Deutscher Gewerkschaftsbund

28.06.2017

Reichtum umverteilen - ein gerechtes Land für alle!

Debattenreihe Armut in Deutschland

In Deutschland spielen Erbschaften und Schenkungen von Vermögen seit Jahren eine große Rolle. Vor allem Haushalte mit hohen Einkommen erhalten hohe Vermögenstransfers. Das kollidiert mit dem Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit in unserer sozialen Marktwirtschaft und muss dringend überdacht werden.

Die riesige Yacht Luna

Yachten sind beliebt, wenn man zeigen will, wie reich man ist. Sam Morris, CC BY 3.0 Wikimedia Commons

In Deutschland beläuft sich das Nettovermögen der privaten Haushalte (also das Sach- plus Finanzvermögen minus Verbindlichkeiten) auf mindestens 6,3 Billionen Euro. Allerdings ist dieses Vermögen sehr ungleich verteilt. Die oberen 10 Prozent der Haushalte verfügen über fast 60 Prozent des Vermögens, die untere Hälfte besitzt fast nichts oder ist sogar verschuldet. Zudem gilt der obere Rand der Verteilung als nicht umfassend in den Statistiken erfasst – sprich die Ungleichheit dürfte real sogar noch etwas größer sein.

Ein weiteres großes Gefälle zeigt sich zwischen West- und Ostdeutschland. Der Median, also der Wert der die oberen 50 Prozent der Bevölkerung von der unteren Hälfte trennt, beträgt für den Westen 21.000 Euro pro Person und im Osten lediglich 8.000 Euro. Differenziert man nach Haushaltstypen stechen vor allem die Alleinerziehenden mit besonders wenig Vermögen hervor.

Bei den Einkommen ist die Ungleichheit geringer. Zudem findet zwischen den Markteinkommen und den verfügbaren Haushaltseinkommen durch Steuern und Transferzahlungen eine Umverteilung von höheren zu niedrigeren Einkommen statt. Allerdings ist die Armutsquote seit der Wiedervereinigung von knapp über 11 auf fast 16 Prozent gestiegen. Als arm gelten dabei Mitglieder von Haushalten, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben.

Vor allem Ältere und Kinder sind öfter arm

Gerade Ältere und Kinder sind vermehrt von Armut betroffen und zuletzt auch viele nach Deutschland geflüchtete Menschen. Gleichzeitig ist der Anteil der wohlhabenden Haushalte gewachsen, also von denen, die über wenigstens das Doppelte des mittleren Einkommens verfügen – von um die 6 auf über 8 Prozent. Die Einkommensverteilung ist dementsprechend ungleicher geworden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass hohe Einkommen die Möglichkeit eröffnen zu sparen und so Vermögen aufzubauen. Wenn diese Konstellation bereits in der Elterngeneration gegeben war, dann resultiert das aufgebaute Vermögen der Kindergeneration sowohl aus eigenen Ersparnissen als auch aus Schenkungen und Erbschaften.

Demonstration unter dem Motto Reichtum umverteilen, angeführt von einem Mann mit einem Schnabel auf dem Mund. Das soll an den Milliardär Dagobert Duck aus dem Comic erinnern.

Politische Initiativen für eine gerechte Verteilung von Vermögen sind schon seit einer Weile aktiv. Foto Jakob Huber/Campact, Flickr

In Westdeutschland beträgt der Anteil von Erbschaften und Schenkungen am Vermögen im Jahr 2010 etwas mehr als 30 Prozent. Schaut man sich nur die Haushalte an, die bereits einen Vermögenstransfer erhalten haben, ist es bereits die Hälfte. Hinzu kommt, dass aufgrund der niedrigen Bildungs- und Einkommensmobilität zwischen den Generationen, die Haushalte mit hohen Einkommen sowohl häufiger als auch höhere Erbschaften und Schenkungen erhalten.

Natürlich ist es legitim, dass Eltern ihren Kindern (materielle) Werte mit auf den Weg geben wollen. Aber was ist mit den Kindern, die nichts oder nur wenig erben? Die Hälfte der Transfers liegt derzeit Schätzungen zufolge unter 50.000 Euro. 1,5 Prozent der Begünstigten erhalten eine Erbschaft oder Schenkung über 500.000 Euro – diese Stellen aber ein Drittel des Erbschafts- und Schenkungsvolumens.

Erbschaften und Schenkungen werden bisher kaum besteuert

Aktuell werden Erbschaften und Schenkungen in Deutschland kaum besteuert. Jedes Elternteil kann alle zehn Jahre 400.000 Euro (zusammen also 800.000 Euro) an jedes Kind steuerfrei übertragen. Dies bedeutet umgelegt auf zehn Jahre ein steuerfreies „Einkommen“ von jährlich 80.000 Euro. Zum Vergleich: Auf ein Arbeitseinkommen in dieser Höhe wären (je nach Wohnort und Familienkonstellation) knapp 26 Prozent Lohnsteuer fällig.

Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft. Einer ihrer wichtigsten Grundsätze ist die Leistungsgerechtigkeit, ein anderer die Chancengleichheit. Hohe Erbschaften und Schenkungen laufen diesen Prinzipien zuwider. Es gilt zu diskutieren wie wir diese Transfers an der Finanzierung unseres Sozialstaats teilhaben lassen.


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Kurzprofil

Anita Tiefensee
Anita Tiefensee ist seit April 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Soziale Ungleichheit, Mobilität und Verteilung“ am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI).
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