundesinstitut für berufliche Bildung am 17/18.4.2012.

Schmidt, Marion: Müssen jetzt alle studieren? Die Zeit, 06.11.2014.

Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Gestaltung des Verhältnisses von beruflicher und akademischer Bildung, 11.04.2014.

Rauner, Felix: Demarkationen zwischen beruflicher und akademischer Bildung und wie man sie überwinden kann  A+B Forschungsberichte Nr. 7/2010

Ruth Enggruber: „Ausbildung für alle“ – inklusiv verstanden Reformidee „inklusive Berufsausbildung“ im Spiegel von theoretischen Überlegungen und Expertenmeinungen unveröffentlichtes Manuskript 2014

Die Langfassung finden Sie hier: http://nrw.dgb.de/themen/++co++481f35ca-092b-11e5-9fc5-52540023ef1a


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Kurzprofil

Antonia Kühn
Geboren 1975
Leiterin der Abteilung "Hochschulen, Wissenschaft und Forschung" beim DGB Bezirk Nordrhein-Westfalen

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Norbert Wichmann
Geboren 1958
Leiter der Abteilung "Bildung/Berufliche Bildung/Handwerk" beim DGB Bezirk Nordrhein-Westfalen

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