Deutscher Gewerkschaftsbund

22.09.2017

Eine Tasse heißen Kaffee für die SPD

In letzter Zeit erzählen alle, was ihnen der Wahl-O-Mat geraten hat. Doch ist das wirklich eine Entscheidungshilfe? Nicht bei mir. Schließlich will ich meine Stimme nicht verschenken. Mein Problem ließe sich nur lösen, wenn wir größer, europäischer denken.

Eine Kolumne von Renée Zucker

Karikatur mit einer Wahrsagerin, die einem Kunden sagen sol, was er am Sonntag wählen wird.

Klaus Stuttmann/DGB

Wäre ich doch Französin. Dann hätte ich meinen Präsidenten Emanuel ("Gott mit uns") Macron und müsste nicht mehr wochenlang überlegen, wer meine Zweitstimme bekommt. Ein Privileg von EU-Bürgern sollte sein, dass man sich eine Regierung aus den zur Verfügung stehenden europäischen Politikern  zusammenbasteln kann. Dann würde ich selbstverständlich Macron wählen. Er ist so schön und scheint so ehrlich. Seine Anzüge sitzen so selbstverständlich perfekt, wie sein Lächeln unangestrengt unwiderstehlich ist. Es irritiert ihn kaum, dass ihn die Mehrheit der Franzosen richtig doof findet.

Mit Widerständen kenne er sich aus, sagte er im CNN-Interview zu Christiane Amanpour, die normalerweise jeden ins Bein beißt. Ihn nicht. Ihn lächelt sie die ganze Zeit an. Sie ist bezaubert. Er spricht ein ganz selbstverständliches, unmaniriertes Englisch - wie das junge Leute heutzutage können. Und ebenso selbstverständlich hat er die Frage der Moderatorin nach dem Stellenwert der Liebe in seinem Leben beantwortet. Ohne wär er nichts, lautete sie zusammengefasst, weil jeder jemanden brauche, der einem die Wahrheit sagt. Könnten wir uns diese so unspektakuläre wie berührende Aussage von Martin Schulz oder Angela Merkel vorstellen?

Wählen wir wirklich Programme oder Personen?

Wählen wir überhaupt Schulz oder Merkel, wenn wir wählen? Früher hieß es doch, die Personen seien völlig egal, wichtig sei das Programm der Partei, der sie angehören. Ist das noch so? Nachdem der SPD-Bundeskanzler Schröder uns die Agenda 2010 und Hartz  schenkte und CDU-Bundeskanzlerin Merkel den Atomstrom abdrehte und die Flüchtlinge reinließ? Sind es vielleicht doch Personen? Und wenn ja, sollte es dann nicht so ein engelgleiches Wesen wie Macron sein?

Emmanuel Macron mit Angela Merkel (von hinten)

Frankreichs Präsident Macron begrüßt Kanzlerin Merkel. DGB, mikewaters, 123rf.com

Alle 4 Jahre spreche ich mit Freunden übers Wählen. In letzter Zeit erzählen alle, was bei ihrem Wahl-O-Mat-Durchgang herauskam. Bei mir standen an erster Stelle die Tierschutz- und eine Hip-Hop-Partei. Warum nicht mal ganz gegen den Strich wählen? Weil es jetzt gerade so drauf ankommt. Kommt es das nicht immer? Aber die Nazis. Und was war mit den Republikanern? Nein, Nazis möchte man wirklich nicht haben. Obwohl der ehemalige Bundeswehruniversitätsprofessor Michael Wolffsohn sagt, die AfD wär gar keine Nazipartei. Viele Menschen würden die AfD nicht etwa wählen, weil dort Nazis sind, sondern weil sie was gegen islamistische Terroristen haben. Ich habe natürlich auch was gegen islamistische Terroristen, würde deshalb aber nicht AfD wählen. Einfach wegen der Nazis.

Die Partei mit ihrem pointenlosen Humor geht auch nicht

In der links-liberal-feministischen Szene ist derweil ein Streit darüber entbrannt, ob es in diesen AfD-drohenden Zeiten nicht auch ganz schlimm wäre, die Satirevereinigung "Die Partei" zu wählen. In der taz stand, so eine Entscheidung sei mindestens so dekadent, snobistisch und unsympathisch, wie im Supermarkt eine Käsefachverkäuferin mit Fragen nach dem Laktosegehalt von Schnittkäse zu löchern. Eine irgendwie verrutschte Metapher, je länger man darüber nachdenkt. Vor allem weil im taz-Text der unsympathisch-snobistisch-dekadente Laktoseintolerante so lange fragt, bis die Verkäuferin entlassen wird. Das ist ja Quatsch. Die wird nur entlassen, wenn sie ein unverkäufliches Reststück aufs eigene Brötchen legt. Was auch ohne AfD-Bedrohung sehr unsympathisch, dekadent und snobistisch ist.

Entscheidender schien mir in dem Anti-Die Partei-Artikel jedoch das Argument, dass man in einer Situation, da Nazis Sitze im Bundestag erobern, nicht sein Kreuzchen bei einer anderen "Nur-Männer"-Partei machen könne. Tatsächlich, Martin Sonneborn und seine sieben Zwerge von der deutschen Comedyfront. Margarethe Stokowski hat eine großartig unhysterische Kolumne über den zuweilen schwer erträglichen "höhö und hehe" pointenlosen Humor der "Die Partei"-Mitglieder geschrieben, der sich aber möglicherweise kaum von Mitgliedern anderer Parteien unterschiede. "Man darf", so Stokowski, ",Die Partei‘ nicht mit dem lustigsten Menschen vergleichen, den man kennt, man muss sie mit den unlustigen Parteien vergleichen, die es sonst noch gibt.“

Brigitte Macron

Die Frau, die Frankreichs Präsident erdet: Brigitte Macron CommonsWikimedia, CC BY 2.0

Da hat sie aber leider recht. Und vermutlich hat sie genauso leider recht mit ihrer Annahme, dass man eine derjenigen Parteien wählen müsse, die es in den Bundestag schaffen, wenn man den AfD-Nazis möglichst wenig Sitze gönne.

Wie aber verhalten wir uns dann zur SPD, der viele wohlwollend mal eine sehr produktive Auszeit in der Opposition gönnen? Andere Freunde plädieren für die Mitleidswahl. Das ist sehr nett von ihnen. Ich bin noch nicht so weit. Mein Groll sitzt zu tief.

Ohne den kleinsten Sonnenstrahl stellt die SPD einen Sonnenschirm auf

Gestern schaute ich vom Balkon auf den ziemlich großen Platz vor meinem Haus. Ganz links in der Ecke des Platzes stand ein kleiner Tisch unter einem kleinen roten Sonnenschirm, obwohl nicht ein Sonnenstrahl zu sehen war. Ein nicht besonders großer Mann verteilte Zettel auf denen stand, man solle SPD wählen. "So pathetic", würden unsere amerikanischen Freunde sagen. Ich habe überlegt, ob ich ihm statt dem Bettler vor dem Supermarkt, eine heiße Tasse Kaffee runterbringen soll.

Machen wir uns nichts vor: das Beste an Macron ist natürlich seine Frau. Sie, die ihn zweifellos liebt, sagte in einem Interview, manchmal käme er nachhause und denke, er sei Jeanne d' Arc und da müsse sie ihn dann wieder von runterholen. Unvergleichlich. Professor Joachim Sauer würde so was nie sagen, selbst wenn er Merkel regelmäßig daran erinnern sollte, dass sie nicht Katharina die Große ist. Beim Personal der unlustigen Parteien hier ist das unvorstellbar.

Ach, wäre ich doch Französin.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien und hat unter anderem Reportagen und Kolumnen für die taz, die Frankfurter Rundschau, den Tagesspiegel und die Berliner Zeitung geschrieben.
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