Deutscher Gewerkschaftsbund

30.06.2016

Was macht eigentlich der Arbeitskraftunternehmer?

Eine Zwischenbilanz der betrieblichen Umstrukturierung

Zahnräder

colourbox

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Unternehmen ständige Umstrukturierungen vornehmen und dabei immer höhere Einsatzbereitschaft von ihren MitarbeiterInnen verlangen. Die Globalisierung, der Wettbewerb, die Märkte – so heißt es in Strategiepapieren und ökonomischen Analysen – machen das unvermeidlich. Als sich das ganze Ausmaß dieser Entwicklung vor gut 20 Jahren abzuzeichnen begann, haben wir aus arbeitssoziologischer Perspektive darin einen grundlegenden Wandel der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse erkannt. Zusammen mit Günter Voß habe ich die These vom Arbeitskraftunternehmer als neuem Typus der Warenform von Arbeitskraft formuliert. Demnach resultiert der neue Leistungsdruck aus Arbeitsbedingungen, unter denen Erwerbstätige in eigener Initiative für die optimale Verwertung ihres Arbeitsvermögens sorgen.

Diese These hat lebhafte Diskussionen ausgelöst und ist in der Wissenschaft ebenso wie in der politischen Debatte umstritten geblieben. Sie wird heute immer noch gerne zitiert als Indiz für den dramatischen Wandel der Arbeitswelt, obwohl sie durch empirische Untersuchungen nie eindeutig bewiesen (aber auch nicht überzeugend widerlegt) werden konnte. Es wird deshalb Zeit für eine Zwischenbilanz, in der ich zu folgenden Fragen Stellung beziehen will: Was hat die Analyse zum Arbeitskraftunternehmer damals interessant gemacht? Welche konkreten Entwicklungen konnten wir seitdem beobachten? Und inwiefern ist die theoretische Annahme eines unternehmerischen Umgangs mit dem eigenen Arbeitsvermögen weiterhin relevant? Als Miturheber frage ich mich vor allem, was wir damals übersehen haben könnten.

Das Interesse am Typus Arbeitskraftunternehmer

Wer nur den Alltag permanenter Reorganisation in den Betrieben heute kennt, kann sich schwer vorstellen, wie ungewöhnlich es uns in den 1990er Jahren erschien, dass viele große deutsche Unternehmen mit neuen Organisationsformen „wild“ zu experimentieren anfingen. Lean Management oder Business Reengineering, um zwei der bekannteren Veränderungskonzepte zu nennen, wurden mit revolutionärem Pathos ganzen Unternehmensbereichen aufgezwungen, obwohl es kaum Erfahrungen damit gab. Überraschend war denn auch weniger, wie viele dieser Change-Projekte scheiterten, sondern dass sie trotzdem unvermindert fortgesetzt wurden. Für die Arbeitssoziologie waren besonders die erweiterten Entscheidungs- und Gestaltungsfreiräume interessant, welche diese vom Management verordneten Konzepte für Beschäftigte ohne formale Führungsfunktion häufig in Aussicht stellten. Und am meisten beschäftigt hat uns die Frage, warum solche Spielräume bereitwillig genutzt wurden, obwohl sie von Beginn an unverkennbar mit hohem Leistungsdruck und steigenden Belastungen verbunden waren.

Den Ausgangspunkt unserer Analyse bildete eine theoretische Interpretation, mit der wir in den unterschiedlichen Maßnahmen und Konzepten, wie Gruppen- und Projektarbeit, Zielvereinbarung oder Profit-Center, ein gemeinsames Muster entdeckten: Erwerbstätige sollen wie selbstständige Auftragnehmer eigenverantwortlich an innovativen Problemlösungen arbeiten, anstatt bloß als Arbeitnehmer auf Anweisungen zu warten. Innerhalb der kapitalistischen Warenform von Arbeitskraft haben sich, so die Annahme, historisch verschiedene Nutzungsweisen und Kontrollstrategien entwickelt. Vom frühkapitalistischen Typus des proletarisierten Lohnarbeiters unterscheidet sich der seit Mitte des 20. Jahrhunderts dominierende Typus des verberuflichten Arbeitnehmers durch ein systematisch gesteigertes Leistungsniveau, das auf fachlicher Qualifikation, inhaltlicher Motivation und Aufstiegsperspektiven in relativ gesicherten Beschäftigungsverhältnissen beruht. Mit dem Typus des Arbeitskraftunternehmers wird eine neue Stufe erreicht, indem Erwerbstätige das eigene Leistungspotenzial als „Unternehmer der eigenen Arbeitskraft“ definieren.

Die Vereinbarkeit von Lohnarbeit mit eigenständigem Arbeiten und verantwortlicher Autonomie (so ein Konzept der britischen Kontrolltheorie) hatten schon frühere Studien gezeigt. Wir gingen über sie hinaus mit der Annahme, dass nicht nur die Arbeitsleistung in eigener Initiative ökonomischen Effizienzansprüchen unterworfen wird, sondern auch das Privatleben sowie die Vermarktung des Arbeitsvermögens. Die ganze Person mit ihrem gesamten Leben ist beim Typus des Arbeitskraftunternehmers potenziell in die Warenform der Arbeitskraft einbezogen und damit kapitalistischen Verwertungsprinzipien ausgesetzt. Unser wissenschaftliches Anliegen lag primär in der gesellschaftstheoretischen Interpretation dieses Wandels der Arbeit. Das Interesse hieran wurde offenbar vor allem durch die pointierte Zeitdiagnose geweckt. Die Kontroversen drehten sich unter anderem um Fragen, inwieweit eine solche analytische Zuspitzung angemessen ist.

Pro und contra Arbeitskraftunternehmer

Aus heutiger Sicht finde ich es bemerkenswert, wie wenig sich an der Diagnose, aber auch an den umstrittenen Punkten geändert hat. Wir hatten die These vom Arbeitskraftunternehmer als Idealtypus angelegt, d.h. als gezielte Kombination von Merkmalen, die nicht immer alle gemeinsam auftreten, die aber die allgemeine Entwicklungsrichtung kennzeichnen und an denen sich der Entwicklungsstand bemessen lässt. Wir waren von einer begrenzten Zahl von markanten Fällen ausgegangen, die in bestimmten Branchen besonders verbreitet sind (z.B. in Bildungs- und Beratungsberufen oder in der Kultur- und Medienbranche) und weitere Erwerbsbereiche erfassen werden. Vor allem aber bringt der Typus des Arbeitskraftunternehmers eine Bündelung normativer Leitvorstellungen zum Ausdruck: Diese prägen die gesellschaftlichen Erwartungen an die Erwerbstätigen als arbeitskulturelle Norm.

Das alles würde ich heute wieder ganz ähnlich formulieren – was teilweise für und teilweise gegen die These spricht: Einerseits hat sich der Wandel fortgesetzt und die normativen Leitvorstellungen sind etabliert (pro), andererseits blieb der Entwicklungsverlauf in Reichweite und Tempo gemäßigt (contra). Wir beobachten inzwischen viel ausgeprägter die psychischen Belastungen und Erschöpfungssymptome bei anhaltendem Veränderungsdruck (pro), gleichzeitig wachsen die Zweifel an der Zumutbarkeit solcher Leistungsanforderungen (contra). In einer empirischen Studie konnten wir durch qualitative Interviews mit Beschäftigten in Gruppen- und Projektarbeit feststellen, dass die Produktion nach wie vor wenig Entscheidungsspielräume bietet (contra), während qualifizierte Angestellte zunehmend in eigenverantwortliche Projektarbeit einbezogen sind (pro). Sie entwickeln dabei eine Haltung der Leistungsoptimierung mit hohem Anspruch an Selbstorganisation (pro), bleiben aber in ihren berufsbiografischen Vorstellungen an stabilen und sicheren Beschäftigungsverhältnissen orientiert (contra).

Aus wissenschaftlicher Sicht scheint mir der Idealtypus nach wie vor gut geeignet zu sein als Instrument für die Analyse des Wandels der Arbeitswelt; vielleicht sollte das Konzept noch theoretisch vertieft und begrifflich geschärft werden. Die Prognose, dass ein unternehmerischer Umgang mit der eigenen Arbeitskraft zum normativen Leitbild für qualifizierte Erwerbsarbeit wird, hat sich bestätigt, wenngleich das für die Dimensionen der Selbst-Organisation (stark), der Selbst-Rationalisierung (mittel) und der Selbst-Ökonomisierung (schwach) in unterschiedlichen Graden gilt. Die vermutete Ambivalenz des Phänomens – dezentrale Entscheidungsfreiheit vs. restriktive Rahmensetzungen – wird in den Analysen unserer arbeitssoziologischen KollegInnen durchgehend bestätigt. Nachdenklich stimmt heute eher die Stabilität der Diagnose: Wenn wir seit langem um die grundsätzliche Problematik wissen und wenn die nachteiligen Folgen immer deutlicher zutage treten, warum ist es dann unvermindert schwierig, diese Entwicklung im Arbeitnehmerinteresse zu gestalten? Ein Kernproblem liegt in der Art der Mitwirkung der Erwerbstätigen selbst.

Arbeitsmotivation und Marktorientierung

Dabei wissen wir aus vielen Studien über die Beweggründe der beteiligten MitarbeiterInnen recht gut Bescheid. Interessante Arbeitsaufgaben und eigenständiges Entscheiden bildeten von jeher wichtige Arbeitsanreize und wirken auch heute unvermindert motivierend. Trotz Zeit- und Ressourcenknappheit kommen bei eigenverantwortlicher Projektarbeit als Triebfedern hinzu: der Stolz, unter widrigen Bedingungen die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen; der Spaß, gemeinsam mit anderen herausfordernde Ziele zu erreichen; die Befriedigung, für schwierige Kundenprobleme maßgeschneiderte Lösungen zu finden. Wer die Beschäftigten vor den Folgen einer derart motivierten Leistungsverausgabung warnt – wie das viele InteressenvertreterInnen in den Betrieben und Gewerkschaften tun – gerät in die Gefahr, als Spaßverderber dazustehen, der engstirnige Regeln setzt und die Autonomie beschneidet. Ich habe deshalb die Vermutung, dass uns ein wichtiger Aspekt der Erwerbsorientierungen entgangen ist, weil unser Blick zu eng auf die Arbeit und ihre Organisation fokussiert ist.

In der Arbeitssoziologie haben wir lange das Motivationselement unterschätzt, das weniger emotional als kognitiv wirkt und das mehr mit dem ökonomischen als mit dem organisatorischen Kontext zu tun hat. Es geht um die Akzeptanz des Marktes als Bewährungsfeld für das eigene Handeln. Wir betrachten Markt und Wettbewerb als äußere Rahmenbedingungen von Betrieben, obwohl sie längst als kulturelle Selbstverständlichkeiten im Denken und Handeln verankert sind. Zur Verinnerlichung von Marktanforderungen als Handlungsbedingung bedarf es nicht der expliziten neoliberalen Ideologie. Die Erwerbstätigen sind im Alltag als Konsumierende ständig auf Märkten aktiv. Wettbewerbssituationen sind längst nicht mehr auf die Wirtschaft beschränkt, sondern in Institutionen der Bildung und der Politik, im Sport wie in der Unterhaltung fest verankert. Konkurrenzerfahrungen sind in der Medien- und Wissensgesellschaft allgegenwärtig und prägen das Bewusstsein von klein auf. Wer sich zur Arbeits- und Wirtschaftspolitik informieren will, muss sich mit Marktzusammenhängen auseinandersetzen, und wer den Erfolg oder Misserfolg des eigenen Unternehmens verstehen will, sollte sich mit dessen Konkurrenzsituation beschäftigen. Nicht zuletzt sind es die Interessenvertretungen, welche um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen und Branchen bangen!

Der Typus des Arbeitskraftunternehmers hat nichts an seiner Bedeutung verloren, weil er in spezifischer Weise auf die Handlungserfordernisse von Märkten ausgerichtet ist, die in der Gesellschaft weithin akzeptiert und in erheblichem Maße verinnerlicht sind. Diese kulturelle Akzeptanz des Marktes als einer gesellschaftlichen Tatsache ist relativ unabhängig von der Bewertung von Marktwettbewerb als guter oder schlechter Lösung für Verteilungsprobleme. Die Einsicht in die faktische Wirkmächtigkeit des Marktes als gesellschaftlicher Kerninstitution bildet die kulturelle Grundlage des Typus des Arbeitskraftunternehmers. Die Begeisterungsfähigkeit für interessante Arbeitsaufgaben überlagert und verdeckt dieses Basiselement häufig, weshalb es in der arbeitssoziologischen Forschung wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.

Diese Einschätzung schließt eine kritische Hinterfragung konkreter Marktmechanismen nicht aus, im Gegenteil: Gerade verantwortungsvolle Positionen können unverstellte Einblicke in kontraproduktive Konkurrenzeffekte und ineffiziente Marktdynamiken gewähren. Die Einbeziehung der Erwerbstätigen in Marktprozesse und ihre Mitwirkung an Konkurrenzsituationen stellen eine wesentliche Komponente ihrer Erwerbserfahrung dar, die wir noch kaum systematisch in unseren wissenschaftlichen Analysen und politischen Überlegungen berücksichtigen. Die Auseinandersetzung mit dem Wandel der Arbeit erfordert auch die Thematisierung des Zusammenhangs von Arbeit und Markt. Und dazu können vorhandenes Wissen und praktische Erfahrungen in der Gestaltung von Märkten mobilisiert werden – bei den Erwerbstätigen ebenso wie innerhalb ihrer Interessenvertretungen.


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Prof. Dr. Hans J. Pongratz
Außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
» Zum Kurzprofil