Deutscher Gewerkschaftsbund

24.05.2018

Tod auf Raten

Die Zeitungskrise fordert ihre nächsten Opfer. Dumont entlässt von heute auf morgen die RedakteurInnen seiner Hauptstadtredaktion. Wieder einmal wird also auf skandalöse Weise beim Personal gespart, statt auf Qualität und neue Konzepte zu setzen.

 

Kommentar von Daniel Haufler

Hausdach des Berliner Verlages am Alexanderplatz

Hier im Haus des Berliner Verlags saßen bis Ende 2016 die Dumont-Hauptstadtredaktion, Berliner Zeitung und Kurier - mit schönem Weitblick. DGB/dah

Es ist wie immer in den letzten Jahren bei der Dumont-Mediengruppe. Nach außen wird überschwänglich gelobt, wie toll sich die wirtschaftliche Lage entwickelt. Der Vorstandsvorsitzende Christoph Bauer schreibt angeberisch: "DuMont hat während der letzten vier Jahre einen umfassenden, dynamischen Wandel vollzogen. Unsere Neuausrichtung werden wir früher als vorgesehen bereits zum Ende des Jahres erfolgreich abschließen können."

Wie das praktisch aussieht, kann jetzt jeder besichtigen. Denn nun hat Dumont eine Kooperation mit der Madsack-Gruppe verkündet, die bis zu 17 JournalistInnen der Dumont-Hauptstadtredaktion den Job kosten kann. Sie dürfen sich für die neue Hauptstadtredaktion, das "Redaktionsnetzwerk Deutschland", unter Führung von Madsack bewerben. Aussicht ungewiss, denn die zehn Stellen, die dort neu entstehen, sollen bundesweit ausgeschrieben werden.

Dubiose Rechtskonstruktion

So ähnlich schäbig agierte Dumont bereits vor gut eineinhalb Jahren. Seinerzeit entließ der Konzern einfach alle MitarbeiterInnen des Berliner Verlages, der die Berliner Zeitung und den Berliner Kurier publizierte. Sie durften sich dann um ihre eigenen Stellen in einem neuen Unternehmen (Berliner Newsroom GmbH) bewerben, das genau das gleiche macht wie zuvor der Berliner Verlag: die Berliner Zeitung und den Kurier samt der dazugehörigen Onlineseiten herstellen. Über ein Drittel der KollegInnen verlor so den Arbeitsplatz. Das war nicht rechtens und stieß zu Recht auf heftigen Widerstand der MitarbeiterInnen, Betriebsräte und Gewerkschaften. Am Ende jedoch erkaufte sich DuMont den reibungslosen Übergang in die neue Gesellschaft mit einem gut dotierten Sozialplan.

Haus der Berliner Newsroom GmbH

In dieses unscheinbare Haus (hier noch im Bau) zogen Anfang 2017 die MitarbeiterInnen der "Berliner Newsroom GmbH", also die verbliebenen MitarbeiterInnen des Berliner Verlages. DGB/dah

Hinzu kam: Etliche RedakteurInnen hatten keine Lust mehr für solch einen Arbeitgeber zu schuften. Schließlich waren schon in den Jahren zuvor zahlreiche Stellen eingespart worden und die „Arbeitsverdichtung“ so erheblich, dass eine Kollegin ihr Leben so beschrieb: „Ich verbringe mittlerweile meine ganze Freizeit mehr oder weniger damit, mich für die Arbeit fit zu halten.“

In beiden Fällen werden verdiente und langjährige MitarbeiterInnen mit einem Tritt in den Hintern verabschiedet, um Kosten zu senken. Der Grund ist allerdings: Nicht das Versagen der Redaktionen, sondern die Unfähigkeit des Managements, das in all den Jahren bei keiner seiner Zeitungen ein zukunftsfähiges Konzept entwickelt hat. Die „digitale Transformation“ blieb eine so laute wie leere Ankündigung.

Zeitungskrise lösen durch Entlassungen?

Nun kann man einwenden, dass es bei anderen Zeitungshäusern nicht besser aussieht. Und das stimmt. Doch gerade deshalb hätten die MitarbeiterInnen viel stärker eingebunden werden müssen, um neue Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. Das ist kaum geschehen. Stattdessen hat DuMont wie andere Zeitungshäuser seine Kreativität darauf konzentriert, das Unternehmen in lauter kleine Einheiten zu zerlegen, so dass die problemlos ausgelagert und verkauft werden konnten – am besten ohne tarifvertragliche Bindung – oder dann, wie jetzt die Hauptstadtredaktion, betriebsbedingt geschlossen werden dürfen. Ähnliche Methoden sind branchenweit seit Jahren immer wieder zu beobachten.

Logo und Kurztext zur Dumont-Hauptstadtredaktion

Auf seiner Homepage preist Dumont noch seine Hauptstadtredaktion, die der Verlag nun abwickelt. DGB/Screenshot

Das ist nicht nur verheerend für die betroffenen MitarbeiterInnen. Es ist auch katastrophal für die Meinungsvielfalt im Land. Wieder verschwindet eine eigenständige Redaktion mit kundigen und engagierten KollegInnen. Aus der Hauptstadt berichten schon jetzt im Wesentlichen nur noch eine Handvoll Büros über Politik und Wirtschaft. Und der Konzentrationsprozess ist aller Voraussicht nach noch nicht abgeschlossen.

Es ist erstaunlich, wie kommentarlos diese Entwicklung von der Öffentlichkeit und der Politik hingenommen wird, da ja sonst heutzutage gern geklagt wird, dass nicht alle Meinungen ausreichend widergespiegelt werden. Zudem ist die Zukunft etlicher Zeitungen ungewiss. Die Frankfurter Rundschau wurde kürzlich an die Zeitungsgruppe Hessen (mehrheitlich im Besitz der Ippen-Gruppe) verkauft und bezieht einen Gutteil ihrer politischen und wirtschaftlichen Berichterstattung bisher von der DuMont-Hauptstadtredaktion. Kann Madsack bieten, was die FR braucht?

Sachliche Information und Meinungsvielfalt schwinden

Das Neue Deutschland steht finanziell am Abgrund – und die Berliner Zeitung ist nun bereits so entkernt, dass sich ohnehin die Frage stellt, ob sie als eigenständiges Medium überleben kann. Nicht groß anders sieht es für etliche Blätter aus, die sich nur noch im Namen unterscheiden – wie Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Zahlreiche JournalistInnen mit großem Fachwissen auf den unterschiedlichsten Feldern müssen ihren Beruf aufgeben. Die einst so vielfältige und lebendige deutsche Zeitungslandschaft verdorrt. Und das in einer aufregenden Zeit voller Umbrüche, in der publizistische Vielfalt und sachkundige Information wichtiger ist denn je.


 

Blick nach Norden aus dem alten Haus des Berliner Verlages.

Ausblick der Redaktion beim Spätdienst für die Berliner Zeitung im alten Haus am Alexanderplatz. DGB/dah

Redaktioneller Hinweis: Der Autor dieses Kommentars kennt die Verhältnisse bei Dumont und der Berliner Zeitung noch ziemlich gut. Er war von 2008 bis 2017 dort für die Meinungsseite zuständig und zwei Jahre lang Sprecher des Redaktionsausschusses. Dann nahm er die Abfindung und seinen Abschied.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai 2017 verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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