Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2018

Eine Gefahr für Politik und Gesellschaft

Verschwörungstheorien und Populismus haben viele strukturelle Gemeinsamkeiten. Beide machen das Volk zum Opfer und die Elite zum Verschwörer. Letztendlich liefern Verschwörungstheorien nur eine spezifische Erklärung für das Verhalten der Eliten, das der Populismus allgemeiner kritisiert, erklärt der Sozialwisseschaftler Michael Butter.

Kondesstreifen am Himmel

Werden die Menschen von diesen "Chemtrails" langsam vergiftet? Natürlich nicht, aber es gibt Menschen, die das glauben. DGB/Colourbox.de

Der Abschuss eines Flugzeugs der Malaysia Airlines über der Ukraine hat nie  stattgefunden, er wurde vom Westen arrangiert, um Russland als skupellosen Aggressor dastehen zu lassen. Kondensstreifen am Himmel sind in Wahrheit vergiftete "Chemtrails", die Menschen gefügig machen sollen. Eine "internationale Finanzoligarchie" plant in Europa den "großen Bevölkerungsaustausch". Mangels Friedensvertrag sind die Deutschen immer noch “Reichsbürger”. Die Ermordung John F. Kennedys war eine perfide Inszenierung, ebenso wie die Mondlandung und die Anschläge vom 11. September.

Mit diesen und ähnlichen Gedankengebäuden beschäftigt sich Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen. Er forscht seit Jahren über die Geschichte und Verbreitung von Verschwörungstheorien, die vor allem, aber nicht nur in rechten politischen Kreisen kursieren. Butter hat auch das europaweite Projekt "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" mitangestoßen, in dem ein interdisziplinäres Team aus 39 Ländern zusammenarbeitet. Jetzt legt er ein gut lesbares Sachbuch zum Thema vor: "Nichts ist, wie es scheint".

Eine Katze scheint von einer anderen Katze im Hintergrund beobachtet zu werden.

Eine Verschwörung ist nicht leicht zu erkennen, auch für Katzen nicht. DGB/Flicker/Deaf RED Bear/CC BY-NC-ND 2.0

Wie definieren Sie Verschwörungstheorien?
Erstens: Nichts geschieht durch Zufall. Es gibt angeblich eine im geheimen operierende Gruppe, die Verschwörer, die alles, was geschieht, geplant haben. Zweitens: Nicht ist, wie es scheint. Man muss unter die Oberfläche schauen, um die wahren Verhältnisse zu erkennen. Und drittens: Alles, oder fast alles, ist miteinander verbunden. Die Einführung des Euro, Gender Mainstreaming und die Flüchtlingskrise erscheinen als Teil eines perfiden Plans.

Sind Verschwörungstheorien etwas historisch Neues?
Verschwörungstheorien entstanden zwischen Früher Neuzeit und Aufklärung. Denn erst da sind die notwendigen Bedingungen gegeben: ein Menschenbild, das Subjekten entsprechende Handlungsfähigkeit zuschreibt, eine lesende Öffentlichkeit, in der solche Theorien zirkulieren können, und der Buchdruck, der es erlaubt, die entsprechenden Texte zu verbreiten.

Gibt es in den USA eine besondere Neigung zu Verschwörungstheorien?
Vor zehn Jahren hätte ich diese Frage noch mit eine klaren Ja beantwortet. Mittlerweile wissen wir, wie wichtig Verschwörungstheorien auch in der europäischen Geschichte waren und es immer noch sind. Fakt ist aber, dass in den USA deutlich mehr Menschen an so etwas glauben als in Deutschland. Neueren Umfragen zufolge hängt dort jeder zweite Bürger mindestens eine Verschwörungstheorie an. Wir denken vielleicht sofort an die Anhänger von Donald Trump, aber das sind nicht die einzigen.

Zeitung mit der Meldung von John F. Kennedys Ermordung

Wurde US-Präsident Kennedy Opfer einer Verschwörung? DGB/Flickr/Ray Dumas/CC BY-SA 2.0

In einem EU-Projekt zum Thema kooperieren über hundert Forscher. Wo liegen die Unterschiede innerhalb Europas?
In Mittel-, West- und Nordeuropa sind Verschwörungstheorien seit den 1950er Jahren stigmatisiert. Sie sind zwar weiterhin für viele attraktiv, aber sozial nicht akzeptiert. In Ost- und Teilen von Südeuropa ist das anders, dort verbreiten fast alle Politiker und große Teile der Medien ständig Verschwörungstheorien.

Sind Verschwörungstheorien vor allem ein Netzphänomen?
Nein. Das Internet hat Verschwörungstheorien nur wieder sichtbarer gemacht und dadurch auch zu einem Anstieg an "Gläubigen" geführt. Der ist aber nicht so rapide, wie es uns manchmal vorkommt. Verglichen mit der Zeit vor 100 oder 200 Jahren glauben heute sogar eher weniger Menschen an Verschwörungstheorien. Ihre Verbreitung reicht allerdings bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Beeinflussen Verschwörungstheorien die Politik?
In Gesellschaften, in denen sie als legitimes Wissen gelten, tun sie das ganz massiv. Sowohl der amerikanische Unabhängigkeitskrieg als auch der spätere Bürgerkrieg wurden von solchen Theorien mitverursacht. Die Mehrzahl der US-Präsidenten glaubte daran, von Washington über Lincoln bis Eisenhower. Aber selbst bei uns, wo diese spätestens seit den Erfahrungen im Nationalsozialismus stigmatisiert sind, bleiben sie nicht ohne Effekt. Die Verschwörungstheorien, die unter vielen Pegida- oder AfD-Anhängern verbreitet sind, beeinflussen, wie diese Bewegungen Politik machen und somit indirekt auch den gesamtgesellschaftlichen Diskurs.

Cartoon

Na, wenn das so ist... DGB/Flickr/Michael Mante/CC BY-NC-ND 2.0

Sehen Sie einen klaren Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und rechtem Populismus?
Verschwörungstheorien und Populismus haben viele strukturelle Gemeinsamkeiten. Beide vereinfachen zum Beispiel das politische Feld in zwei Gruppen: Volk und Elite beziehungsweise Opfer der Verschwörung und Verschwörer. Letztendlich liefern Verschwörungstheorien nur eine spezifische Erklärung für das Verhalten der Eliten, das der Populismus allgemeiner kritisiert. Die Eliten sind dann nicht nur abgehoben oder individuell korrupt, sondern gleich Teil eines Komplotts. Entsprechend können populistische Bewegungen Verschwörungstheoretiker wunderbar integrieren. Diese stimmen mit den Nichtverschwörungstheoretikern in fast allem überein.

Gibt es auch linke Verschwörungstheoretiker?
Sicher nicht so ausgeprägt wie im rechten politischen Spektrum. Doch in kommunistischen Regimen wie der Sowjetunion und China wimmelt es im 20. Jahrhundert von Verschwörungstheorien. Mal geht es um subversive Kräfte aus dem Aus- und Inland, mal um eine Verschwörung des Großkapitals.

Was kann man tun gegen die Wirksamkeit solcher Theorien?
Empirische Experimente zeigen: Wenn man Verschwörungstheoretiker mit schlüssigen Gegenargumenten konfrontiert, halten sie danach noch fester an ihrem Gedankengebäude fest. Es ist schwer, an wirklich "Gläubige" heranzukommen. Wenn man überhaupt diskutieren will, sollte man sehr niedrigschwellig und eher emotional einsteigen. Oft geht es um Anerkennung, darum, ernst genommen zu werden. Gleichzeitig muss man ansetzen bei den Zweiflern, die noch nicht vollständig von solchen Theorien überzeugt sind, und überhaupt für eine gute Bildung sorgen: Wissen darüber, wie moderne Gesellschaften funktionieren, und Medienkompetenz sind das allerwichtigste.

Mit dem Verfasser sprach Thomas Gesterkamp.


Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungsthorien, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 270 Seiten, 18 Euro.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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