Deutscher Gewerkschaftsbund

28.09.2018

Es braucht eine aufklärerische Öffentlichkeit

In den Siebziger- und Achtzigerjahren haben die Oppositionellen in den Gewerkschaften die Strukturen transformiert und modernisiert. Doch der Kampf um humane Arbeitsbedingungen muss immer wieder neu geführt werden. Und das wird keineswegs leichter.

 

Von Martin Kempe

Plakat der IG Metal für die 35-Stunden-Woche unter dem Motto "Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen".

So fröhlich warb die IG Metall seinerzeit für die 35-Stunden-Woche. Doch vergeblich. IG Metall

Die Verhandlungen hatten im Sommer 1978 begonnen, im September wurden sie fortgesetzt, nicht einmal eine Annäherung gab es aufgrund der prinzipiellen Weigerung der Arbeitgeber, das Thema Arbeitszeit auch nur anzufassen. Es war das erste Mal in der Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland: Die IG Metall forderte für die Stahlarbeiter im Ruhrgebiet die 35-Stunden-Woche. Die Stahlkrise bedrohte Tausende Arbeitsplätze, aber die Belegschaften waren hochorganisiert und kampferfahren.

Sechs Wochen Arbeitskampf brachten wenig

"Lieber vier Wochen Streik als eine Minute Arbeitszeitverkürzung" war die Parole der Stahlbosse. Der Streik von 38.000 Stahlarbeitern begann am 7. November 1978, die Stahlkonzerne antworteten mit der Aussperrung von weiteren 30.000 Beschäftigten. Sechs Wochen dauerte der erbitterte Arbeitskampf und endete trotz einiger Verbesserungen bei Freischichten, Urlaub und Lohn mit einer Niederlage der Gewerkschaft: Die Wochenarbeitszeit wurde nicht verkürzt. Die 40-Stunden-Woche wurde nicht geknackt.

Eine Seite der Nullnummer der Tageszeitung taz mit Wirtschaftsthemen.

So berichtete die Nullnummer der taz über Themen aus der Arbeitswelt 1978. DGB/dah

In der taz-Nullnummer vom September 1978 war von dem sich anbahnenden Arbeitskonflikt nichts zu lesen. Nicht verwunderlich, kam doch der Gründungsimpuls für die taz aus den damals "neuen sozialen Bewegungen" und nicht aus den traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaften galten den Gründerinnen und Gründern der taz als traditionsschwere, verbürokratisierte Funtionärsapparate, die sie in mancher Hinsicht – aber nicht nur – auch waren. Konflikte in der Arbeitswelt hat die taz nur dann wahrgenommen, wenn sich oppositionelle Betriebs- und Gewerkschaftsgruppen wie die "plakat"-Gruppe bei Daimler öffentlich zu Worte meldeten.

Die taz beförderte Lernprozesse in der Gewerkschaft

Und doch: Es regte sich etwas innerhalb der gewerkschaftlichen Apparate. Der Stahlarbeiterstreik von 1978/79 war das erste Wetterleuchten einer sozialen Auseinandersetzung, die fünf Jahre später – zu Beginn der Ära Kohl – die Republik erschüttern sollte: Der große, sechs- (Metallbereich) und achtwöchige (Druckbereich) Kampf um die 35-Stunden-Woche, der das Tabu der Arbeitgeber brach und mit 38,5 Stunden und einigen Elementen der Arbeitszeitflexibilisierung endete. Es dauerte weitere 10 Jahre, bis die 35-Stunden-Woche in einigen Bereichen endlich erreicht war. In den meisten Branchen gibt es sie bis heute nicht.

Immerhin: Über den Streik 1984 hat die taz ausführlich berichtet – mit dem Blick auf die allgemeinen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu Zeiten der "geistig-moralischen Wende" des Herrn Kohl und mit taz-typischen Akzentuierungen in Bezug auf die Arbeitszeitfrage: "Gleichberechtigung ist streikfähig!", titelte sie auf einer Hintergrundseite und thematisierte die tarifpolitische Bedeutung der Arbeitszeit für das Geschlechterverhältnis und das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Sie beförderte damit einen damals noch zaghaften, aber wichtiger werdenden Lernprozess innerhalb der Gewerkschaftsbewegung.

Ausgabe der linken Zeitung "plakat"

Die betriebliche Lokalzeitung "plakat" entstand in Zusammenarbeit von Daimler-Arbeitern, allen voran Willi Hoss, und studentischen Gruppen aus dem Umfeld der Stuttgarter außerparlamentarischen Opposition. DGB/dah

Damals waren Frank Bsirske, Reiner Hoffmann und viele andere aktiv in linken Randgruppen der Gewerkschaftsbewegung, oft in Opposition zur etablierten Führung. Sie brachten Themen und Aktionsformen der "neuen sozialen Bewegungen" in ihre gewerkschaftlichen Zusammenhänge ein und transformierten, modernisierten damit die traditionellen gewerkschaftspolitischen Positionen. "Jenseits der Beschlusslage" hieß die für gewerkschaftliche Traditionalisten provokative Parole, mit der sie sich im Verein mit zahlreichen progressiven SozialwissenschaftlerInnen auf dem Weg nach oben machten.

 

Arbeitskonflikte werden schwerer zu organisieren

In vielen Bereichen müssen sie damit wieder ganz von vorn anfangen. Natürlich ist es extrem schwer, dem Amazon-Konzern einen menschenwürdigen Umgang mit seinen Beschäftigten abzuringen. Denn die Beteiligung an einem Streik ist viel existenzieller, viel riskanter und mutiger als die Beteiligung an einer Demonstration oder gar das Unterschreiben einer Internet-Petition. Es bedarf angesichts sich auflösender traditioneller Strukturen der Erwerbsarbeit einer großen Organisationsfantasie, die in Arbeitskonflikten Unterstützung und ein Mindestmaß an sozialer Absicherung gewährleistet und die weit über den Bereich formeller Arbeitsverhältnisse hinausreicht. Und es braucht eine aufklärerische Öffentlichkeit, die sich der Probleme und Konflikte in der Arbeitswelt systematisch und kontinuierlich zuwendet – in der taz und anderswo.

 


Der Artikel erschien zuerst in der taz vom 29.9.2018


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Kurzprofil

Martin Kempe
Martin Kempe arbeitet als freier Journalist. 2001 wurde er mit Konzeption und Aufbau der neuen Verdi-Mitgliederzeitung ver.di PUBLIK beauftragt, die er bis 2007 als Chefredakteur leitete. 1979 war er taz-Mitgründer und berichtete viel über Gewerkschaftsthemen.
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