Deutscher Gewerkschaftsbund

21.12.2017

"Beschissen wär' geprahlt"

Ein aufregendes Jahr geht zu Ende. Ein Jahr, in dem die USA von einem unfähigen Präsidenten in eine tiefe Krise gestürzt wurden; ein Jahr, in dem Deutschland am Ende ohne neue Regierung dasteht; ein Jahr, in dem in vielen Teilen der Welt wieder Elend und Gewalt die Menschen erschütterten. Hoffen wir also, wie immer, auf das nächste Jahr.

 

Ein weihnachtliche Betrachtung von Daniel Haufler

Weihnachtsbäumchen mit Deko daneben.

DGB/Colourbox.de

Das Leben geht weiter. Das ist ein starker, ein mutiger Satz im Angesicht all der Kriege, Krisen und Katastrophen in der Welt. Er war trotzdem immer wieder zu hören in den vergangenen Wochen und Monaten. Gleichzeitig ist es aber auch ein grausamer Satz. Wer ihn sagt, will das Geschehene hinter sich lassen. Am besten gründlich, ohne zurückzublicken. Ein solcher Satz wird oft gesagt, wenn etwas Schreckliches passiert ist.

In der NS-Zeit forcierte Propagandaminister Joseph Goebbels noch im Winter 1945 ein letztes Propagandafilmprojekt mit diesem Satz als Titel, das den Durchhaltewillen der Deutschen stärken sollte, obwohl das Land schon in Trümmern lag. "Das Leben geht weiter" ist aber auch der Titel von Hans Keilsons wunderbarem Roman über eine Jugend während der 20er-Jahre und den Niedergang eines Textilhändlers am Ende der Weimarer Republik. "Kein Mensch hat Geld, nur sehr wenige noch Arbeit, und so geht es immer noch weiter, es langt eben zu nichts", schreibt Keilson an einer Stelle. "Sieger bleibt der, der die stärkste Lunge hat, es am längsten aushalten kann." Das Leben geht weiter.

Das Gefühl der Sicherheit ist rar

Der Satz ist manchmal sogar von Kindern zu hören. So genau vor einem Jahr nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Als ein elfjähriger Junge gefragt wurde, wie es ihm geht, sagte auch er ihn. Vielleicht hatte er den Satz irgendwo aufgeschnappt. Das kann gut sein. Doch der Junge wirkte überzeugt. Seine Antwort sprach für ein Grundgefühl der Sicherheit. Dieses Gefühl scheint rar geworden zu sein in den vergangenen Jahren, doch es ist nicht verschwunden. Und wenn nicht gerade ein Anschlag oder eine andere Katastrophe die Menschen erschüttert, teilen die meisten hier dieses Gefühl. Deutschland ist nach wie vor eines der sichersten und behütetsten Länder der Welt. Für die Einheimischen allemal.

Rundes Gemälde von Sandro Botticelli mit Maria und dem Jesuskind

Sandro Botticellis Gemälde von der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. DGB/Fabio Alcini/123rf.com

Zu Zeiten der Weihnachtsgeschichte war das in Judäa keineswegs so. Als Jesus geboren wurde, war seine Heimat von fremden Truppen besetzt. Die Römer unterdrückten die Juden brutal – und waren alarmiert, als sie davon hörten, dass es einen "neugeborenen König der Juden" gebe. König Herodes, den die Römer als Herrscher eingesetzt hatten, sah seine Macht gefährdet, zumal dieser Neugeborene vom alttestamentarischen König David abstammen sollte. Herodes sandte Agenten aus, um den potenziellen Widersacher zu beseitigen und zwang letztlich Jesus' Eltern zur Flucht nach Ägypten.

Aus Ärger über sein Scheitern ließ Herodes Tausende Kinder ermorden, die in etwa zur gleichen Zeit geboren worden waren wie Jesus. Peter Paul Rubens hat dieses bestialische Verbrechen 1609 in einem Bild dargestellt, das tief berührt, weil es den verzweifelten Kampf der Mütter gegen die muskulösen, mit schwarzen Schwertern bewaffneten Soldaten in den Mittelpunkt rückt.

Gelassenheit mit und ohne Gottvertrauen

Sicherheit war zur Zeit der römischen Herrschaft ein Gefühl, das nur wenige reiche Römer kannten. Und – wenn man der Bibel Glauben schenkt – der Junge aus Bethlehem. Schon als Zwölfjähriger war er zurück in seiner Heimat und gemeinsam mit seinen Eltern zum Paschafest nach Jerusalem gereist. Als sie mit ihrer Pilgergruppe schon wieder auf dem Heimweg waren, stellten sie fest, dass ihr Sohn verschwunden war. Also suchten sie ihn, wie Lukas in seinem Evangelium schreibt: "Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: ,Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.' Da sagte er zu ihnen: ,Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?'" Nun, wo sollte Gottes Sohn anders sein als im Tempel. Eine fast schon lakonische Beschreibung, die Lukas hier wählt, um zu sagen, dass Jesu Leben von da an anders weitergehen würde als zuvor.

Kuhle unter einem Altar in der Geburtskirche mit Leuchtern geschmückt.

Impression aus der Geburtskirche in Bethlehem: Hier soll Jesus geboren sein. Flickr/Benjamin/CC BY-NC-ND 2.0

Da im säkularen Berlin nicht gerade ein neuer Jesus - oder eine soziale Politik in seinem Sinne - in Sicht ist, müssen wir unsere Sicherheit und Gelassenheit auch ohne Gottvertrauen finden. Vielleicht antwortet ein Schausteller daher auf die Frage nach seiner Gemütslage: "Das Leben muss ja weitergehen!" Die Vorstellung vom Leben als Pflichtaufgabe. Das kann man wahrscheinlich nur im Deutschen so sagen, und es wirkt wie eine volkstümliche Version von Schopenhauers Philosophie.

Eigentlich kennt man diese Haltung sonst nur von älteren Menschen. Mein Großvater antwortete auf die Frage, wie es ihm geht, gern mit "muss ja", wenn er nicht zu einem ironischen "beschissen wär' geprahlt" neigte. In jedem Fall wusste ich dann, dass alles in Ordnung war. So war es bis zu seinem Tod. Der war traurig, auch wenn er nicht überraschend kam. Hätte er danach noch unsere Trauergemeinde in der Kirche sehen können, hätte er allerdings sicher gesagt: Das Leben geht doch weiter!

 


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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