Deutscher Gewerkschaftsbund

09.09.2015

Europa und die Digitalisierung

Computerarbeit

a_sto / photocase.com

Die Digitalisierung der Wirtschaft, ob in der Produktion, in der Distribution oder einfach in Bezug auf neue „Geschäftsmodelle“ wird gegenwärtig intensiv debattiert. Eine der Kernfragen bezieht sich auf die Beschäftigungseffekte und den politischen Einfluss, der auf sie geltend gemacht werden kann. Diese Regulierung der Branche kann nur auf europäischer Ebene gelingen. Die Europäische Kommission und „Digitalkommissar“ Oettinger, der sich überwiegend mit Lobbyisten der Industrie trifft (Transparency International), dürfen dabei nicht beim üblichen Binnenmarkt-Ansatz verharren.

Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Universität Oxford behaupten in ihrer Studie zur „Zukunft der Beschäftigung“, dass in den kommenden 20 Jahren rund die Hälfte der bestehenden Jobs in den USA durch die Digitalisierung gefährdet sei.[1] Im Unterschied zu vorangegangenen „industriellen Revolutionen“ seien nicht nur gering Qualifizierte davon bedroht, sondern fast sämtliche Berufsgruppen, insgesamt über 70 Millionen Beschäftigte. Eine Schätzung für Europa bewegt sich prozentual in gleicher Größenordnung.[2] Auf der anderen Seite behauptet der EU-Kommissar Ansip, dass allein in der App-Wirtschaft 3 Millionen zusätzliche Jobs schon bis 2018 geschaffen würden[3]. Auch im Bereich der informationsbasierten industrienahen Dienstleistungen wie Programmupdates, Fehlerdiagnose, Fernwartung wäre ein Aufschwung zu erwarten.

Technologische Umbrüche haben stets alte Jobs vernichtet und Neue geschaffen – das wusste schon der berühmte Ökonom J.M. Keynes. Er sagte, dass sich „technologische Arbeitslosigkeit“[4] immer als vorübergehendes Phänomen darstellt, denn trotz aller Verwerfungen haben industrielle Revolutionen letztlich zu mehr Beschäftigung geführt. Wiederholt sich dieses historische Muster nun?

Wenn wir den Prozess – wie heutzutage üblich - allein den Marktkräften überlassen, dann würde sich auf alle Fälle ein hochgradig technologisiertes Zentrum mit Hochqualifizierten herausbilden, das von einer unterentwickelten, permanent nachhinkenden Peripherie umgeben ist. Einige Studien unterstützen diese These, dass zum Beispiel in Deutschland durch die Digitalisierung mehr Beschäftigung entstehen wird[5] als in anderen Regionen Europas. Die Digitalisierung darf Europa nicht spalten in ein starkes industrielles Kerneuropa und eine schwache Peripherie mit hoher Arbeitslosigkeit und Millionen Wanderarbeitskräften.

Bei den Arbeitseinkommen ist schon jetzt eine Polarisierung in der Digital-Branche durch die Marktkräfte zu beobachten. Auf der einen Seite verdient eine Minderheit extrem viel, insbesondere ICT-Experten (Ingenieure, Informatiker, Software-Entwickler) und einige Start-ups. Auf der anderen Seite hat eine Mehrheit kaum noch Verdienstchancen, allen voran die wachsende Zahl an crowdworkern, die für Cent-Beträge Aufträge erledigen, ohne eine Absicherung gegen Krankheit, Unfall und das Alter zu erhalten. „Mechanical Turk“ heißt einer der von Amazon eingerichteten Internet-Arbeitsmarktplätze für die sogenannten turker[6], die sich dort um Aufträge bemühen. Mittlerweile haben die turker auch ein Online-Forum gegründet, um sich abzusprechen: „Turker Nation“. Darüber hinaus haben sie ein digitales Werkzeug geschaffen, um Arbeitgeber zu bewerten: Turkopticon.

Die bekanntesten Arbeitgeber in der digitalen Branche sind auch die größten. Die vier US-Konzerne Google, Apple, Microsoft und Facebook bestimmen weitgehend das „digitale Spiel“ und somit auch die neuen Arbeitsmodelle. Während Microsoft mit Apple auf dem Softwaremarkt ein Duopol bildet, ist die Suchmaschine Google mit einem Marktanteil von über 90 Prozent ein Quasi-Monopolist, ebenso die Internetplattform Facebook. Die Macht der großen Player ist immens. Sie sind Analytiker, Prognostiker, Torwächter und zugleich Führer durch die digitale Welt. Europa kann mit keinem Konzern dagegen halten und scheint hier wie abgehängt. Der alte Kontinent gerät schon häufiger in den Verdacht, zu einer Daten-Kolonie der USA zu mutieren.

Die Digitalisierung der Arbeit wirft viele neue Fragen auf und erfordert praxisrelevante Lösungen. Zum Beispiel wird die industrielle Fertigung durch die Einführung des „3D-Drucks“ neu entworfen. Das „additive layer manufacturing“ ist eine Fertigung von Bauteilen durch Aufschichtung zu dreidimensionalen Formen. Dieser neue Produktionsprozess findet bereits Anwendung in der Flugzeug-, Auto-, Fahrrad- und Prothesenproduktion. An den betrieblichen Auswirkungen des 3-D-Drucks sind die oft prognostizierten „spektakulären“ Produktivitätsgewinne gut ersichtlich. Welche konkreten Auswirkungen er auf Arbeitsprozesse und Beschäftigungseffekte hat, ist noch nicht annähernd so gut erforscht. Um schneller an diese Erkenntnisse zu gelangen ist ein Ausbau der Arbeitsforschung zum Thema „gute digitale Arbeit“ notwendig. Die Politik kann aber auch schon jetzt den Maßstab „Guter Arbeit“ verfolgen und auf die neuen Herausforderungen reagieren.

Wie kann die europäische Politik den technologischen Wandel gestalten?

Bevor die inhaltlichen und strategischen Fragen behandelt werden, sollten auf dem digitalen Schachbrett die unterschiedlichen Spieler mit ihren Interessen genannt werden:

  • Die Beschäftigten im Industrie- und Dienstleistungsbereich, die mit einer Digitalisierungsoffensive konfrontiert sind und den Übergang zu guter digitalisierter Arbeit bewältigen müssen; unterstützt von Gewerkschaften und unter Nutzung der geltenden Unterrichtungs- und Anhörungs- sowie Mitbestimmungsrechte.

  • Die prekären crowdworker, die ohne Arbeitsvertrag zahllose Klein- und Kleinstaufträge übernehmen (müssen), ohne Urlaubsanspruch, ohne Mutterschutz usw. – durch simples Anklicken und damit Akzeptieren des Kleingedruckten - der Geschäftsbedingungen.

  • Die Regierungen, die sich bemühen einen geeigneten Politikrahmen zu schaffen und zu diesem Zwecke unter Beteiligung von Sozialpartnern und der Wissenschaft digitale Herausforderungen diskutieren, wie beispielsweise die Initiative „Grünbuch Arbeiten 4.0“ des deutschen Arbeitsministeriums[7]. Es gibt aber auch Regierungen, die alles den Märkten bzw. Monopolen überlassen und sich nur um die technologischen Herausforderungen (Ausbau von Breitbandnetzen, Glasfaserkabel usw.) kümmern, nicht jedoch um die sozialen Folgen.

  • Die Europäische Kommission, die sich in einer Mitteilung zum Digitalen Binnenmarkt[8] auf die Ankurbelung des grenzüberschreitenden Handels und die Beseitigung von Binnenmarkthindernissen kapriziert, ohne die Problematik „digitale Arbeit“ ins Blickfeld zu nehmen.

  • Die Arbeitgeber, die Mitbestimmung als „Verzögerungsfaktor“ angreifen und die Digitalisierung nutzen wollen, um einseitig die Flexibilisierung und Liberalisierung des Arbeitsmarkts weiter voranzutreiben. Einige Arbeitgeber erhoffen sich dabei eine „Befreiung“ aus den Flächentarifverträgen und den Mitbestimmungsstrukturen. Sie wollen mehr Outsourcing und mehr Werkverträge.

Soweit ein kursorischer Überblick über die Player und ihre Schwerpunkte. Die gewerkschaftlichen Herausforderungen sind schnell skizziert: Es geht um den Wert und Stellenwert von guter digitaler Arbeit, die mitbestimmt sein muß, ständige Weiterqualifizierung erfordert und tariflich zu gestalten sei. Das deutsche Arbeitsministerium ist vorgeprescht, um genau diese Fragen ins Blickfeld zu nehmen, aber was passiert in anderen Ländern Europas und warum greift die EU-Kommission diese Steilvorlage, diesen holistischen Ansatz nicht auf, sondern verengt das Sichtfeld ohne Not auf „Binnenmarkthindernisse“? Der einzige konkrete Anknüpfungspunkt aus gewerkschaftlicher Perspektive ist die Idee von Sozialpartnerverhandlungen über den Weiterbildungsbedarf. Selbst die OECD[9] ist mit ihrem Ansatz weniger limitiert als die EU-Kommission und fordert, die digitale Ökonomie strategisch anzugehen und die entscheidende Frage zu beantworten, wie die Digitalisierung Arbeitslosigkeit, Ungleichheiten und Armut reduziert. Die Herausforderung bestehe darin, den Übergang der Beschäftigten zu einem neuen Typus digitaler Arbeitsplätze zu erleichtern.

Oettinger ist aufgerufen, neben den technologischen Veränderungen auch den gesellschaftlichen Wandel zu steuern und zwar in die richtige Richtung: Es sollte Gute digitale Arbeit gefördert werden. Das geht nur, wenn der Einsatz neuer Technologien und die entsprechenden Arbeitserfordernisse mit den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen abgestimmt werden. Digitale Kompetenzen erfordern eine antizipative Qualifikationsstrategie, die den besonderen Anforderungen von Frauen und Männern, Jugendlichen und Älteren gleichermaßen gerecht wird. Die Vereinbarkeit von Privatleben und Arbeit wird umso wichtiger, weil die Digitalisierung potentiell eine Entgrenzung der Betriebe und eine Entgrenzung von Arbeitszeit mit sich bringt, oftmals eine Rund-um-die-Uhr-Arbeitskultur. Eine Anpassung des Arbeitnehmer- und Betriebsbegriffs, eine Erweiterung der Mitbestimmungsrechte und –möglichkeiten sind gerade bei vernetzten Formen der Arbeitsorganisation und mobilen Arbeitsformen unerläßlich.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass die Digitalisierung Potentiale für flexible Arbeitsformen mit sich bringt, die den Trend zur Scheinselbständigkeit stärken. Dieses neugewonnene Flexibilitäts- bzw. Individualisierungspotential muß so gestaltet werden, dass die neuen Freiräume auch Selbstbestimmungsmöglichkeiten für die Beschäftigten schaffen. Aber auch neue Regeln sind nötig: Für Plattform-Arbeiten sollten Mindesthonorare und arbeitspolitische Standards geregelt werden. Die neuen Mikrojobber müssen deshalb als gewöhnliche Arbeitnehmer mit entsprechenden sozialen Absicherungen anerkannt werden.

Die Europäische Industriepolitik steht hier also vor gewaltigen Herausforderungen. Studien haben ergeben, dass Investitionen von 90 Mrd. Euro jährlich notwendig seien, damit Europa seine weltwirtschaftliche Stellung behaupten kann[10]. Es sind gewaltige Anstrengungen notwendig, um das ehrgeizige Ziel von einem Anteil von 20 Prozent am BIP für die europäische Industriepolitik zu erreichen.

Der Megatrend Digitalisierung bringt absehbare Risiken mit sich (Monopolbildung, Massenentlassungen, Überwachung und Kontrolle) und gleichzeitig neue Chancen (bessere Beteiligung und Information durch Kommunikation und Vernetzung, mehr Zeitsouveränität und größerer Einfluss auf Arbeitsaufträge). Es ist nicht zu spät, die gesellschaftliche Debatte auf die Frage zu lenken, wie Digitalisierung so zu gestalten ist, dass gute Arbeit möglich bleibt und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu einer Stärkung und Europäisierung der Mitbestimmung beitragen. Die EU-Kommission muss den Übergang zur digitalen Industrie und zu digitalen Dienstleistungen mit gestalten und darüber die Beschäftigungsstandards sichern. Der Europäische Gewerkschaftsbund hat daher vorgeschlagen, ein Europäisches Forum zu gründen, um die Herausforderungen zu diskutieren und in den Griff zu bekommen. Digitalisierung darf weder zu einer weiteren Aushöhlung der Demokratie noch zu Prekarisierung oder Deregulierung führen. Gute digitale Arbeit ist kein Automatismus, sondern muss erkämpft werden.



[1] Carl Benedikt Frey and Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

[2] The computerisation of European jobs - who will win and who will lose from the impact of new technology onto old areas of employment? by Jeremy Bowles on 17th July 2014, http://www.bruegel.org/nc/blog/detail/article/1394-the-computerisation-of-european-jobs/

[3] Le Soir 4 June 2015.

[4] John Maynard Keynes, Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder, 1930 (http://www.sokratischer-marktplatz.de/pdf/Text_Keynes_Enkelkinder.pdf )

[5] Prof. Reiner Anderl in: Detlef Wetzel, Arbeit 4.0, 2015, S. 26.

[9] OECD Digital Economy Outlook 2015, p. 12.

[10] Roland Berger: INDUSTRY 4.0: The New Industrial Revolution: How Europe Will Succeed, München 2014: 15. Die Studie wirft einen sehr optimistischen Blick auf Europa, das besser aufgestellt sei als andere Weltregionen: Es ist fraglich und hängt nicht zuletzt von den europäischen Entscheidungsträgern ab, ob sich diese Einschätzung halten läßt.


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Kurzprofil

Dr. Wolfgang Kowalsky
Geboren 1956 in Köln
Referent beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB)
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