Deutscher Gewerkschaftsbund

09.05.2018
Atlas der Arbeit

Kapitalismus ohne Ende

Eine Wohlstandsgesellschaft bleibt nur so lange stabil, wie die Einkommsverteilung gerecht ist. Finanzspekulationen sind ein Hinweis dafür, dass die nächste Krise droht.

 

Von Ulrike Herrmann


Auszug aus dem "Atlas der Arbeit".


 

Monopoly-Spielfeld mit Figuren, Geld, Karten

So unverwüstlich bislang wie der Kapitalismus: das Monopoly-Spiel. Ursprünglich hatte Elizabeth Magie 1903 unter dem Titel "The Landlord's Game" (Vermieterspiel) den Vorläufer von Monopoly erfunden, um vor monopolistischem Landbesitz und dessen Folgen für Landbevölkerung zu warnen. DGB/dah

Der moderne Kapitalismus ist etwa um 1760 in England entstanden, als Webstühle und Spinnereien mechanisiert wurden. Die Weltgeschichte trat damit in eine neue Epoche ein. Bis dahin hatte die Wirtschaft weltweit über Jahrtausende stagniert – seitdem wuchs sie erstmals konstant.

Bis heute gehört es zu den großen Forschungsfragen, warum die Industrialisierung ausgerechnet in England begann. Inzwischen gibt es etwa 20 verschiedene Theorien1, und die überzeugendste Analyse setzt bei den Produktionskosten an: Die englischen Löhne waren im 18. Jahrhundert die höchsten der Welt, sodass die britischen Waren international nicht mehr konkurrenzfähig waren. Da Arbeitskräfte teuer waren, lohnte es sich erstmals, in Maschinen zu investieren – also Kapital zu bilden. Dank der Technik konnte jeder einzelne Beschäftigte mehr Waren herstellen, und damit war das Wachstum in der Welt.2

Zu Beginn der Industrialisierung sank der Lebensstandard

Von diesem neuen Aufschwung profitierte in England anfangs nur eine kleine Minderheit, während es den meisten Briten sogar schlechter ging. Hohe Löhne hatten die Industrialisierung zwar ausgelöst, aber seltsamerweise sank wenig später der Lebensstandard der Massen wieder. Dieses Phänomen ist als "early growth paradox" in die Geschichtswissenschaft eingegangen. Die neue Technik machte viele Männer arbeitslos, denn das Wissen dieser Handwerker wurde entwertet. Ihre Arbeit wurde jetzt von Maschinen erledigt, die oft von Frauen oder Kindern bedient werden konnten, die mit Hungerlöhnen abgespeist wurden. Die Verarmung der unteren Schichten lässt sich sogar anschaulich messen – an ihrer Körperlänge. Zwischen 1830 und 1860 schrumpfte die durchschnittliche Größe der englischen Soldaten um zwei Zentimeter3, weil sie zu wenig zu essen hatten.

Grafik zur Entwicklung der Löhne und der Produktivität.

Experten meinen, dass es zu mehr Nachfrage und Beschäftigung führt, wenn Löhne und Produktivität im gleichen Maß steigen. DGB/Atlas der Arbeit

Der Durchbruch zur modernen Wohlstandsgesellschaft begann erst etwa 1880, als die Reallöhne anfingen, deutlich zu steigen. Dies war vor allem den Gewerkschaften zu verdanken, die ab 1870 sukzessive in Europa zugelassen wurden. Die neue Massenkaufkraft hat den Kapitalismus nochmals verändert, denn es entstand die Konsumgesellschaft.

Ohne den Massenkonsum wäre der Kapitalismus sehr früh wieder zusammengebrochen. Erst die enorme Nachfrage der Arbeitnehmer hat neue Produkte und neue Wachstumsschübe ermöglicht, die durch den Lebensstil der Wohlhabenden allein niemals ausgelöst worden wären. Dank der lebhaften Nachfrage der Beschäftigten lohnte es sich, Autos, Radios, Fernseher, Waschmaschinen oder Handys zu entwickeln.

Die Weltwirtschaftskrise 1929 enthüllte die innere Logik des Kapitalismus

Der Kapitalismus ist also kein permanenter Klassenkampf, der Ausbeutung zwingend voraussetzt. Stattdessen funktioniert er am besten, wenn auch die Arbeitnehmer profitieren. Umgekehrt gerät der Kapitalismus sofort in Krisen, wenn die Einkommen der Beschäftigten nicht mit dem technischen Fortschritt mithalten – weil dann die Käufer fehlen, die die zusätzlichen Waren erwerben könnten.

Diese innere Logik des Kapitalismus zeigte sich bei der  Weltwirtschaftskrise ab 1929, die durch einen Börsenkrach an der Wall Street ausgelöst wurde. Dieser Crash ereignete sich, weil die Reallöhne der US-amerikanischen Beschäftigten von 1919 bis 1929 kaum gestiegen waren, während die Produktivität in der US-Industrie pro Arbeiter um 43 Prozent zunahm.4 Jeder einzelne von ihnen produzierte also fast 1,5-mal so viele Waren wie ein Jahrzehnt zuvor. Doch diese Flut an neuen Gütern konnte bei weitem nicht abgesetzt werden, weil die Beschäftigen keine angemessenen Lohnerhöhungen erhielten.

Grafik zu Krisen, die aus Ungleichheit resultieren.

Die Lehre von 1929: Wenn die Massenkaufkraft niedrig bleibt und zugleich die Reichen immer reicher werden, droht ein Börsencrash. DGB/Atlas der Arbeit

Vom Wachstum profitierte nur eine Minderheit: 1927 verfügte das reichste Zehntel der Amerikaner über 46 Prozent des gesamten US-Volkseinkommens. Allein das oberste eine Prozent, also das reichste Hundertstel, monopolisierte bereits 24 Prozent der Wirtschaftsleistung.5

Unternehmer und Kapitaleigner wollten ihre riesigen Gewinne aber nicht mehr in die reale Wirtschaft investieren, weil die Nachfrage der Massen fehlte. Gleichzeitig schienen die enormen Profite zu signalisieren, dass die Aktienkurse bestimmt noch steigen würden. Daher investierten die US-Unternehmen zunehmend in spekulatives Börsenkapital, das oft keinen realen Gegenwert mehr hatte. Nach dem Crash verloren die Aktien 89 Prozent ihres Wertes. Die Folgen für die Realwirtschaft waren noch weit schlimmer: Weltweit schrumpfte die Wirtschaftsleistung um etwa ein Drittel, der Welthandel sank um zwei Drittel, jeder vierte Amerikaner und jeder dritte Deutsche wurde arbeitslos.

Es wird zu wenig in die Realwirtschaft investiert

Um eine neue Finanzkrise zu vermeiden, wurden die Finanzmärkte damals scharf reguliert: Die Spekulation mit Aktien, Anleihen, Devisen und Derivaten war entweder ganz verboten oder sehr erschwert. Doch spätestens seit 1980 ist eine Trendwende zu beobachten. Die Finanzmärkte wurden erneut dereguliert. Gleichzeitig konnten die Gehälter nicht mehr mit der technischen Entwicklung mithalten. In den USA sind die mittleren Reallöhne seit 1975 nicht mehr gestiegen, in Japan stagnieren sie seit 1990, und in Deutschland sanken die Reallöhne zwischen 1992 und 2012 um 1,6 Prozent und haben sich bisher nur wenig erholt.6 Die Folgen sind die gleichen wie vor dem Börsencrash 1929: Es wird zu wenig in die Realwirtschaft investiert, während die Spekulation boomt. Die nächste Finanzkrise ist nur eine Frage der Zeit.


1) Siehe Vries, Peer (2013), Escaping Poverty. The Origins of Modern Economic Growth, Wien

2) Allen, Robert C. (2011), Global Economic History. A Very Short Introduction, New York, Oxford. Allen berechnet u.a. die Rentabilität von Textilmaschinen in Abhängigkeit von der Lohnhöhe: "In den 1780er Jahren lag die Rentabilität einer Arkwright-Spinnerei in England bei 40 Prozent, in Frankreich bei neun Prozent und in Indien bei einem Prozent. Da Investoren jedoch mindestens eine Rendite von 15 Prozent erwarteten, ist es kein Wunder, dass in dieser Zeit rund 150 Arkwright-Spinnereien in Großbritannien, vier in Frankreich und keine einzige in Indien errichtet wurden." (S. 63)

3) Sevket, Pamuk / Jan-Luiten van Zanden, Standards of Living, in: Broadberry, Stephen / Kevin H. O'Rourke (Ed), (2010): The Cambridge Economic History of Modern Europe, Volume I: 1700 - 1870, Cambridge UK, S. 13

4) Galbraith, John K. (2009), The Great Crash 1929, Boston, S. 175

5) Emmanuel Saez, Striking It Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States, June 30, 2016; https://eml.berkeley.edu/~saez/saez-UStopincomes-2015.pdf

6) Bundeszentrale für politische Bildung, Zahlen und Fakten. Die soziale Situation in Deutschland (2013) http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61766/lohnentwicklung


 

Umschlag "Atlas der Arbeit"

DGB/Atlas der Arbeit

Der Atlas steht ab sofort online -
oder kann in Print über die Hans-Böckler-Stiftung bestellt werden.

Die Grafiken sind auch einzeln online verfügbar unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0)


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Kurzprofil

Ulrike Herrmann
ist Wirtschafts­korrespondentin der "tageszeitung" (taz). Sie ist ausgebildete Bankkkauffrau und hat Geschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert. Zuletzt erschien ihr Buch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können".
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