Deutscher Gewerkschaftsbund

05.07.2017

Wie Tauber die Welt sieht

Peter Tauber ist bislang Generalsekretär der CDU und twittert gern. Dieses Mal jedoch hat er seine Arroganz und Lebensferne gegenüberber Minijobbern offenbart und muss dafür harte Kritik einstecken. Vielleicht weil er enthüllt hat, was viele in der Union denken. Eine kleine Auslese.

von Daniel Haufler

Peter Tauber

Twittert er schon wieder? Olaf Kosinsky, Commons Wikimedia, CC BY-SA 3.0 de

Peter Tauber ist ein Berufspolitiker wie er im Buche steht. So zum Beispiel bei Pierre Bourdieu. Der französische Soziologe definierte den "Apparatschik" als einen Politiker, der dem Apparat alles verdankt. Dessen zentrales oder gar einziges soziales Bezugssystem ist der organisatorische Apparat, dem er seine gesellschaftliche Stellung verdankt. Es sollte also niemanden überraschen, dass der CDU-Generalsekretär ein wenig realitätsfern ist. Seit er die Universität verlassen hat, arbeitete er fast ausschließlich in und für die Partei, mithin für die Vorsitzende Angela Merkel. Vom Leben der Minijobber weiß er so viel wie eine Kuh vom Schachspielen.

Von daher war es nicht sonderlich schlau von Tauber, das Unions-Wahlprogramm mit einem kecken Tweet wie diesem zu verteidigen, der nicht nur die Betroffenen beleidigt, sondern eben auch von wenig Sachkenntnis zeugt:

Tweet von Peter Tauber

Fast so scharf wie Donald Trump. Screenshot

Die Kollegen Stefan Sauer und Steven Geyer machen in der Frankfurter Rundschau zu Recht darauf aufmerksam: „Personen, die zugleich mehrere Minijobs ausüben, sind die absolute Ausnahme. Von gut 6,6 Millionen geringfügig Beschäftigten, die im März 2017 bei der Minijobzentrale registriert waren, hatten 97,3 Prozent einen einzigen Minijob. 2,5 Prozent gingen zweien nach, ganze 0,2 Prozent drei oder mehr. Zum anderen gilt – unabhängig von der Anzahl der Minijobs – eine Verdienst-Obergrenze von 450 Euro im Monat oder 5400 Euro im Jahr. Übersteigt das Einkommen aus mehreren Minijobs diese Grenze, werden alle Arbeitsverhältnisse sozialversicherungspflichtig – und sind dann keine Minijobs mehr, sondern müssen rund 20 Prozent an die Arbeitslosen- und Sozialversicherung abführen.“

Vollbeschäftigung in guter Arbeit

Verständlich angesichts von Taubers Ignoranz ist, dass auf ihn so viel Kritik hagelte, wie er sie mit seinen über seinen 20.000 vorherigen Tweets noch nicht erleben musste. „Die pöbelnde Arroganz von Peter Tauber zeigt: der CDU fehlt der Respekt vor Geringverdienern. Wir wollen Vollbeschäftigung in guter Arbeit!“, schrieb etwa der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), nannte Taubers Äußerungen in der Stuttgarter Zeitung „respektlos und realitätsfern“. Und der DGB-Bundesvorstand ergänzte auf Twitter: „Es gibt mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland, mit denen sich Herr Tauber wohl mal unterhalten sollte.“

Es war daher keine Überraschung, dass Tauber nach ein paar Versuchen, den Tweet zu erklären, sich einige Stunden später letztlich entschuldigte. Zerknirscht wirkend schrieb er, dass es ihm leid tue, „dass ich mein eigentliches Argument – wie wichtig eine gute Ausbildung und die richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind, damit man eben nicht auf drei Minijobs angewiesen ist – so blöd formuliert und damit manche verletzt habe.“

 

Eines muss man Jan Böhmermann lassen: Er hat Tauber schon vor zwei Jahren durchschaut...

Das jedoch änderte wenig an der fast einhelligen Kritik in den Medien. Die Berliner Zeitung fragt empört: „Wann ist es salonfähig geworden, auf Kosten von unbeteiligten Personen, von Minderheiten oder Benachteiligten auf Stimmenfang zu gehen? Politiker sind nicht nur daran gewöhnt, sich öffentlich zu äußern. Es ist ihr Beruf. Im Überschwang der Gefühle einfach mal was raushauen - das kann in einem hitzigen Streitgespräch jedem passieren. Auch Politikern. Aber auf Twitter? Es ist schwer vorstellbar, dass mit Tauber dort in einer öffentlichen Diskussion - denn nichts anderes sind Unterhaltungen per Tweet - einfach mal die Pferde durchgegangen sind.“

Die Rheinische Post erinnert daran, dass Tauber nicht zum ersten Mal auffällig wird. Anfang des Jahres hatte über FDP-Chef Lindner in einem Interview gesagt: „Er redet teilweise wie Herr Gauland von der AfD. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er statt eines abgewetzten Tweed-Sakkos einen überteuerten Maßanzug trägt." Jetzt, so die Zeitung, könnte Taubers verbaler Fehltritt zum „Bumerang für die CDU“ werden. „Mit dem herablassenden Hinweis, dass, wer ,was Ordentliches' gelernt habe, keine Minijobs brauche, vermittelt der Generalsekretär den Eindruck von Abgehobenheit und Arroganz. Für eine Volkspartei ist ein solches Image fatal. Tauber hat seine Äußerung zu Recht bedauert und zurückgenommen. Damit konnte er den Schaden für die CDU begrenzen.“

Menschen mit geringem Verdienst leisten meist viel

Die Frankfurter Rundschau weist schließlich auf die wesentliche Botschaft des Tweets hin. „Der neoliberale Mythos von Leistung und Lohn, der aus Taubers Worten dringt, ist die eigentlich erschreckende Botschaft. Obwohl nicht gerade als sozialistisch verdächtige Organisationen wie die OECD, die Weltbank und der IWF mahnen, dass die Gerechtigkeit in der Arbeitswelt verloren geht, halten Tauber und die Union mit ihrem Wahlprogramm an der gefährlichen Entwicklung fest, die besagt, dass Leistung sich eben nicht lohnt. Denn all die Menschen, die vergleichsweise wenig verdienen, leisten meistens sehr, sehr viel. Nur findet ihr Leben leider abseits des Lebens von Tauber statt. Der Privilegierte erlebt selten den Alltag eines Minijobbers. Deswegen kann er so leicht über ihn herziehen.“ So gesehen ist Taubers Bemerkung auch kein Ausrutscher, sondern verrät eine Haltung, die in der Union verbreiteter ist, als es das Wahlprogramm und die Kanzlerin gern suggerieren wollen.


Nach oben

Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten