Deutscher Gewerkschaftsbund

25.04.2017
Zukunft der Gewerkschaften

Nicht hinterherlaufen, sondern vorangehen

Schon als Kind demonstrierte die Autorin Hatice Akyün mit der IG Bergbau gegen den Arbeitsplatzabbau in den Duisburger Zechen. Und damit war die Geschichte mit den Gewerkschaften für sie noch nicht vorbei. Auch heute, findet sie, sind Gewerkschaften als starke Stimme für eine humane Arbeitswelt unerlässlich.

Pfeil auf Asphalt

DGB/whatwolf/123rf.com

Ich habe eine persönliche und emotionale Beziehung zu Gewerkschaften. Das liegt daran, dass ich von einer sehr beeinflusst wurde. Ich muss etwa sieben Jahre alt gewesen sein, als ich die Bedeutung einer Gewerkschaft aus kindlicher Sicht das erste Mal wahrnahm. Mein Vater kam 1969 aus einem anatolischen Dorf nach Duisburg, um als Bergmann im Schacht Walsum zu arbeiten. Drei Jahre später holte er meine Mutter, meine ältere Schwester und mich nach.

Die ersten Jahre unseres neuen Lebens in Deutschland waren finanziell sorgenfrei. Ich weiß das, weil mein Vater jeden Monat ein Lamm auf einem nahegelegenen Bauernhof kaufte. Auch konnten wir zwei Mal im Jahr in das Dorf meiner Eltern fahren, um dort unsere Verwandten zu besuchen. In den Osterferien und in den Sommerferien.

Die ersten Sorgenfalten auf den Gesichtern meiner Eltern nahm ich etwa 1975 wahr. Mein Vater erzählte meiner Mutter, dass die Zahl der Duisburger Zechen in den nächsten Jahren halbiert werden würde. Ende 1975 traf die Kohlekrise dann auch meine Familie: Mein Vater musste durch den Absatzrückgang in die Kurzarbeit. Mit den Jahren wurden die Krisen immer heftiger, so dass wir uns bald keine Urlaube und keine Lämmer mehr leisten konnten. Und so ging ich mit meinem Vater und anderen Bergleuten - unterstützt von der IG Bergbau - auf die Straße, um gegen Subventionskürzungen und Kurzarbeit zu demonstrieren.

Als Kind war mir das noch nicht so klar, aber was ich wusste war, dass die sendika, so heißt Gewerkschaft auf türkisch, meinem Vater half, seine Arbeit zu behalten.

Gewerkschaften sind in Zeiten der Globalisierung wichtiger denn je

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie wichtig ist, um in diesen Zeiten überhaupt zu verstehen, welchen direkten Einfluss Gewerkschaften auf das Leben von Menschen haben. Dieser persönliche Aspekt geht immer mehr verloren. Das hat auch damit zu tun, dass die Menschen das verworrene Geflecht einer Gewerkschaft nicht mehr durchschauen. Mein Vater war Mitglied der IG Bergbau. Ich bin seit ich meinen ersten Artikel geschrieben habe, Mitglied im Journalistenverband.

Gewerkschaften sind gerade heute in Zeiten der Globalisierung und der veränderten Arbeitswelt wichtiger denn je. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu fasste es so zusammen: „Es kommt immer wieder vor, dass die Verantwortlichen in den Gewerkschaftszentralen zu reinen Verwaltern mutieren, weit entfernt von den Sorgen und Nöten ihrer Mandanten." Und weiter: Die „Flexibilisierung“ und vor allem die Prekarisierung einer wachsenden Zahl von Beschäftigungsverhältnissen und der daraus sich ergebende Wandel der Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen zeigen auf, wie unerlässlich eine Reform gewerkschaftlicher Arbeit ist. Eine Reform, die eigentlich Ämterrotation und eine Infragestellung des Modells der uneingeschränkten Delegation ebenso voraussetzt, wie die Erfindung neuartiger Techniken zur Mobilisierung der ungesicherten und randständigen Beschäftigten.“

Die starke Stimme für eine humane Arbeitswelt

Die Gewerkschaften müssen also wieder die starke Stimme für eine humane Arbeitswelt sein. Dazu gehört es, der Zeit nicht hinterherzulaufen, sondern auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Aber vor allem, das Denken in alten Branchenmodellen aufzugeben und den geänderten Branchenmix in ihre Strukturen aufzunehmen. Nur so kann die Arbeit der Gewerkschaften transparenter werden, damit mehr Menschen wieder aktiv in der Gewerkschaft werden. Dazu müssen sich Gewerkschaften eine Außensicht leisten, neue Beschäftigungsfelder wie z.B. die Software-Industrie oder die Arbeitsbereiche des Outsourcings gleichberechtigt wahrnehmen. Somit wird der Raum gegen Ausbeutung verringert und gute Arbeitsbedingungen und guter Lohn auch außerhalb der alten gewerkschaftlichen Branchenmodelle sind möglich.

Die Gewerkschaften müssen autonom werden und sich von der betrieblichen Ebene und ihren Kämpfen ausgehend erneuern. Doch das wird nur funktionieren, wenn sie gleichzeitig ihren gewerkschaftlichen Schutz europa- und weltweit neu organisieren. Globalisierte Arbeitsbedingungen erfordern ebenso global agierende Gewerkschaften.

Gewerkschaften sorgen dafür, dass es gerecht zugeht

Wieder „menschlich" werden, als in Bürokratie zu versinken. Menschlich, wie 1987, als ich das zweite Mal mit Gewerkschaften in Berührung kam. Da war ich schon erwachsen. Ich ging mit Freunden zur „Brücke der Solidarität„ in Duisburg-Rheinhausen, um Krupp-Arbeiter mit Kaffee und Schnittchen zu versorgen. Im Dezember 1987 besetzten sie die Rheinbrücke und protestieren damit gegen die Schließung ihres Werkes. Es folgten große Demonstrationen, organisiert von den Gewerkschaften, gegen die Schließung des Hüttenwerks. Monatelange Mahnwachen begleiteten Verhandlungen.

In meinem Umfeld engagieren sich viele meiner Freunde und Kollegen ehrenamtlich. Auch ich. Vom Elternbeirat, der Freiwilligen Feuerwehr, der Selbsthilfegruppe, der Bürgerinitiative bis hin zur politischen Partei und eben der Gewerkschaft. Das machen wir entweder, weil wir der Allgemeinheit etwas zurückgeben wollen, oder weil wir selbst von einem Missstand betroffen sind. Manchmal aber auch, weil wir einfach Freude daran haben, uns einzubringen, irgendwo in unserer Gesellschaft. Unser Land hat eine gute Verfassung und es bleibt nur in guter Verfassung, wenn jeder von sich einmischt. Und die Bürger, die ihre Mitwirkungsrechte gebrauchen, müssen von den Gewerkschaften unterstützt werden. Ja, Arbeitskampf ist anstrengend, nervig, oft aussichtslos und von vielen Enttäuschungen begleitet und dazu noch unendlich zäh. Aber es lohnt sich. Für die Menschen und die Gewerkschaften. Es klingt im Jahr 2017 zwar etwas pathetisch, aber Gewerkschaften sorgen dafür, dass es gerechter wird in der Arbeitswelt. Daran sollte sich auch in Zukunft nichts ändern.


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Kurzprofil

Hatice Akyün
Hatice Akyün, 47, ist Autorin und Journalistin. Als Journalistin begann sie bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Duisburg. Seit 2003 schreibt sie als freie Journalistin unter anderem für Spiegel, Emma, taz und den Tagesspiegel.
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