Deutscher Gewerkschaftsbund

25.01.2018

Arbeit neu denken und danach handeln

Mit der Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten ist es den Gewerkschaftern in der Metall-Tarifrunde das erste Mal seit langem wieder gelungen, als moderne Organisation wahrgenommen zu werden. Die Arbeitgeber stehen im Vergleich eher altbacken da.

 

Kommentar von Thomas Gesterkamp

Autofabrik mit Arbeitern an einer Produktionsstraße

DGB/Vladimir Salman/123rf.com

Wer in den letzten Wochen die Berichte zum Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie verfolgte, rieb sich verwundert die Augen. Bis in die Wirtschaftsteile der konservativen Blätter hinein überwog das Verständnis für den Versuch der IG Metall, eine Arbeitszeitverkürzung für Schichtarbeiter und junge Eltern durchzusetzen. Neben einer Lohnerhöhung verlangt die Gewerkschaft das Recht, für bis zu zwei Jahre höchstens 28 Stunden pro Woche zu arbeiten - um die Gesundheit zu schonen, um Angehörige zu pflegen oder Kinder zu versorgen.

Die Forderung kommt gut an, sie wirkt zeitgemäß, an den Problemen und Wünschen der Beschäftigten orientiert. Die Metaller haben Profil gewonnen als moderne Interessenvertretung, die offen ist für veränderte Einstellungen und Lebensstile.

Arbeitgeber mit Ideen von gestern

Ganz anders präsentieren sich ihre Verhandlungspartner aus den Wirtschaftsverbänden. Die Arbeitgeber und ihre Organisationen bedienen in der öffentlichen Debatte die Argumente von gestern und vorgestern. Stur und unbeweglich orientieren sie sich am alten Modell des (männlichen) Ernährerlohns. In den Verhandlungen können sie offenbar lediglich ein Ergebnis akzeptieren: mehr Geld als Ausgleich für mehr Arbeit. Auf Messen oder Fachtagungen referieren Verbandsfunktionäre zwar gerne über Schlagworte wie "Industrie 4.0". Nicht zur Kenntnis aber nehmen sie, dass die Digitalisierung der Produktion einhergeht mit neuen Orientierungen in den Köpfen der Belegschaften. Vor allem jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der "Generation Y" möchten ein Leben führen, das nicht ausschließlich um das Geldverdienen kreist.

Graphik, die zeigt, dass viele Arbeitnehmer gern weniger arbeiten würden.

IG Metall

Trotz Warnstreiks und weiter gehender Drohungen der Gewerkschaft ist das Durchsetzen der Arbeitszeit-Forderung eine zähe Angelegenheit. Dass sie (scheinbar) “private” Tätigkeiten mit einem Zuschuss subventionieren sollen, liegt für viele Unternehmer schlicht jenseits ihrer Vorstellungskraft. “Bezahlen für nicht geleistete Arbeit? Das geht nicht”, sagt ein Firmenchef aus der Autozuliefererbranche in einem Interview. Kategorisch haben sich die Arbeitgeberorganisationen bisher geweigert, über dieses Thema ernsthaft zu verhandeln.

Die Gewerkschaft stößt mit ihrer Zeitkampagne auf ein positives Medienecho, beim Tarifpartner jedoch auf Granit. Neben dem üblichen Machtpoker steckt dahinter ein tief sitzender kultureller Konflikt. Viele Betriebsleiter kennen schlicht nichts anderes als ein auf Erwerbsarbeit fokussiertes Leben mit 50 Wochenstunden oder noch darüber. Als Vorgesetzte wollen sie ihre Untergebenen dazu erziehen, diesem schlechten Vorbild zu folgen. In der Familie haben sie sämtliche häuslichen Aufgaben (nicht nur die Erziehung der Kinder) unhinterfragt an ihre Ehefrau delegiert. Auch deshalb fehlt ihnen jedes Verständnis, wofür Beschäftigte mehr Zeit brauchen sollten.

Verfall der Arbeitsmoral oder andere Werte?

"In Wahrheit kann man in den freien Stunden gut schwarz arbeiten", argumentiert zum Beispiel ein Verband der Metallindustrie. Dass zumindest ein Teil der Belegschaften anderen Werten folgt, die Aussicht auf eine lebenslange Vollzeitstelle plus Überstunden und Wegezeiten nicht beruhigend findet, sondern als Zumutung betrachtet, gilt in Arbeitgeberkreisen als Symptom für den Verfall der bewährten deutschen Arbeitsmoral.

Stefan Wolf

Bislang uneinsichig: der Verhandlungsführer der Arbeitgeber und Südwestmetall-Vorsitzende Stefan Wolf. Foto: IG Metall

Die Wirtschaftslobbyisten sehen den Veränderungsbedarf ganz woanders: Sie stellen mühsam erkämpfte Mindeststandards, die die Dauer der betrieblichen Anwesenheit begrenzen, grundsätzlich in Frage. Sie wollen eine vollständige Freigabe - aber nicht nach unten, sondern nach oben.

Die Idee, kürzere Arbeitszeiten mit vollem oder teilweisem Lohnausgleich durchzusetzen, hat stets eine enorme Strahlkraft entfaltet. So stießen die Streiks für die 35-Stunden-Woche in den 1980er-Jahren auf breite Unterstützung, weil damit der Wunsch nach einem weniger stressigen Leben verknüpft war. Die Gewerkschaftsfrauen forderten schon damals den Sechs-Stunden-Tag, nicht zuletzt wegen der Sorge-Verpflichtungen erwerbstätiger Mütter im traditionellen Rollenmodell der Geschlechter.

Auch die Senkung der Arbeitszeit im Volkswagen-Konzern ein Jahrzehnt später hatte eine (erst gar nicht beabsichtigte) kulturelle Komponente. Ursprünglich nur als "Beschäftigungssicherung" in einer Absatzkrise gedacht, stellten die VW-Werker überrascht fest, wie stark kürzere Schichten ihre Lebensqualität verbesserten. Entgegen der damals von Boulevardzeitungen verbreiteten Klischees, die von Schwarzarbeit und überfüllten Heimwerkermärkten berichteten, nutzten Studien zufolge gerade Männer den gewachsenen zeitlichen Spielraum für mehr Präsenz in der Familie.

Richtungswechsel bei der IG Metall

Die IG Metall hat endlich einen längst überfälligen Richtungswechsel vollzogen. Lange bildete das Einkommen des männlichen Facharbeiters, das für die ganze Familie reichen sollte, auch für sie das Maß aller Dinge. In den vorhergehenden Tarifrunden hat sich die größte Einzelgewerkschaft, trotz anders lautender Rhetorik, immer auf Lohnzuwächse konzentriert. Anders als etwa bei Verdi war die Arbeitszeit kaum noch ein Thema. Metallfunktionäre verweisen in Interviews zwar auf den in Mitgliederbefragungen ermittelten Wunsch nach mehr persönlicher Flexibilität. Sie lobten auch die Pläne von Ex-Familienministerin Manuela Schwesig, die verkürzte Zeiten gesetzlich durchsetzen wollte.

Sogar ein Plakat wurde entworfen, auf dem zwei Kinder in Anlehnung an die 1950er-Jahre skandierten: "Nachmittags gehören Mutti und Vati mir!" Das war eine wichtige Aussage, denn Eltern hilft ein Sechs-Stunden-Tag mehr als etwa eine Vier-Tage-Woche. Doch gebraucht wurde das Motiv vorerst nicht, Ergebnis der Tarifgespräche war stets das Plus auf dem Konto. Jetzt hingegen sollten die Gewerkschafter "Arbeit neu denken", wie es der IGM-Vorsitzende Jörg Hofmann nennt – und in der zugespitzten Auseinandersetzung der kommenden Wochen in der Zeitfrage hart bleiben.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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