Deutscher Gewerkschaftsbund

15.11.2010

Gewerkschaftliche Erneuerung durch primäre Arbeitspolitik

Ein Vorschlag zur Wirtschaftsdemokratiedebatte

von Dr. Gerd Peter

Gewerkschaftliche Politik kann sich immer weniger als ausführendes Organ einer bestimmten Gesetzmäßigkeit von Arbeiterbewegungen im Spätkapitalismus verstehen (vgl. Wolf 2010), auch das strukturale Verständnis von Gewerkschaften als intermediäre Organisation (Müller-Jentsch 1999) zwischen Arbeit und Kapital geht zunehmend an der Wirklichkeit vorbei.

Stärker nach vorne rückt damit eine Sichtweise von Gewerkschaften als eines umfassenden Trägers von zukunftsoffener Arbeitspolitik, die sowohl die staatspolitische Ebene, als auch die subsidiäre der sozialpolitischen Selbstverwaltung, die Ebene regionaler Vernetzung wie auch und in erster Linie die Frage der selbst vermittelten (Beerhorst 2005) Tarifpolitik und ihrer betrieblichen Ausgestaltung über Betriebsräte umfasst (Schwitzer u.a. 2010). Darüber hinaus rücken die sozial-, umwelt- und industriepolitischen Bewegungen von außerhalb der Betriebe wieder stärker in das gewerkschaftliche Gesichtsfeld, worauf jeweils spezifisch zu reagieren ist, einschließlich des allgemeinen Kampfes um die öffentlichen „Deutungshoheiten“ und um eine neue ökologisch und sozial orientierte Wirtschaftsdemokratie (Dörre 2009; Urban 2009, 75 ff.).

Kann (und will) man sich nicht mehr an historische Gesetzmäßigkeiten anlehnen, stellt sich die Frage der Konstituierung von Arbeitspolitik, nach einer primären Arbeitspolitik, die die zukünftige „Basis“ für das so verstandene gewerkschaftliche Handeln darstellt, in einer neuen Art und Weise. Zunehmend wird die Konstitutionskraft für eine neue Arbeitspolitik in der Ambivalenz der Subjektivierung der Arbeit verortet (Peter 2009). Ambivalenz insoweit, als Subjektivierung  der arbeitenden Menschen nicht nur heißt von Außen (z.B. vom Kapital) geformte gesellschaftliche Subjektwerdung, sondern auch von Innen (emanzipatorisch)  gewollte Höherentwicklung der (eigenen) Persönlichkeit (Holzkamp 1983, 342 ff.; Ulich 2005).

Primäre Arbeitspolitik als gewerkschaftsstrategischer Ansatz

Theorien der Arbeitskraft und Lebenskraft (Jürgens 2006) stammen aus dem 19. Jahrhundert. In seiner grundlegenden Studie über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung spricht Karl Liebknecht zusätzlich noch von einer Kraft, die nach Abzug der für die Erhaltung der Menschen und ihrer Art notwendigen Kraft von der Gesamtlebenskraft übrig bleibt. Er nennt sie Überschusskraft, die die Grundlage nicht mehr nur für Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft ist, sondern eine kulturelle Erweiterung und Höherentwicklung im Sinne der Solidarität ermöglicht (Liebknecht 1922).

Diese Überschusskraft ist nach Liebknecht Quelle primärer, schöpferischer Politik, die allein in der Lage ist, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in einem positiven Sinne richtunggebend (modern: „nachhaltig“) zu beeinflussen. Liebknecht war kein Marxist im theoretischen Sinne und war gerade deshalb in der Lage, eine Lücke marxistischer Theorie, die Frage nach den Konstitutionskraft für primäre Arbeitspolitik, in einer eigenständigen Weise zu beantworten. Nach seinem Verständnis: „Neue Kräfte schaffen oder heranziehen helfen, die im gesellschaftlichen Kräfteparallelogramm bestimmend mitwirken, solche bereits vorhandenen Kräfte nach Möglichkeit steigernd, ziel- und richtunggebend zu beeinflussen: das ist schöpferische konstitutive Politik“ (Liebknecht 1922, 277).

Aktuell käme es demnach darauf an, die richtige Forderung nach einer „neuen Wirtschaftsdemokratie“ mit der solidarischen Kraft primärer Arbeitspolitik zu verbinden (Georg/Peter 2010).

Arbeit in seiner Subjektivität als Ganzes betrachten

Der Zusammenhang von Produktion und Reproduktion ist in der arbeitspolitischen wie arbeitswissenschaftlichen Betrachtung immer noch unterbelichtet. Greifen im Zuge der „Entgrenzung“ von Erwerbsarbeit etablierte Arbeitsformen in neuer Weise auf die „ganze Person“ zu, erhält hierüber der außerbetriebliche Lebenszusammenhang eine wachsende Relevanz für das individuelle Arbeitsvermögen, die betriebliche Arbeitsorganisation und die Entwicklung von Arbeit insgesamt. Deshalb müssen Arbeitspolitik und -forschung ihre Grenzen überschreiten, bisherige Arbeitsteilung überwinden, um die Voraussetzungen, die Widersprüche und die Eigenlogik der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft ergründen zu können (Gerst 2002).

Die Orientierung auf das Ganze der Arbeit  (Biesecker 2000; 2008) macht den Blick frei für den dialektischen Zusammenhang des Mensch-Naturverhältnisses, die zwischenmenschlichen Kooperationsverhältnisse in der arbeitsteiligen Arbeit wie auch den Zusammenhang von „Herr und Knecht“ (so Hegel), also für die auf „Anerkennung“ beruhende demokratische Verfassung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft. Das aus der Entwicklung der Arbeit herrührende Potential für Veränderung wird hierüber greifbar (Peter/Wolf 2008).

Wissenschaftlich gesehen heißt Subjektivierung der Arbeit gegenwärtig jedoch zunächst Zurichtung der einzelnen Subjekte auf die Formbestimmungen durch das Kapital nach dem Ende des Fordismus und Taylorismus, die In-Wert-Setzung der Arbeit in ihrer subjektiven Form. Dieser Prozess ist in seinen unterschiedlichen Ausprägungen (Entgrenzung, indirekte Steuerung, Vermarktlichung) vielfach beschrieben (Sauer 2005). Die Subjektivierung nicht nur als Vereinzelung und Kapital bestimmte (und zum Teil prekäre) Zurichtung, sondern als Zusammenhang der kooperativen Individualität zu denken (Haug 2008, 260 f), wird zur theoretischen und praktischen, d.h. arbeitspolitischen Aufgabe der Gewerkschaften (Schwitzer 2010).

Versteht man also arbeitsteilige Arbeit primär als sozialen (kooperativen) Gesamtzusammenhang innerhalb, aber auch jenseits einer ökonomischen (kapitalistischen) Verwertungsdominanz, dann wird sie zum zentralen Fokus beim Kampf um die Durchsetzung einer neuen Politik der Arbeit. Marx hat schon darauf hingewiesen: „Der einzige Gebrauchswert, der einen Gegensatz und Ergänzung zum Geld als Kapital bilden kann, ist die Arbeit und diese existiert im Arbeitsvermögen, das als Subjekt existiert“ (Marx 1953, 943).

„Arbeiterkontrolle“ und Wirtschaftsdemokratie

An den unterschiedlichen „Bedeutungen“ und „Funktionen“ von Arbeit muss eine „neue Wirtschaftsdemokratie“ (Ehlscheid/Pickshaus/Urban 2010,48; Martens 2010), wie sie derzeit diskutiert wird,  komplex ansetzen und sich darüber von vornherein von der „allgemeinen“ – d. i. eigentlich besonderen – politischen Demokratie unterscheiden. Wirtschaftsdemokratie verstanden nicht als eine Form, die neben der Arbeit eingerichtet wird und über diese und ihre Verwertung „wirtschaftsdemokratisch“ befindet, sondern als eine Form, die aus der Arbeit selbst entspringt, heute wohlgemerkt aus der „Ganzen Arbeit“, und von daher ihre Kompetenz und Autorität empfängt, gehört die Zukunft (Lieb 2009). Primäre Arbeitspolitik gibt somit  der neuen Wirtschaftsdemokratie, soweit sie auf staatliche Politik, Unternehmensmitbestimmung und Beteiligungsfonds orientiert (Meine/Stoffregen 2010, 41 f.), ihre dynamische gewerkschaftsrelevante Basis. Hieraus leiten sich neben Beteiligungsrechten auch die Möglichkeiten genossenschaftlicher Betätigung als weiteres Standbein von Wirtschaftsdemokratie her (Nerge 1997). Denn zur Sicherung einer Grundversorgung und zur Kontrolle wirtschaftlicher Macht diente noch bis in die 1980er Jahre die gewerkschaftliche „freie Gemeinwirtschaft“ mit ihrem dann folgenreichen Scheitern bei der „Neuen Heimat“ und bei Coop; Matthöfer hat vergeblich versucht, sie zumindest in einer Minimalform zu erhalten (Matthöfer 1994).

Im Sinne der schon heute so geltenden arbeitsrechtlichen Kategorien hätten wir es bei Wirtschaftsdemokratie, die aus der Arbeit selbst entspringt, um „Arbeiterkontrolle“ (Trentin 1978), betriebsverfassungsrechtlich um Beteiligung im Rahmen dynamischer Prozesse zu tun, die „am Arbeitsplatz“ beginnt und „gute Arbeit“ zum Gegenstand hat.

Primäre Arbeitspolitik als innovative Arbeitsgestaltung

Grundlegende Überlegungen zur Konstituierung einer neuen Arbeitspolitik finden wir in den 1960/70er Jahren in Debatten der italienischen Linken. So kritisierte Bruno Trentin, Generalsekretär der Metallarbeitergewerkschaften, dass der Dichotomie zwischen Fabrik und Gesellschaft Vorstellungen zugrunde liegen, die die Wissenschaften, aber insbesondere die davon abgeleiteten Technologien (und folglich die Organisation der Fabrik) als reine Objektivität ansehen. „Es fragt sich, ob in derartigen Vorstellungen nicht eine mehr oder weniger bewusste Konzeption enthalten ist, die die Befreiung des Arbeiters von einer Arbeit, die „von ihrem Inhalt befreit“ ist – wie Marx sagte – einer Art Befreiung von außen her vorbehält und die Eroberung und die Leitung des Staates damit als Mittel ansieht, um dem in der Fabrik eingeschlossenen Arbeiter die Befreiung zu bringen, und nicht als ein Moment… eines umfassenden Befreiungsprozesses“ (Trentin 1978,161). Und Mario Tronti formuliert als Konsequenz: „Da, wo Marx die Idee der Arbeit als Quelle des Reichtums ablehnt und einen Begriff der Arbeit als Maß des Werts aufnimmt, ist die sozialistische Ideologie für immer geschlagen und die Arbeiterwissenschaft geboren“ (Tronti 1974,190).

Diese beiden Zitate zeigen gut, worum es geht, nämlich um die inneren Entwicklungspotentiale gesellschaftlicher Arbeit und ihre demokratische Nutzung, was man exemplarisch über eine Neuinterpretation wesentlicher Teile des deutschen Humanisierungsprogramms der 1970er Jahre, im Rahmen einer gegenwärtig geführten Debatte (Wolf/Paust-Lassen/Peter 2009; Peter/Pöhler 2010), verdeutlichen kann.

Die Humanisierungsdiskussion wurde vor allem unter Sozialwissenschaftlern lange Zeit beherrscht von Projekten zur Entwicklung so genannter „neuer Arbeitsstrukturen“ (Ulich 2005) sowie von Fragen nach den Möglichkeiten von Beteiligungsprozessen bei der Veränderung von Arbeitsbedingungen. Die Sichtweise, dass diese auch heute noch, in Zeiten „Ganzheitlicher Produktionssysteme“ möglich sind, muss arbeitspolitisch erst wieder durchgesetzt werden (Gerst 2010), dass dies auch eine akute Themenstellung für die Dienstleistungsbranchen ist, bedarf zusätzlicher Anstrengungen (Senghaas-Knobloch 2008).

Die Arbeitsstrukturierungsvorhaben wurden zunächst im Rahmen von Großunternehmen der Elektro- und Automobilbranchen durchgeführt. Es bot diesen praktisch die Möglichkeit, gleichzeitig mit dem Ziel der Humanisierung alternative Strategien der Rationalisierung sowie der Erhöhung der Flexibilität der Produktion zu erproben. Diese Vorhaben erreichten dadurch ihre ursprünglichen, von den Unternehmen selbst formulierten Humanisierungsziele in nur sehr unbefriedigender Weise, wenn auch durch Einschaltung von Begleitforschungen und Beteiligung der Betriebsräte und Gewerkschaften wichtige arbeitspolitische Erkenntnisse zu den Fragen nach Mindestarbeitsinhalten, Mindestpufferzeiten bei Fließarbeit sowie Möglichkeiten des Aufhebens des Taktzwanges bei der Massenproduktion gewonnen werden konnten. Es wurden Standards gesetzt, die noch heute diskutiert werden. Die Programme „Gute Arbeit“ und „besser statt billiger“ der IG Metall können heute diese Themenstellungen auf einer erweiterten Basis in ihrer Verknüpfung von „innovativer“ und „eigensinniger“ Arbeitspolitik fortführen.  

Ulich formuliert nach 30 Jahren resümierend die Ergebnisse des unter seiner maßgeblichen Beteiligung durchgeführten VW-Projektes „Arbeitsstrukturierung in der Motorenmontage“ im Werk Salzgitter (Ulich 2009, 119 ff.):

1) „Zu den inhaltlich bedeutsamen Ergebnisse gehören die belegbaren positiven Wirkungen höher qualifizierter Arbeit auf Leistungs- und Beanspruchungskennwerte, aber auch auf Interessenerweiterung innerhalb und außerhalb der Arbeitstätigkeit. …

2) Von weiter reichender Bedeutung waren die unterschiedlichen Formen der Reaktion auf die und des Umgangs mit den neuen Arbeitsstrukturen, die schließlich zum Konzept der „differentiellen Arbeitsgestaltung“ führten“, inzwischen sowohl Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung wie der Maßnahmen zur Bewältigung des demographischen Wandels.

3) „Grundlegend war auch die im Rahmen des Projekts belegte Erkenntnis, dass Arbeitszufriedenheit nicht ein einfach zu erfassender Kennwert … ist, sondern dass qualitativ unterschiedliche Formen von Arbeitszufriedenheit zu unterscheiden sind…“

4) „Zu den methodisch interessanten Ergebnissen gehörte schließlich auch die Entwicklung des Fragebogeninstruments zur Erfassung der Arbeitsbeanspruchung FAB, das später zur … Salutogenetischen Subjektiven Arbeitsanalyse SALSA (Udris/Rimann 1999) weiter entwickelt wurde“

5) Arbeitspolitisch relevant waren die Projekterfahrungen für einen neuen Lohndifferenzierungstarifvertrag LODI, der Arbeitssysteme und abrufbare Qualifikationen zur Grundlage hatte.

6) Es wurden Impulse für erweiterte Wirtschaftlichkeitsrechnungen gegeben.

7) Es wurden Grundlagen für Kompetenzentwicklung in der Arbeit und daraus folgend qualifizierende Arbeitsgestaltung geschaffen.

8) Es wurden wesentliche Impulse in die Arbeitswissenschaft, insbesondere Arbeitspsychologie zu einem erweiterten Methodenverständnis geliefert.

Arbeitsdemokratie: Modellprojekte der Beteiligung

Diese Aufzählung von Ulich soll demonstrieren, wie innovativ gerade einzelne, aber komplexe „wirtschaftsdemokratische“ Modellprojekte als Fälle konkreter Gestaltung und exemplarischen Lernens für die Konstituierung einer neuen, primären Arbeitspolitik anzusehen sind (Gerst 1999).

Dies gilt gleichermaßen für die Beteiligungsfrage, wie sie das „Peiner Modell“ erfolgreich mit angelernten ArbeitnehmerInnen in einer Schraubenfabrik des Salzgitterkonzerns beantwortete (Fricke/Fricke u.a. 1981), ein Modell, das Ausstrahlung in andere Branchen und Betriebsgrößen hatte (Fricke/Peter/Pöhler 1982). Die Möglichkeiten der Entfaltung der bei den Arbeitenden vorhandenen innovatorischen Qualifikationen, ihrer „Anwendung im Prozess des Lernens und Handelns in Arbeitssituationen“ (Fricke 2009) waren die zentralen Befunde der Beteiligungsforschung.

Wenn auch der Gesamtzusammenhang des HdA-Programms bereits in den 1980er Jahren auseinander gerissen wurde und damit das gesellschaftliche Wirkungsspektrum sich verflüchtigte, so sind doch bestimmte Entwicklungslinien der arbeitsbezogenen Wissenschaften gefestigt und erweitert worden und andere sogar neu entstanden. Sie können hier nur kursorisch angeführt werden, wie die vielfältigen arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zur ergonomischen Arbeitsgestaltung (Landau 2007), oder die beeindruckende Kumulation arbeitspsychologischen Wissens (Ulich 2005). Hinzugekommen ist die stärkere Betonung der interaktiven Dienstleistungsarbeit (Böhle/Glaser 2006) und die Aufwertung der Frauenerwerbsarbeit und allgemein Hinterfragung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung (Aulenbacher 2007). Die beteiligungsorientierte HdA- Umsetzung schließlich differenzierte sich in interessante Entwicklungslinien der innovativen (Schumann 2003) und eigensinnigen Arbeitspolitik (Sauer 2005), die eine neue gewerkschaftliche Initiative „Gute Arbeit“ (Pickshaus 2007) neuerdings zu vereinen versucht (Pickshaus 2010).

Im Rahmen der Humanisierungsforschung wurden integrierte Konzepte der gesundheitlichen Prävention entwickelt, die gesundheitsepidemiologische Untersuchungen, sicherheitsbezogenen Expertensachverstand, betriebswirtschaftliche Bewertungen und Erfahrungswissen von Beschäftigten über Gesundheitsberichte und Gesundheitszirkel zusammenführten. Die zwischenzeitliche Vermarktlichung dieser Prozesse („Rekommodifizierung“) gibt ihnen eine problematische Note, wogegen eine primäre Präventionspolitik erneuernd angehen muss (Georg 2010).

Wie dringend und brisant das Themen- und Handlungsfeld Wirtschaftsdemokratie und Arbeitsgestaltung einzuschätzen ist, zeigt sich schon allein aus der aktuellen Auseinandersetzung der Reaktualisierung der §§ 90/91 BetrVG im Rahmen eines gemeinsam von IG Metall und Sozialforschungsstelle Dortmund durchgeführten INQA Projektes (INQA= Initiative Neue Qualität der Arbeit, ein vom Bundesarbeitsministerium durchgeführten Programm symbolischer Arbeitspolitik). Der Versuch der Neuinterpretation der Anwendung „gesicherter arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse“ zur menschengerechten Arbeitsgestaltung, wozu ein Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte besteht, führte zu einer Blockadeintervention des BDA auf Druck der Metallarbeitgeber Südwest und NRW, die das Arbeitsministerium veranlasste, die Förderung der curricularen Entwicklung einzustellen. Im Klartext: die Belebung eines wichtigen gesetzlich nach wie vor gültigen Mitbestimmungstatbestands erfolgt gegenwärtig nur und nur in dem Maße, wie das allgemeine, öffentliche Interesse von der Arbeitgeberseite geteilt wird.

Für eine neue, die Branchen übergreifende Humanisierungsinitiative!

Erstarkendes gewerkschaftliches Handeln wird zukünftig die Megatrends (welt-) gesellschaftlicher Entwicklung mit konkreten Ansatzpunkten ihrer Gestaltung wieder stärker verknüpfen müssen. Neue basale Anknüpfungspunkte ergeben sich aus der inneren Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit und Arbeitsteilung selbst hin zu Kooperation und Beteiligung sowie aus der gesteigerten Bedeutung der Subjektivität der Arbeitenden in all ihrer Ambivalenz. Die überkommen Erfahrungen der Humanisierungsbewegung der 1970er Jahre mit der Erprobung neuer Arbeitsstrukturen, beteiligungsorientierter Arbeitsgestaltung und Gesundheitszirkel zur verhältnis- und verhaltensbezogenen Prävention (Pöhler/Peter 1982)  in einen erneuerten Zusammenhang primärer Arbeitspolitik zu bringen, ist deshalb eine aktuelle Chance, um die übergreifenden strategischen Debatten (vgl. Wolf/Paust-Lassen/Peter 2009; Scholz/Peter 2008) zu integrieren und ihnen Bodenhaftung zu geben. Dass die Beschäftigten selbst einen stärkeren Zugriff auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen bekommen und die Erfahrung der Veränderbarkeit kapitalistischer Ökonomie gleichsam im Nahbereich machen können, ist eine Bedingung und zugleich ein Ansporn, wirtschaftsdemokratische Reform- und Umgestaltungsprojekte wieder erfolgreich in Angriff nehmen zu können. Sowohl die aktuellen Tendenzen der Herausbildung neuer Formen von betrieblicher und individueller Arbeitszeitgestaltung (Lehndorff 2010; Salm 2010) wie auch die empirisch festgestellten Fähigkeiten von teilautonomen Arbeitsgruppen in der Montage zur Bewältigung altersspezifischer Anforderungen (Schiekirka,/Enriquez-Diaz/Frieling 2010) sollten zu konkreten Initiativen derartiger primärer Arbeitspolitik in der Erwerbswirtschaft, gleichzeitig zu einer breiten Kampagne für teilautonome Gruppenarbeit und ihre arbeitsrechtliche Verankerung in allen Sektoren der Arbeitsgesellschaft ermutigen.

(Gekürzte und überarbeitete Fassung eines (gemeinsam mit A. Georg) formulierten Artikels in: Sozialismus 9/2010, 40-49)

 

Literatur

Aulenbacher, B. u.a. (Hrsg.) (2007): Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesell­schaft, Wiesbaden

Autorengruppe Fb 4 sfs (2010): Präventive Arbeitsgestaltung unter Nutzung der §§ 90 und 91 BetrVG

(Abschlussbericht der Konzeptionsphase)   http://www.inqa.de/Inqa/Redaktion/Projekt-Datenbank/PDF/praeventive-arbeitsgestaltung,property=pdf,bereich=inqa,sprache=de,rwb=true.pdf

Beerhorst, J. (2005): Gewerkschaften und Intermedarität – vorläufiges Resümee einer Debatte, in: Industrielle Beziehungen 2, 213-221

Biesecker, A. (2000): Arbeitsgesellschaft – Tätigkeitsgesellschaft – Mitgestaltungsgesellschaft, in: Berliner Debatte Initial 4

Biesecker, A. (2008): Kürzer arbeiten – besser für die Umwelt. Arbeitszeitverkürzungen und Ökologie, in: B. Zimpelmann, H.-L- Endl (Hrsg.), Zeit ist Geld. Ökonomische, ökologische und soziale Grundlagen von Arbeitszeitverkürzungen, Hamburg, 55-76

Böhle, F., J. Glaser (Hrsg.) (2006): Arbeit in der Interaktion – Interaktion als Arbeit, Wiesbaden

Dörre, K. (2009): »Bringing (Anti-)Capitalism back in!« Neue Landnahme und öko-sozialer New Deal, in: spw 3, 34-45

Ehlscheid, C., K. Pickshaus, H.-J. Urban (2010): Die große Krise und die Chancen der Gewerkschaften, in: Sozialismus 6/7, S. 47f.

Fricke, E.W. Fricke, M. Schönwälder, B. Stiegler (1981): Qualifikation und Beteiligung. Das Peiner Modell …, HdA Schriftenreihe Bd. 12, Frankfurt/M.

Fricke, W., G. Peter, W. Pöhler (Hrsg.) (1982): Beteiligen, Mitgestalten, Mitbestimmen. Arbeitnehmer verändern ihre Arbeitsbedingungen, Köln

Fricke, W. (2009): Innovatorische Qualifikationen. Ihre Entfaltung und Anwendung im Prozess des Lernens und Handelns in Arbeitssituationen, in: A. Bolder, R. Dobischat (Hrsg.): Eigensinn und Widerstand. Kritische Beiträge zum Kompetenzentwicklungsdiskurs, Wiesbaden

Georg, A., G. Peter (2010): Primäre Arbeits- und Präventionspolitik. Ein Beitrag zur gewerkschaftlichen Strategiedebatte, in: Sozialismus 9, 40-46

Georg, A. (2010): Gesundheitsprävention und präventive Arbeitsgestaltung als arbeitspolitische Herausforderung, in: IGM Vorst., AK Arbeitspolitik und Arbeitsforschung (Hrsg.) (2010): Beiträge zur Arbeitspolitik und Arbeitsforschung. Handlungsfelder, Forschungsstände, Aufgaben, Frankfurt/M., 95-103

Gerst, D. (2010): Ganzheitliche Produktionssysteme – Mitgestaltung ohne Co-Management, in: H. Schwitzer u.a. (Hrsg.) a.a.O., 201-216

Gerst, D. (2002): Wandel betrieblicher Kontrollpraktiken im Lichte einer poststrukturalistischen Machtanalytik, in: SOFI-Mitteilungen 30, S. 91-108

Gerst, D. (1999): Das Ende selbstorganisierter Gruppenarbeit?, in: SOFI-Mitteilungen 27, S. 49-59

Haug, W.F. (2008): Was heißt „Personifikation ökonomischer Kategorien“? in: L. Huck u.a. (Hrsg.), Abstrakt negiert ist halb kampiert. Beiträge zur marxistischen Sozialwissenschaft. Morus Markard zum 60. Geburtstag, Marburg

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie, Frankfurt

Jürgens, K. (2006): Arbeits- und Lebenskraft. Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung, Wiesbaden.

Landau, Kurt (Hrsg.) (2007): Lexikon Arbeitsgestaltung, Wiesbaden

Liebknecht, K. (1922): Studien über die Bewegungsgesetzte der gesellschaftlichen Entwicklung, hrsg. von O.K. Flechtheim, Hamburg 1974

Lieb, A. (2009): Demokratie: Ein politisches und soziales Projekt? Zum Stellenwert von Arbeit in den zeitgenössischen Demokratiekonzepten, Münster

Lehndorff, S. (2010): Chancen der Arbeitszeitverkürzung, in: gegenblende 5, http://www.gegenblende.de/05-2010/++co++253b29e2-b764-11df-7d4b-001ec9b03e44

Martens, H. (2010): Neue Wirtschaftsdemokratie, Hamburg

Marx, K. (1953): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin (DDR)

Matthöfer, H. (1994): Brauchen Gewerkschaften eigene Unternehmen? in: Krahn/Peter/Skrotzki (Hrsg.), Immer auf dem Punkt. Willi Pöhler zum 60. Geburtstag, Dortmund

Meine, H., U. Stoffregen (2010): Mehr Wirtschaftsdemokratie wagen! Auf dem Weg zu einer Alternative zum Finanzkapitalismus, in: Sozialismus 7/8, 40-47

Müller-Jentsch, W. (Hrsg.) (1999):Konfliktpartnerschaft. Akteure und Institutionen der industriellen Beziehungen. 3. Aufl. München.

Nerge, H. (1997): Fundort Mondrágon. Kooperatives Wirtschaftssystem – eine Region auf dem Weg aus der Zwei-Klassengesellschaft, in: Humanistische Aktion 2

Peter, G., A. Peter (2008): Zum Verständnis von gesellschaftlicher Arbeit und Anerkennung, in: G. Peter/F.O. Wolf. u.a.: Welt ist Arbeit. Im Kampf um die neue Ordnung, Münster, S. 121ff.

Peter, G., F.O. Wolf. u.a. (2008): Welt ist Arbeit. Im Kampf um die neue Ordnung, Münster

Peter. G. (2009): Für eine demokratische Erneuerung der Arbeitsgesellschaft, in: Neuendorff, H., G. Peter, F.O. Wolf (Hrsg.), Arbeit und Freiheit im Widerspruch?, Hamburg, 68-83

Peter, G., W. Pöhler (2009): Umsetzungskonzepte im Humanisierungsprogramm – und was man daraus für heute lernen könnte, in: Z.Arb.Wiss. 2 (63), 104-107

Pickshaus, K. (2007): Gute Arbeit – Vom Projekt zum gewerkschaftlichen Arbeitsfeld? Versuch einer Zwischenbilanz, in: G. Peter (Hrsg.), Grenzkonflikte der Arbeit, Hamburg

Pickshaus, K. (2010): Krise, Restrukturierung und Gute Arbeit, in: Sozialismus 4, S. 36-39

Pöhler, W., G. Peter (1982): Erfahrungen mit dem Humanisierungsprogramm, Köln

Salm, R. (2010): Abschied vom Arbeitszeit-Polizisten: Neue Konzepte für die Arbeitszeitpolitik in Gleitzeitbereichen, in: H. Schwitzer/L. Ohl/R. Rohnert/H. Wagner (Hrsg.): Zeit, dass wir was drehen. Perspektiven der Arbeitszeit- und Leistungspolitik, Hamburg, 97-131

Sauer, D. (2005): Arbeit im Übergang, Hamburg

Schiekirka, S., J.-A. Enriquez-Diaz, E. Frieling (2010): Veränderungen der Einstellungen zur Arbeitstätigkeit in Abhängigkeit vom Alter – erste Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung durchgeführt in zwei Automobilunternehmen, in: Z.Arb.Wiss. 3, 173-185

Scholz, D. , G. Peter (2008): Woher die Kraft zur Veränderung nehmen? Versuch einer Beantwortung offener Fragen der Gewerkschaftsbewegung, in: Sozialismus, H. 11, S. 37-44.

Schwitzer, H. (2010): Rahmenbedingungen und Perspektiven der Tarifpolitik, in: Sozialismus 7/8, S. 32-39

Schwitzer, H. u.a. (Hrsg.) (2010): Zeit, dass wir was drehen! Perspektiven der Arbeitszeit- und Leistungspolitik, Hamburg

Schumann, M. (2001): Innovative Arbeitspolitik – Wissenschaft in einer neuen Rolle? Vortrag auf der BMBF Tagung »Erfolgreiche Veränderung in der Arbeitsgestaltung und Unternehmensorganisation«, Bad Honnef, http://www.sofi-goettingen.de

Schumann, M. (2003): Metamorphosen von Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein, Hamburg

Senghaas-Knobloch, Eva (2008): Wohin driftet die Arbeitswelt? Wiesbaden

Trentin, B. (1978): Arbeiterdemokratie, Hamburg

Tronti, M. (1974): Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M.

Udris, I., M. Rimann (1999): SAA und SALSA: Zwei Fragebögen zur subjektiven Arbeitsanalyse, in: H. Dunckel (Hrsg.): Handbuch psychologischer Arbeitsanalyseverfahren. Zürich, S. 397-419

Ulich, E. (2005): Arbeitspsychologie, 6. Aufl., Zürich/Stuttgart, S. 181ff.

Ulich, E. (2009): Erfahrungen aus dem VW-Projekt, in: Z.Arb.Wiss 2, S. 119-122

Urban, H.-J. (2009): Die Mosaik-Linke. Vom Aufbruch der Gewerkschaften zur Erneuerung der Bewegung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5, 71-78

Wolf, F.O., P. Paust-Lassen, G. Peter (2009): Neue Arbeitspolitik und politische Ökologie zusammen denken, in: PROKLA 156, Nr. 3, S. 459-474

Wolf, F.O. (2010): Klassenkampf, Klassenherrschaft und Klassenstruktur, in: Gegenblende 04, Juli/ August 2010 auf: http://www.gegenblende.de/04-2010/++co++362fde1a-8e6e-11df-5545-001ec9b03e44


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Dr. Gerd Peter
Sozialwissenschaftler
geboren 1941
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten