Deutscher Gewerkschaftsbund

24.07.2018
Atlas der Arbeit

Armut am Kleiderbügel

Starker Druck auf die Industrie und verantwortungsvoller Konsum können dem menschenverachtenden Konkurrenzkampf in der Texttilindustrie ein Ende bereiten.

 

Von Frank Hoffer

Blick von oben in eine Textilfabrik in Marokko.

Die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche müssen weltweit verbessert werden. DGB/Eduardo Lopez Coronado/123rf.com

Der mechanische Webstuhl machte Manchester zur ersten Welthauptstadt der Textilindustrie. In wenigen Jahren entwertete dieser enorme Fortschritt in der Produktivität die Arbeitskraft manueller Weber. Maschinenstürmer in England, Aufstände der Weber in Schlesien und Kalkutta, wo Hunderttausende Hunger litten, begleiteten den Aufstieg der industriellen Textilindustrie. Traditionelle Facharbeiter wurden durch angelernte Industriearbeiterinnen ersetzt, die schon nach kurzer Zeit im Akkord hohe Stückzahlen fertigten.

Die Industrie sucht Standorte, an denen Frauen in Armut leben

Während die Textilherstellung heute einen hohen Grad von Mechanisierung erreicht hat, ist das Nähen von Kleidung noch immer sehr arbeitsintensiv. Die Maschinen, an denen Frauen heute in Asien im Akkord unsere Kleidung nähen, unterscheiden sich nicht wesentlich von den Singer-Produkten, an denen Näherinnen einst in Chemnitz oder Hamburg arbeiteten.

Weil die Industrie so arbeitsintensiv ist, sucht sie Standorte für ihre Unternehmen, an denen viele junge Frauen in Armut leben. Diese ziehen oft eine Sechstagewoche mit 10 bis 14 Stunden am Tag in der Textilfabrik einem Leben im dörflichen Elend vor – oder dem täglichen Überlebenskampf in den Slums der Megastädte. Seit dem Beginn der Industrialisierung zieht die Textilindustrie um die Welt. Von England und West- sowie Mitteleuropa wanderte sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südeuropa und später nach Japan, Korea, Hongkong und Taiwan. Heute wird in China fast die Hälfte der weltweiten Textilexporte produziert.

Grafik zu Mindestlöhnen in der Textilbranche weltweit.

Viele Textilbeschäftigte erhalten einmal Mindestlohn, weil die Arbeitgeber einfach ein Familieneinkommen unterstellen. DGB/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Inzwischen verlagern die Unternehmen ihre Fabriken immer mehr in noch ärmere Länder wie Indien, Vietnam, Kambodscha oder Bangladesch. Zunehmend gerät auch Afrika ins Visier der Textilindustrie, da es der letzte Kontinent ist, in dem die Bevölkerung rapide wächst und daher viele junge Frauen Arbeit suchen. Mit 21 US-Dollar pro Monat beträgt der Mindestlohn in Äthiopien heute weniger als die Hälfte des Mindestlohns einer Näherin in Bangladesch.

Es sind die Lohnunterschiede zwischen den wohlhabenden Industrieländern und den produzierenden Ländern des Südens, die die Textilbranche zu der Industrie gemacht haben, die am meisten globalisiert ist. Näherinnen in Bangladesch bekommen lediglich 50 Euro im Monat. Wenn eine Textilarbeiterin dort das Gleiche wie ihre deutsche Kollegin verdienen würde, wäre der Lohnanteil am Preis eines T-Shirts nicht 18 Cent, sondern 5,40 Euro. Ohne wirksame Regelungen des Arbeitsmarktes, Sozialleistungen oder Tarifverträge werden die Löhne nach Angebot und Nachfrage bestimmt. Da es ein Überangebot an Arbeitskräften gibt, werden die Menschen mit Armutslöhnen abgespeist. In Bangladesch ist der inflationsbereinigte Mindestlohn heute niedriger als 1985.

Solidarität mit den Ärmeren in der Welt ist schwer, wenn man selbst arm ist

Der Konkurrenzkampf im Textileinzelhandel macht die Verbraucherinnen und Verbraucher zu Nutznießenden dieser Situation. Ein T-Shirt ist hierzulande kaum teurer als ein Cappuccino. Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in den wohlhabenden Ländern viele Bezieher und Bezieherinnen von Niedriglöhnen so knapp kalkulieren müssen, dass sie sich den Luxus ethisch verantwortlichen Einkaufens nicht leisten können. Wo innerhalb einer Gesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, ist es schwer, von den Armen Solidarität mit den noch Ärmeren in der Welt zu erwarten.

Große Modemarken konnten bei niedrigen Margen durch wachsende Umsätze trotzdem erhebliche Gewinne machen. Amancio Ortega, der Eigentümer von Zara (Inditex) und damit der nach Umsatz weltgrößte Textileinzelhändler, ist im Jahr 2018 mit einem Vermögen von 70 Milliarden US-Dollar der derzeit sechstreichste Mann der Welt. Das vorherrschende Marktmodell drängt dabei alle Unternehmen dazu, immer schneller immer mehr Produkte zu immer niedrigeren Preisen auf den Markt zu werfen.

Grafik zu 20 Ländern, die am meisten von Textilexporten abhängen.

Die internationalen Textilhersteller haben die Wahl, wo sie fertigen lassen - es gibt immer ein "billigstes" Land. DGB/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen und -arbeiter weltweit zu verbessern, müsste ein größerer Teil der Wertschöpfung in den produzierenden Ländern verbleiben. Staatliche Mindestlöhne oder flächendeckende Tarifverträge könnten die Marktkräfte begrenzen. Löhne, die die Existenz sichern, sind ein Menschenrecht, das multinationale Konzerne gemäß den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte eigentlich gewährleisten müssen.

Gewerkschaften, Politik und Verbraucher zusammen können etwas erreichen

Durch gemeinsames Handeln sind am ehesten Fortschritte zu erzielen. Dies hat der "Bangladesh Accord" gezeigt. Eine rechtlich verbindliche Vereinbarung zwischen globalen Gewerkschaftsföderationen und über 200 Textilunternehmen in Bangladesch hat den Brandschutz in mehr als 1.500 Fabriken im Land verbessert. "Action, Collaboration, Transformation" (ACT), eine gemeinsame Initiative der globalen Gewerkschaftsföderation der Textilarbeiterinnen und -arbeiter (IndustriALL) und von 16 internationalen Textilunternehmen, will existenzsichernde Löhne durch Flächentarifverträge durchsetzen. Auch für das von der Bundesregierung initiierte Textilbündnis stehen sie ganz oben auf der Liste.

Damit die Unternehmen, die die Menschenrechte einhalten wollen, konkurrenzfähig bleiben können, braucht es öffentlichen Protest gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Auch staatliche Regulierung kann helfen. Wichtig ist zudem, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher sozial verantwortungsbewusst kaufen. Sie können dazu beitragen, dem menschenverachtenden Konkurrenzkampf ein Ende zu setzen.


 

Umschlag Atlas der Arbeit

Cover: Ellen Stockmar, Cover-Elemente: Ilya Rumyantsev/fotolia.com

Dieser Text ist ein Auszug aus dem "Atlas der Arbeit", der gerade erschienen ist.

Der Atlas steht ab sofort online unter www.dgb.de/atlas-der-arbeit

- oder auf Englisch unter: https://www.dgb.de/atlas-of-work

- oder kann gedruckt über die Hans-Böckler-Stiftung hier bestellt werden.

Die Grafiken sind auch einzeln online verfügbar unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0), die genauen Angaben finden sich auf der DGB-Seite.


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Kurzprofil

Frank Hoffer
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der "Arbeitnehmerbank" bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf und Mitglied im Steering Committee der Global Labor University: http://www.global-labour-university.org/.
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