Deutscher Gewerkschaftsbund

24.07.2017

"Starre Festlegungen bei Arbeitszeit sind out"

Der Soziologe Gerhard Bosch wirbt für ein neues Normalarbeitsverhältnis, in dem je nach Lebenslage auch Phasen mit bezahlten und unbezahlten Unterbrechungen oder Teilzeitarbeit einen Platz haben. Die Art und Weise, wie wir heute arbeiten, entspreche nicht mehr den Lebensentwürfen vieler Beschäftigter.

Strichzeichnung mit einem Männchen am Schreibtisch, dahinter eine Palme.

Alexander Witt, Flickr, CC BY 2.0

Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Roboterisierung, Industrie 4.0 – es heißt, vor allem wenn diese neuen Techniken kombiniert werden, könnten beinahe die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze wegfallen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Gerhard Bosch: Keine Frage: Mit diesen Techniken kommen massive Rationalisierungen auf uns zu. Das muss man ernst nehmen. Der Prozess der Digitalisierung begann allerdings bereits in den 1980er-Jahren. Und es wird schon seit Jahrzehnten über das Ende der Arbeit geschrieben. Nichts davon ist eingetroffen. Zu bedenken ist auch: Die Unternehmen setzen nicht jede neue Technik ein, sondern nur die, mit der sie auch zusätzlich Geld verdienen können.

Aber heute kommt es doch nicht nur zu einem kontinuierlichen Wandel, sondern auch zu richtigem Umbrüchen.

Das ist richtig: Mit dem Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor wird vermutlich eine ganze Branche, die Automobilbranche, auf den Kopf gestellt. Aber meistens ist der Wandel kontinuierlich und nicht disruptiv. Um die Dimension deutlich zu machen: Man kann heute begründet sagen, mindestens 40 Prozent der Arbeitsplätze von 1980 sind nicht mehr existent.

Gerhard Bosch

Der Soziologe Gerhard Bosch, geboren 1947 in Bamberg, befasst sich mit arbeits- und wirtschaftssoziologischen Fragen. Er war von 1981 bis 1991 am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung beschäftigt, danach am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. Seit 2007 ist er geschäftsführender Direktor 
des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Foto: Universität Duisburg-Essen

"Das Volumen an bezahlter Arbeit hat kaum zugenommen"

Erlauben Künstliche Intelligenz, Roboter und Digitalisierung bald radikale Arbeitszeitverkürzungen, so dass die Arbeitnehmer nur noch 30 oder 25 Stunden die Woche arbeiten?

Im Kapitalismus ist das Thema Arbeitszeitverkürzung immer auf der Tagesordnung. Wir haben Statistiken seit 1870: Damals hat ein Beschäftigter über 3.000 Stunden gearbeitet, heute sind wir im Durchschnitt bei weniger als 1.500 Stunden im Jahr.

Wenn jetzt weiter verkürzt wird, dann kollektiv oder nicht?

Die IG Metall beispielsweise hat ihren letzten Kampf um die 35 Stunden-Woche in Ostdeutschland verloren. Und zwar so deutlich, gar schmählich, dass sie seither das Thema der kollektiven Arbeitszeitverkürzungen nie mehr aufgenommen haben.

Das war ein so tiefer Einschnitt?

Eindeutig. Das setzt sich im kollektiven Gedächtnis einer solchen Organisation fest, als schwere Niederlage. Es fehlte damals der Rückhalt in den Gewerkschaften selbst, aber auch in der Bevölkerung. Ich komme auf den Zuwachs von etwa fünf Millionen Arbeitsplätzen seit Anfang 2000 zurück. Dieser Zuwachs ist zu 90 Prozent auf kürzere Arbeitszeiten zurückzuführen. Denn das Volumen an bezahlter Arbeit hat seither kaum zugenommen. Es wurde nur anders verteilt. Die Teilzeitarbeit hat enorm zugenommen. Und da die vielen Teilzeitler jeweils individuell verhandelt haben, haben sehr viele Beschäftigte Arbeitszeiten, die sie gar nicht haben wollen: die einen arbeiten zu viel, die anderen zu wenig. Wir wissen aus Umfragen, dass vor allem TeilzeitarbeiterInnen oft länger arbeiten wollen. Es gab also in den vergangenen 15 Jahren klammheimlich eine enorme Arbeitszeitverkürzung, die jedoch nicht auf der politischen Agenda stand – sie geschah einfach.

Regeln zur Arbeitszeit eines Unternehmens im Jahr 1898

Auszug aus der Arbeitszeitordnung von 1898 der Firma Hillenkötter & Ronsiek aus Bielefeld. Arbeitszeit war von 6.45 Uhr bis 18.45 Uhr. Zudem heißt es: "Maßgebend für Beginn und Ende der Arbeitszeit ist die Dampfpfeife. Das Rüsten zum Verlassen der Arbeit vor dem Zeichen, ebenso wie die verspätete Aufnahme derselben ist verboten." Abb.: HiroLift, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

"Es braucht Tarifvereinbarungen und Gesetze, die maßgeschneiderte persönliche Lösungen ermöglichen"

Das spricht doch für die große kollektive Arbeitszeitverkürzung auf 30 oder 25 Stunden pro Woche. Denn nur so kommen die Arbeitnehmer mit ihren Interessen nicht unter die Räder.

Ich ziehe daraus eine andere Konsequenz: Es bedarf eines klaren Rahmens, innerhalb dessen all diese Fragen geklärt und vereinbart werden. In Schweden und anderen skandinavischen Staaten ist das bereits Alltag.

Was meinen Sie mit diesem Rahmen?

Einen Rahmen, gestaltet aus Tarifvereinbarungen und Gesetzen, so dass die Beschäftigten klare Rechte haben, die sie reklamieren können. Eine Mutter oder ein Vater will weniger arbeiten, wenn die Kinder noch klein sind, will anschließend jedoch wieder Vollzeit arbeiten. Jemand will ein Jahr vielleicht aussteigen und ein Sabbatical machen. Die Eltern werden krank, also will ich mit 50 Jahren von der Vollzeit einige Stunden herunter, um ein, zwei Jahre meine Eltern zu pflegen. Oder ich will mit Ende 50 generell weniger arbeiten als zu Beginn meines Berufslebens. Das große Ziel: Ein Beschäftigter soll ohne großen Aufwand, ohne Reibungsverluste und Konflikte, je nach Lebenslage und Möglichkeiten, zwischen einer richtigen langen Vollzeitarbeit von bis zu 40 Stunden in der Woche bis hinunter zu einer kurzen Teilzeitarbeit von vielleicht nur 15 Stunden die Woche, einschließlich möglicher Auszeiten, hin- und her wechseln können. In Schweden sind diese Modelle bereits seit Jahren gewohnte Praxis. Das heißt: Das ist alles im Arbeits- und Unternehmensalltag machbar. So habe ich beides zusammengefügt: Ich habe eine große kollektive Lösung, ein Rahmen mit klaren Rechten – und der wird eventuell auch in Arbeitskämpfen durchgesetzt werden müssen. Und dieser kollektive Rahmen lässt sehr viele maßgeschneiderte persönliche Lösungen zu. So werden Arbeitszeiten erreicht, die die Beschäftigten sich auch wünschen. Und sie müssen bei dem Unternehmen nicht darum bitten, sondern sie haben klare Rechte.

"Die deutschen Gewerkschaften haben dieses Thema jahrelang verschlafen"

Und warum machen wir das nicht schon lange?

In West-Deutschland war das traditionelle männliche Alleinverdiener- und Alleinernährer-Modell mental und kulturell tief verankert. Das löst sich seit ein, zwei Jahrzehnten auf, mit zunehmender Geschwindigkeit, aber das sind trotzdem lange Prozesse. Was den Wandel erheblich beschleunigt: Die jungen Frauen wollen Familie und Beruf vereinbaren und fordern das ein, egal ob sie in konservativen oder kulturell eher fortschrittlichen Schichten aufwachsen. Wer leider nicht Vorreiter war: Die Gewerkschaften in Deutschland haben dieses Thema jahrelang verschlafen. Im Gegensatz zu den schwedischen Gewerkschaften. Eine Folge: In Schweden organisieren die Gewerkschaften 70 Prozent der beschäftigten Frauen, in Deutschland sind es bescheidene 12 Prozent.

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Wo stehen wir heute in Deutschland bei diesem Projekt?

Na ja, wir haben vielleicht die Hälfte der Wegstrecke erreicht. Wir haben mit den Minijobs und dem Ehegattensplittung noch starke falsche Anreize, welche die Leute fernhalten von der Arbeit, die sie eigentlich wollen. Aber diese Entwicklung ist unumkehrbar und sie beschleunigt sich. Das lässt sich schön an der Entwicklung der Plätze für Kinderkrippen ablesen. Erst dachte die Politik, es reiche, für gut 30 Prozent der Kinder Plätze zu schaffen. Wir stellen jedoch fest, der Bedarf ist sehr viel größer. Und wir sind dabei, diesen Rahmen nach und nach zu bauen: Wir haben das Elterngeld, das Recht auf Teilzeit. Es muss noch mehr Ganztagsschulen geben, mehr Kinderbetreuung …

Aber dann könnte daraus doch das große kollektive Projekt einer neuen Arbeitszeitordnung werden?

Mich würde es freuen, denn mein Kollege Steffen Lehndorff, andere und ich werben seit Anfang der 2000er-Jahren für ein neues flexibles Normalarbeitsverhältnis, das für Mann und Frau gleichermaßen taugt und sich an dem Modell in Schweden anlehnt. In Schweden arbeiten grundsätzlich Mann und Frau in Vollzeit. Und je nach Lebenslage und Wünschen wird diese Vollzeit für eine bestimmte Zeit ausgesetzt oder verringert, mal stärker und mal weniger, und alle haben jederzeit das Recht auf den ursprünglichen Zustand der Vollzeit zurückzukehren. Schweden lebt so. Ein Effekt am Rande: Die Männer leisten faktisch keine Überstunden mehr wie hier in Deutschland, denn auch die Männer müssen auf die Kinder aufpassen. Wir nennen das Modell für Deutschland: lange Teilzeit und kurze Vollzeit. Lange Teilzeit, das sind mehr als 20 Stunden in der Woche, die kurze Vollzeit, das sind 32 oder 30 Wochenstunden.

Wer unterstützt dieses Modell heute?

Ich denke, es ist in den Köpfen vieler Politiker und Gewerkschafter, aber auch in den Köpfen von vielen Unternehmern. Denn bei denen sind ja Welten zusammengebrochen. Die waren alle bis vor etwa zehn Jahren auf den männlichen Allein- oder Hauptverdiener fixiert und müssen sich nun auf Diversity einstellen.

Wer heute also für die kollektive 30-Stunden-Woche ist, der ist hoffnungslos veraltet und ziemlich einsam. Richtig?

Eigentlich schon. Denn die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich. Und dem müssen Politik und Tarifpartner gerecht werden. Starre Festlegungen sind out. Dafür gibt es keinen Rückhalt mehr.


Die Fragen stellte Wolfgang Storz.

Eine Langfassung des Interviews erschien kürzlich im Blog OXI.


Kurzprofil

Wolfgang Storz
schreibt regelmäßig zu politischen und wirtschaftspolitischen Themen und über die Entwicklung von Kommunikation und Massenmedien.
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