Deutscher Gewerkschaftsbund

02.04.2015

Du wirst Bäcker, weil der Markt das will, basta!

Die marktkonforme Berufsberatung für Jugendliche der Bundesagentur für Arbeit

Die Berufsberatung für Jugendliche der Bundesagentur für Arbeit hat sich von einer an den individuellen Bedürfnissen ausgerichteten Vermittlungshilfe zu einem marktorientierten Steuerungsinstrument entwickelt. Dadurch übt der Staat über die Beratung einen nicht zu unterschätzenden Anpassungsdruck auf junge Menschen aus. Dem neuen Konzept liegt ein Menschenbild zugrunde, das Jugendliche maßlos überschätzt. Sie werden als Homo Oeconomicus verstanden, der nach rein rationalen Kriterien seinen individuellen Vorteil aus einer Vielzahl diverser Möglichkeiten wählen kann. Die Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Träume des 16. bis 20.-Jährigen werden ignoriert und übergangen.

Die Neujustierung der Berufsberatung fand ab dem Inkrafttreten des Sozialgesetzbuches (SGB) III im Jahre 1998 statt. Sie folgte den Managementkonzepten, die der Umstrukturierung der Bundesagentur für Arbeit im Zuge der sog. Hartz-Gesetze zugrunde lagen – weg von bedürfnisorientierter Entscheidungs- und Vermittlungshilfe, hin zu marktorientierter Steuerung. Die Erfüllung quantitativer Zielvorgaben steht nun im Vordergrund. Das führte dazu, dass Beraterinnen und Berater daran gemessen werden, ob sie im Geschäftsjahr eine vorgegebene Anzahl von Ausbildungssuchenden zur Zielerreichung „akquirieren“.

Die Neujustierung der Berufsberatung macht sich an folgenden zentralen Veränderungen deutlich.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich im Arbeitsförderungsgesetz (AFG), das von 1969 bis 1997 in Kraft war, deutlich verändert. Im alten AFG hieß es noch in §26:

Die Berufsberatung hat

  1. Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe angemessen zu berücksichtigen, sie soll

  2. die Belange einzelner Wirtschaftszweige und Berufe allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten unterordnen und lt. §27 sind

  3. Eigenschaften, Neigung und persönliche Verhältnisse des Ratsuchenden zu berücksichtigen.

Im SGB III, das zu Beginn des Jahres 1998 in Kraft trat, ist nicht mehr von „angemessener Berücksichtigung“ des Arbeitsmarktes die Rede. Es heißt nun in §30 lapidar: „Die Berufsberatung umfasst die Erteilung von Auskunft und Rat zur Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe“. Die Grundsätze der Berufsberatung sehen in §31 vor, dass statt der persönlichen Verhältnisse jetzt die Beschäftigungsmöglichkeiten zu berücksichtigen sind.

Seit dem Inkrafttreten des Job-AQTIV-Gesetzes zu Beginn des Jahres 2002 muss außerdem eine schriftliche Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen werden, in der das Eingliederungsziel und konkrete Eigenbemühungen mit Nachweisen festgehalten werden. Ist eine Einigung über die Ziele nicht möglich, sind erforderliche Eigenbemühungen durch Verwaltungsakt festzusetzen. Man beachte! Es handelt sich hier um die Kommunikation mit jungen Menschen ab dem 16./17.Lebensjahr.

Sozialpolitische und Beschäftigungspolitische Funktion

Seit den Anfängen der staatlichen Berufsberatung besteht ein Spannungsverhältnis zwischen der sozialpolitischen und beschäftigungspolitischen Funktion der Beratung unter dem Dach der Bundesanstalt bzw. Bundesagentur für Arbeit. Dabei handelt es sich einerseits um die grundgesetzlich garantierte Berufswahlfreiheit des Einzelnen und andererseits darum, dass die Lage des Arbeitsmarktes berücksichtigt wird. Wie mit diesem Spannungsverhältnis umzugehen sei, wurde zu AFG-Zeiten sehr eindeutig festgelegt. So heißt es 1989 in einem internen Papier zu diesem Thema:

  • angemessen berücksichtigt werden Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe, wenn im Rahmen der beruflichen Beratung ganz bewusst Berufsalternativen auch unter Bedarfsgesichtspunkten einbezogen werden – unter der Voraussetzung, dass sich die unter solchen Gesichtspunkten einbezogenen Berufsalternativen auch im Kontext zu den Dispositionen und Wertvorstellungen des Ratsuchenden bewegen.

  • Die gesetzliche Formulierung „Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe“ meint mehr als die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt, vielmehr sind darunter insbesondere die mittel- und langfristigen quantitativen und strukturellen Entwicklungen der Qualifikationen im Beschäftigungssystem zu verstehen.

  • Die doppelte Funktionsbestimmung schränkt die Gültigkeit des Grundsatzes „das Individuum hat Vorrang“ nicht ein.

  • Der Handlungsrahmen von Grundgesetz und AFG lässt keinen Raum für arbeitsmarktlich motivierte Lenkungsversuche.

  • Der Versuch, in die individuelle Berufswahl-Entscheidung unter Bedarfsgesichtspunkten auch solche Berufsalternativen einzubringen, die im Widerspruch zur Persönlichkeitsstruktur und Motivation des Ratsuchenden stehen, wäre mit dem gesetzlichen Auftrag nicht vereinbar.

Der Paradigmenwechsel fand im Jahr 2010 mit der neuen „Beratungskonzeption der Bundesagentur für Arbeit“ (BEKO)[1] und den darauf folgenden „Leitfaden U25/Berufsberatung“ (gültig seit 21.05.2013) statt.

Im BEKO – „Handbuch für Berufsberaterinnen und Berufsberater“ heißt es:

  • „Zumutbare Integrationsziele und Aktivitäten müssen konsequent eingefordert und nachgehalten werden“ und

  • „bei schlechten Realisierungschancen ist eine neue berufliche Planung (…) erforderlich“ und im „Leitfaden U25/Berufsberatung“ heißt es dann entsprechend:

  • Voraussetzung für den Bewerberstatus ist u.a. „ein gemeinsam festgelegter Zielberuf (…) mit den tragfähigsten Voraussetzungen für die Integration in Ausbildung“.

Aus dem früheren Spannungsverhältnis zwischen den individuellen Bedürfnissen und der Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes ist die strikte Anpassung an den Markt geworden. Der Berufswunsch des Einzelnen ist also nur noch dann akzeptabel, wenn er aus Sicht der Beraterin/ des Beraters aktuell realisierbar erscheint.

Beratungskonzepte

Die neue Ausrichtung der Berufsberatung wird auch im Vergleich der Beratungskonzepte deutlich. Das aus den 70er Jahren stammende Beratungskonzept sah 3 Arten vor: die Informations-, Entscheidungs-, und Realisierungsberatung. Das 1992/93 eingeführte neue Beratungskonzept sah eine flexiblere Gesprächsführung vor. Außerdem sollte das oftmals emotional geprägte Berufswahlverhalten besser berücksichtigt und die Handlungskompetenz des Ratsuchenden gestärkt werden. In der darauf folgenden Neukonzeption „Richtig beraten – Anregungen – Techniken (R A T)“ vom Oktober 2002 kündigt sich der beabsichtige Paradigmenwechsel bereits an. Im Vorwort schreibt Becker (Vorstand der BA): „Beratung und Vermittlung werden anders als früher zunehmend als Einheit oder als zwei Seiten einer Medaille gesehen“ und “Beratung soll eine aktivierende Vermittlungsstrategie unterstützen und den Grundsatz des Förderns und Forderns“.

Das war zunächst aber nur eine Absichtserklärung, denn im Konzept selbst fanden sich die bisher gültigen beraterischen Grundsätze wieder. Erst mit der Einführung der neuen „Beratungskonzeption der Agentur für Arbeit“ (BEKO) wird 2010 die Umwandlung vollzogen. Beratung wird nun mittels zentraler Bearbeitungsschritte im Kontext eines 4-Phasen-Modells systematisiert, das folgende Schritte vorsieht: 1. Problemanalyse 2. Zielsetzung 3. Strategie und 4. Umsetzung der Strategie. Dabei soll grundsätzlich von den Stärken des Ratsuchenden ausgegangen werden und es wird explizit darauf hingewiesen, dass es sich bei der Beratung „nicht um die Bearbeitung von Schwierigkeiten in der Persönlichkeitsentwicklung, dem Entscheidungsunvermögen, kognitiven Verzerrungen oder existenziellen Krisen“ handeln soll. Derartige Prozesse sollen außerhalb des Beratungsgesprächs stattfinden.

Die Standardisierung ist damit allerdings noch nicht abgeschlossen, so unterscheidet man zwischen zwei Beratungsformaten:

  1. der Orientierungs-und Entscheidungsberatung (OEB) für Unentschlossene, die noch keinen klaren Zielberuf haben und

  2. der Integrationsberatung (IBB) im Falle der Ausbildungsvermittlung.

Durch die Überprüfung von 5 Dimensionen (Problembewusstsein, Selbsteinschätzung, Informationsstand, Entscheidungsverhalten und Realisierungsaktivitäten) sollen dann Handlungsbedarfe identifiziert werden. Um den Schein der Flexibilität zu wahren, heißt es, dass die Abklärung der Dimensionen fallbezogen erfolgen soll. Die Mitwirkung der Ratsuchenden wird als nur gering eingestuft, aber falls die „Kunden“ mit einer bestimmten „Lösungsstrategie“ nicht einverstanden sind, sollen die Beraterinnen und Berater auf einer bestimmten Vorgehensweise bestehen und das Gespräch ggf. beenden.

Die flexible, an den Bedürfnissen des Einzelnen orientierte Gesprächsführung bleibt dabei auf der Strecke. Der Vorteil dieser standardisierten Vorgehensweise besteht aus personalpolitischer Sicht allein darin, dass „ein Arbeitssystem zur Verfügung (steht), das die Voraussetzung schafft, in großem Maße auch angelernte Kräfte zu beschäftigen. Ein solches System kann so lange erfolgreich sein, wie nur einfache Anforderungen an die Dienstleistungsinteraktion gestellt werden.“[2] Bei komplexen Anforderungen, wie dies in Beratungsgesprächen mit jugendlichen Berufswählern die Regel ist, muss ein solches Konzept zwangsläufig scheitern.

Die Beraterinnen und Berater

Die Beraterinnen und Berater wurden mit dem neuen Konzept vertraut gemacht und durch starre Dokumentationsvorgaben Tag für Tag auf die Vorgehensweise eingeschworen. Für neue Kolleginnen und Kollegen gehören die frühere Qualifizierung im Rahmen eines Studiums an der BA-Fachhochschule bzw. die mehrmonatige Qualifizierung von Seiteneinsteigern mit externem Studium der Vergangenheit an (auch wenn es ein verändertes BA-Studium immer noch gibt). Während früher die Grundeinstellung des Beraters, aktuelle Berufswahltheorien, individuelle Berufswahlprozesse und flexible Vorgehensweisen gelehrt und eingeübt wurden, wird jetzt das neue methodisch starre Verfahren und die damit verbundene Sicht auf den „Kunden“ in kurzen Lehrgängen vermittelt.

Im neuen Konzept der Berufsberatung spielt die Bedürfnisorientierung keine Rolle mehr. So heißt es im BEKO-Handbuch: „Auch wenn Argumente des Kunden ernsthaft erwogen werden, verbleibt die Entscheidungskompetenz beim Berater“ und “ Zumutbare Integrationsziele und Aktivitäten müssen konsequent eingefordert und nachgehalten werden.“ Im Handbuch werden dann „erfolgskritische Felder“ identifiziert, in denen das Konfliktpotential zwischen Berater und „Kunde“ beschrieben wird mit entsprechenden Hinweisen zur Lösung. Die Beraterinnen und Berater sind also nicht mehr Partner in einem prinzipiell offenen Prozess, der „auf gleicher Augenhöhe“ stattfindet, sondern sie entscheiden letztlich allein was sinnvoll ist und was nicht.

Fazit

An kritischen Stimmen zu dieser Reform mangelt es nicht: So stellte der damalige Präsident des Deutschen Industrie-und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun bereits 2005 fest „ich sehe mit Sorge, dass die Berufsberatung durch die Arbeitsagenturen zurückgefahren wird."[3] Birgit Lohmann, die Vorsitzende des Verbandes für Bildungs- und Berufsberatung urteilte 2006 „dass die Qualität der Beratung schwindet“ und „an erster Stelle nur noch schnelle Vermittlung in den Arbeitsmarkt“[4] stehe. Die Politologin Helga Ostendorf kritisierte 2006 „einen Prozess, der im Zuge der hausinternen Hartz-Reformen bedrohliche Ausmaße“ annehme und stellte fest: „Der gesetzliche Auftrag, Auskunft und Rat zu erteilen, und zwar unabhängig davon, ob eine Vermittlung stattfindet oder auch nur erwünscht ist, geriet aus dem Blick. An dessen Stelle trat die Ausbildungsvermittlung als einziges wichtiges Tätigkeitsfeld.“[5] Im Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates der Agentur für Arbeit vom 12.Mai 2006 ist unter dem Punkt „Neuausrichtung der Beratung Jugendlicher und Ausbildungsvermittlung“ zu lesen: „Die Arbeitnehmergruppe hat nach wie vor Bedenken, ob die inhaltliche Ausrichtung des Modells der besonderen Situation Jugendlicher ausreichend gerecht wird“. 2009 wurde in einem Stern-Artikel sehr konkret dargestellt, wie bei der Lehrstellenvermittlung „skrupellos getrickst“ und „alle Zahlen frisiert werden“.[6]

Die letzten Jahre ist die Kritik deutlich zurückgegangen. Die marktkonforme Berufsberatung hat sich seit 2011 nicht mehr durch neue "Arbeitshilfen" oder "Richtlinien" verändert. Die Reform zeigt, dass die im Grundgesetz garantierte Würde des Menschen und die freie Berufswahl nicht (mehr) angemessen berücksichtigt werden und die Agentur für Arbeit „der falsche Ort einer beruflichen Beratung“ (Helga Ostendorf, FN 5) ist.


[1] Handbuch für Berufsberaterinnen und Berufsberater – Beratungskonzeption der Bundesagentur für Arbeit; Dezember 2010

[2] Volker Hielscher, Peter Ochs: Arbeitslose als Kunden; 2. Auflage 2011 , S.112

[3] Frankfurter Rundschau v.6.4.2005

[4] Informationen für Bildungs- und Berufsberatung Ausgabe Nr. 18  v. 5.10.2006

[5] Frankfurter Rundschau v. 8.8.2006

[6] Stern v. 8.1.2009


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Frank Meier*
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