Deutscher Gewerkschaftsbund

21.06.2017

Jungs weinen eben nicht

Die Debatte um die Gleichstellung konzentriert sich zu stark auf Frauen. Auch im neuen, zweiten Gleichstellungsbericht, der heute im Kabinett vorgestellt wird. Darin wird zwar die Lebensrealität von Männern immerhin mitbedacht. Doch das Thema Männergesundheit etwa spielt fast keine Rolle. Die Gleichstellungsdebatte ist da in England schon weiter.

Ein Mann, von hinten zu sehen, mit nacktem Oberkörper, lehnt mit dem Kopf an einer Wand. Das Bild ist schwarzweiß.

Die Fotoarbeit "Der gestresste Mann" von Chris Suderman Chris Suderman, Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

"Gap" ist das englische Wort für Lücke und der Lieblingsbegriff einer Kommission aus Wissenschaft und Politikberatung, die in den letzten Jahren interdisziplinär Material zum Geschlechterverhältnis gesammelt hat. Ein 200 Seiten starker Bericht dokumentiert den Stand der Gleichstellung von Männern und Frauen im Jahr 2017. Er knüpft an ein erstes Gutachten von 2011 an, das einst Ursula von der Leyen als Familienministerin in Auftrag gegeben hatte. Von ihrer Nachfolgerin Kristina Schröder wurde es verschmäht: Weil sich viele Inhalte mit Vorschlägen der damaligen rotrotgrünen Opposition deckten, ließ sich Schröder bei der Präsentation von ihrem Staatssekretär vertreten. Nach der jüngsten Personalrochade im Familienministerium ist nun, auf den letzten Drücker vor der Bundestagswahl, der Zweite Gleichstellungsbericht im Kabinett von der neuen Ministerin Katarina Barley vorgestellt worden.

Motiv: Rote Silhouetten von Frauen auf organen Hintergrund. Text: www.entgeltgleichheit.de

DGB

Vom Gender Pay Gap ist in dem Gutachten die Rede, ebenso anglizistisch vom Gender Lifetime Earnings Gap und vom Gender Pension Gap. Zu deutsch: Es gibt eine Kluft zwischen den Geschlechtern, zu Lasten der Frauen. Sie verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger, ihr Gesamteinkommen im Lebensverlauf ist  49 Prozent niedriger, sie haben um 53 Prozent geringere eigene Rentenansprüche. Und ihre bezahlte Wochenarbeitszeit ist 8,2 Stunden kürzer, ebenfalls eine Lücke von 21 Prozent.

Noch immer große Ungleichheit bei Pflege und Haushalt

Diesen Gender Time Gap könnte man nicht als Nachteil, sondern als zeitsouveränes Privileg interpretieren - wäre da nicht die unbezahlte private Sorgearbeit: Der Gender Care Gap beträgt 52 Prozent, bei Paaren mit Kindern sogar 83,3 Prozent. In diesem Bereich gibt es die größte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen leisten erheblich mehr als Männer im Haushalt, bei der Erziehung von Kindern und bei der Pflege älterer Angehöriger.

Das Gutachten konzentriert sich wie sein Vorgänger auf die Erwerbsarbeit, die daraus abgeleiteten sozialpolitischen Ansprüche sowie auf das Steuer-, Ehe- und Familienrecht. Diese  Betrachtungsweise hat Stärken, weil die fortbestehenden Nachteile von Frauen in zentralen Bereichen herausgearbeitet werden. Die Schwäche liegt darin, dass andere Politikfelder kaum vorkommen. Ausgerechnet dort aber sind die Gaps, die Differenzen zwischen den Geschlechtern, längst nicht so eindeutig. Teilweise liegen die Schattenseiten sogar auf der anderen Seite, bei den Männern.

Geringere Lebenserwartung der Männer

Deshalb hier ein paar Wortkreationen, die nicht in dem Bericht stehen, aber  eigentlich hinein gehören würden. Etwa der Gender Life Expectation Gap: Männer haben in Deutschland eine über fünf Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen. In der Nachkriegszeit lag diese Differenz sogar bei acht Jahren, in Teilen Osteuropas beträgt das Gefälle nach wie vor bis zu 15 Jahre. Die Klosterstudie des österreichischen Demografen Marc Luy, der die vergleichbaren Biografien von Nonnen und Mönchen untersucht hat, ergibt einen biologisch bedingten Geschlechterunterschied von nur einem Jahr.

Alles andere hat mit der Art zu tun, wie Männer leben, arbeiten, mit ihrem Körper umgehen. Sie gehen seltener zum Arzt, vermeiden Vorsorgeuntersuchungen. Sie haben körperlich ruinöse Jobs in der (Schwer)Industrie und in prekären Dienstleistungen; sie ernähren sich ungesünder, rauchen und trinken mehr. Männer weinen heimlich, Männer kriegen ‘nen Herzinfarkt, hieß das knapp zusammengefasst im Gesang des Ruhrgebietspoeten Herbert Grönemeyer.

Plattencover von Boys don't cry, einem Album der Band The Cure aus dem Jahr 1980

The Cure dichteten 1980: I try and laugh about it
Hiding the tears in my eyes
Abb. vinylmeister

Die Folgen der Devise "Indianer kennen keinen Schmerz" sollten Gewicht haben in einem Bericht, der die "Lebensverlaufsperspektive" zur Leitlinie erklärt. Das Gutachten aber prägt ein verengter Blick auf die Gleichstellung. Das Thema Männergesundheit zum Beispiel taucht so gut wie nicht auf. Die Liste der großen Lücken ließe sich daher ergänzen: um den Gender Suicide Gap, der mehr als dreimal höheren männlichen Selbstmordrate. Oder um den Gender Homeless Gap: Erheblich mehr Männer als Frauen leben auf der Straße. Eine geschlechterdialogisch orientierte Politik sollte dennoch vermeiden, in eine unproduktive Hitparade der Benachteiligung einzusteigen.

Der britische Autor Jack Urwin zeigt in seinem Buch “Boys don’t cry”, wie man auf die negativen Folgen männlichen Rollenverhaltens hinweisen kann, ohne die Schuld dafür bei den Frauen zu suchen. Für sein “brillantes, persönliches, nicht einmal sexistisches” Werk lobte ihn die Londoner Feministin Laurie Penny. Doch weil Männeraspekte in gleichstellungspolitischen Kontexten selten debattiert werden, ist ein Vakuum entstanden, das Maskulinisten polemisch füllen. Antifeministische Männerrechtler sehen sich als Opfer in nahezu jeder Lebenslage, wähnen sich in einem von der “Gender-Ideologie” geprägten “Umerziehungsstaat”. Parlamentarisch unterstützt werden sie von der AfD, in deren Parteiprogramm von einer angeblichen “Stigmatisierung traditioneller Geschlechterrollen” die Rede ist.

Das Engagement der Männer wächst

Im Gegensatz dazu will der Zweite Gleichstellungsbericht das “Erwerb- und Sorge-Modell für Frauen und Männer in ihrer Vielfalt ermöglichen”. Die Handlungsempfehlungen seien “auch für viele Männer wichtig”, denn sie hätten “positive Auswirkungen auf ihre Lebensrealitäten”. Eines von sechs Faltblättern, die das Gutachten in Kurzform zusammenfassen, beschäftigt sich explizit mit den Männern. Die Sachverständigen fordern, dass “Strukturen erkannt und beseitigt werden”, die diese “an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe hindern”. Sie verweisen auf die besonders langen männlichen Arbeitszeiten im Beruf, das wachsende Engagement von Männern in Erziehung und Pflege und die Schwierigkeiten der überwiegend männlichen Geflüchteten. Dass solche Aspekte zumindest auftauchen, ist ein Fortschritt gegenüber der ersten Expertise - im Sinne einer Geschlechterpolitik, die Männer nicht gönnerinnenhaft als Unterstützer “einbezieht”, sondern als eigenständige Akteure anerkennt.

Das vollständige Gutachten steht online unter www.gleichstellungsbericht.de


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Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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