Deutscher Gewerkschaftsbund

17.07.2014

Total Digital – Rationalisierung unter dem Deckmantel einer Revolution

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pixelputze / photocase.com

Die Marketingmaschinerie läuft heiß. Eine Erfolgsmeldung jagt die nächste. Wissenschaftler, Verbandsvertreter und Industriebosse prognostizieren milliardenschwere Marktpotentiale für eine industrielle Revolution, wie wir sie noch nie gesehen hätten. Die totale Vernetzung und menschenlose Steuerung durch Softwareprogramme im Zeitalter von „Industrie 4.0“. Die FAZ schreibt großspurig „Die Industrie 4.0 kommt schneller, als viele glauben“ und Deutschland müsse „darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten. Viel Zeit bleibe nicht.“ Spätestens jetzt müsste ein Aufschrei kommen. Verspricht technologischer Fortschritt auch mehr Lebens- und Arbeitsqualität für die Menschen?

Rationalisiert zum prekären Gesundheitszustand

Noch schneller und noch effizienter sind die Ziele von Rationalisierungsinstrumenten. Wir kennen schon die Methode „Lean Production“ für die Fließbandproduktion, die zum Beispiel beim Weltmarktführer für Unternehmenssoftware SAP SE auch bei dessen Herzstück der Software-Entwicklung eingesetzt wird. Im Jahr 2008 befahl der damalige Vorstand Léo Apotheker ein rigoroses Kostensparprogramm: „Viel mehr Tempo. Wir brauchen deutlich mehr Tempo“. Später musste er das Unternehmen ohne Lobeshymnen und mit vielen Millionen Euro Ablösung verlassen. Sein früherer Vorstandskollege Henning Kagermann meinte bereits auf der CeBIT 2007: "Jetzt wollen wir mal sehen, wie wir die Menschen wegbringen". Zu Hunderten von Software-Ingenieuren meinte er, dass die Software-Produktion wie die Fließband-Produktion funktionieren sollte. Seine Vision: Eine hochautomatisierte Fabrik, mit dessen Hilfe die Produktion praktisch ohne Mitarbeiter, jedoch mit „Rationalisierungssoftware“ auskommen soll.

Lean sollte nun die Produkte schneller an den Markt bringen. Es wurden Hierarchieebenen abgebaut, tägliche Kurztreffen der Teams vereinbart, der Entwicklungszyklus auf zwei bis vier Wochen verkürzt, usw. Das empfanden viele Software-Entwickler als sehr befremdlich. Es stellte sich ein Gefühl von Fremdbestimmung ein, das menschliches Verhalten dramatisch ändert, weil man sich permanent kontrolliert und beobachtet fühlt. Intervallsprints auf Marathonstrecken, permanenter Termin- und Leistungsdruck, tägliche Bewährung und indirekte Arbeitskontrolle waren Teil der Rationalisierungsmethode und führten nicht unerwartet zu erheblichen Belastungen und Erschöpfungszuständen bei den Beschäftigten.

Im Sog der technischen Machbarkeit

Das dominierende Thema auf der letzten CeBIT und Hannover Messe war „Industrie 4.0“, die „vernetzte 4.0 Fabrik“. Noch mehr „Flexibilität und Effizienz“ bei immer weniger Personal wurde von den Industriebossen prognostiziert. Diese Rationalisierungswelle verschweigt die potentiellen Gefahren und Risiken, verstärkt durch gierige Renditeziele und in Aussicht gestellte Millionen-Boni und -Dividenden. Wenn nicht einmal bestehende Probleme wie bei der Lean-Production vom Management gelöst werden, kann der Blick in die Zukunft nur pessimistisch sein. Das „Internet der Dinge und Dienste“ wird über die Menschen hinwegrollen, weil die meisten von ihnen dabei nicht mitgenommen werden und mit ihren betriebsbedingten Problemen alleine gelassen werden.

„Gut 50 Milliarden Geräte und Dinge werden, so prognostizieren Fachleute, im Jahr 2020 im Internet der Dinge miteinander kommunizieren. Dabei kann man sich die Vorboten dessen, was wie Science Fiction klingt, in der Automobilproduktion oder in Logistikzentren bereits heute ansehen. Und eines ist klar: Wenn Produktionsgüter künftig selbst wissen wie sie bearbeitet werden wollen, dann bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die menschliche Arbeitskraft. (…) Nicht mehr die Maschine sagt, was passiert, sondern der Rohling weiß, wie er bearbeitet werden möchte“ so erklärte Wolfgang Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, die Grundidee der „Industrie 4.0“. Und weiter: „Das Werkstück oder sein Träger besitzt einen Chip, in dem alle Anforderungen an die Fertigung festgelegt sind und der als digitales Produktgedächtnis auch alle Bearbeitungsschritte aufzeichnet.“

Hardware- und Softwareanbieter, IT-Dienstleister und Startups wollen nun die Arbeitswelt zu einer drahtlosen Kommunikations- und Informationswelt, einer „flexiblen und intelligenten Fabrik der Zukunft“ umkrempeln. Dazu werden dann weniger Menschen gebraucht. Die Verbliebenen sollen jung, innovativ und leistungsorientiert sein. Prof. Bauernhansl meint: „Der Produktionsmitarbeiter wird zum Dirigenten der Wertschöpfung werden, seine Arbeitsinhalte anspruchsvoller und interessanter.“ Sind das nicht Absichtserklärungen, die wir aus der Vergangenheit kennen?

"Maschinen verdrängen Menschen", titelte Spiegelonline kürzlich und zitierte Andrew McAfee , Director des Center for Digital Business am berühmten Forschungsinstitut MIT: "Das ist aber bislang alles nur ein Vorgeschmack, in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir den Wandel weltweit erst richtig zu spüren bekommen." Es drohe "eine tektonische Verschiebung in der Arbeitswelt".

Die „Industrie 4.0“ soll als Heilsbringer die „vierte industrielle Revolution“ werden. In der "intelligenten Fabrik" sollen Menschen, Maschinen und Ressourcen miteinander kommunizieren. Das jeweilige Produkt soll, gefüttert mit Informationen über sich selbst, seinen eigenen Fertigungsprozess optimieren können. "Demnächst verbindet sich die virtuelle Welt mit der realen Welt, dann potenzieren sich die Probleme", warnt der Wissenschaftler Mattern.

Digitale Arbeit bedeutet einen revolutionär harten Schnitt in der Arbeitsorganisation, weil die von Arbeitnehmern geleistete Arbeit nun im Netz der Quantität und Qualität nach transparent messbar ist. Bislang gibt es noch viele Büroarbeitsplätze, bei denen man acht Stunden täglich sein bestes gibt oder bei denen man am Fließband mit den vorgegebenen Takt mithält. In der digitalisierten Welt sind die Arbeitsplätze vielfach ganz entkoppelt, jeder kann eher für sich selbst so viel leisten, wie er will oder mag. Die großen Leistungsunterschiede zwischen Mitarbeitern werden immer transparenter. Dadurch entsteht ein bisher ungekannter psychischer Druck auf Führungskräfte und Arbeitnehmer, weil nun alle indirekt fast wie in der Fußballbundesliga ständig um Auf- und Abstieg kämpfen. Die ganze Burnout-Problematik entsteht genau hier! Die Führungskräfte und Mitarbeiter müssen neue soziale Umgangsformen entwickeln. Jeder muss wohl lernen, mit dem eigenen transparent sichtbaren Leistungsniveau psychisch ausgeglichen zu leben. Das wird derzeit durch aggressive Leistungsvergleiche zum Zwecke des Antreibens durch das Management aus ökonomischen Erwägungen heraus absichtlich verhindert. Man SOLL ja immer ein schlechtes Leistungsgewissen haben! Dieser immense psychische Druck steigt durch die Transparenz der digitalen Welt immer mehr an.

Zum Beispiel sollen im Rahmen von „Big Data“ riesige Mengen von Daten verarbeitet und ausgewertet werden. Das ist suspekt und gefährlich zugleich. Prof. Pias meint dazu: "Der Erwartungshorizont wird, als das was als Erinnerung des eigenen und fremden Wissens abrufbar ist, und das was uns von der Zukunft als künftigem Erfahrungsraum abschließt, in digitalen Kulturen zu einer neuen Form von Gegenwart zusammenschnurren."

Die weitreichende Digitalisierung, Virtualisierung und Neuorganisation von Produktionsabläufen erfordert eine neue Technikgestaltung. Dabei wird die „digitale Fabrik“ selbst zum Produkt. Menschen sind und bleiben aber die Schnittstelle für Erfolg- und Misserfolg dieser modernen Industriekonzepte. Industrie 4.0 bedarf deshalb eines ganzheitlichen und umfassenden Qualifizierungs- und Personalentwicklungsansatzes, um die Rationalisierungseffekte positiv und nicht motivationshemmend für die Entwicklung der industriellen Produktion und einer humanen und sozialen Arbeitswelt zu gestalten.

Maschinen, IT und Software sollen verschmelzen bzw. integriert werden. Intelligente Fabriksysteme, „Smart Factory“ als Teil des Internets, steuern den arbeitenden Menschen, geben ihm Anweisungen, entmündigen ihn des Denkens und Handelns, fördern die Fremdbestimmung durch programmierte Software-Systeme von virtueller und realer Fertigung und machen den Menschen im Produktionsprozess größtenteils unnötig. Zusätzlich besteht die Gefahr der Zerschlagung des klassischen Betriebs durch die Auslagerung von Arbeit. Eine Zusammenarbeit zwischen den Beschäftigten wird eher schwieriger und komplizierter. Das dürfen wir nicht zulassen!

Wie gefährlich das Spiel mit „selbstdenkenden“ und selbsthandelnden Maschinen sein kann – davon bekommt man auf folgender Seite einen Eindruck: www.plattform-i40.de

Düstere Zukunftsprognose

Das aktuelle Buch „Rücksichtslos gegen Gesundheit und Leben“ von Klaus Pickshaus, dem Erfinder des Humanisierungsinstruments „Gute Arbeit“, beschäftigt sich ausführlich mit den maßlosen Anforderungen an die Beschäftigten - verursacht durch eine neue Maßlosigkeit in der Ökonomie, die durch extreme Renditeerwartungen der Finanzmärkte angetrieben wird. Er attestiert der Wirtschaft‘ bzw. dem Finanzmarktkapitalismus eine prekäre Gesundheitsbilanz. Je höher die Arbeitsgeschwindigkeit insgesamt wird, umso höher entwickelt sich ein schleichender Substanzabbau beim Menschen und somit eine Burnout-Gefahr. Besonders wenn kein „Drehzahlbegrenzer“ vorhanden ist, sondern immer mit hoher „Drehzahl“ gearbeitet werden muss. Das Dilemma zwischen den Notwendigkeiten „des Marktes“ und der Gesundheit der Menschen bleibt somit weiterhin bestehen.

Diese alten Probleme sind noch nicht gelöst und schon kommen neue Herausforderungen auf die Beschäftigten zu. Bei mangelnden Leitplanken für humane Arbeitsbedingungen sind die Beschäftigten nur noch ein kleines Rädchen im virtuellen Netz, eine unmenschliche Cyberfabrik – ständig gesteuert und irgendwann gefeuert. Wollen wir wirklich in der Befehlskette einer software-unterstützten Maschine nur noch angeleitet werden, indem unser Verhalten, die Arbeitsleistung und die Reaktionszeit ständig kontrolliert wird?

„Industrie 4.0“ muss für eine gesellschaftliche Harmonisierung stehen. Das heißt jedoch, dass bestehende Missstände wie zum Beispiel entgrenzte Arbeitszeiten, unsichere Arbeitsverhältnisse und die deutliche Zunahme von Belastungen bei den Beschäftigten reduziert werden. Weiter müssen Mitbestimmungsrechte von den politischen Volksvertretern gestärkt und Lösungsansätze für eine „Humanisierung der Arbeit 2.0“, für „gute digitale Arbeit“, schnellst möglich verpflichtend umgesetzt werden.

Wir brauchen eine Technikfolgenabschätzung und eine Beschäftigungssicherung, die in tariflichen Regelungen oder Betriebsvereinbarungen verankert werden muss. Die Menschen sollen den Anforderungen in der digitalisierten Arbeitswelt in Zukunft gewachsen sein und gesund in Rente gehen können. Angesichts der verheerenden Daten zum Gesundheitszustand von Beschäftigten stimmt dies nicht optimistisch. Zum Beispiel leidet die Qualifizierung und Weiterbildung von Beschäftigten unter dem Einfluss der Digitalisierung. Wie soll das auch funktionieren, wenn die totale Vernetzung ohne Zeit und Raum die Menschen vereinnahmen. Oder interessiert den Kunden bei einem Problem wirklich, ob sein Ansprechpartner gerade ein virtuelles Training besucht. Wer immer erreichbar ist und in einer globalen, entgrenzten Produktion ohne Arbeitszeiten beschäftigt ist, wird in einer reinen Anwesenheitskultur als Verlierer dastehen.

Die IG Metall sieht daher einen hohen Handlungs- und Gestaltungsbedarf: Alternsgerechte Arbeitsgestaltung, Ausbau von Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, Nutzung und Ausbau arbeitsorganisatorischer Innovationskompetenzen, Bedingungen für Flexibilität und Flexibilisierung klären, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Nicht zu vergessen sind ein umfassender Beschäftigten- bzw. Arbeitnehmerdatenschutz, ein Persönlichkeitsschutz und stärkere Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte.

Die Beschäftigten, die Betriebsräte und die Gewerkschaften müssen viel mehr zu Wort kommen. Sie müssen mehr beteiligt werden, sonst werden sie so übergangen und überrollt wie in der Vergangenheit. Maschinen, Kommunikationssysteme und Software-Programme kennen keinen Feierabend und nehmen keine Rücksicht auf den Menschen. Es reicht nicht, wenn das Management nur über Chancen und globale Herausforderungen diskutiert, ein Milliardengeschäft wittert und sich zeitgleich die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten immer mehr destabilisieren.

Literatur

Helmut Becker: Phänomen Toyota - Erfolgsfaktor Ethik , 2006

Christiane Benner: Wer schützt die Clickworker? FAZ, 19.3.2014

Deutscher Bundestag: Achter Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“: Wirtschaft, Arbeit, Green IT, Drucksache 17/12505 vom 13.03.2013

Ekkhard Frieling, Karlheinz Sonntag : Lehrbuch Arbeitspsychologie, 1999

Detlef Gerst: Ganzheitliche Produktionssysteme im Büro – Herausforderung für den Gesundheitsschutz, Gute Arbeit, 1/2014

Constanze Kurz: Industrie 4.0 - Zur Zukunft der Arbeit. Mensch und Maschine, Einblick 21/2013, DGB Baden-Württemberg

Michael Schwemmle, Peter Wedde: Digitale Arbeit in Deutschland – Potenziale und Problemlagen. Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2012, Bonn.

Viktor Steinberger: Arbeit in der Industrie 4.0, Computer und Arbeit, 6/2013

Eberhard Ulrich: Arbeitspsychologie, 2006

Links

www.itk-igmetall.de

www.sapler.igm.de


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Kurzprofil

Ralf Kronig
Geboren 1964 in Oberbayern
Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der SAP AG

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