Deutscher Gewerkschaftsbund

04.10.2017

SPD-Strategen ohne Strategie

Jetzt hat Martin Schulz also seine Schuldigkeit getan. Etliche Kritiker wollen ihn so schnell loswerden, wie Sigmar Gabriel ihn seinerzeit zum Kanzlerkandidaten gekürt hat. Doch das wird Schulz nicht gerecht. Zumal die Frage ist: Wer könnte es besser?

Kommentar von Daniel Haufler

Barack Obama bei einer Wahlkampfrede

Mit Barack Obama als Kandidaten hätte die SPD vielleicht bessere Siegchancen gehabt; ganz sicher jedoch mit seinen Wahlkampfmanagern. Daniel Bormann/Flickr/CC BY 2.0

Soll Martin Schulz jetzt doch zurücktreten, gut zehn Tage nach der Wahl? Das möchte nicht nur Christian Lindner – der sich mal lieber Gedanken über die Ziele einer möglichen Jamaika-Koalition machen sollte –, sondern auch der ein oder andere Kommentator in großen deutschen Zeitungen und so mancher Sozialdemokrat. Der Grund? Nicht etwa die Wahlniederlage, nein, eine Reportage über Martin Schulz und sein Wahlkampfteam, die der Spiegel am Wochenende veröffentlicht hat. Der Text enthüllt im Grunde zwar nichts bahnbrechend Neues, aber er illustriert detailliert, wie der Kanzlerkandidat zunehmend ratlos agierte. Manche Kritiker werfen ihm das nun vor und schließen aus dem missglückten Unternehmen, dass Schulz die SPD nicht führen könne. Er setze keine programmatischen Impulse, habe keine Ideen und sei überhaupt keine Option für die nächste Bundestagwahl 2021.

Eine taktische Fehlentscheidung nach der nächsten

Nur, wenn die Spiegel-Reportage und etliche andere Berichte etwas in knalligen Farben illustrieren, dann dies: Schulz wurde verdammt schlecht beraten. Die SPD und sein Wahlkampfteam haben vollkommen darin versagt, ein Konzept zu entwickeln, das inhaltlich fokussiert ist und zum Kandidaten passt. Je mehr über die Wahlkampfstrategie der SPD bekannt wird, desto weniger lässt sich eine Strategie erkennen. Stattdessen reiht sich eine taktische Fehlentscheidung an die nächste: Mal soll er nicht vor der NRW-Wahl eine Bildungsinitiative fordern – das ließe Hannelore Kraft schlecht aussehen –, mal soll er nicht so viel über Europa reden – es sei doch Europawahlkampf. Mal soll Angela Merkel nicht angreifen – das ginge nach hinten los –, mal soll er es doch tun, mal nicht zu konkret sein, mal konkreter werden …

Martin Schulz bei einer Rede im Wahlkampf

Hier war der Kandidat in seinem Element und hat die Bürger auch erreicht: als Wahlkampfredner. Marco Ferch/Flickr/CC BY 2.0

Wer diesen Wahlkampf mit dem Wahlkampf von Bill Clinton oder Barack Obama in den USA vergleicht oder selbst mit der SPD-„Kampa“ von 1998, kann sich nur wundern, dass die Sozialdemokraten im Wahlkampf derart hühnerhaufig agiert haben. Sicher, es hat damit zu tun, dass Schulz‘ Kandidatur, wie so vieles von Sigmar Gabriel, ziemlich kurzfristig initiiert wurde und die Mitarbeiter in der Parteizentrale einfach zu wenig Zeit hatten, die Kampagne vorzubereiten. Und ja, es gab zudem Faktoren wie die schwache Performance von Hannelore Kraft oder die grotesken Fehler von Torsten Albig in seinem Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Auf die hatten weder Schulz noch sein Team Einfluss.

Die Schuld allein bei Schulz abzuladen, ist unredlich

Am Ende jedoch waren die Strategen im Willy-Brandt-Haus so ratlos wie der Kandidat. Die Frage ist daher: Wäre ein anderer Kandidat weniger ratlos gewesen angesichts widriger Umstände und eines recht planlosen Wahlkampfteams? Wohl kaum. Martin Schulz hat in den vergangenen Monaten getan, was er tun konnte und was er tun musste: Er hat um jede Stimme gekämpft. Das ist ihm nicht wirklich gut gelungen. Doch die Schuld hier vor allem bei ihm abzuladen, ist schlicht unredlich.

Zudem geht es jetzt erst einmal um etwas völlig anderes: die Führung der Partei. Der Vorsitzende muss die Fehler des Wahlkampfes – und auch die aus der großen Koalition – erkennen, aufarbeiten und daraus Schlüsse ziehen. Sollten das Andrea Nahles oder Manuela Schwesig wirklich besser können? Man kann es hoffen, wissen tut es keiner. Schulz hingegen hat seit der Niederlage bewiesen, dass er das Format für eine selbstkritische Bestandsaufnahme hat und ebenso die Energie, um die SPD auf diesen schwierigen Weg zu führen. Ob er künftig auch der nächste Kanzlerkandidat werden kann? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber das ist derzeit bei weitem nicht das vorrangige Problem der Sozialdemokraten. Wenn sie dennoch Schulz nun stürzen, wäre das nur die Vollendung eines missglückten Wahlkampfs. Christian Lindner immerhin würde es freuen.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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