Deutscher Gewerkschaftsbund

12.03.2015

Sind Gewerkschaften eine historische Randerscheinung?

Weiße Flecken in großen Geschichtswerken

Gleich drei namhafte Historiker gehen in ihren Gesamtdarstellungen der deutschen Geschichte über die Gewerkschaften als wichtige gesellschaftliche Akteure mehr oder weniger hinweg. Die keineswegs unbedeutende Rolle, die die Gewerkschaften in der sozialen und politischen Entwicklung Deutschlands seit über anderthalb Jahrhunderten eingenommen haben, wird heruntergespielt. Nicht nur aktuell genießen Gewerkschaften in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung oft nur noch geringe Aufmerksamkeit. Auch aus der Geschichte werden sie offenbar mehr und mehr verdrängt.

Winklers Weg nach Westen

Heinrich August Winkler erwähnt in seinem zweibändigen Werk „Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte“ die Gewerkschaften immer nur am Rande. Als eigenständiger Akteur, der auf gesellschaftliche und politische Prozesse Einfluss nimmt, tauchen sie kaum auf. Weder ist darin die Rede von der Gründung der Gewerkschaften noch von ihrem bemerkenswerten Aufstieg vor dem Ersten Weltkrieg.[1] In drei kurzen Sätzen wird das Betriebsrätegesetz von 1920 und damit die Wirtschaftsdemokratie abgehandelt, und der Aufruf zum Generalstreik gegen den Kapp-Putsch vom März 1920 wird kurzerhand der SPD und nicht den Gewerkschaften zugeschrieben. Das Ausblenden der Gewerkschaften setzt sich auch für die Zeit nach 1945 fort.[2] Über ihre Rolle beim Wiederaufbau und der Entstehung der Bundesrepublik wird einfach hinweg gegangen, und die Einführung der paritätischen Mitbestimmung wird so dargestellt, als ob sie nicht erkämpft werden musste sondern sich mit fortschreitender Zeit schlichtweg ergab. Arbeitskämpfe werden nur insoweit gestreift, als die Gewerkschaften – wie im Februar 1974 im öffentlichen Dienst – mit ihren „maßlosen Forderungen“ angeblich die staatliche Autorität untergruben (S. 320 f). Die betriebliche Mitbestimmung wird schließlich keines weiteren Blickes gewürdigt. Das 1976 verabschiedete Mitbestimmungsgesetz wird zwar als Beweis dafür gefeiert, dass ein Ausgleich „zwischen Marktwirtschaft und Wirtschaftsdemokratie“ möglich ist (S. 336 f), scheint aber einer genaueren Betrachtung trotzdem nicht wert zu sein. Die Bedeutung der Gewerkschaften für den sozialen Fortschritt und die politische Stabilität der Bundesrepublik wird auf diese Weise verschwiegen.

Wehlers Gesellschaftsgeschichte

Mit seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ bildet Hans-Ulrich Wehler nur bedingt eine Ausnahme. Noch im vierten Band, der die Zeit zwischen 1914 und 1949 behandelt, wird den Gewerkschaften für die Zeit bis zum Ende der Weimarer Republik breiter Raum gegeben.[3] Doch schon die unmittelbaren Nachkriegsjahre ab 1945 werden in ihren Grundzügen skizziert, ohne dabei auf die Rolle der Betriebsräte und Gewerkschaften einzugehen. Die historiographische Geringschätzung der Gewerkschaften findet im fünften Band, der sich mit der Zeit von 1949 bis 1990 beschäftigt, ihre Fortsetzung.[4] So bedurfte es angeblich keiner Bemühungen von Seiten der Interessenvertretungen der Arbeitnehmer, um die Reallöhne zu erhöhen, die Arbeitszeit zu verkürzen oder sozialpolitische Verbesserungen zu erreichen, denn ab 1950 „brach der Wohlstand über die Westdeutschen, nicht zuletzt auch über die Arbeiter herein.“ (S. 154) Die Anhebung des Lebensstandards kam demnach zustande, ohne dass sich die Betriebsräte und Gewerkschaften gegen Widerstände der Arbeitgeber durchsetzen mussten. Über Tarifbewegungen oder Arbeitskämpfe erfährt man nichts, sieht man von einem knappen Hinweis auf den Streik in Schleswig-Holstein 1956/57 ab.

Dass die Gewerkschaften in die Tradition eines deutschen Korporativismus eingebettet sind, der sich bereits in den 1870er Jahren herausgebildet und über alle politischen Wechsel bis in die Gegenwart erhalten hat, scheint ihm Erklärung genug dafür zu sein, wie sich das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit bis in die Bundesrepublik entwickelt hat. Von Konflikt oder Kampf ist nur insoweit die Rede, als den Gewerkschaften unterstellt wird, sie hätten durch ihre eigennützige Politik die wirtschaftliche Entwicklung behindert, indem sie mit ihren Forderungen die realen Möglichkeiten verkannten und sich notwendigen Modernisierungsprozessen widersetzten. So hätten sie in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ihre Lohnforderungen stetig angehoben „im blinden Vertrauen darauf, dass die Vollbeschäftigung nach Belieben verstetigt werden könne“, und die „Verkrustung des Arbeitsmarkts unter dem Einfluss der Gewerkschaften“ hätte Ende der 1970er Jahre die Anpassung der wirtschaftlichen Verhältnisse an die Erfordernisse der Dienstleistungsgesellschaft erschwert (S. 61/63).

Deutsche Geschichte nach Ulrich Herbert

Wer gehofft hat, dass Ulrich Herbert die Gewerkschaftsbewegung in seine „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ einbezieht, sieht sich enttäuscht.[5] Nachdrücklich betont er zwar, dass sich der Verlauf der Geschichte Deutschlands nur vor den Herausforderungen der Industriegesellschaft verstehen lässt. Die Rolle der Gewerkschaften als integraler Bestandteil dieser historischen Epoche bleibt aber schemenhaft. Auf den immerhin 1.252 Textseiten ist von den Arbeitnehmervertretungen lediglich vereinzelt die Rede und dann in einigen wenigen Worten oder Sätzen. Nach Namen bekannter Gewerkschafter sucht man vergeblich. Heinz Rühmann, Luis Trenker, Max Schmeling, Marlene Dietrich oder Steffi Graf werden genannt, Carl Legien, Robert Dißmann, Hans Böckler, Otto Brenner, Walter Arendt oder Heinz Kluncker werden dagegen überhaupt nicht erwähnt; als einziger wird Eugen Loderer angeführt und das nicht in einem originär gewerkschaftlichen Zusammenhang, etwa den Auseinandersetzungen um eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit, sondern als Befürworter der Atomenergie.

Über die Entwicklung der Gewerkschaften vor dem Ersten Weltkrieg erfährt man bei Herbert so gut wie nichts. Sie werden als Anhängsel der SPD betrachtet, ohne sie als eigenständige Organisationen ernst zu nehmen. Die Aufkündigung des für die Weimarer Republik konstitutiven sozialen Kompromisses, die sich ab Herbst 1928 abzuzeichnen begann, ist aus dieser Perspektive „eine offene Kampfansage an Arbeiterschaft und SPD“ (S. 261). Die Konsequenzen, die sich daraus für die Gewerkschaften ergaben, scheinen keine weitere Überlegungen Wert zu sein. Dass nach 1945 nicht wieder Richtungsgewerkschaften gegründet wurden, sondern parteipolitisch unabhängige Einheitsgewerkschaften, wird kurzerhand übergangen. Mit dem Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft in den 1970er Jahren werden die Gewerkschaften überdies als traditionalistische Kraft dargestellt, die sich notwendigen Veränderungen gegenüber verschließt. Nennenswerte gesellschaftspolitische Impulse gingen von den Gewerkschaften danach nicht aus. Selbst die Montanmitbestimmung musste offenbar in den Anfangsjahren der Bundesrepublik nicht erkämpft werden sondern scheint ihnen geschenkt worden zu sein. Dass die Gewerkschaften Ende 1950, Anfang 1951 mit einem Arbeitskampf drohten, wird mit keinem einzigen Wort erwähnt. Schlüsselfigur sei stattdessen Konrad Adenauer gewesen: Im Interesse seiner Außenpolitik „bot er die Fortsetzung der Mitbestimmung im Montanbereich an“, wie sie ab 1947 „in der Eisen- und Stahlindustrie in der britischen Zone installiert worden war.“ (S. 654)

Ausblendung industrieller Konflikte

Wie schon bei Wehler, werden die Gewerkschaften als Teil der korporativen Strukturen begriffen, durch die es in der Weimarer Republik phasenweise gelang, „die interessenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Unternehmern und Arbeitern (!) etwas auszugleichen und scharfe Konfrontationen zu vermeiden.“ (S. 233) Seitdem gehören Korporatismus und Mitbestimmung „zu den spezifischen Kennzeichen der deutschen Wirtschaft“ (S. 880), durch die Konflikte gemildert und der soziale Frieden gewahrt worden seien.

Eingehender wird diese Form des Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital allerdings nicht behandelt. So erscheinen die Beziehungen zwischen Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften reibungsloser und konfliktärmer, als sie es tatsächlich waren. Wenn überhaupt, dann ist von Streiks im Allgemeinen nur dann die Rede, wenn die Gewerkschaften nicht daran beteiligt waren wie bei den Streiks und Hungerdemonstrationen 1946/47, den „wilden Streiks“ 1969 und 1973 oder den Arbeitskämpfen gegen Werksstilllegungen. Über Streiks, die von den Gewerkschaften organisiert wurden, etwa 1978/79 in der Eisen- und Stahlindustrie, vom Streik im öffentlichen Dienst 1974 ganz zu schweigen, geht Ulrich Herbert trotz ihrer Bedeutung einfach hinweg. Bezeichnend ist zudem, dass der Arbeitskampf von 1963 in der südwestdeutschen Metallindustrie zwar in einem Satz kurz erwähnt wird, dabei aber die Aussperrung der Arbeitgeber unterschlagen wird, wie überhaupt Aussperrungen in der Bundesrepublik völlig unberücksichtigt bleiben. Auch der Regierungswechsel 1982 wird in seinen Konsequenzen für die Gewerkschaften verharmlost. Indem behauptet wird, dass die christlich-liberale Koalition weder die Mitbestimmung noch die Gewerkschaftsmacht einzuschränken gedachten, wird die heftige Auseinandersetzung um den § 116 Arbeitsförderungsgesetz ebenso übergangen wie die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes, die es Splittergruppen erleichterte, in den Betriebsrat gewählt zu werden.

Irreführende Problemsicht

Wie unzureichend sich Ulrich Herbert mit der Arbeitswelt vertraut gemacht hat, wird am Beispiel der Eisen- und Stahlindustrie besonders deutlich. So unterstellt er, dass die Gewerkschaft ab Mitte der 1970er Jahre „die Erhöhung der staatlichen Subventionen für die Stahlerzeugung zur Sicherung der Arbeitsplätze“ (S. 953) gefordert hätte. Dabei kritisierte die IG Metall die Subventionspraxis innerhalb der Montanunion, widersetzte sich auch nicht grundsätzlich Umstrukturierungsplänen der Branche, verlangte aber, dass dabei beschäftigungs- und regionalpolitische Interessen berücksichtigt werden. Dass sich die Bundesregierung 1988 nach den spektakulären Auseinandersetzungen um die Stilllegung des Hüttenwerks in Rheinhausen entschloss, „Betriebsschließungen durch staatliche Subventionen für marode Unternehmen zu verhindern oder doch zu verzögern“ (S. 977), trifft ebenso wenig zu. Selbst die Zahlen, die genannt werden, sind falsch und maßlos übertrieben. Weder stiegen die Subventionen zwischen 1980 und 1990 von 25 auf 32 Milliarden DM, noch sank die Zahl der in der Stahlindustrie Beschäftigten von 400.000 im Jahr 1982 auf 320.000 acht Jahre später. Tatsächlich wurden im gesamten Zeitraum von 1980 bis 1985 in der Bundesrepublik lediglich 9,9 Milliarden DM an staatlichen Beihilfen gezahlt, und die Zahl der Beschäftigten betrug bereits 1982 gerade einmal 176.000 Arbeitnehmer und ging bis 1990 auf 125.000 zurück.

Fragwürdiges Gesellschafts- und Politikverständnis

Nicht dass es an entsprechenden historischen Studien mangelte. In den letzten Jahren sind im Gegenteil zahlreiche aufschlussreiche und anregende Arbeiten zu verschiedenen Phasen und Aspekten der Geschichte der Gewerkschaften erschienen. Von führenden Vertretern der Historiker-Zunft werden sie aber offenbar nicht zur Kenntnis genommen oder als zu abseitig empfunden, um in Gesamtdarstellungen der neueren deutschen Geschichte Berücksichtigung zu finden. Diese Vernachlässigung wichtiger historischer Akteure wie der Gewerkschaften ist mehr als eine wissenschaftliche Angelegenheit, zeigt sich in ihr doch ein recht fragwürdiges Gesellschafts- und Politikverständnis, das den Gewerkschaften kaum mehr als eine Randexistenz zubilligt.



[1]          Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Erster Band: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000.

[2]          Ders., Der lange Weg nach Westen. Zweiter Band: Deutsche Geschichte vom «Dritten Reich» bis zur Wiedervereinigung, München 2000.

[3]          Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914 - 1949, München 2003.

[4]          Ders., Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band: Bundesrepublik und DDR 1949 - 1990, München 2008.

[5]          Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014.


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Kurzprofil

PD Dr. Karl Lauschke
Geboren 1950 in Gelsenkirchen

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum
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