Deutscher Gewerkschaftsbund

02.11.2018

Was hat Google je für uns getan?

Big-Tech-Konzerne verdienen Geld mit unseren Daten und zahlen nichts dafür. Das könnten wir ändern, wenn wir einen öffentlichen Treuhandfonds schaffen, an den Unternehmen wie Google einen gewissen Prozentsatz ihrer Aktien übertragen müssen.

 

Von Yanis Varoufakis

Mobiltelefon mit zahlreichen Google-Apps wie Gmail, Gmaps, Chrome oder Youtube.

Alles aus einer Hand: Apps von Google - und viele Daten der Kunden für den Techkonzern im Gegenzug. DGB/ymgerman/123rf.com

Selbst Googles schärfste Kritiker nutzen dessen Technologie, um für ihre Tiraden gegen den Internetkonzern zu recherchieren oder – banaler – um sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden. Seien wir ehrlich: Ohne Google wäre das Leben in vielerlei Hinsicht um einiges mühsamer. Das ist allerdings kein Grund, Google und die anderen Tech-Giganten unbehelligt zu lassen. Im Gegenteil: aufgrund der Art und Bedeutung ihres Angebots ist es unerlässlich, die Tech-Giganten unter demokratische Kontrolle zu stellen – und das nicht nur wegen der unumstrittenen Notwendigkeit, die Privatsphäre des Einzelnen zu schützen.

In den letzten Jahren hat man die Big-Tech-Unternehmen genauer unter die Lupe genommen, weil sie die dunkle Kunst perfektionierten, die einst Zeitungen, Radio und Fernsehen den Weg bereitete: unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Damit ebneten sie zahlenden Werbekunden den Zugang zu uns. Während es sich bei Lesern, Hörern und Zuschauern noch um Kunden handelte, die für ein Gut bezahlten, entwickelten die kommerziellen elektronischen Medien eine Methode, Profite zu erzielen, indem sie mit diesen Werbekunden direkt Geschäfte tätigen, während wir und unsere Daten auf ein passives Gut im Mittelpunkt dieser Transaktion reduziert werden.

Unsere Aufmerksamkeit ist das gehandelte Gut

Aufgrund ihrer erstaunlichen Fähigkeit, die Bildschirme unserer Endgeräte zu personalisieren, gelang es Google, Facebook und Anderen diesen merkwürdigen Produktionsprozess, bei dem unsere Aufmerksamkeit das gehandelte Gut darstellt, auf eine neue Ebene zu heben. Anders als ihre Vorfahren sind sie in der Lage, mit personenbezogenen (oder sogar stimmungsbezogenen) Attraktoren die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen zu gewinnen, bevor sie dem Meistbietenden den Zugang zu unseren Daten und unseren Sinnen verkaufen.

Hinter der Gegenreaktion auf Big Tech steht das Gefühl, dass wir alle zu proletarisierten Nutzern werden. In den 1970er- und 1980er-Jahren waren wir verärgert, wenn uns private Sender ein paar Sekunden vor dem spannenden Ende einer Serienepisode oder einer Sportübertragung mit Werbeeinschaltungen nervten. Mittlerweile können wir die Tricks nicht einmal mehr erkennen, mit denen in Echtzeit operiert wird, um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten und zu verkaufen. Entfremdet von einem Markt, auf dem wir gehandelt werden, sind wir zu Rädchen in einem Produktionsprozess geworden, in dem wir lediglich das Produkt darstellen.

Alte Fernseher übereinander gestapelt.

Als diese Fernseher modern waren, gab es Werbung nur zwischen 18 und 20 Uhr - und keiner wusste genau, wer sie überhaupt anschaut. DGB/Jakkapan Jabjainai/123rf.com

Unsere Daten und die Privatsphäre sollen daher besser geschützt werden, damit wir unsere Autonomie wiedergewinnen und frei entscheiden können, was unsere Handlungen leitet und wer Kenntnis davon hat. Doch die Regulierung von Big Tech zum Schutz unserer Daten und der Wiederherstellung unserer „Verbrauchersouveränität“ reicht nicht aus. Vor dem Hintergrund der Automatisierung und der Prekarisierung der Arbeit verstärken die Monopolgewinne dieser Unternehmen die Ungleichheit, schüren Unzufriedenheit, untergraben die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen und destabilisieren den Kapitalismus weiter.

Das Problem besteht darin, dass herkömmliche staatliche Interventionen völlig unbrauchbar sind. Die Besteuerung kostenloser Dienstleistungen ist sinnlos. Die Besteuerung von Robotern zur Finanzierung von Menschen ist ebenso unmöglich wie die Definition dieser Roboter. Und obwohl die Besteuerung der Big-Tech-Unternehmensgewinne von entscheidender Bedeutung ist, wird dies erschwert durch geschickte Buchhalter und durch die vielfältigen Möglichkeiten, Gewinne in die Zuständigkeitsbereiche anderer Staaten zu verschieben.

Es gäbe eine einfache Lösung, wenn wir die Frage der Besteuerung hinter uns lassen. Doch für diese Lösung müsste man akzeptieren, dass Kapital nicht mehr privat geschaffen wird, zumindest nicht im Fall von Google et al.

Jeder von uns ist im Prinzip Teilhaber von Google

Als James Watt seine berühmte Dampfmaschine baute, war das sein Werk, sein Produkt. Ein Käufer, der die Maschine beispielsweise in einer Textilfabrik einsetzte, konnte seinen Gewinn als gerechte Belohnung dafür ansehen, dass er das Risiko des Kaufs der Maschine auf sich genommen und sie in innovativer Weise mit einer Spinnmaschine oder einem mechanischen Webstuhl verbunden hatte.

Im Gegensatz dazu kann Google nicht glaubwürdig argumentieren, dass das mit seinen Unternehmensgewinn geschaffene Kapital völlig auf privater Basis entstand. Jedes Mal, wenn Sie Googles Suchmaschine verwenden, um einen Begriff, ein Konzept oder ein Produkt nachzuschlagen oder über Google Maps einen Ort besuchen, vermehren Sie damit Googles Kapital. Obwohl beispielsweise die Server und das Software-Design auf kapitalistische Weise entstanden sind, wird ein großer Teil des Kapitals von Google von beinahe uns allen geschaffen. Im Prinzip kann jeder Nutzer legitim für sich beanspruchen, de facto Teilhaber zu sein.

Briefmarke von James Watt aus Großbritannien.

Ein Käufer von James Watts Dampfmaschine, der sie in seiner Textilfabrik einsetzte, konnte seinen Gewinn als gerechte Belohnung ansehen. WIe ist das heute bei Google & Co? Eben! DGB/Chris Dorney/123rf.com

Obwohl also ein erheblicher Teil des Big-Tech-Kapitals durch die Öffentlichkeit geschaffen wird, besteht freilich keine sinnvolle Möglichkeit, diese Beiträge des Einzelnen zu berechnen. Deshalb ist es auch unmöglich, unsere individuellen Anteile zu bemessen. Doch diese Unmöglichkeit lässt sich in einen Vorteil verwandeln, indem man einen öffentlichen Treuhandfonds schafft, an den Unternehmen wie Google einen gewissen Prozentsatz ihrer Aktien – beispielsweise 10 Prozent – übertragen. Plötzlich verfügt jedes Kind über einen Treuhandfonds, wobei mit den anfallenden Dividenden ein allgemeines Grundeinkommen (UBI) zur Verfügung stünde, das proportional zur Automatisierung ansteigt, die Ungleichheit begrenzt und die Makroökonomie stabilisiert.

Diese attraktive Lösung muss zwei Hürden überwinden. Erstens neigen wir dazu, Besteuerung als Allheilmittel zu betrachten. Ein steuerfinanziertes allgemeines Grundeinkommen würde allerdings mit Sicherheit zu einer Gegenreaktion der sich abmühenden arbeitenden Menschen führen. Sie würden die Subventionierung von Untätigen, ob arm oder reich, nicht verstehen. Zweitens werden Unternehmensaktien typischerweise nur an Mitarbeiter vergeben.

Ein Treuhandfonds kann die Gesellschaft stabilisieren

Natürlich bestehen gute Gründe, Gewinne zu besteuern, um Leistungen für Arme und Unternehmensbeteiligungen für Mitarbeiter zu finanzieren. Doch diese Themen sind getrennt von der vorliegenden Frage zu sehen: Wie stabilisiert man die Gesellschaft, indem man jeden Menschen, der zur Schaffung von Googles Kapital beiträgt, Eigentumsrechte an diesem Kapital einräumt?

Wie erwartet, kommt hier ein von den Verteidigern des Status quo verbreiteter Trugschluss ins Spiel. In der Alphaville-Kolumne der Financial Times lehnte man kürzlich die Übertragung von Aktienpaketen der Big-Tech-Unternehmen wie Google an einen  öffentlichen Treuhandfonds ab. Dazu verdrehte man das zugrunde liegende Argument und deutete es als unser Unvermögen, das zu würdigen, was Google für uns getan hat. Um den Anspruch auf Eigentumsrechte der Gesellschaft an dem Kapital zurückzuweisen, das wir als Nutzer schaffen, führen die Verteidiger von Big Tech die Konsumentenrente ins Treffen – also die Summe, die wir bereit wären für den Zugang zu kostenlosen Diensten wie Gmail und Google Maps zu bezahlen.

Das ist etwa so, als würde man die Konfiszierung Ihrer Unternehmensaktien damit begründen, dass diese Unternehmen Ihnen und anderen wertvolle Dienste zur Verfügung stellen. Durch unsere Nutzung der Angebote von Big-Tech-Unternehmen, stellen wir einen Teil ihres Kapitals in Echtzeit her. Dementsprechend müssen Eigentumsrechte an diesem Teil des Kapitals folgen  - und zwar für alle.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2018


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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