Deutscher Gewerkschaftsbund

09.11.2018
November 1918

Otto Wels‘ Gespür für die Lage

Es gibt in der deutschen Geschichte nur wenige Ereignisse, die so unterschiedlich beurteilt wurden wie die Revolution von 1918/19. Hat die sozialdemokratische Führung, die am 9. November 1918 die Regierung übernahm, die Revolution gemacht oder niedergeschlagen? Hat sie womöglich der Reaktion zum Sieg verholfen? Sebastian Haffner rekonstruiert in seinem Buch „Die deutsche Revolution 1918/19 präzise und mitreißend die Ereignisse von November 1918 bis März 1920. Dieser Auszug erzählt vom Anfang der Ereignisse.

 

Von Sebastian Haffner

November 1918 Berlin

Schon seit dem frühen Morgen waren die Massen auf den Straßen Berlins. IWM/Public Domain

Freitagabend, am 8. November, zog der preußische Innenminister Drews in einer Sitzung des Ministerrats seine Uhr und sagte: «Es ist jetzt halb zehn, wir wollen die Sitzung vertagen. Morgen ist Generalstreik, blutige Unruhen sind zu erwarten. Alles kommt darauf an, ob das Militär hält oder nicht. Wenn nicht, gibt es morgen keine preußische Regierung mehr.»

Der Kriegsminister von Scheüch erwiderte pikiert: «Wie kommen Euer Exzellenz zu der Meinung, daß das Militär nicht halten könnte?»

Ungefähr um dieselbe Zeit stand Richard Müller, der Führer einer illegalen Verschwörergruppe, die schon seit Tagen für den kommenden Montag einen Putsch plante, am Halleschen Tor. "Schwerbewaffnete Infanteriekolonnen, Maschinengewehr-Kompanien und leichte Feldartillerie zogen in endlosen Zügen an mir vorüber, dem Inneren der Stadt zu. Das Menschenmaterial sah recht verwegen aus. Mich erfaßte ein beklemmendes Gefühl."

Noch in der Nacht wurden Handgranaten ausgegeben

Was Müller Angst machte und worauf von Scheüch seine Zuversicht setzte, das war das Vierte Jägerregiment, eine als besonders zuverlässig geltende Truppe, die im Sommer im Osten schon mehrfach erfolgreich gegen russische Revolutionäre eingesetzt worden war. Jetzt sollte sie in Berlin gegen deutsche Revolutionäre eingesetzt werden. Am Tag zuvor war sie zur Verstärkung der Berliner Garnison aus Naumburg nach Berlin in Marsch gesetzt worden. Spätabends am 8. November rückte sie in die Alexanderkaserne ein. Noch in dieser Nacht wurden Handgranaten ausgegeben.

Dabei kam es zu einem Zwischenfall.

Ein Gefreiter machte eine aufsässige Bemerkung. Er wurde sofort arretiert und abgeführt; das geschah widerstandslos. Aber plötzlich, nachdem es geschehen war, begannen die Mannschaften, zum Entsetzen ihrer Offiziere, zu murren und laute Fragen zu stellen. Auch dieses «verwegene Menschenmaterial» führte auf einmal seltsame Reden. Was war eigentlich los? Was sollten sie hier in Berlin? Redete nicht alles vom Ende des Krieges und von der Abdankung des Kaisers? Saßen nicht Sozialdemokraten in der Regierung? Sollten sie vielleicht gegen die Regierung kämpfen? Sie verstanden nichts mehr. Ehe sie Handgranaten auf deutsche Landsleute warfen, wollten sie genau wissen, was gespielt wurde. Die Offiziere konnten sie einigermaßen beruhigen, indem sie ihnen versprachen, dass sie am nächsten Morgen volle Aufklärung bekommen würden. Darauf gingen die Mannschaften zunächst schlafen. Schließlich waren sie müde; sie hatten einen langen Marschtag hinter sich. Aber am Sonnabendmorgen, nach dem Wecken, einigten sie sich plötzlich ganz schnell darauf, sich die Aufklärung selbst zu holen. Eine Abordnung fuhr mit Kraftwagen zum Vorwärts, der SPD-Zeitung. Es ist nicht klar, ob die Offiziere unterrichtet waren und zugestimmt hatten.

 


 

Demonstration am 9. November in Berlin, Unter den Linden, in Höhe der Universität.

Demonstration am 9. November in Berlin, Unter den Linden, in Höhe der Universität. Deutsches Bundesarchiv. Bild 183-18594-0045 / CC-BY-SA 3.0


Im Vorwärts tagten seit sieben Uhr früh die Betriebsvertrauensleute der SPD. Sie warteten auf die Nachricht, ob der Kaiser nun abgedankt habe oder ob «es losgehe». Sie warteten ungeduldig. Sie waren sich ihres Einflusses in den Betrieben nicht mehr sicher. Radikalere Leute als sie führten dort jetzt das Wort. Wenn nicht bald etwas geschah, konnte es auch ohne sie «losgehen». In ihre nervöse Versammlung platzten die Soldaten hinein. Waren die etwa gekommen, um sie zu verhaften? Möglich war alles. Sie standen schwer bewaffnet in der Tür, selbstbewusst, fordernd. Sofort solle jemand mitkommen, um die Truppe über die Lage aufzuklären. Was bedeutete das? Der SPD-Abgeordnete Otto Wels entschloss sich, den Weg in die Höhle des Löwen zu wagen; er war ein stämmiger, robuster Mann mit volkstümlichen Manieren. Er fuhr im Lastwagen der Soldaten mit, ein einsamer Zivilist mitten unter schweigenden Schwerbewaffneten. Er wusste nicht, was ihm bevorstand.

"Ein Hoch auf den freien Volksstaat!"

Im Hof der Alexanderkaserne war die ganze Truppe angetreten, in militärischer Ordnung, mit den Offizieren vor der Front. Wels kannte ihre Stimmung nicht. Auf einen Krümperwagen gehievt, begann er zu sprechen. Er begann vorsichtig, keineswegs aufrührerisch oder hetzerisch. Er sprach traurig und treuherzig von dem verlorenen Krieg, von Wilsons harten Bedingungen, von der Uneinsichtigkeit des Kaisers, von der Hoffnung auf Frieden. Im Sprechen spürte er allmählich Zustimmung bei den Mannschaften heraus, Unsicherheit bei den Offizieren. Langsam tastete er sich vorwärts, wurde deutlicher – bis er es wagte: «Es ist eure Pflicht, den Bürgerkrieg zu verhindern! Ich rufe euch zu: Ein Hoch auf den freien Volksstaat!» – und plötzlich ein Brausen. Er hatte gewonnen. Die Truppen stürzten vor und umringten seinen Wagen, in dem er hochaufgerichtet stand, ein leichtes Ziel, wenn jemand schießen wollte. Aber kein Offizier schoss. Mit sechzig Mann, die den Vorwärts schützen sollten, fuhr Wels im Triumph zurück – und dann weiter zu den anderen Kasernen der Berliner Garnison. Er wusste jetzt, worauf es ankam und wie er die Soldaten zu nehmen hatte. Die Naumburger Jäger hatten ihn auf den entscheidenden Gedanken gebracht.

Es war neun Uhr morgens. Noch lag Berlin ruhig, noch waren die Arbeiter in den Betrieben. Die Revolution in der Hauptstadt hatte noch nicht begonnen – aber ihr Schicksal war schon im Voraus entschieden. Die bewaffnete Macht in Berlin war jetzt in den Händen der SPD. Das bedeutete an diesem Tage das Ende des Kaiserreichs. Schon am nächsten Tage sollte es das Ende der Revolution bedeuten.


 

Buchumschlag Titelseite von Sebastian Haffners "Die deutsche Revolution 1918/19"

Rowohlt

Auszug aus Sebastian Haffner „Die deutsche Revolution 1918/19“, Kapitel 5, erschienen bei Rowohlt. Das Hardcover kostet 15 Euro, das Taschenbuch 9,99 Euro.


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Kurzprofil

Sebastian Haffner
Sebastian Haffner war Journalist, Publizist und Schriftsteller. Der gelernte Jurist emigrierte 1938 nach England und schrieb dort für die Zeitung Observer, für die er in den 1950er-Jahren als Korrespondent nach Deutschland zurückkehrte. Hier wurde er als Autor von biographischen und zeitgeschichtlichen Büchern bekannt.
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