Deutscher Gewerkschaftsbund

15.12.2016
Gleichstellung am Arbeitsmarkt

Niederlande: Land der Teilzeit

Debattenreihe Arbeitszeit

DGB

Bei der Teilzeitarbeit nehmen die Niederlande den Spitzenplatz ein. Vor allem Frauen arbeiten dort fast nie in Vollzeit – und es sieht so aus, als wäre ihnen das sehr recht. „Ist das ein Fall halbherziger Emanzipation, mit der die niederländischen Frauen in ihrer abhängigen und untergeordneten Rolle gehalten werden?“, fragt Wil Portegijs vom Niederländischen Institut für Sozialforschung.

Bank mit Feldern und Gracht

flickr/Bert Kaufmann, CC BY 2.0

Bei der Teilzeitarbeit nehmen die Niederlande den Spitzenplatz ein. Vor allem Frauen arbeiten dort fast nie in Vollzeit – und es sieht so aus, als wäre ihnen das sehr recht. In anderen Ländern löst dies oft Erstaunen, Ablehnung und manchmal auch etwas Neid aus. Ist das ein Fall von glanzloser, halbherziger Emanzipation, mit der die niederländischen Frauen in ihrer abhängigen und untergeordneten Rolle gehalten werden? Das zumindest meint die Fraktion des „Nieder mit dem Teilzeitfeminismus!“. Sie stellen Frauen, die Teilzeit arbeiten, als verwöhnte Prinzessinnen dar, die dumm genug sind, „Zeit für sich selbst“ über eine berufliche Karriere und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit zu stellen. Oder können die niederländischen Frauen dank ihrer Teilzeitbeschäftigung das Beste von beidem genießen?

Die Niederlande: Spitzenplatz bei Teilzeitarbeit

Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist die Erwerbsquote von Frauen in den Niederlanden hoch: 68 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren gingen 2014 einer Beschäftigung nach – das sind (viel) mehr als in den meisten anderen europäischen Ländern und auch mehr als in den USA (dort gehen 65 Prozent der Frauen arbeiten). Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche ist bei den niederländischen Frauen jedoch niedrig: Über 75 Prozent der weiblichen Beschäftigten arbeiten höchstens 34 Stunden die Woche; in der EU insgesamt sind es nur 33 Prozent. Bei den Männern ist Teilzeitarbeit sehr viel weniger verbreitet, aber auch hier führen die Niederlande das Feld an: Ein Viertel der männlichen Beschäftigten dort verbringt weniger als 35 Stunden die Woche am Arbeitsplatz. In der EU sind es nur 9 Prozent.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der niederländischen Frauen beträgt 26 Stunden. Bei den Männern sind es 38 Stunden. Diese eher geringe Wochenarbeitszeit bedeutet, dass niederländische Frauen trotz der hohen Beschäftigungsquote relativ wenige Stunden mit ihrer beruflichen Tätigkeit verbringen.

Traditionelle Rollenvorstellungen weit verbreitet

2001 gingen 57 Prozent der Frauen mit einem Kind unter vier Jahren einer beruflichen Tätigkeit nach. Diese Zahl ist um 16 Prozent auf 73 Prozent im Jahr 2013 gestiegen. Damit kombinieren mehr niederländische Mütter Kinderbetreuung und bezahlte Arbeit als es Mütter in den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Großbritannien tun. Praktisch alle von ihnen arbeiten dann jedoch nur noch Teilzeit, wenn sie es nicht bereits vorher getan haben: 88 Prozent der niederländischen Frauen mit einem Kind bis 12 Jahren arbeiten weniger als 35 Stunden die Woche. Praktisch alle Mütter erklären, sie hätten sich dafür entschieden, weil sie sich um ihre Kinder kümmern wollten. Diese Aussage entspricht der allgemeinen Einstellung zu Kinderbetreuung: Die Hälfte der niederländischen Frauen und ganze 71 Prozent der Männer denken, es sei für ein Baby das Beste, ausschließlich von seinen eigenen Eltern betreut zu werden. Fast die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen in den Niederlanden finden, dass Frauen besser dazu geeignet seien, sich um kleine Kinder zu kümmern. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass 83 Prozent aller NiederländerInnen der Ansicht sind, dass Mütter von kleinen Kindern im Idealfall nicht mehr als drei Tage pro Woche arbeiten sollten.

Nicht nur Mütter in Teilzeit

Nicht nur Mütter kleiner Kinder entscheiden sich für eine Teilzeitbeschäftigung - nur 38 Prozent aller teilzeitbeschäftigten Frauen haben Kinder unter 12 Jahren. Denn schon die Hälfte aller jungen Frauen ohne Kinder arbeitet Teilzeit. Sie wählen eine Teilzeitarbeit, um mehr Zeit für sich, für Freunde und Hobbys zu haben oder sich weiterzubilden. Nur eine von sechs jungen teilzeitbeschäftigten Frauen ohne Kind hätte gerne eine Vollzeitstelle.

Dazu kommt: Auch wenn die Kinder älter werden, bleibt bei den niederländischen Frauen die Teilzeitarbeit das beliebteste Modell. Nur eine von zehn würde gerne Vollzeit arbeiten, findet aber keine entsprechende Stelle.

Wochenarbeitszeit bleibt bemerkenswert stabil

In den Niederlanden ist Teilzeitarbeit also kein vorübergehendes Arrangement, um Beruf und Familie zu vereinbaren, sondern ein eigener Lebensstil. Frauen beginnen mit Teilzeitarbeit - mit oder ohne Kinder - und ändern das auch nicht. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Frauen liegt seit Jahren um die 25 Stunden. Es gibt auch wenig Anzeichen dafür, dass sich das in naher Zukunft ändern wird – zumindest, wenn wir von den Wünschen der Frauen selbst ausgehen. Die meisten niederländischen Frauen scheinen mit ihren Teilzeitstellen sehr glücklich zu sein und haben kein großes Bedürfnis, ihre Arbeitsstunden zu erhöhen. Viele Frauen mit einer sehr geringen Wochenarbeitszeit würden diese gerne um einige Stunden aufstocken; dagegen würden aber auch viele mit Vollzeitstellen gerne weniger Stunden arbeiten. Insgesamt gesehen, entspricht die Stundenzahl, die Arbeitnehmerinnen arbeiten möchten, im Durchschnitt auch ihren tatsächlichen Wochenarbeitsstunden.

Weniger als die Hälfte aller Niederländerinnen sind wirtschaftlich unabhängig

Teilzeitarbeit hat selbstverständlich Auswirkungen auf das Einkommen der Frauen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen aus Erwerbstätigkeit von niederländischen Frauen lag 2013 bei 29.200 Euro; bei den Männern waren es 47.900 Euro. Ein entscheidender Grund dafür ist, dass Frauen eine geringere Wochenarbeitszeit haben. Außerdem haben sie aber auch einen geringeren Stundenlohn, was teilweise durch die Teilzeitarbeit begründet ist, denn sie wirkt sich nachteilig auf die berufliche Weiterentwicklung und somit auch auf die Gehaltsentwicklung aus. Als Folge davon sind in den Niederlanden nur 48 Prozent der Frauen zwischen 15 und 65 Jahren wirtschaftlich unabhängig. Der Rest hat entweder gar kein Einkommen aus Erwerbstätigkeit oder verdient weniger als 70 Prozent des Mindestlohns (2013: 900 Euro pro Monat).

Bereits seit vielen Jahren ist ein Kernziel der Gleichstellungsspolitik in den Niederlanden, den Anteil der wirtschaftlich unabhängigen Frauen zu erhöhen. Dieser Anteil ist von 2000 bis 2009 tatsächlich gestiegen - insbesondere bei den Müttern ist der Anteil weniger stark gesunken als vorher. Denn immer mehr junge Mütter gehen einer beruflichen Beschäftigung nach, und auch die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist leicht gestiegen.

Teilzeitarbeit wird von Familie und Freunden unterstützt

Dass es sich so viele niederländische Frauen leisten können, sich für mehr Freizeit anstatt für ein höheres Einkommen zu entscheiden, liegt daran, dass die meisten einen Partner haben, der Vollzeit arbeitet. Die Wurzeln dafür liegen in der traditionellen Rollenverteilung, denn Frauen leisten immer noch den Hauptteil der unbezahlten Hausarbeit. Interviews mit Frauen, die Teilzeit arbeiten, zeigen, dass diese traditionelle Rollenverteilung sich ganz von selbst ergibt. „Ich habe mehr Zeit“ erklären Frauen auf die Frage, warum sie einen größeren Teil der Hausarbeit übernehmen, und vergessen dabei, dass sie mehr Zeit haben, weil sie sich diese Zeit genommen haben. Die traditionelle Rollenverteilung spiegelt sich auch in den Ansichten der Freunde, Familie und Partner über die Arbeitsstunden von Frauen wider. Dieser Personenkreis verhält sich fast ausnahmslos verständnisvoll und unterstützend. Auch Arbeitgeber drängen Frauen nur selten, ihre Wochenarbeitsstunden zu erhöhen. In Organisationen, in denen viele Frauen beschäftigt sind, ist Teilzeitarbeit eine völlig normale Sache geworden.

Teilzeitbeschäftigung: von der Lösung zum Problem

Die Regierung hat, wenn auch keine Haupt-, doch zumindest eine Nebenrolle in der Entwicklung der Teilzeitbeschäftigung in den Niederlanden gespielt. In den 1950er Jahren wurden in der Fertigungsindustrie Teilzeitstellen geschaffen, als die Arbeitgeber aufgrund des Arbeitskräftemangels versuchen mussten, verheiratete Frauen für typisch „weibliche“ Arbeiten zu gewinnen. Dies war damals nur in Form von Teilzeitstellen möglich. Die Hauptaufgabe von verheirateten Frauen war die Versorgung der Familie, und zu der Zeit gab es keine Strukturen, um Beruf, Familie und Haushalt zu kombinieren. Später nahm Teilzeitarbeit auch in anderen Sektoren wie dem öffentlichen Dienst und dem Einzelhandel zu. Mitte der 1980er Jahre hatte bereits die Hälfte der niederländischen Frauen Teilzeitstellen. Teilzeitarbeit galt als ideales Instrument zur Steigerung der Beschäftigungsquote von Frauen. In den 1990er Jahren erhielten Teilzeitbeschäftigte die gleichen Rechte wie Vollzeitbeschäftigte, unter anderem durch das Gesetz zur Gleichstellung bei unterschiedlichen Arbeitsstunden. Seit dem Jahr 2000 haben Angestellte durch das Anpassungs-Gesetz zu unterschiedlichen Arbeitsstunden gesetzlich Anspruch darauf, ihre Arbeitszeit zu erhöhen oder zu senken, es sei denn, der Arbeitgeber kann nachweisen, dass dies aufgrund schwerwiegender wirtschaftlicher Interessen nicht möglich ist.

Seit einigen Jahren sieht die niederländische Regierung die geringen Wochenarbeitsstunden von Frauen zunehmend als Problem. Die umfangreichen Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit haben zweifellos dazu beigetragen, die Beschäftigungsquote der niederländischen Frauen zu steigern. Allerdings wirkt sie sich auch nachteilig auf die ebenso wichtige Steigerung ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit sowie ihren Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf aus. Dazu kommt, dass der demografische Wandel die Regierung und die Sozialpartner dazu veranlasst hat, dringend nach bisher ungenutzter Arbeitskraft zu suchen. Dafür wird nicht nur die Steigerung der Beschäftigungsquote von Frauen weiter gefördert, sondern es werden auch Bemühungen unternommen, die Wochenarbeitszeit von teilzeitbeschäftigten Frauen zu erhöhen. 2008 wurde die Taskforce Teilzeit-Plus für zwei Jahre ins Leben gerufen, um Frauen mit kleinen Teilzeitstellen (weniger als 24 Wochenarbeitsstunden) dazu zu ermutigen, ihre Arbeitsstunden zu erhöhen.

Verwöhnte Prinzessinnen?

Die Beschäftigungsquote von niederländischen Müttern mit kleinen Kindern liegt nicht viel niedriger als die von Müttern in anderen Ländern. Ein Großteil von ihnen kombiniert Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit. Sie arbeiten für rund drei Tage die Woche, wobei die durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden in den letzten Jahren gestiegen sind. Wenn es tatsächlich verwöhnte Prinzessinnen in den Niederlanden gibt, sind sie eher unter den Frauen ohne kleine Kinder zu finden. Sie arbeiten oft ebenfalls Teilzeit, und ihre durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit nimmt sogar leicht ab. Im Vergleich zu den Frauen in anderen EU-Ländern verbringen niederländische Frauen ohne Kinder tatsächlich nicht viel Zeit bei der Arbeit.


Nach oben

Kurzprofil

Wil Portegijs
Wil Portegijs ist seit 2001 am Niederländischen Institut für Sozialforschung tätig - im Forschungsbereich Pflege, Emanzipation und Arbeitszeit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Arbeitszeiten von Frauen und wirtschaftliche Unabhängigkeit.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten