Deutscher Gewerkschaftsbund

26.10.2016

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?

„Mein Leben – Meine Zeit“ – Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, stellt im einblick die neue Arbeitszeitkampagne der IG Metall vor und sagt, worauf es ankommt, um Arbeit neu zu denken.

Logo Arbeitszeitkampagne

IG Metall

„Dein Feierabend hat angerufen. Er fängt schon mal ohne Dich an“, titelt ein neues Plakat der IG Metall zur Arbeitszeit. Beschäftigte in Deutschland arbeiten heute so flexibel wie nie zuvor. Dabei geben vor allem in der Industrie neue Produktions- und Officesysteme und Marktschwankungen den Takt vor. Langes Arbeiten und Schichtarbeit rund um die Uhr, am Wochenende, im Betrieb oder am Küchentisch – das ist für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland Realität. Der Zugriff der Unternehmen auf Arbeits- und Lebenszeit wird immer umfassender.
Das will die IG Metall ändern. Sicherheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung sind unsere Ziele für die Arbeit der Zukunft. Damit geht die IG Metall ein Mega-Thema neu an. Mega-Thema, weil die Kämpfe um die Arbeitszeit schon seit dem 19.Jahrhundert zu den schwierigsten, aber oft auch erfolgreichsten Kämpfen der ArbeiterInnenbewegung gehören. Mega-Thema auch, weil moderne Arbeitszeitpolitik so viele Facetten hat. Jeder Kollege und jede Kollegin im Betrieb ist vom Thema Arbeitszeit betroffen.

Es ist Aufgabe der Gewerkschaften, den technologischen Fortschritt in verbesserte Arbeitsbedingungen und in gesellschaftlichen Fortschritt zu verwandeln.

Viele Beschäftigte in Vollzeit würden gerne weniger arbeiten, Beschäftigte in kurzen Teilzeitjobs gerne mehr. Eltern brauchen Flexibilität, um kurzfristig auf Familienbelange reagieren zu können. Und sie brauchen Sicherheit und Planbarkeit, um Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen sich mehr Zeit, um sich weiter zu qualifizieren oder die Welt zu entdecken. Beschäftigte in Schichtarbeit brauchen Möglichkeiten, gesundheitsschonender zu arbeiten, Ältere wollen flexibel in Rente gehen. Individuelle Arbeitszeitgestaltung für verschiedene Lebensphasen ist nötig. Die tarifliche Bildungsteilzeit in der Metallindustrie betrieblich umzusetzen, bietet dafür einen Einstieg. Daher nimmt die IG Metall zu Beginn ihrer Arbeitszeitkampagne drei Themen in den Fokus:

1. Den Verfall von Arbeitszeiten bekämpfen

Beschäftigte in Deutschland machen heute 1.813 Millionen Überstunden. Für mehr als die Hälfte dieser Stunden, nämlich für fast eine Milliarde Arbeitsstunden, erhalten sie keine Gegenleistung von ihrem Arbeitgeber – die Stunden verfallen einfach. Das ist nicht gerecht. Geleistete Arbeit muss bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen werden. Verfall verhindert, dass diese Stunden für andere Zwecke genutzt werden, wie Pflege- und Familienarbeit oder Kultur, für Hobbies oder politisches Engagement. Und der Verfall verhindert, dass Arbeitsplätze geschaffen werden: Eine Milliarde Arbeitsstunden entsprechen ca. 600000 Vollzeitstellen. Gute Arbeitszeitkonten und die Mitbestimmung von Betriebsräten bei der Personalbemessung können hier Abhilfe schaffen.

2. Schichtsysteme humaner gestalten

An die sechs Millionen Menschen arbeiten heute regelmäßig in wechselnden Schichten. Doch Schichtarbeit schadet der Gesundheit. Je älter die Beschäftigten sind, desto schlimmer werden ihre Beschwerden. Auch das soziale Leben leidet. Arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit und kurze Ankündigungsfristen machen Hobbies oder Zeit mit Freunden und Familie zu einem seltenen Erlebnis. Schichtsysteme können so gestaltet werden, dass sie die Gesundheit schonen und soziale Aspekte berücksichtigen. Diese Herausforderung will die IG Metall im Rahmen der Arbeitszeitkampagne in den Betrieben angehen.

3. Mobile Arbeit regeln

Zwischen 30 und 50 Prozent der Beschäftigten arbeiten inzwischen zeitweise mobil, Tendenz steigend. Die Digitalisierung und die Nutzung von mobilen Endgeräten macht das Arbeiten jederzeit und von überall möglich. Es ist Aufgabe der Gewerkschaften, diesen technologischen Fortschritt in verbesserte Arbeitsbedingungen und in gesellschaftlichen Fortschritt zu verwandeln. Mehr Selbstbestimmung und bessere Vereinbarkeit können Vorteile mobiler Arbeit sein. Doch auch der Druck wächst durch mobile Arbeit: Ständige Erreichbarkeit und eine individualisierte Arbeitssituation können zu mehr Stress und Arbeit ohne Ende führen. Um den Risiken für die Beschäftigten zu begegnen, wollen wir mobile Arbeit regeln. Das Recht auf mobile Arbeit und das Recht, auch mal abzuschalten, gehören für die IG Metall zusammen.

Wir wollen die Deutungshoheit zur Arbeitszeit in den Betrieben und in der Gesellschaft zurückgewinnen, durch betriebliche Aktivitäten, gute Tarifregelungen und gesellschaftspolitisches Engagement. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tragen mit ihrer Flexibilität enorm zur guten wirtschaftlichen Situation der Unternehmen bei. Doch Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein. Jetzt ist es Zeit für die Unternehmen, zurückzuzahlen. Denn unsere Zeit ist unser Leben, und unser Leben darf sich nicht nach Börsenkursen oder Auslastungsschwankungen richten. Deswegen ist für uns klar: „Mein Leben. Meine Zeit. Wir denken Arbeit neu.“


IG Metall-Kampagne: Mein Leben – meine Zeit

Arbeitszeit Realität

IG Metall

Die Arbeitszeitkampagne der IG Metall will dem Trend entgegenwirken, dass Arbeit räumlich und zeitlich weiter entgrenzt wird. Ständige Erreichbarkeit und mobile Geräte tragen dazu bei, dass endloses Arbeiten rund um die Uhr und auch am Wochenende die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben aufweicht.
Die IG Metall-Beschäftigtenbefragung 2013 zeigt: Die ArbeitnehmerInnen wünsachen sich gute Arbeit sowie planbare und selbstbestimmte Arbeitszeiten. Ein erster Schritt dazu ist bereits getan. Mit dem Tarifvertrag Qualifizierung/Bildung in der Metall-Tarifrunde 2015 hat die IG Metall das Recht auf Bildungsteilzeit durchgesetzt. Beschäftigte, die sich beruflich weiterbilden wollen, können sich von der Arbeit freistellen lassen. Sie haben beispielsweise die Möglichkeit, die Wochenarbeitszeit zu verkürzen oder eine Zeit lang auszuscheiden. In beiden Fällen haben sie ein Rückkehrrecht auf den alten Arbeitsplatz oder eine gleichwertige Vollzeitstelle.

Zur IG Metall-Kampagne


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Kurzprofil

Jörg Hofmann
Jörg Hofmann, 60, ist seit 2015 Erster Vorsitzender der IG Metall. Anfang Oktober 2016 wurde er zum Präsidenten der IndustriAll Global Union gewählt.
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