Deutscher Gewerkschaftsbund

09.05.2018
Atlas der Arbeit

Maximal ausgebeutet

Gewaltsames Festhalten, Menschhandel, Arbeitslager, Verheiratung wider Willen - was unter "moderner Sklaverei" zusammengefasst wird, ist weltweit anzutreffen - auch in Deutschland.

 

Von Annette Jensen


Auszug aus dem "Atlas der Arbeit", den DGB und HBS diese Woche publizieren.


 

Grafik mit einer Weltkarte zu Zwangsarbeit und Zwangsheirat

Billige Arbeitskraft, sexuelle Ausbeutung, Teil einer Haftstrafe - die Motive für die vielen Formen moderner Sklaverei können sich vermischen. DGB/Atlas der Arbeit

Seit die UN-Vollversammlung die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 verabschiedet hat, ist das Verbot von Sklaverei eine weltweit anerkannte Norm. Trotzdem sind Zwangsarbeit und Menschenhandel bis heute sehr verbreitet. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) waren 2016, konservativ geschätzt, weltweit rund 40 Millionen Menschen Opfer moderner Sklaverei, Tendenz steigend. 71 Prozent der Betroffenen sind Frauen, 25 Prozent Kinder.

Potenzielle Sklaven sind heutzutage billig

"Moderne Sklaverei" gibt es in allen Erdteilen. Was die Gesetzgeber darunter fassen, ist unterschiedlich. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Entsprechend existieren keine zuverlässigen Zahlen. Die ILO-Angaben stützen sich zu einem Großteil auf Interviews und Hochrechnungen der privaten Stiftung "Walk Free Foundation" des australischen Milliardärs Andrew Forrest, die seit 2013 jährlich einen "Global Slavery Index" herausgibt. Die Methodik dieser Studien ist dabei umstritten.

Sklaven galten früher offiziell als Eigentum. Heute gibt es zwar keine Besitzurkunden mehr, aber die moderne Sklaverei unterscheidet sich strukturell nicht wesentlich von den alten Formen. Die Betroffenen werden gewaltsam festgehalten, ihres freien Willens beraubt und wirtschaftlich ausgebeutet. Einige Forschende weisen darauf hin, dass potenzielle Sklaven heute – anders als früher – nicht knapp, daher also billig sind und deswegen die Gewinnspannen höher liegen als Mitte des 19. Jahrhunderts.

Europakarte

In mehreren EU-Ländern häufen sich die Fälle, in denen Eingewanderte zum Opfer von Arbeitsknechtschaft und Menschenschmuggel werden. DGB/Atlas der Arbeit

Am meisten verbreitet sind Formen von Sklaverei und Zwangsarbeit bei der Rohstoffgewinnung in Bergbau und Landwirtschaft sowie im Dienstleistungssektor. Knapp zwei Drittel der Betroffenen leben in der Region Asien-Pazifik. Die Gefahr, versklavt zu werden, ist jedoch in Afrika am höchsten.

Armut fördert ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. Deshalb ist moderne Sklaverei in Indien, wo fast ein Drittel der Bevölkerung in großer Armut lebt, weit verbreitet. Jedes Jahr verschwinden dort hunderttausende Kinder; die Regierung hat ein Suchportal eingerichtet. Immer wieder vertrauen Landfamilien ihre Töchter und Söhne Menschen an, die ihnen eine leichte Arbeit und eine gute Ausbildung in der Stadt versprechen. Die Mädchen schuften dann oft sieben Tage die Woche als Hausangestellte und werden nicht selten sexuell ausgebeutet.

Schuldknechtschaft wird vererbt

Auch auf Teeplantagen, in Hinterhoffabriken oder als Bettlerinnen und Bettler werden diese Kinder eingesetzt. Und obwohl Schuldknechtschaft in Indien seit 1976 verboten ist, ist sie nach wie vor verbreitet. So leihen sich erkrankte Arme Geld, um Medikamente zu kaufen, und verpfänden dafür ihre gesamte Arbeitskraft. Weil die Zinsen hoch und die Löhne niedrig sind, müssen die Kinder oft mithelfen und die Schulden ihrer Eltern weiter abarbeiten, wenn diese nicht mehr können, und sogar, wenn die Eltern gestorben sind.

In Brasilien wurden zwischen 1995 und 2015 über 50.000 Menschen aus sklavenähnlichen Verhältnissen befreit, in die sie aufgrund von Schuldknechtschaft geraten waren. Doch im Herbst 2017 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das die Definition der Sklavenarbeit aufweicht und so die Kontrolle der staatlichen Inspektoren einschränkt. Schwarze Listen der Unternehmen, die von Sklavenarbeit profitieren, werden nun nicht mehr veröffentlicht.

Balkengrafik zu den Gründen, wie Sklaven gefügig gemacht werden.

Aus privater Zwangsarbeit zu flüchten, ist in Millionen Fällen kein gangbarer Weg. Die Täter verhindern es mit vielen Mitteln. DGB/Atlas der Arbeit

Eine andere Form von Zwangsarbeit findet in den etwa 1.000 chinesischen Arbeitslagern statt, in denen etwa vier Millionen Menschen festgehalten werden. Längst nicht alle sind Kriminelle, viele sind aus politischen Gründen eingesperrt. Unter härtesten Bedingungen produzieren sie Billigwaren für den internationalen Markt, ackern in der Landwirtschaft oder brechen Erze in Bergwerken. Arbeitsunfälle mit Todesfolge oder schweren Verletzungen kommen häufig vor.

Zahlreiche moderne Sklaven leben außerhalb ihrer Heimatländer. In vielen Fällen versprechen Menschenhändler gute Jobs und organisieren den Transport ins Einsatzland. Dafür verlangen sie horrende Summen. Unterkunft und Verpflegung sind oft so teuer, dass die Zwangsmechanismen ähnlich wirken wie die der Schuldknechtschaft. Hinzu kommt, dass den Migrantinnen und Migranten vielfach die Papiere abgenommen werden und sie ohne Sprachkenntnisse und persönliche Netzwerke schutzlos ihren Ausbeutern ausgeliefert sind. Besonders krass ist die Lage auf Fischereibooten. Kürzlich wurden in Indonesien 600 Männer befreit, die zum Teil jahrelang keinen festen Boden unter den Füßen gehabt hatten.

Auch Deutschland ist Teil einer Kette des Menschenhandels

Ein Sonderfall von Zwangsarbeit stellen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner da, die von ihrer Regierung zum Arbeiten in die ganze Welt geschickt werden, um Devisen zu erwirtschaften. Bewacht von Landsleuten, die auch den Lohn einkassieren, bauen sie Fußballstadien in Katar, nähen Kleidung in chinesischen Fabriken oder fällen Bäume in Russland. Im EU-Land Polen werden sie auf Werften eingesetzt.

Weltweit gibt es schließlich nach ILO-Angaben mindestens 4,8 Millionen Zwangsprostituierte. Fast drei Viertel von ihnen leben in der Region Asien-Pazifik. Auch Deutschland ist ein Glied in der Kette des Menschenhandels, der auf sexuelle Ausbeutung abzielt. Vor allem aus Bulgarien, Rumänien und Nigeria stammen Frauen, die in Bordellen und Wohnungen als Sexarbeiterinnen arbeiten müssen. Sklaverei in einem modernen, erweiterten Sinne – so die Zwangsprostitution mit Freiheitsberaubung und sexueller Ausbeutung – existiert auch hierzulande.


 

Atlas der Arbeit

DGB/Atlas der Arbeit

Der Atlas steht ab sofort online -
oder kann in Print über die Hans-Böckler-Stiftung bestellt werden:

https://www.boeckler.de/6299.htm?produkt=HBS-006877&chunk=1.

Die Grafiken sind auch einzeln online verfügbar unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0)


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Kurzprofil

Annette Jensen
ist seit 1998 als freie Journalistin und Publizistin. Sie schreibt vor allem über ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit.
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