Deutscher Gewerkschaftsbund

09.05.2016

Die Ökonomie des Teilens

Von der “Share Economy” zu einer “Fair Economy”

Portäts

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Teilen über das Internet liegt voll im Trend. Die gemeinsame Nutzung von Gegenständen und persönlichen Dienstleistungen kann über digitale Marktplätze einfach, schnell und unkompliziert angeboten werden. Die Vorteile liegen schnell auf der Hand: Die gemeinsame Nutzung von Gütern und Dienstleistungen soll kostengünstiger, ressourcenschonender und nachhaltiger erfolgen. Mithilfe innovativer Mietkonzepte, Tauschplattformen, Finanzierungs- und Vermittlungsplattformen für geteilte Güter- und Dienstleistungsnutzung entstanden neben einer gemeinschaftlichen Ausprägung auch erheblich viele profitorientierte „Share Economy“-Plattformen.[1] Die weltweiten Investitionen von Share Economy Startups sind laut einer Deloitte-Studie im Jahr 2010 von 300 Millionen auf 6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 angestiegen.[2] Doch wie sieht es für die Beschäftigten in dieser neuen Branche aus?

Breite Ausprägungen der Share Economy

Unter dem Begriff Share Economy versteht man – neben dem Tauschen und Teilen zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer Sharing) – auch Geschäftsmodelle von Unternehmen an ihre Kunden (Business-to-Customer oder Business-to-Business-Modelle). In diesem Fall geht es vielmehr um Economy, als um Sharing, weil damit Investorenerwartungen, Gewinnmaximierung, Kostenminimierung und Umsatzgenerierung verbunden sind. Die unterschiedlichen Bereiche der Share Economy breiten sich über verschiedenste Wertschöpfungsketten quer durch viele traditionelle Branchen aus. Die Verschwommenheit der Abgrenzung von privater und gewerblicher Tätigkeit in der Share Economy fordert gesetzliche Regelungen. Während bei der Bereitstellung von Gütern oder Dienstleistungen zwischen Privatpersonen viele rechtliche Regelungen nicht greifen (z.B. Verbraucherschutz, Steuerrecht, Arbeits- und Sozialrecht), muss künftig über eine Regelung bestimmter Bereiche (z.B. Umsatzgrenze) nachgedacht werden.

Auch viele „traditionelle“ Unternehmen richten ihre Fühler in Richtung New Economy aus, kaufen Startups und beschäftigen sich mit dem zunehmenden Trend des Teilens. Beispielsweise nahm Daimler keine Rücksicht auf die Taxifahrer, indem sie nun mithilfe einer gekauften Taxi-App der Branche Vermittlungsprovisionen abgrast.[3] In der Automobilbranche entdecken immer mehr Unternehmen die Notwendigkeit der Share Economy in ihrem Portfolio. Auch andere Branchen (z.B. Versicherungen) sind vom Trend bzw. der Transformation betroffen. Und darüber hinaus sind Daten ein wichtiger „Rohstoff“ geworden: Big Data prägt immer stärker die unternehmerischen Entscheidungen. Aber auch Branchen, wie beispielsweise die Maschinen- und Metallbranche, die Gesundheitsindustrie oder Finanzdienstleister bieten zunehmend bedarfsgerechtere Produkte an, die auf der Grundlage von personalisierten Daten basieren.

Vertrauen und Digitalisierung sind Treiber der Share Economy

Der Erfolg der Sharing Economy beruht darauf, dass fremde Personen mithilfe von Plattformen untereinander vertrauen entwickeln und Güter und Dienstleistungen günstiger, einfacher, schneller und mit geringem Aufwand über das Internet tauschen, weiter verkaufen oder verschenken können. Es geht dabei um gemeinschaftliche oder gewinnorientierte Online-Plattformen, die unterschiedliche Zwecke und Ziele verfolgen. Während es bereits seit jeher Nachbarschaftshilfen, Genossenschaften, Maschinenringe oder Büchereien gibt, ermöglicht die Digitalisierung neben der orts- und zeitunabhängigeren Nutzungsmöglichkeit auch vertrauensbildende Mechanismen bei fremden Menschen.

Steigendes Investorenkapital und überhöhte Gewinnerwartungen

Immer mehr Venture Capital-Investoren und Unternehmensberatungen springen auf das Zugpferd der Share Economy. Unter Venture Capital versteht man in der Regel außerbörsliches Beteiligungskapital, das eine Beteiligungsgesellschaft (Venture Capital Gesellschaft) einem riskant geltenden Unternehmen bereitstellt. Beteiligungen sind mit einem sehr hohen Risiko verbunden, das bis zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen kann. In der Regel wird jedoch nicht nur das Kapital, sondern auch betriebswirtschaftliches oder technisches Knowhow zur Verfügung gestellt. Zum Teil müssen die Unternehmensziele an Investorenvorgaben angepasst werden. Somit greifen Investoren auch gerne in die operativen unternehmerischen Tätigkeiten ein; z.B. beim Aufbau von Personal- und Geschäftsbeziehungen oder der strategischen Unternehmensführung. Darüber hinaus erhalten die Kapitalgeber häufig Informations- Kontroll- und Mitspracherechte, die über die üblichen Rechte aus einer Beteiligung hinausgehen. Abhängig vom Lebenszyklus des finanzierten Unternehmens kann zwischen Seed Stage Capital, Early Stage Capital und Later Stage Capital unterschieden werden. Bei letzterer Finanzierung befindet sich das Unternehmen bereits auf Wachstumsmodus. Das Risiko des Kapitalverlustes verringert sich; jedoch ist der Kaufpreis für die Beteiligung höher. Zum Beispiel befinden sich Marktwerte von bekannten Sharing-Economy-Playern auf einem sehr hohen Niveau (z.B. Uber, Airbnb). Bei einer eventuellen Exit-Phase seitens des Investors – die je nach Strategie der Venture Capital Gesellschaft ausfällt – wird der Austritt bzw. Verkauf angestrebt und der Kapitalgeber zieht sich aus dem Unternehmen zurück. Die Anteile könnten an die Börse gebracht, an andere Unternehmen verkauft werden, oder das Unternehmen erwirbt seine Anteile des Risikokapitalgebers zurück (z.B. Management-Buy-Out). Falls sich das Unternehmen am Markt nicht behauptet, kann es im schlimmsten Fall auch liquidiert werden.

Faire und sozial verträgliche Marktbedingungen sind notwendig

Die zentraleFrage, die wir uns im Zuge der Digitalisierung stellen müssen, dreht sich um die Fairness auf den neuen onlinegestützten Märkten. Es ist dabei von grundlegender Bedeutung, hierzu die Meinungen der Sozialpartner einzuholen und dort wo es nötig ist regulatorische Bestrebungen zum Schutze der Beschäftigten zu ergreifen. Es geht aber auch um die Absicherung des Steuer- und Sozialsystems, d.h. um die soziale Sicherung der Beschäftigten, als auch um die Eindämmung der Steuerflucht, die vermehrt bei Großunternehmen der Digitalbranchen auftritt. Falls die Digitalisierung zur Abnahme der Beschäftigten in Industriebetrieben führt, dann kann auch die Mitbestimmung immer weniger ArbeitnehmerInnen miteinbeziehen. Durch die fortschreitende Digitalisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Trend zu mehr Mikrounternehmen, kann es zur Entwertung von Arbeit in der klassischen Betriebsform kommen. Das neue Outsourcing könnte mithilfe von Crowdworking vonstattengehen. Crowdworking bezieht sich derzeit noch auf eine Minderheit (aber stark anwachsend) von neuen Solo-Selbstständigen, deren Löhne, Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmerrechte und soziale Absicherung dem freien Spiel der Marktkräfte derzeit überlassen bleiben.

Mitbestimmung stärken und Beschäftigte miteinbeziehen

Welche Möglichkeiten hat man auf virtueller Ebene, um arbeitende Menschen im Wandel der Digitalisierung zu organisieren? Erste Ansätze, um die Crowd-Bewegung einzufangen, sind die Initiativen von Ver.di und der IG-Metall, die dazu Plattformen (www.faircrowdwork.de und www.ich-bin-mehr-wert.de/support/cloudworking/) ins Leben gerufen haben. Sie ermöglichen neben der Bewertung von Crowdworking-Plattformen auch rechtliche Unterstützungsleistungen auf Grundlage der individuellen Arbeitsrechtsberatung. Um jedoch das kollektive Arbeitsrecht anzupassen und die klassische Mitbestimmung für die neuen Beschäftigungsformen zu integrieren, ist die Frage des Arbeitnehmerbegriffs ein Schlüsselelement. Man sollte sich der Frage stellen, wer wirtschaftlich von wem wie stark abhängig ist und in weiterer Folge dadurch auch in eine persönliche Abhängigkeit gerät. Diese Verknüpfung könnte den Arbeitnehmerbegriff neu auslegen und die Absicherung auch über Plattformen ermöglichen. Viele der Plattformen vermeiden den Begriff „Arbeitnehmer“ wie der Teufel das Weihwasser. Man sollte Regularien finden, die auch die Betreiber der Plattformen in die Pflicht zu nehmen. Dabei sollte auf gewerberechtliche, unternehmensrechtliche, sozialrechtliche und datenschutzrechtliche Aspekte eingegangen werden. Eine eigenständige Institution könnte in weiterer Folge die Plattformen zertifizieren. Dafür ist eine internationale Zusammenarbeit mit anderen Kontrollinstanzen notwendig, um für faire und sozial verträgliche Marktbedingungen zu sorgen. Die Sharing Economy lebt vom gegenseitigen Vertrauen. Falls dieses weiter in die „Pseudo-Sharing“ Spirale gerät, dann wissen weder KonsumentInnen auf der einen noch CrowdworkerInnen auf anderen Seite, was Sache ist. Die „Share Economy“ muss auch für die Beschäftigten zu einer „Fair Economy“ werden.

 

Literatur

Deloitte (2015): Sharing Economy: Teile und verdiene!, Wo steht die Schweiz?, URL: http://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/ch/Documents/consumer-business/ch-de-cb-sharing-economy-teile-und-verdiene.pdf, Zugriff am: 04.04.2016.

Hecking, Mirijam (2016): Für MyTaxi und Car2Go: Warum Daimler sein Taxi-Geschäft riskiert, Bericht vom 27.01.2016, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/daimler-legt-sich-wegen-mytaxi-und-car2go-mit-taxibranche-an-a-1074271.html, Zugriff am: 04.04.2016.

Staun, Harald (2013): Der Terror des Teilens. FAZ, 22.12.2013, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/shareconomy-der-terror-des-teilens-12722202.html, Zugriff am: 04.04.2016.


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Simon Schumich
Betriebsräteberater und Betriebswirt in der Arbeiterkammer Wien
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