Deutscher Gewerkschaftsbund

03.01.2018

Die Macht der Klischees brechen

"Ich bin der Working-Class-Proll"

Vor kurzem erschienen die jüngsten Ergebnisse der Iglu-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) mit einem unerfreulichen Ergebnis: Zwar erhöhte sich die Zahl der besonders lesestarken Viertklässler von 8,6 Prozent (2001) auf 11,8 Prozent (2016). Doch gleichzeitig stieg auch die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen: 2001 waren es 16,9 Prozent, 15 Jahre später nun 18,9 Prozent - 2006 und 2011 waren es deutlich weniger. Die Studie veranlasste den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer zu einem Text, der unter anderem konstatierte:

"Dass der Arme manchmal vielleicht auch deshalb arm ist, weil er faul ist oder vom Alkohol verblödet, ist ein Gedanke, der in unserer auf sozialen Ausgleich bedachten Gesellschaft als so anstößig gilt, dass er nicht zugelassen werden darf. Ich habe kein Verständnis für Eltern, die ihre Kinder vor die Glotze setzen und sich lieber mit dem Handy beschäftigen, anstatt ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Man sagt so schnell entschuldigend: Ach, die armen Hascherl am sozialen Rand, die wissen es nicht besser. Doch sie wissen es besser. Sie sind nur zu bequem oder zu gleichgültig, um entsprechend zu handeln."

Eine Erwiderung von Mirko Wenig

Eine Mutter liest zwei Mädchen aus einem Buch vor.

Diese Kinder haben Glück: ihnen wird vorgelesen. Sind Eltern, die das nicht tun, faul und asozial? DGB/Kzenon/Colourbox

Werter Jan Fleischhauer,

ich möchte Ihnen hiermit auf Ihre Spiegel-Kolumne antworten. Denn ich habe selten einen Text gelesen, der derart verächtlich über ein bestimmtes Milieu schreibt. Der derart viele dumme Vorurteile bedient. "Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern", ist Ihre Kolumne überschrieben. Sie machen darin eine seltsame Front auf. Gute Eltern sind solche, die ihren Kindern regelmäßig vorlesen. Und schlechte Eltern jene, die Bildung verachten.

Schnell sind Sie mit dem Klischee des Sozialschmarotzers zur Hand. Die Eltern dieser Kinder sind nach Ihrer Ansicht bildungsfern und faul. Sie fallen der Gesellschaft zur Last. Herr Fleischhauer, ich habe da einen bösen Verdacht. Sie wissen nicht viel über dieses Milieu, über das Sie sich so abschätzig äußern. Ihre Feder wird geführt von Vorurteilen. Für einen Journalisten ist das eine Bankrotterklärung.

Und um mich an dieser Stelle klar zu positionieren: Ich bin der Working-Class-Proll, über den Sie da schreiben. Ich kenne das Milieu ziemlich gut. Ich kenne beide Seiten. Ich stamme aus einer Familie, in der sich Working Class und Lehrermilieu treffen. Familien, wie es sie zum Glück immer häufiger gibt, weil sie es erlauben, Vorurteile abzubauen. Mein Vater durchlief eine dieser gebrochenen Erwerbsbiographien, wie sie nach der Wende in Ostdeutschland typisch waren. Gelernter Kfz-Schlosser. Jahrzehntelang auf dem Bau malocht. Als Kranfahrer und Dachdecker gearbeitet. Und auch meiner Mutter erging es nicht besonders gut. Nach einem Unfall mit 18 Jahren musste sie ihr Studium aufgeben. Sie arbeitete als Telefonistin, doch nach der Wende fand sie nie wieder einen Job. Geld war immer knapp in der Familie.

Statt Bücher gab es den Geruch von frischem Teer

Wenn mein Vater nach Hause kam, hat er mir nicht vorgelesen. Er besaß wenig Bücher, las selbst kaum. Aber dass er mir nicht vorlas, dafür habe ich Verständnis. Kam er nach Hause, dann hatte er sich oft den ganzen Tag auf dem Bau abgerackert. Er konnte nicht mehr. Er war fertig. Wir reden hier von Arbeitstagen, die oft 12-14 Stunden lang sind. Harte körperliche Arbeit auf dem Bau. Hatten Sie jemals Schwielen an den Händen, weil Sie mit der Schaufel in der Hand gearbeitet haben, kennen Sie den frischen Geruch von Teer? Mein Vater hat seine Arbeit geliebt, und er hätte sie wohl verteidigt.

Ein Arbeiter schweißt an einem Stahlträger.

Harte körperliche Arbeit auf Montage; von Montag bis Freitag von der Familie getrennt. DGB/Colourbox

Jahrelang war mein Vater kaum da. Er arbeitete auf Montage. Er fuhr montags früh los, nachts um zwei. Und kam freitags Abend wieder. Er lebte dann mit sechs bis acht anderen Arbeitern gemeinsam in einer kleinen Pension oder Herberge. Manchmal auch nur in einem Wohncontainer. Wissen Sie, was das bedeutet, Herr Fleischhauer? Vielleicht ist es auch so, dass unter den jetzigen Schülern mit Rechtschreibschwäche ebenfalls viele sind, deren Väter und Mütter tagsüber kaum zu Hause sein können.

Sie aber rufen das Bild des Sozialschmarotzers auf: des Mannes, der auf der Couch rumhängt, säuft, der Gesellschaft zur Last fällt. Wie viele Eltern betrifft dies, deren Kinder in der Schule Probleme haben? Ja, mein Vater hat auch getrunken, wie Sie das unterstellen, und er trank nicht wenig. Wenn er mit seinem Sportwagen unterwegs war: ein Luxus, den er sich trotz seiner oft prekären finanziellen Situation leistete, sagte er oft: „Der Wagen schluckt mehr als ich, und das will was heißen!“ Es gab Konflikte deshalb in meiner Familie. Vater konnte aggressiv, launenhaft, sogar übergriffig sein. Wenn er getrunken hatte, war er oft unberechenbar. Und manchmal habe ich das sogar verstanden.

Was können und müssen Eltern leisten?

Es gab zum Beispiel eine Zeit in den 90er-Jahren, in der mein Vater nur unregelmäßig seinen Lohn bekam. Er ging monatelang auf den Bau, ohne dass er bezahlt wurde. Sein Arbeitgeber, ein Bauunternehmer vom Dorf, stellte sich dann vor seine Arbeiter und erklärte: Er habe zu viele Außenstände und könne jetzt nicht zahlen. Mein Vater schlich dann ins Büro und holte sich das ab, was sein Arbeitgeber einen "Vorschuss" nannte, aber eigentlich ein Nachschuss war: mehrere hundert DM Bargeld. Als müsste er um Almosen betteln, obwohl er sich das Geld hart erarbeitet hatte.

Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, Herr Fleischhauer. Aber es gibt da draußen Menschen, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Mit Knochenjobs und schlecht bezahlter Arbeit. Die nicht nur einen Job haben, um über die Runden zu kommen, sondern zwei oder drei Jobs. Sind diese Menschen schlechte Eltern, wenn ihre Kinder Probleme in der Schule haben? Wenn, angesichts der Schwierigkeiten, mit denen sie kämpfen müssen, die Zeit und die Energie vielleicht nicht reicht, um abends noch mit dem Kind die Hausaufgaben zu erledigen?

Wer ein wenig wissen will, wie Fleischhauer so denkt, kann hier einen Einblick gewinnen.

Der wirtschaftliche Erfolg von Deutschland ist auch auf dem Rücken dieser Malocher aufgebaut. Spätestens seit den Arbeitsmarktreformen Gerhard Schröders ist der Niedriglohnsektor in Deutschland explodiert. Auch deshalb ist Deutschland eine führende Exportnation, wie selbst die wirtschaftsliberale OECD erkannt hat. Ich glaube, Sie wissen das. Aber Sie sind ein Journalist, der soziale Ungleichheit in seinen Texten oft leugnet oder relativiert. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn eine Familie sechs Monate auf den Lohn warten muss, weil ein Arbeitgeber nicht zahlt? Wenn sie sich deshalb verschuldet? Was das für einen Verzicht, für eine Wut, eine Verzweiflung bedeutet? Was es auch für einen Stolz bedeutet dennoch weiterzumachen, sich durchzuschlagen? Nicht nur in Staaten wie Pakistan, Mexiko oder Kasachstan. Sondern in Deutschland.

Ich selbst hatte einen Ausgleich in der Familie, denn mütterlicherseits komme ich aus einem Lehrerhaushalt. Auch, wenn meine Mutter nicht arbeitete. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie schwerstbehindert, ihre Hände zittern, ihr Kopf schmerzt, sie kann nur schlecht laufen. Nach der Wende musste sie von einer niedrigen Rente leben, sie fand nie wieder einen Job. Solche Menschen sind schlecht zu vermitteln auf dem Arbeitsmarkt. Aber meine Bildung wurde gefördert.

Auch schlechte Schüler können es zu etwas bringen

Dennoch hatte ich in meiner Kindheit Freunde, bei denen das nicht so war. Die aus "reinen" Arbeiterfamilien kamen: Vater Bauarbeiter, Mutter Köchin in einer Großküche. Vater Gemüsehändler, Mutter Putzkraft. Eben jene bildungsfernen Haushalte, auf die Sie sich in Ihrem Text beziehen, Herr Fleischhauer.

Und es waren auch Schüler unter meinen Freunden, die scheinbar wenig auf die Reihe bekommen haben: schlechte Schüler mit Rechtsschreibschwäche und schlechten Noten. Spätere Hauptschüler, die jetzt als LKW-Fahrer, als Bauarbeiter, als Kfz-Schlosser arbeiten. Manche sind erfolgreich. Ein früherer Freund hat eine Reinigungsfirma gegründet. Ein anderer hat eine eigene Fleischerei. Sie haben etwas geschafft, haben etwas aufgebaut. Das, was viele dieser schlechten Schüler schaffen und leisten, ist Anerkennung wert.

Schüler sitzen in einer Arbeitsgruppe zusammen.

Vor allem muss das Bildungssystem verbessert werden, damit Kinder aus allen Schichten ähnliche Chancen im Leben haben. DGB/rawpixel/123rf.com

Hier müssen wir über den Begriff der Bildung reden, der auch der Iglu-Studie zugrunde liegt. Gemessen wird dort die Lesekompetenz. Als Maßstab gilt, wie viele Bücher Eltern in ihrem Haushalt haben. Da möchte ich auf ein Phänomen hinweisen, das ich bei sogenannten Soloselbstständigen beobachtet habe: Selbstständige mit einem kleinen Betrieb, aber ohne eigene Angestellte. Ich hatte in meiner Kindheit Freunde, die schon früh im Unternehmen ihrer Eltern mitarbeiten mussten. Die in der Werkstatt ihres Vaters Hilfstätigkeiten verrichteten. Oder auf ihre Geschwister aufpassten, weil die Eltern arbeiteten.

Und doch haben diese Kinder Fertigkeiten erlangt. Mein Vater war ein schlechter Schüler. Er hat noch immer eine Rechtschreibschwäche. Aber in der Berufsschule blühte er auf. Machte seinen Kfz-Schlosser und Facharbeiter. Später, auf dem Bau, zusätzlich einen Kranführerschein. Können Sie Autos zusammenbauen, Herr Fleischhauer? Wissen Sie, wie man einen Baukran lenkt – ohne damit die Kollegen vom Dach zu schubsen? Es wäre auch Aufgabe der Schulen, solche Fähigkeiten zeitiger zu erkennen und besser zu fördern.

Die Iglu-Studie übersieht ein wichtiges Thema

Ein weiteres Ergebnis der Iglu-Studie bleibt zudem leider völlig unberücksichtigt: Selbst bei gleich guten Leistungen bekommen Kinder aus Arbeitermilieus schlechtere Noten. Denn Menschen aus privilegierten Milieus sitzen nicht nur in den Redaktionen. Sie sitzen leider auch in den Klassenzimmern. Menschen, die ähnliche Vorurteile haben wie Sie: das bildungsferne Milieu, Sozialschmarotzer. In zu vielen Klassenzimmern sitzen Menschen, die lieber ihresgleichen fördern.

Wandgemälde von Banksy mit den Worten in schwarzer Farbe "Follow your dreams", die durchgestrichen sind mit dem rot geschriebenen Wort "Canceled"

Ändert sich nichts an der Sozial- und Bildungspolitik, behält dieses Werk von Banksy in Boston noch lange seine Gültigkeit. Flickr/Rob Sheppard/CC BY-NC-ND 2.0

Was diese "Sozialschmarotzer" einfordern, ist nicht Mitleid und staatliche Fürsorge, wie Sie es in Ihrem Text unterstellen. Sie wollen Respekt und Anerkennung für das, was sie täglich leisten. Und eine faire Bezahlung: guten Lohn für gute Arbeit. Und weil Sie das mit Ihrer Kolumne in Abrede stellen – sie wollen auch faire Chancen für ihre Kinder. Doch das bekommen sie immer noch zu wenig. Auch weil diese Menschen in der Politik immer noch unterrepräsentiert sind. Dem letzten Bundestag gehörten nur zwei Arbeiter an, aber 117 Juristen und 150 Beamte.

Sie argumentieren nun, man müsste diese Kinder zeitiger aus den Familien herausnehmen, um sie besser zu fördern. Ich gebe Ihnen insofern recht, dass sie zeitiger gefördert werden müssen, auch ihre Rechen- und Lesekompetenz. Aber diese Kinder müssen nicht vor ihren Eltern geschützt werden. Ich bin meinem Vater dankbar, dass er mir trotz aller Konflikte die Lehren eines harten und entbehrungsreichen Lebens vermittelte – auch das ist Bildung.


Mirko Wenigs Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Zebrabutter.

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Eine weitere interessante Reportage zum Thema ist vor ein paar Jahren in der "Zeit" erschienen.


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Kurzprofil

Mirko Wenig
Mirko Wenig wurde 1977 in Gera geboren. Er studierte zunächst Germanistik, Soziologie und Erziehungswissenschaften in Jena, bevor er ans Deutsche Literaturinstitut Leipzig wechselte und dort 2009 seinen Abschluss machte.
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